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Umzug nach Sylt

von Ben Bertram (Autor:in)
244 Seiten

Zusammenfassung

Einiges hatte sich in Nicks Leben verändert. Seine Beziehung war in die Brüche gegangen, weil sie ihn zu sehr einengte, und auch einer seiner besten Freunde hatte sich von ihm entfernt. Für Nick war das der perfekte Zeitpunkt, noch einmal durchzustarten und auf Sylt ein neues Leben zu beginnen. Kaum auf der Insel angekommen, stellt er fest, dass diese Entscheidung genau richtig für ihn war. Schnell merkt er, dass er mit seinem neuen Nachbarn Franky auf einer Wellenlänge liegt, und als auch noch sein Freund Carlos zu Besuch kommt, steht den drei Männern einem perfekten Sommer nichts entgegen. Gemeinsam wird gesurft, fotografiert und die Insel der Schönen und Reichen erobert. Aber nicht nur das. Nick trifft dort auch auf ein kleines achtjähriges Mädchen. Eine Begegnung, die ein Gefühlschaos in ihm auslöst.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


Immer weiter

Das Leben lässt sich nicht planen!

Und ich musste ganz ehrlich zugeben, dass ich froh darüber war.

Auch wenn ich, vor gar nicht so langer Zeit, mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hatte, wurde ich unruhig. Irgendeine Macht zog mich in ihren Bann und ich brauchte eine ganze Weile, bis ich begriff, welche Macht es war.

Als ich endlich darauf gekommen war, musste ich lachen. Total unnötiger Weise hatte ich mir einige Wochen, oder waren es sogar Monate, meinen Kopf darüber zerbrochen. Ich war unruhig, unausgeglichen und mir gingen total unwichtige Kleinigkeiten auf den Keks.

Ich erkannte mich zunächst selbst nicht wieder.

Doch als ich endlich kapiert hatte, was es war, machte ich mich auf den Weg. Ich wurde gerufen. Gerufen von einem guten Freund.

Nein, nicht von einem anderen Menschen.

Gerufen wurde ich von mir selbst. Von meinem unbändigen Drang nach Freiheit.

Ich hatte keine Chance. Ich musste auf mich hören, auch wenn ich mal wieder keine Ahnung hatte, was mich erwarten würde.

Aber genau das, machte die Sache ja erst so richtig interessant!

Auf geht’s, begleitet mich doch einfach auf meiner

„Männertour… Die Zweite…!“

Oder auch, auf dem „Umzug nach Sylt…!“

Dann müssen wir wohl weg!

Kann man einen Ort als seine Heimat bezeichnen, wenn man sich dort nicht mehr so richtig wohlfühlt?

Oder eine Beziehung?

Ist eine Beziehung noch eine Beziehung, wenn man mehr aneinander vorbeilebt, anstatt gemeinsame Dinge zu erleben?

Kann man irgendwo bleiben, wenn einen der Drang nach Freiheit fortzieht?

In dem Moment, als ich mir fast täglich diese Fragen stellte, wusste ich, dass ich mal wieder irgendetwas in meinem Leben verändern musste.

Ich hatte Glück.

Oder musste ich sagen, dass Carlos Pech hatte?

Wie auch immer. Carlos erging es ähnlich wie mir und so rissen wir einfach aus. Natürlich war es nicht mutig von uns, sich einfach nur mit einem Brief von Antje und Vicky zu verabschieden. Trotzdem wählten wir diesen Weg und machten uns aus dem Staub.

Weg von Rügen.

Endlich wieder los. Ab in die weite Welt hinaus. Wir wollten versuchen, unsere Köpfe wieder frei zu bekommen. Es sollte auch gar keine lange Tour werden.

Wir brauchten einfach etwas Zeit für uns. Das Gewohnte zurücklassen und nur für uns da sein. Das machen, was wir so liebten.

Waren wir zu egoistisch? Ich glaube nicht. Wenn es tatsächlich Egoismus war, dann nur ein gesunder. Wir hatten keine andere Chance. Wir mussten es machen. Die Enge war einfach unerträglich für uns geworden. Leider nicht nur die Enge.

Auch unsere Mädels hatten sich verändert. Zumindest empfanden wir es so. Wir mussten diese Tour starten, um herauszufinden, ob wir noch ein Leben führten, wie wir es mochten. Ich musste endlich für mich feststellen, ob ich Antje noch liebte und ob eine Beziehung mit ihr noch Sinn hatte.

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, ob der Vorschlag von mir kam. Es könnte auch Carlos gewesen sein, der sagte,

„Los Alter, lass uns ein paar Tage abhauen.“

Anton hatte sich seit einiger Zeit bereits von uns abgewandt.

Seine Beziehung zu Anna war zerbrochen, da sie diese Enge und Eifersucht von ihm nicht mehr ertragen konnte. Was mit unserer Freundschaft passiert war, ist nur schwer zu erklären. Wir verbrachten einfach immer weniger Zeit miteinander und irgendwann war der Kontakt komplett abgebrochen.

Zunächst fand ich es sehr schade. Je mehr Gedanken ich mir jedoch darüber machte, je klarer wurde mir, dass unsere Freundschaft zuletzt nur noch eine leere Hülle war. Gespräche hatten wir nur noch über Pillepalle geführt, und wenn einer ein Problem hatte, machte er sein Problem lieber mit sich alleine aus.

Ich hatte zum Glück noch immer Carlos an meiner Seite und freute mich sehr, einen Menschen zu kennen, der einem nicht nach dem Mund redete, sondern mir klipp und klar seinen Standpunkt zu unseren gemeinsamen Problemen mitteilte.

Außerdem war Anton, nennen wir es mal vorsichtig, größenwahnsinnig geworden. Sein Dasein als Besitzer einer Bar hatte ihn zu einem anderen Menschen gemacht. Leider zu keinem Besseren.

Carlos und ich

Als Carlos und ich die Grenze nach Dänemark überquert hatten, war die Sonne dabei aufzugehen und nach längerer Zeit hatten wir endlich wieder das Gefühl von Freiheit.

Unser schlechtes Gewissen wurde mit jedem Kilometer, den wir uns weiter von Rügen entfernten, besser. Die Freiheit rief nach uns und wir folgten ihr gerne.

Bobby saß in ihrer Kiste und vertilgte den Löwenzahn, den wir ihr beim letzten Zwischenstopp gepflückt hatten. Ganz entspannt wartete sie darauf, endlich wieder einen Ausflug machen zu dürfen. Da wir genauso wenig Lust wie sie, auf weitere Kilometer Autofahrt hatten, entschieden wir uns für einen Stopp beim nächsten Campingplatz.

In den nächsten Tagen wollten wir die Küsten Dänemarks erobern. Aus diesem Grund bauten wir das Vorzelt gar nicht erst auf. Während Carlos die Surfbretter fertig machte, sah ich Bobby dabei zu, wie sie sich die nähere Umgebung vom Wohnmobil ansah.

Carlos rief bereits ungeduldig nach mir, da er fertig mit dem Aufbau der Surfbretter war und endlich auf das Wasser hinaus wollte.

Ich stand auf und machte einen Schritt nach hinten. Gerade noch rechtzeitig sah ich Bobby dort sitzen und konnte zum Glück einen großen Ausweichschritt machen.

Als ich meinen nackten Fuß auf den Rasen gesetzt hatte, war ich zunächst froh, dass ich nicht Bobby erwischt hatte. Allerdings stand ich in einer schleimigen Masse. Bobby hatte gerade ihr Geschäft gemacht und wer schon mal Schildkröten-Pische gesehen hat, der weiß, dass es sich um eine ziemlich ekelige Masse handelt. Etwas dicklich, klebrig und schleimig sieht das Zeug aus und mit dem Fuß darin zu stehen, war nicht wirklich angenehm.

Ich hob mein Fuß und sah dabei zu, wie der Schleim langsam zu Boden glitt. Nach einem weiteren Schritt blieb ich stehen und wischte meinen Fuß im feuchten Gras ab.

Carlos amüsierte sich prächtig. Als Bobby wieder in ihrem Gehege im Wohnmobil saß, machten wir uns endlich auf den Weg zum Wasser.

Leider hatte ich in den letzten Wochen nicht sehr viel Zeit auf dem Wasser verbracht und so brauchte ich einen Augenblick, um wieder sicher auf dem Brett zu stehen. Der Wind war zum Glück für mich nicht sehr kräftig. Während ich dabei war, vorne im Weißwasser meine Bahnen zu drehen und kleinere Wellen abzureiten, gab Carlos bereits Gas. Er war weiter draußen. Dort war der Wind erheblich stärker und so konnte er einige coole Sprünge und waghalsige Manöver durchführen.

Nach zwei Stunden saßen wir kaputt, aber glücklich im Sand und ließen die Seelen baumeln. Wir waren am Meer, genau wie wir es sonst auch auf Rügen vor der Nase hatten. Trotzdem war es ganz anders. Wir hatten das Gefühl, als wenn wir in eine ganz andere Welt eingetaucht wären.

Eine Welt ohne Vorgaben, ohne Stress und vor allem ohne Vorschriften.

Carlos und ich brauchten normalerweise keine Worte um uns zu verständigen. Doch heute war es anders. Heute benötigten wir nicht mal Blicke dafür. Ganz automatisch standen wir zur gleichen Zeit auf, griffen nach unseren Brettern und gingen wieder hinaus auf das Wasser.

Ich fuhr hinter Carlos her und als wir weit genug draußen waren, spürte ich den Wind in meinem Segel. Der Druck des Windes wurde größer und ich nutze ihn, um auf große Geschwindigkeit zu kommen. Parallel zum Strand fuhr ich über das Wasser, und als ich eine Welle sah, brauchte ich nicht lange um mich zu entscheiden.

Ich fuhr sie an und sprang. Nicht vom Brett, sondern mit meinem Brett hoch in die Luft. Ich kam mir vor, als könnte ich fliegen. Erst als ich voll ins Wasser klatschte und merkte, dass Wasser ganz schön hart sein kann, wurde ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Der Schmerz verging relativ schnell. Mein Lachen hatte ich noch am Abend auf den Lippen und immer wieder erzählte ich Carlos von meinem Sprung, der bei jeder Erzählung einen Meter höher wurde.

Die Würstchen dampften auf dem Grill, und immer wenn sich Flammen bildeten, löschten wir diese mit dem Inhalt unserer Bierflaschen. Den Tisch hatten wir gar nicht erst gedeckt. Wir aßen direkt vom Grill und genossen es, Mann sein zu dürfen.

Es gab keine Vorschriften und es gab keine Uhr. Kein, Aber um zehn Uhr bist du doch zu Hause. Oder?

Dafür gab es Freundschaft und Surfen, und da es noch nicht dunkel war, griffen wir nach dem Essen erneut nach unseren Brettern und gingen nochmals aufs Wasser hinaus.

Etwa eine Stunde später war es stockdunkel und somit zu gefährlich, um noch weiter auf dem Wasser zu bleiben.

Wir duschten uns kurz ab und setzten uns gemütlich auf unsere Liegestühle vor das Wohnmobil. Das Bier schmeckte uns, und als wir nach dem zweiten Bier pinkeln mussten, gingen wir nicht ins Wohnmobil.

Heute waren wir echte Männer. Wir gingen zum nächsten Baum und entledigten uns im Stehen. Jeder stand auf einer Seite des Baumes, und als wir uns um den Baumstamm herum ansahen, mussten wir lachen. Carlos stand über mir und war bereits fertig.

Als ich sah, dass sich ein kleiner Fluss dabei war, sich auf den Weg zu meinen Füßen zu machen, packte ich schnell ein und sprang zur Seite.

„Ne Mücke?“, wollte Carlos von mir wissen.

„Nein. Dein Bier.“

„Dann ist ja gut.“, wir grinsten und gingen zurück zu unseren Liegestühlen.

Rückruf?

Mit einem Anruf wurden wir am frühen Morgen geweckt.

Da wir den gleichen Klingelton hatten, gaben wir uns gegenseitig die Schuld. Wir waren uns beide sicher, dass wir unser Handy auf lautlos gestellt hatten.

Recht hatte keiner von uns. Trotzdem gab es nur einen Anruf und der war auf dem Handy von Carlos zu finden. Wer es war, konnten wir allerdings nicht erkennen. Es wurde ohne Nummer angerufen.

Da wir jetzt wach waren, konnten wir auch aufstehen. Der Tag rief nach uns, die Sonne strahlte und das Meer wartete darauf, uns tragen zu dürfen.

Ein Kaffee und eine Banane mussten als Frühstück ausreichen. Obwohl noch der ganze Tag vor uns lag, hatten wir keine Zeit für ein ausgedehntes Frühstück. Unsere Surfbretter warteten auf die erste Fahrt des Tages und keine zehn Minuten später trugen wir die Bretter bereits hinunter zum Strand.

Als ich meine erste Pause einlegte, war Carlos wieder ganz weit draußen auf dem Meer. Trotzdem konnte ich sein Winken gut erkennen und nachdem ich ebenfalls gewinkt hatte, legte ich mich in den warmen Sand hinein.

Endlich wusste ich wieder, was ich wollte und noch viel mehr wusste ich, was ich nicht wollte. Surfen machte mir Spaß und ich nahm mir vor, wieder häufiger aufs Wasser zu gehen. Nicht nur hier in Dänemark. Nein, auch auf Rügen, wenn wir wieder zurückgekehrt waren. Ich brauchte diese Zeit für mich und ich genoss es, zusammen mit meinem Freund durch die Wellen zu toben.

Ja, ich musste wieder etwas in meinem Leben ändern. Da war ich mir mehr als sicher. Die Idee, meine Beziehung mit Antje zu beenden hatte ich zwar nicht. Aber einige grundlegenden Dinge mussten in unserer Beziehung verändert werden.

Ich konnte inzwischen von meinem Dasein als Schriftsteller leben. Ich wurde zwar nicht reich damit, aber ich war zufrieden. Mein Verlag hatte mir einen Vertrag angeboten und so hatte ich einen festen Job als Schriftsteller. Ich bekam ein Fixgehalt und dann kam zum Glück auch noch etwas, über meinen Anteil an verkauften Büchern, dazu.

Das Tolle war, ich konnte meinen Beruf dort ausüben, wo ich wollte.

Am Strand, im Liegestuhl oder morgens im Bett.

Es war ein toller Beruf und ich arbeitete mehr, als ich an Wochenstunden vereinbart hatte. Was natürlich daran lag, dass ich das Schreiben liebte und auch in der Freizeit oft mit meinem Notebook auf dem Schoß, meiner Berufung nachging.

Antje sah es anders. Noch immer hatte ich nicht so richtig durchschaut, ob sie mit meinem Leben oder mit meinem Beruf nicht klar kam. Immer wieder durfte ich mir anhören, dass ich dies nicht gemacht hätte oder jenes hätte machen können. Wenn ich dann zur Antwort gab, dass ich auch den ganzen Tag gearbeitet hatte, hörte ich immer den Satz,

Wieso? Du warst doch zu Hause.

Antje hatte kein Verständnis dafür, dass ich meine Zeit am Strand verbrachte und knalle braun am Nachmittag nach Hause kam. Das ich dabei gearbeitet hatte, konnte oder wollte sie nicht verstehen. Wahrscheinlich wollte sie es nicht verstehen. Schließlich hatte sie vorher ebenfalls einen Job, bei dem es ihr möglich war. Sie hatte in einem kleinen Verlag gearbeitet und war für das Lektorat der Manuskripte verantwortlich.

Durch sie war dazu gekommen Bücher zu veröffentlichen und eigentlich war alles gut.

Doch dann verließ sie den kleinen Verlag und orientierte sich um. Antje verdiente nun mehr Geld, hatte dafür bei ihrem neuen Arbeitgeber nicht mehr so viel Mitspracherecht. Ihr neuer Arbeitgeber, der auch ein Verlag war, hatte seinen Sitz auf Rügen und nun musste sie täglich dorthin und arbeiten.

Als sie dann auch noch damit begann, sich in meine Arbeit einzumischen und mir sagen wollte, wie und was ich schreiben sollte, gerieten wir immer häufiger aneinander.

Neulich warf sie mir sogar vor, dass es ihr Gehalt war, das uns diese große Wohnung ermöglichte. Eine Wohnung, in die ich nie einziehen wollte und die mir außerdem viel zu groß und spießig war.

Trotzdem war ich mir sicher, nach Rügen zurückzukehren und einen neuen Start mit Antje zu versuchen. Immerhin liebte ich sie noch.

Aufgeben wollte ich unsere Beziehung nicht. Aufgeben war feige und ich hatte Antje ja schließlich auch einiges zu verdanken.

Ich hoffte von ganzem Herzen, dass es bald wieder wie früher werden würde.

Und ich hoffte auch, dass sie mir meinen heimlichen Ausbruch mit Carlos verzeihen würde.

„Hey, du Träumer.“, Carlos stand vor mir und hielt seine Hand jetzt so, dass sie meinem Gesicht Schatten spendete.

„Fertig mit Surfen?“

„Nein. Aber jetzt ist ne Pause angesagt.“

„Auch gut. Wie wäre es mit Frühstück?“

Zusammen gingen wir zum Wohnmobil und sahen nach, was unsere Vorräte so hergaben. Wir entschieden uns für Müsli mit Obst und Milch.

Während wir frühstückten, lief Bobby über den Rasen und sah sich ganz in Ruhe um. Schnell hatte sie einen Lieblingsplatz gefunden und lag nun schon fast eine Stunde unter einem Beerenstrauch und schlief.

Wir schliefen nicht. Dafür machten wir uns Gedanken über den Anruf von heute Morgen.

„Was ist, wenn Vicky es war?“, Carlos hatte ein schlechtes Gewissen.

„Dann hat sie selbst schuld, dass sie ohne Rufnummernübermittlung angerufen hatte.“

„Aber wenn es etwas Wichtiges war?“

„Dann hätte sie garantiert mit Nummer angerufen oder es nochmals versucht.“

„Und wenn es Antje war, die angerufen hat?“

„Dann gilt das Gleiche. Außerdem hätte Antje dann wahrscheinlich auf meinem Handy angerufen.“

„Stimmt auch.“

Heute Abend wollten wir uns bei unseren Frauen melden. Wir waren es ihnen schuldig und außerdem sollten sie sich keine unnötigen Sorgen um uns machen.

Klar waren wir enttäuscht, dass sie sich bisher nicht bei uns gemeldet hatten. Aber schließlich waren wir es, die sich abgesetzt hatten.

Den Rest des Tages verbrachten wir auf dem Wasser. Als wir am Abend alle Sachen zusammengepackt hatten und der Grill bereits lief, riefen wir auf Rügen an.

Carlos saß auf einem Liegestuhl und sprach mit Vicky, während ich mit meinem Handy in der Hand auf dem Bett lag.

Wir hatten beide schon angenehmere Gespräche in unserem Leben geführt und doch waren wir überrascht, dass unsere Frauen tatsächlich auch ein wenig Verständnis für uns hatten. Zwar nur ganz wenig, aber immerhin.

Mit einem Bier in der Hand saßen wir eine Stunde später unten am Strand und klönten. Morgen sollte unsere Tour weiter an der Küste entlang gehen. Wir wollten hoch bis Klittmøller. Dort war ich noch nie und laut Carlos erwartete uns dort eines der coolsten Surfreviere überhaupt. Ich freute mich wahnsinnig darauf, dort zu mit meinem Brett auf das Wasser zu gehen. Endlich einmal an einem Ort zu surfen, wo auch die Weltelite, während ihrer World-Surf-Tour, Station machte. Ich war voller Vorfreude und Neugier zugleich.

Stundenlang konnte ich dabei zuhören, wenn Carlos vom Surfen erzählte. Wenn er von Wellen sprach, die höher als Häuser waren und eine Wucht und Geschwindigkeit hatten, die man sich gar nicht richtig vorstellen konnte, wenn man es nicht selber erlebt hatte.

Allerdings ließ er bei seinen Geschichten auch die Gefahren nicht außen vor. Wenn man Pech hatte, oder leichtsinnig war, konnte es ganz schön gefährlich werden. Wenn man von einer Welle so richtig in die Mangel genommen wurde und wie bei einem Waschgang in der Waschmaschine, nicht mehr wusste, wo oben oder unten war, konnte einem schon mal die Luft genommen werden.

Es konnte passieren, dass man von mehreren Wellen nacheinander erwischt wurde und zum Luftholen weder die Zeit, noch die Möglichkeit bekam. Es gab Menschen, die im relativ flachen Wasser ertrunken waren. Sie hatten mehrere Wellen hintereinander abbekommen und wussten einfach nicht mehr, wo die Wasseroberfläche war. Dass sie nur hätten aufstehen müssen, begriffen sie in diesem Moment einfach nicht.

Mir war klar, dass Carlos bei seinen Erzählung nicht übertrieb. Dafür war er gar nicht der Typ. Allerdings war ich mir auch absolut sicher, dass mir so was nicht passieren würde. Ich war viel zu vorsichtig und kannte meine Grenzen schon ziemlich gut.

Als ich dies zu Carlos sagte, sah er mich an und antwortete,

„Das haben alle anderen auch geglaubt.“

Es war ein Satz, der mich zum Nachdenken brachte. Er jagte mir zwar keine Angst ein, aber Carlos erreichte genau das, was er erreichen wollte. Wortlos saßen wir noch einen Augenblick nebeneinander.

Heute gingen wir früh schlafen, da wir morgen noch vor dem Sonnenaufgang weiterfahren wollten. Die nächsten Kilometer lagen vor uns. Wir entfernten uns noch weiter von Rügen, kamen unserer Freiheit dafür aber wieder einen Schritt näher.

Als wir auf dem nächsten Campingplatz ankamen waren in den meisten Wohnmobilen noch die Vorhänge an den Fenstern geschlossen. Nur in den Wohnmobilen der Surfer war schon Bewegung. Für heute war guter Wind angesagt und den konnten sich die Surfer natürlich nicht entgehen lassen.

Auch wir gaben Gummi und sahen zu, unser Material schnell an den Strand zu bekommen. Die Wellen peitschten an den Strand und ich hatte echt große Probleme, mit dem Brett über den ersten Wellenkanal zu kommen. Carlos hatte es schon längst geschafft und ritt eine Welle nach der anderen ab.

Doch ich war nicht der Einzige mit Problemen. Auch andere Surfer mühten sich ordentlich ab und genau wie ich, bekamen sie einige Waschgänge, bevor sie endlich auf den Wellen reiten konnten. Meine Arme zitterten und es lag nicht daran, dass ich Angst hatte oder fror. Meine Muskeln waren dabei zu verkrampfen und ich merkte, dass ich dringend eine Pause einlegen musste.

Carlos duellierte sich währenddessen mit einem anderen Surfer. Es fehlten nur noch die Punktrichter, die die Wellenritte und Sprünge bewerteten. Es war ein echt geiles Duell und nicht nur ich saß am Strand und sah staunend dabei zu. Auch andere Surfer und die wenigen Urlauber, die sich hierher verirrt hatten, machten große Augen.

Wir jubelten, klatschten und johlten, wenn einer der beiden wieder etwas Außergewöhnliches auf seinem Brett zeigte und immer wenn ich dachte, dass der Andere es nicht mehr überbieten könnte, wurde ich eines besseren belehrt.

Es war Faszination pur!

Zwei Menschen zeigten uns Dinge, die eigentlich nicht möglich waren. Man konnte erkennen, wie viel Spaß die beiden hatten, ohne ihre Gesichter, ohne ihre Mimik, erkennen zu können.

Ich durfte live dabei sein, wie zwei Menschen auf dem Wasser ihren Traum lebten. Den Traum von Freiheit, von Spaß und Glück. Ja, ich konnte das Glück der beiden, trotzdem ich über fünfzig Meter entfernt war, förmlich spüren.

Als sie endlich an den Strand kamen, klatschten sie sich ab und kamen Arm in Arm auf uns zu. Erst jetzt erkannte ich den anderen Surfer. Es war unser mehrmaliger Deutscher Meister, gegen den Carlos damals auf Sylt gewonnen hatte.

Die beiden schätzen sich noch immer und gerade eben hatten sie wieder einmal bewiesen, dass sie zu den besten Surfern überhaupt gehörten.

Der Abend wurde sehr fröhlich.

Allerdings auch feucht und lang. Mit vielen anderen Surfern saßen wir unten am Strand und hielten unser Stockbrot ins Lagerfeuer. Ein cooler Haufen Surfer erzählte sich die neuesten Surfgeschichten. Logischerweise durften auch die alten Geschichten nicht fehlen. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass die Wellen, je älter eine Geschichte wurde, immer größer wurden. Ähnlich wie bei den Anglern, deren Fische auch von Jahr zu Jahr und von Erzählung zu Erzählung, um einige Zentimeter zunahmen.

Ich war mittendrin und freute mich darüber, ein Teil dieses Abends sein zu dürfen.

Während wir uns noch einige Kilometer davon entfernt befanden, waren die Jungs mit ihren Geschichten inzwischen in Klittmøller angekommen. Von Minute zu Minute hörte ich aufmerksamer zu und meine Neugier auf diesen Ort stieg ins Unermessliche. Am liebsten wäre ich sofort losgefahren und hätte noch heute meine ersten Surfversuche in Klittmøller gestartet.

Leider ging es nicht. Es war bereits zu dunkel um Surfen zu gehen und außerdem hatten Carlos und ich bereits zu viele Biere verhaftet, um noch eine Tour mit dem Wohnmobil zu starten. Doch bald war es soweit. Übermorgen wollten wir weiter und dann eine Woche lang in Klittmøller bleiben.

„Dann können wir Voll-Speed-Surfen!“, waren Carlos letzte Worte, bevor er ins Land der Träume fiel.

Auch ich schloss meine Augen und war wenige Minuten später ebenfalls eingeschlafen. In meinen Träumen sprang ich die coolsten Loops und ritt auf den höchsten Wellen. Ja, ich war so mit dem Surfen beschäftigt, dass ich sogar davon träumte.

Endlich da

Wie ein kleines Kind, kurz vor der Ankunft im Legoland, wurde auch ich mit jedem Kilometer, den wir näher kamen, aufgeregter.

Die Geschichten der anderen Surfer hatten mir den Rest gegeben und so hatten wir uns bereits heute auf den Weg gemacht. Carlos lachte sich im Stillen sicherlich über mich schlapp, ließ sich aber netterweise nichts anmerken.

Vor mir lag eine Bucht und in dieser Bucht konnte ich tolle Wellen und viele Surfer beobachten. Unten am Wasser saßen noch weitere Surfer auf ihren Brettern im Sand. Es sah so aus, als wenn sie dort auf die perfekte Welle warten würden.

Keine halbe Stunde später saß ich ebenfalls dort unten am Strand und wartete.

Im Gegensatz zu den anderen Surfern allerdings darauf, dass die Wellen etwas kleiner wurden. Bei dieser Brandung hatte ich keine Chance und so war ich leider zunächst zum Zuschauen verdammt. Irgendwie hatte ich mir meine ersten Stunden in diesem Surfrevier anders vorgestellt. Aber zum Glück siegte meine Vernunft.

Carlos hatte keinerlei Probleme und genoss es, diese riesigen Brecher als Sprungrampe zu benutzen. Einige Male maulte er sich ordentlich ab und hatte manchmal tatsächlich große Probleme damit, wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen.

Eine Welle nach der anderen, brach über ihn hinein und nur kurz schaffte er es, seinen Kopf zum lebensnotwendigen Atmen aus dem Wasser zu halten. Doch er kannte es. Er war es fast gewohnt und wusste sich zu helfen. Den größten Fehler, den man machen konnte, machte er nicht. Carlos hatte mir erklärt, dass man bei einem Waschgang immer die Augen offen halten musste. Nur so konnte man erkennen, wohin man musste, wenn man unter den Wellen war. Immer in die Richtung, wo es hell war. Dem Tageslicht entgegen. Nur dort wartete auf einen die Luft, die man zum Atmen brauchte.

Klar hatte ich Angst, aufs Wasser hinaus zu gehen. Noch größer war jedoch meine Angst, etwas zu verpassen und so griff ich nach meinem Brett und machte mich auf den Weg ins Wasser. Überraschender Weise schaffte ich es recht schnell, die Brandung und das Weißwasser zu überwinden und schon war ich mitten in der Bucht, im tobenden Meer.

Ich kam mir die ersten Minuten wie ein Spielball vor. Ich surfte zwar, doch leider nicht dahin, wohin ich eigentlich wollte. Mein Board wurde von einigen Wellen hoch in die Luft getragen und ich sprang, ohne es zu wollen.

Mehrere Waschgänge hatte ich hinter mir und einige Male hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch mal Luft atmen zu können.

Doch ich schaffte es immer wieder, auf mein Brett zu steigen und irgendwann hatte ich das Gefühl für diesen Ort gefunden.

Einige Minuten später hatte ich mich sogar an die Brandung gewöhnt und nun war ich es, der das Meer beherrschte.

Ich fühlte mich unbesiegbar. Ich hatte die Wellen bezwungen, konnte sie endlich lesen und wusste, was ich zu tun hatte. Die Wellen um mich herum waren in kürzester Zeit meine Freunde geworden. Sie wollten mir nichts Böses antun und unterstützen mich jetzt auf dem Weg zur grenzenlosen Freiheit.

Wahrscheinlich waren genau diese Gedanken mein Fehler. Ich hatte tatsächlich nichts aus den vielen Gesprächen mit Carlos gelernt. Innerhalb von Minuten hatte ich alles vergessen, was einen Surfer ausmachte. Zumindest einen guten Surfer. Niemals würde ein guter Surfer solche Gedanken zulassen. Leichtsinn und Größenwahn waren genau die Eigenschaften, die das Meer sich von einem Surfer erhoffte. Nur so konnte das Meer den Surfer beherrschen und ihn zu seinem Spielball machen.

Niemals würde sich das Meer von einem Menschen beherrschen lassen und wenn man glaubt, es zu können, ist es der erste Schritt zur Unvernunft.

Erst vorhin, kurz bevor wir aufs Wasser gingen, hatte Carlos mir diesen Satz gesagt.

Ich hätte jetzt nur an die Worte von Carlos denken müssen. Immer wieder sagte er, dass ein Meer, egal welches, nie zu berechnen sei. Dass die Menschen immer nur ein Spielball des Meeres bleiben würden. Mal mehr, mal weniger. Aber halt immer Spielball!

Carlos saß am Strand und machte eine Pause. Ich hielt es noch nicht für notwendig und war dabei, mir eine neue Welle zu suchen. Meine Arme zitterten bereits vor Anstrengung und auch meine Beine wurden immer schwerer.

Doch immer, wenn ich mich auf den Weg zum Strand machen wollte, erblickte ich eine neue tolle Welle. Jedes Mal dachte ich: nur noch diese eine Welle!

Dann war es so weit, ich fuhr tatsächlich meine letzte Welle für den heutigen Tag. Leider lag es nicht an meiner Vernunft, sondern vielmehr an meiner Unvernunft.

Mit einem irren Tempo surfte ich parallel zur Welle und genau im richtigen Augenblick setzte ich zum Sprung an.

Dachte ich, doch ich war einen winzigen Augenblick zu spät. Ich hätte abdrehen und die Welle Abreiten müssen. Doch ich dachte, ich würde es schaffen und sprang. Es war mein weitester Sprung. Leider aber nicht mein höchster. Die Welle erfasste mein Brett und schleuderte es, mit mir darauf, durch die Luft.

Innerhalb von Zehntelsekunden wurde ich zum Spielball der Naturgewalten. Ich hätte einfach nur die Gabel loslassen müssen. Mehr wäre nicht notwendig gewesen,1 um ins Wasser zu fallen. Wahrscheinlich hätte ich mehrere Spülgänge abbekommen, bevor mich das Meer ganz von selber ans Land gebracht hätte.

Eventuell hätte ich ordentlich Meerwasser schlucken müssen und anschließend mein Brett irgendwo am Strand einsammeln können. Aber dies alles wäre nicht wirklich schlimm gewesen.

Leider ließ ich aber weder die Gabel los, noch schlüpfte ich mit meinen Füßen aus den Schlaufen.

Mein Brett donnerte mit voller Wucht aufs Meer und ich lag oben drauf. Kein Wasser federte meinen Sturz ab. Ich knallte mit meiner kompletten linken Körperhälfte aus gefühlten fünf Metern nach unten.

Die ersten Wellen kamen bereits auf mich zu und freuten sich darauf, mich und mein Brett als Spielzeug zu benutzen.

Völlig verkrampft hielt ich mich auf dem Brett und vor Schreck schnallte ich es noch immer nicht, einfach loszulassen.

Erst als mein Brett durch die nächste Welle erfasst und umgedreht wurde, kam ich auf die Idee, meine Umklammerung zu lösen und mich zu retten.

Carlos war inzwischen auf den Weg zu mir. Sein Segel hatte er am Strand gelassen, damit er sein Brett, wie die Rettungsschwimmer es taten, benutzen konnte.

„Lass dein Scheiß-Brett los“, schrie Carlos immer wieder, da ich mich wieder daran festgeklammert hatte und immer weiter von ihm weggetrieben wurde.

Schmerzen hatte ich zum Glück keine. Zumindest bekam ich, da ich vollgepumpt mit Adrenalin war, nichts davon mit.

Erst, als ich nach dem Brett von Carlos greifen wollte, bemerkte ich, dass ich meinen linken Arm nicht bewegen konnte. Carlos schob mich auf sein Brett, ließ mein Brett einfach treiben und brachte mich an Land.

Wie auch immer er es geschafft hatte, mich auf seinem Brett zu transportieren, ohne, dass wir kenterten. Er konnte die Strömung lesen und nutzte die Wellen, um uns von ihnen in die Richtung vom rettenden Ufer spülen zu lassen.

Gefühlte drei Liter Satzwasser hatte ich in mir und entledigte mich davon in einem großen Schwall. Man war mir schlecht und erst, als noch ein weiterer Schwall meinen Körper verließ, ging es mir wieder etwas besser.

Schmerzen

Nebeneinander saßen Carlos und ich im Sand und ich muss ziemlich beschissen ausgesehen haben, da Carlos sich richtig Sorgen um mich machte.

„Hey Nick, sonst alles okay?“

„Ja. Ich glaube schon.“ Irgendwie war ich benommen.

„Du glaubst?“

„Mein linker Arm spinnt etwas.“

„Spinnt etwas bedeutet so viel wie?“ Seine Stimme klang ängstlich.

„Ich kann ihn nicht bewegen. Wahrscheinlich bin ich drauf geknallt und habe eine ordentliche Prellung.“

„Sonst tut nichts weh?“

„Nein. Sonst ist alles gut.“

„Du Glücksschwein. Bei der Aktion hättest du auch draufgehen können. Es sah echt fies aus.“

„Jetzt kann ich wenigstens auch mit ner coolen Surfgeschichte prahlen“, sagte ich lachend. Doch Carlos lachte nicht mit. Im Gegenteil, er schüttelte noch immer seinen Kopf.

Mit einem Kühlkissen auf meiner linken Schulter saß ich am Abend im Liegestuhl. Ich konnte erst jetzt erkennen, wo der Ausgangspunkt der Schmerzen lag. Meinen Arm konnte ich leider trotzdem nicht bewegen und so musste ich ihn, angewinkelt vor dem Körper halten.

Carlos hatte sich ein Bier geöffnet und ich nuckelte an einer Flasche Wasser. Lieber hätte ich auch ein Bier getrunken. Doch da ich bereits zwei Schmerztabletten eingeworfen hatte, siegte zumindest heute Abend die Vernunft.

„Wird’s besser?“

„Ja“, log ich und hoffte, dass Carlos mein schmerzverzerrtes Gesicht nicht erkennen würde. Kein bisschen war es besser geworden. Ganz im Gegenteil. Meine Schmerzen wurden immer schlimmer. Doch ich hoffte, dass die Welt morgen schon wieder ganz anders aussehen würde. Noch immer hatte ich die alberne Hoffnung, dass meine Prellung morgen nicht mehr so stark sein würde und ich vielleicht sogar wieder aufs Wasser gehen konnte.

Als meine Schmerzen noch stärker wurden, warf ich mir zwei weitere Schmerzdrops ein und ging ins Bett. Ich glaubte, beim Schlafen die Schmerzen nicht mehr mitzubekommen. Wer weiß, vielleicht würde ich sogar am nächsten Morgen aufwachen und über meine Leidensphase von heute lachen.

Mitten in der Nacht stand Carlos auf. Ich sah dabei zu, wie er erst im Wohnmobil Sachen zusammenpackte und dann das Gleiche vor dem Wohnmobil mit den Surfsachen tat.

Kein Auge hatte ich bisher vor Schmerzen zugemacht und mein leises Wimmern konnte Carlos nicht mehr ertragen.

Als ich aufstehen wollte, um zu Carlos zu gehen, wurde mir klar, dass es mehr als nur eine Prellung sein musste. Meine Schmerzen waren schon schlimm, während ich mich still verhielt. Doch als ich mich bewegte, stiegen die Schmerzen ins Unermessliche.

„Was machst du?“

„Ich packe und dann bringe ich dich ins Krankenhaus.“

„Aber wir sind doch gerade erst hier angekommen. Du hast dich so darauf gefreut, hier zu sein.“

„Nützt doch nichts. Du quälst dich.“

„Aber Morgen ist es vielleicht schon besser“, sagte ich und musste mich setzten, da ich so meinen Arm ruhiger halten konnte und die Schmerzen etwas besser zu ertragen waren.

„Nick. Das ist Quatsch.“

„Dann lass uns aber nach Rügen fahren. Im Auto sitzen kann ich. Ich möchte nicht in Dänemark in ein Krankenhaus.“

„Bist du sicher, dass wir es bis nach Rügen schaffen?“

„Klar.“ Manchmal waren Notlügen erlaubt.

Die kleinen Schotterstraßen waren die Hölle. Jeden noch so kleinen Stein spürte ich und bei jeder Unebenheit hätte ich vor Schmerzen schreien können. Es kam mir so vor, als wenn Carlos mit hundert Sachen über diese Wege brettern würde.

Als wir endlich auf der Autobahn waren, ging es etwas besser. Doch ohne regelmäßiges Einwerfen von Schmerzmittel konnte ich es auch hier nicht aushalten.

Mein Versuch, eine Schlaftablette zu schlucken, um die Fahrt zu verschlafen, ging leider auch nach hinten los. Der Tablettencocktail brachte mich lediglich dazu, aus der offenen Autotür zu kotzen.

Die erste Etappe hatten wir geschafft.

Dänemark lag hinter uns und weiter ging es auf der A7 in Richtung Hamburg.

Das ich in meiner alten Heimat landen sollte, ahnte ich in diesem Moment zwar noch nicht, doch Carlos tat genau das Richtige. Er verließ in Hamburg die Autobahn und machte sich auf den Weg zum Barmbeker Krankenhaus.

Dank meiner Schmerzen bekam ich dies allerdings erst mit, als wir auf dem Parkplatz der Notaufnahme anhielten.

Carlos sprang aus dem Wagen und kam auf meine Seite.

„Hey, ich kann das schon alleine. Ich bin doch groß“, sagte ich in dem Moment, als Carlos mir aus dem Wagen helfen wollte. Doch ich irrte.

„Gib mir mal deine Hand. Ich bekomme die Drehung nicht hin“, waren meine nächsten Worte und wäre ich nicht verletzt gewesen, hätte Carlos mich in diesem Moment garantiert ausgelacht.

Relativ schnell kamen wir dran. Nachdem auf normalen Röntgenbildern nichts zu erkennen war, wurde ich in die Röhre gesteckt. Wie weiß ich nicht mehr. Aber irgendein Hammermittel muss mich dazu gebracht haben, dass ich gefügig wurde. Normalerweise wäre es bei meinen Schmerzen für mich nicht möglich gewesen, eine liegende Position einzunehmen.

Ich durfte gleich im Krankenhaus bleiben. Mein Oberarmknochen war an der oberen Seite, genau im Schultergelenk eingedrückt. Wobei der Doc nicht das Wort eingedrückt, sondern Matsch benutzt hatte.

Mit irgendwelchen Betäubungsdrogen wurde ich weiterhin ruhiggestellt und konnte so tatsächlich eine relativ ruhige Restnacht verbringen.

Am nächsten Morgen wurde ich ganz früh in den OP gebracht, und nachdem ich im Aufwachraum wieder wach wurde und in mein Zimmer gebracht wurde, saß Carlos bereits bei mir im Zimmer.

Wir hatten schon frühen Nachmittag, da meine OP fast vier Stunden gedauert hatte. Mein Oberarmknochen wurde durchgesägt und gedreht. Anschließend wurde alles mit drei Platten und diversen großen und kleinen Schrauben befestigt. Meinen Arm durfte ich die nächsten sechs bis acht Wochen in einer Schlinge tragen und mir wurde mitgeteilt, dass ich auf jeden Fall einen Restschaden nachbehalten würde.

Irgendwo zwischen dreißig und fünfzig Prozent an Beweglichkeit würden mir später fehlen. Genau konnte es mir jetzt noch niemand sagen. Was mir aber gesagt werden konnte, war, dass ich mehrere Monate lang brauchen würde, bis ich überhaupt diesen Stand erreicht hätte.

Ich sollte mich schon mal darauf einstellen, dass eine sehr lange Reha-Zeit auf mich zukommen würde.

Aber die nächsten zwei Wochen war zunächst Krankenhaus angesagt. Die Reha durfte ich auch erst beginnen, wenn die sechs bis acht Wochen vorüber waren und ich meinen Arm wieder aus der Schlinge nehmen durfte. Diese Zeit benötigte der Knochen, um komplett durchzuheilen.

Carlos hatte auf Rügen angerufen und Antje informiert. Meine Eltern wussten auch bereits Bescheid und Carlos selber hatte sich bei Vicky für die Zeit meines Krankenhausaufenthaltes abgemeldet. Er blieb in Hamburg und verband diesen Zwangsaufenthalt mit einem längeren Besuch bei seinen Eltern.

Neben Carlos und meinen Eltern bekam ich viel Besuch von meinen Hamburger Freunden und Bekannten. Es war cool, alle mal wieder zu sehen und über alte Zeiten zu quatschen. Auch wenn mir ein anderer, ein schmerzfreierer, Anlass lieber gewesen wäre.

Alle waren da. Sogar Anna, die wieder in Hamburg lebte, kam mich besuchen und wir lachten viel über die Dinge, die uns gemeinsam auf Rügen passiert waren.

Sie hatte eine neue Liebe gefunden und war glücklich. Leider konnte ich ihre Frage, ob sie Antje heute hier im Krankenhaus treffen würde, nicht beantworten.

Eine Woche hatte ich bereits im Krankenhaus verbracht, doch Antje hatte mich noch nicht besucht. In ihrem neuen Verlag war Urlaubszeit und so konnte sie nicht frei machen. Aber immerhin hatte sie angerufen und als sie am Telefon vorschlug, am Wochenende vorbei zu kommen, lehnte ich ab. Ich sagte, dass sie sich lieber erholen sollte und, dass ich sowieso bald wieder bei ihr sein würde.

Zurück nach Rügen

Antje hatte meine Worte tatsächlich umgesetzt und mich in den kompletten zwei Wochen nicht im Krankenhaus besucht.

Zwar rief sie täglich an, aber irgendwie hatte ich mehr erwartet. War es die Retourkutsche dafür, dass ich mich heimlich mit Carlos aus dem Staub gemacht hatte?

Trotz meines blöden Unfalls ärgerte ich mich nicht über unsere Tour. Nur darüber, dass ich Carlos die Tour mit meiner Dummheit vermasselt hatte. Doch gegen die Geschichten, die das Leben schreibt, hatte man halt keine Chance.

Es sollte so sein und wer weiß, vielleicht machte alles irgendwann sogar einen Sinn?

Waren meine Gedanken, während ich mich mit Carlos bereits auf der Brücke befand, die uns zurück nach Rügen brachte.

Anna hatte ihre Beziehungen als Arzthelferin für mich spielen lassen. Von Hamburg aus hatte sie mir einen guten Orthopäden auf Rügen besorgt. Auch eine Praxis für meine irgendwann anstehende Krankengymnastik hatte sie schon gefunden. So konnte ich ganz entspannt neben Carlos im Wohnmobil sitzen und mir darüber Gedanken machen, was mich gleich erwarten würde.

Wobei, ganz entspannt war ich nicht. Ich wusste nicht, wie es mit Antje und mir weitergehen würde. Ob es überhaupt noch Sinn hatte, weiter ein gemeinsames Leben zu führen.

Doch ich wurde überrascht. Alles war gut und wir nahmen uns vor, es weiter zusammen zu versuchen. Wir wollten es schaffen, da wir uns noch immer liebten und wir nicht auf den anderen verzichten wollten. Endlich machten wir wieder viele Dinge zusammen, und als ich mich daran versuchte, eine andere Art des Schreibens anzunehmen, war Antje sogar mächtig stolz auf mich.

Sogar zusammen auf Sylt waren wir. Auf der Insel, die ich so liebte und auf die Antje so gar keinen Bock hatte. Aber wir hatten uns vorgenommen, gemeinsam neue Dinge zu erleben und auszuprobieren.

Surfen konnte ich natürlich noch nicht. Leider sah es auch nach einigen Monaten noch so aus, als wenn ich es nie wieder machen könnte.

Mein Tagesablauf bestand aus Krankengymnastik, manueller Therapie im Wasser, leichtem Ausdauertraining auf einem Sitzfahrrad und wenn ich Zeit dafür fand, schrieb ich. Zunächst mühsam mit einer Hand.

Je länger die Heilung meiner Schulter dauerte, je ungeduldiger wurde ich. Als ich etwa fünf Monate später total unzufrieden auf unserem Balkon saß, machte es plötzlich Klick bei mir.

Mit einem Mal wurde mir klar, was ich genau in diesem Moment zu tun hatte.

Als ich mein Handy wieder aus der Hand gelegt hatte, dauerte es nur wenige Sekunden, bis ich den Ton für die Eingangsnachrichten hören konnte.

Nur mit einem Ja hatte Carlos auf meine Nachricht geantwortet. Mehr wollte ich allerdings auch gar nicht lesen und so machte ich mich auf den schnellsten Weg zum Strand.

Während ich dabei war den Neoprenanzug anzuziehen, lachte Carlos.

Er freute sich, dass ich wieder aufs Wasser gehen wollte. Carlos war sogar stolz auf mich, dass ich nicht aufgegeben hatte.

Mein Doc hatte mir schon lange wieder grünes Licht gegeben, doch bisher konnte ich mich nicht überwinden. Noch immer hatte ich Angst und nicht genügend Vertrauen in meine Schulter.

Durch mein fleißiges Trainieren hatte in den letzten Wochen auch mein Spargeldünner linker Arm wieder etwas an Muskeln zugelegt.

Doch erst vorhin auf dem Balkon hatte auch mein Kopf endlich geschnallt, was mir fehlte.

Als ich gerade dabei war, aufs Wasser zu gehen, passierte genau das, was eigentlich nur logisch war. Antje hatte Mittagspause und ging unten am Strand spazieren. Natürlich ging sie zufällig dorthin, wo ich mich gerade, zusammen mit Carlos, aufhielt.

Mir war die Szene, die sie mir machte total peinlich.

Doch sie konnte wohl nicht anders. Aus ihr platzte alles heraus, was sie in den letzten Monaten in sich hineingefressen oder verdrängt hatte.

Ich Dussel hatte tatsächlich geglaubt, dass wir ein neues Leben begonnen hatten. Dass Antje einige Dinge jetzt wirklich anders sah. Doch ich hatte mich geirrt. Sie sah es nicht anders, sie sah nur darüber hinweg und hoffte, dass ich irgendwann so werden würde, wie sie es sich wünschte.

Zuerst dachte ich noch, dass Antje Angst um mich hatte. Dass sie aus Sorge um mich so reagierte, weil sie mich auf einem Surfbrett sah.

Doch schnell wurde mir klar, dass der Grund ein anderer war.

„Hör doch endlich auf mit diesem kindischen Verhalten. Meinst du nicht, dass du langsam zu alt dafür bist, deine kostbare Zeit mit so einem Mist zu vergeuden?“, noch sagte ich nichts und sah Antje nur fragend an.

Doch dann lederte sie weiter.

„Wahrscheinlich fängst du jetzt auch wieder damit an, deine seichte Scheiße zu schreiben. Wundern würde mich bei dir gar nichts mehr. Nick, auch wenn du es nicht wahrhaben willst. Jeder Mensch wird älter und muss sein Leben ändern. Das ist unvermeidlich.“, jetzt blieb ich nicht mehr still, auch wenn ich nicht viel sagte,

„Vielleicht hast du recht. Wer aber sagt, dass wir auch erwachsen werden müssen?“

Nach diesen Worten sprang ich wieder auf mein Brett und fuhr aufs Meer hinaus. Schnell hatte ich Carlos eingeholt, der sich schon vorher auf die Ostsee abgesetzt hatte.

„Alles gut Nick?“

„Ja, es könnte nicht besser sein.“

Heute war ich vernünftig und übertrieb es nicht. Meine erste Pause machte ich nach einer halben Stunde. Ich saß am Strand und mir war klar, wie es weitergehen musste.

Doch zunächst war nochmals Surfen angesagt, und als ich einige Zeit später, zusammen mit Carlos, das Wasser verließ, verabredeten wir uns für heute Abend zum Billard.

Heute war schließlich Donnerstag. Früher in Hamburg hatten wir jeden Donnerstag Billard gespielt und uns dabei so manchen Blödsinn ausgedacht. Seit wir hier auf Rügen lebten, war unser schönes Ritual leider eingeschlafen und es wurde höchste Zeit, es endlich wieder aufleben zu lassen.

Als ich in unserer Wohnung kam, war Antje nicht zuhause. Ich ging unter die Dusche und als ich fertig geduscht hatte, zog ich mich an und ging.

Einen Zettel hatte ich heute nicht in die Küche gelegt. Wenn Antje Interesse daran hatte wo ich war, konnte sie mich anrufen. Ich zog die Tür ins Schloss und ging.

Billard

Es gab mehrere freie Tische. Wir entschieden uns für den in der Ecke, da es hier am ruhigsten war. Nachdem uns die Bedienung unsere Drinks gebracht hatte, waren wir ungestört.

Carlos hatte bereits die Kugeln aufgebaut und wartete darauf, dass ich endlich den ersten Stoß machte.

„Es hat sich schon mal jemand totgekreidet“, hörte ich Carlos rufen. Endlich legte ich den Kreidewürfel auf die Tischkante und begann.

Die ersten drei Spiele hatte ich schnell verloren, und bevor das vierte Spiel begann, setzten wir uns kurz auf unsere Barhocker und warteten auf ein neues Bier.

Als die Bierflaschen bereits geleert auf dem Tisch standen, hatte das vierte Spiel noch immer nicht begonnen.

Dafür kannte Carlos meine Zukunftspläne und bekräftigte mich dazu, meinen Weg zu gehen.

Mein Plan war eigentlich ganz einfach.

Nächsten Monat musste ich nach Hamburg und wieder ins Krankenhaus. Die Metallplatten und Schrauben sollten entfernt werden. Ich wollte schon vorher nach Hamburg düsen und mir eine kleine Wohnung im Haus meiner Eltern nehmen.

Meinem Papa ging es seit geraumer Zeit leider nicht mehr so gut. Er wurde immer schwächer und ich wollte wieder in seiner Nähe sein. Ich hatte auch Heimweh nach Hamburg. Lange genug bin ich auf Rügen gewesen und brauchte mal wieder eine Luftveränderung. Außerdem hatte ich Sehnsucht nach Sylt und von Hamburg aus, war es tatsächlich nur ein Katzensprung auf die Insel.

Schreiben konnte ich auch in Hamburg. Außerdem wollte richtig Gas geben und versuchen, dass ich meinen Arm auf die kleinstmögliche Einschränkung trainieren konnte.

„Was wird aus Antje?“

„Wir werden reden. Vielleicht gibt es noch eine Chance? Aber ich muss jetzt tun, was ich tun muss. Ich weiß, der Satz ist blöd. Aber ich kann jetzt nicht anders handeln. Mein Papa braucht mich und ich, ich brauche mich auch.“

Mein Gespräch mit Antje lief einfacher und besser als ich dachte. Auch Antje lag nichts daran, unsere Beziehung zu beenden. Wir starten jetzt einfach das, was viele andere Paare ebenfalls machten. Bei anderen funktionierte eine Fernbeziehung auch, warum sollten wir also die Ausnahme sein?

Eine Woche später ging es los. Die Wohnung unter meinen Eltern war frei geworden und ich griff sofort zu. Ich hatte meine Sachen gepackt und stand am frühen Morgen vor meiner Wohnung. Ja irgendwie war es auch noch meine Wohnung, auch wenn ab diesem Moment Antje alleine darin wohnen würde.

An den Wochenenden wollte ich nach Rügen kommen. Zumindest für die nächsten drei war es erst mal so geplant.

Dann kamen irgendwann meine nächste OP, da die Schrauben und Platten entfernt werden mussten. Aber das war noch Zukunftsmusik. Jetzt freute ich mich zunächst darauf, wieder ganz dicht bei meinen Eltern sein zu können.

Endlich kam Carlos um die Ecke gefahren. Zusammen verstauten wir meine Sachen im Wohnmobil und schon ging es los.

Back to the roots oder auch zurück in die Zukunft!

Hamburg

Hamburg hatte mich wieder.

Zum Glück brauchte ich in meinem neuen Reich nicht renovieren und nach zwei Wochen war ich auch soweit neu eingerichtet. Klar wäre es auch schöner gegangen. Aber mir reichte für den Anfang eine zweckmäßig ausgestattete kleine Wohnung vollkommen.

Mein Papa blühte richtig auf und gemeinsam genossen wir jeden Augenblick, der uns geschenkt wurde. Mindestens einmal am Tag besuchte ich meine Eltern.

Unterbrochen wurde diese schöne Gewohnheit nur von meinem einwöchigen Krankenhausaufenthalt. Aber auch diese Zeit verging schnell und ich freute mich dieses Mal schon richtig auf meine anschließende Reha. Ich wollte meinen Ärzten beweisen, dass ich fast keinen Restschaden davontragen würde.

Sogar Antje kam mich im Krankenhaus besuchen und ich hatte die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, dass alles zwischen uns wieder gut werden würde.

Carlos blieb auf Rügen. Zumindest immer dann, wenn er nicht auf Surf-Tour war. Er lebte schließlich von diesem Sport und seine Sponsoren verlangten natürlich, dass er an so vielen Events wie möglich teilnahm.

Durch meine Reha hatte ich nur wenig Zeit für andere Dinge. Ich trainierte auch an den Wochenenden und so kam ich in der nächsten Zeit genau so wenig nach Rügen, wie Antje zu mir nach Hamburg. Uns blieb das Telefon und wir schickten uns Nachrichten.

Als ich geplant hatte, für zwei Wochen nach Rügen zu fahren, machte mir meine Schulter einen Strich durch die Rechnung. Wahrscheinlich durch Überbelastung, fing sie an zu streiken. Zum Glück hatte ich bereits eine Kur beantragt, die merkwürdigerweise sofort genehmigt wurde.

Mit meiner Genehmigung in der Hand stand ich in der Geschäftsstelle meiner Krankenkasse und fing an zu reden. Mein Wunsch war es, die Kur vorzuziehen. Ich wollte sofort starten. Da ich einen Schrieb von meinem Arzt dabei hatte, in dem er empfahl, sofort mit der Kur zu beginnen, klappte es. Wahrscheinlich hatte meine Krankenkasse Angst vor den, von meinem Arzt erwähnten, Spätfolgen. Diese konnten tatsächlich eintreten, wenn ich nicht sofort eine Rundumbehandlung erhalten würde. Jeder Tag, an dem meine Schulter nicht behandelt wurde, war ein verlorener Tag für mich.

Ich setzte mich ab zur Kur und war für einige Wochen verschwunden.

Mit einem gesunden Arm und viel neuer Kraft kam ich zurück nach Hamburg. Leider wurde ich sofort auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Mein Papa war noch schwächer geworden und ich hatte keine Ahnung, was ich noch für ihn tun konnte.

Aber er hatte sich die Zeit, während ich auf meiner Kur war, zusammen mit meiner Mama um Bobby gekümmert. Es schien ihnen Spaß gemacht zu haben, da ich mir viele nette Anekdoten über Bobby anhören durfte.

Weihnachten war anders als sonst.

Ich hatte Angst, dass es mein letztes Weihnachten mit meinem Papa werden würde. Antje kam mit ihrer Mutter zu mir und zusammen feierten wir ein schönes Weihnachtsfest.

Zumindest war es sehr schön, bis ich auf eine Idee kam.

Ich holte die Videokamera aus dem Schrank und machte den Vorschlag, dass wir uns die letzten Reisen und Monate von Antje und mir ansehen sollten.

Alle waren begeistert.

Zumindest bis zu dem Moment, als Antje und ihre Mutter fluchtartig meine Wohnung verließen.

Bahnhof Altona

Einige Monate später …

Normalerweise wollte ich schon seit einer halben Stunde in der Nord-Ostsee-Bahn sitzen, meinen zweiten Kaffee getrunken haben und mich auf die Insel freuen.

Okay, zwei Kaffee hatte ich schon in mir und auf die Insel freute ich mich auch. Allerdings saß ich nicht im Zug, sondern auf dem Bahnsteig auf einer Bank. In diesem Moment war ich mir nicht ganz sicher, ob ich mich mehr darauf freute, nach vielen Jahren endlich wieder nach Sylt zu fahren. Oder mich mehr darüber ärgerte, dass diese blöde Nord-Ostsee-Bahn noch immer streikte und ich so erst zwei Stunden später los konnte.

Einmal war ich kurz mit Antje auf der Insel. Aber diesen Aufenthalt hatte ich verdrängt und daher zählte er für mich nicht mit.

Vor mir standen mein riesiger Koffer und mein Rucksack, den mir Antje damals von einer ihrer Reisen mitgebracht hatte. Auf dem Schoss hatte ich eine Tiertragebox. Die Box war für Katzen, Kaninchen oder was auch immer gedacht. Ich hatte sie für den heutigen Tag etwas zweckentfremdet und so sah mich Bobby, mit lang ausgefahren Hals durch die Gittereingangstür hindurch, an.

Ohne Bobby konnte ich meine Tour nicht starten. Immer wenn ein Kind zu mir kam, um sich meine Katze anzusehen, musste ich grinsen und lachte mich darüber kaputt, dass ein Kind Auge in Auge mit meiner griechischen Landschildkröte gegenüber saß.

Den Rucksack gab es noch in meinem Leben, Antje leider nicht mehr, da sie sich, wie sie so schön sagte, anderweitig orientieren wollte und nicht mehr mit einem Träumer ohne Ziele, ihre Zeit vergeuden konnte. Konnte vielleicht schon. Wollte war ganz sicher der richtigere Ausdruck.

Antje strebte viel mehr an, endlich die nächsten Schritte ihrer Karriereleiter zu erklimmen und dabei stand ich ihr anscheinend im Weg.

Ich glaubte allerdings, dass es weniger an ihrer Karriereleiter lag, sondern viel mehr daran, was bei unserem gemeinsamen Sylt-Aufenthalt passiert war.

Wobei, war es auf Sylt?

Nun, eigentlich eher, als wir schon lange wieder zurück waren.

Wir saßen am Heiligabend, gemeinsam mit ihrer Mutter und meinen Eltern, vor dem festlich geschmückten Tannenbaum. Ich fand ihn zumindest festlich geschmückt. Als Antje mein Werk zum ersten Mal sah, fragte sie, ob es mein ernst sei. Sie fand silberne und rote Kugeln kitschig. Außerdem fehlte, dass von ihr so geliebte, Lametta am Baum.

Lametta fand ich nun wieder kitschig. Vielleicht war es auch nur die Gewohnheit, die mich daran hinderte, Lametta in einen Weihnachtsbaum zu hängen. Meine Eltern hatten es auch nie gemacht und manche Dinge übernimmt man einfach, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen.

Wir einigten uns darauf, den Tannenbaum so zu lassen. Besser gesagt, wir ließen ihn so, da wir keine Zeit mehr hatten, den Baum neu zu dekorieren. Außerdem hätte ich auch gar kein Lametta in meiner Wohnung gehabt.

Das Weihnachtsessen hatten wir schon hinter uns gebracht und irgendwann hatte ich, da es gerade begann langweilig zu werden, die Idee, unsere Videoaufnahmen aus den letzten Jahren anzusehen.

Ich hatte gefilmt, wie die Alster mit einer Eisschicht bedeckt war und Hamburg unter den Schneemassen dabei war zu versinken. Auch der Sylt-Urlaub war auf der Cassette, genau wie unser Spanienurlaub und der gemeinsame Wellnessurlaub im Herbst an der Ostsee.

Natürlich gab es auch viele Aufnahmen von unserer neuen Wahlheimat. Unsere gemeinsamen Erlebnisse auf Rügen durften auf keinen Fall fehlen.

Was auch immer alles auf dem Film drauf war, ich konnte es nicht mehr genau sagen.

Wir schafften es an diesem Heiligabend auf jeden Fall nicht, uns den Film komplett anzusehen. Antje war es, die mitten im Film aufsprang und das Video abschaltete. Sie zog die Cassette direkt aus dem Rekorder heraus. Nachdem sie den Film auf den Boden geschmissen hatte, zertrat sie die Cassette mit einem gezielten Tritt.

Wir waren gerade mitten in unserem Sylt-Aufenthalt angelangt, als der Heilige Abend plötzlich überhaupt nicht mehr heilig war. Meine Eltern gingen kurze Zeit später.

Antje und ihre Mutter sprachen kein Wort mehr mit mir und ich versuchte mich, mit dem restlichen Rotwein abzulenken.

Das mit dem Rotwein klappte. Leider so gut, dass ich mir kurze Zeit später mein Nachtlager direkt vor der Kloschüssel einrichten konnte. Nach dem Motto Strafe muss sein, hämmerte mein Kopf am nächsten Morgen extrem.

Allerdings brauchte ich mir nicht mit meinem dicken Kopf, der auch gar nicht in der Lage dazu gewesen wäre, eine Standpauke von Antje anhören.

Sie war, gemeinsam mit ihrer Mutter, noch in der Nacht abgehauen. Zusammen mit meiner Sporttasche und den wenigen Klamotten, die sie überhaupt bei mir hatte.

„So Nick, nun aber raus mit der Sprache. Was hast du Dämliches angestellt, dass Antje sich direkt und dann auch noch am Heiligabend von dir getrennt hat?“, wollte mein bester Freund Carlos von mir wissen.

„Wir haben bloß Video geschaut.“

„Genau! Hast du nen schönen Weihnachtsporno für die Familie besorgt?“, Carlos lachte kurz, bohrte dann aber weiter nach.

„Sag jetzt!“

„Wir haben Video geschaut. Du weißt doch, wir machen immer unseren Jahresfilm.“

„Ihr habt immer euren Jahresfilm gemacht.“, wieder lachte Carlos.

„Stimmt, die wird es nicht mehr geben.“

„Und weshalb ist sie nun abgehauen und hat die Beziehung beendet? Hattet ihr schmutzige Sexszenen aufgenommen und du hast sie der Familie präsentiert?“

„Nein, es ging um unseren Urlaub auf Sylt.“

„Können wir jetzt mit dem Ratespiel aufhören? Los, sag jetzt, was auf diesem Video zu sehen war. Was hat Antje dazu brachte, in den Sack zu hauen.“

„Zu sehen war nur ein Feldweg.“

„Nick!“

„Ist ja gut, ich habe es kapiert. Aber es war wirklich nur ein Feldweg zu sehen. Allerdings ging es auch nicht darum, was zu sehen war, sondern um das, was zu hören gewesen ist.“

„Muss ich das jetzt verstehen?“

„Noch nicht, aber gleich. Antje und ich waren in der Kupferkanne zum leckeren Kuchen essen und Milchkaffee trinken. Freunde von uns waren zufällig auch auf der Insel und so saßen wir dort zu viert und klönten über alles Mögliche. Natürlich durfte ich mir auch wieder anhören, dass man von seinen Träumen nicht leben konnte und ob ich nicht doch endlich versuchen wollte, literarisch hochwertige Dinge zu schreiben. Irgendwann hatte ich echt die Schnauze voll und sagte, dass ich kurz rausgehen wollte, um, solange es noch hell ist, den Gartenbereich der Kupferkanne und das Wattenmeer zu filmen. Ich filmte dann tatsächlich, da Antje ansonsten blöde Fragen gestellt hätte, warum ich draußen war und nichts gefilmt hatte.“

„Komm zum Punkt. Bisher kann ich nichts erkennen, weshalb Antje dich Hals über Kopf verlassen hat.“, forderte Carlos mich auf.

„Ist ja gut! Während ich dabei war den Garten zu filmen, klingelte mein Handy. Kerstin war dran und in diesem Moment freute ich mich sogar darüber, ihre Stimme zu hören.“

„Kerstin? Wer ist Kerstin?“, Carlos kannte Kerstin nicht und war neugierig.

„Die hatte ich auf dem Kiez, in der Rutsche kennengelernt und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Als sie dann los musste, da ihr Freund dabei war, drückte sie mir einen Zettel mit ihrer Handynummer in die Hand, gab mir heimlich einen Kuss und verschwand. Einige Wochen später habe ich ihr dann eine Nachricht geschickt und seitdem hatten wir ab und zu Kontakt. Allerdings ausschließlich per WhatsApp. Bis zu diesem Tag, als sie mich anrief. Ihr Freund hatte Schluss gemacht und da ich mir gerade diese Leier, was ich doch für ein Looser und Träumer sei, anhören musste, habe ich auch einige Sätze rausgehauen. Ich habe über Antje und ihren spießigen Freund hergezogen. Meine Meinung über unsere Beziehung preisgegeben und leider war meine Meinung in diesem Augenblick nun wirklich nicht positiv. Dann habe ich auch noch über Antjes Mutter gelästert. Außerdem habe ich gesagt, dass unsere Beziehung sowieso keinen Sinn mehr hatte und ich mich am liebsten sofort trennen würde.“

„Und das hat Kerstin dann anschließend Antje gesteckt? Oder woher wusste Antje von deinen Aussagen? Und Nick, ich verstehe noch immer nicht, weshalb sie sich dann ausgerechnet am Heiligabend und nach dem Video von dir getrennt hat.“

„Nein, Kerstin hat nichts zu Antje gesagt, die kennen sich gar nicht. Kerstin hatte angerufen, als ich gerade dabei war, den Garten der Kupferkanne zu filmen. Während wir telefoniert haben, bin ich dann zum Strand hinunter gegangen, um dort das Meer aufzunehmen. Was ich auch gemacht habe. Leider hatte ich jedoch vergessen, während ich zum Meer hinunter ging und wir telefoniert haben, die Aufnahme zu stoppen. Auf dem Film waren ein Sandweg, teilweise die Felder und ganz oft meine Schuhe zu sehen. Leider war aber auch das komplette Gespräch von Kerstin und mir auf dem Videoband zu hören.“

„Nick, du bist ne Wurst!“, Carlos lachte sich schlapp und erst, als er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, konnte ich etwas dazu sagen.

„Stimmt. Aber dafür ist etwas passiert, was nicht passiert wäre, wenn ich nicht zu blöd fürs Filmen gewesen wäre. Nie hätte ich den Mut gehabt, einen Schlussstrich zu ziehen. Aber so ist es besser, ich kann endlich ein Leben führen, wie ich es mag. Mit all meinen Träumereien und ohne mich ständig, zu meinen nicht geschriebenen hochwertigen Texten, rechtfertigen müssen.“

„Das stimmt. Es sollte wohl so sein.“

„Und bei dir und Vicky? Wie soll es bei euch weitergehen?“

Statt Worte bekam ich nur ein Achselzucken als Antwort.

Carlos tat mir leid. Er war in einer Zwickmühle. Dass er Vicky noch immer liebte, wusste ich. Aber Carlos liebte eine Sache ebenso wie Vicky und ohne seine Freiheit, war auch die Liebe zu Vicky zum Scheitern verurteilt.

Carlos liebte seine Freiheit nicht nur, er brauchte sie auch.

„Du hast es geschafft, deine Freiheit wiederzubekommen. Wie es passiert ist, kann doch egal sein. Wenn du mich brauchst, bin ich für dich da. Aber das weißt du.“

„Ja Carlos. Das weiß ich. Trotzdem danke.“

Ich kannte Carlos. Er würde früher oder später seinen Weg gehen. Auch wenn noch immer hoffte, dass Vicky ihn auf seinem Weg begleiten würde.

Weshalb ich gerade jetzt, während ich auf einer Bank am Bahnhof Altona saß, an mein Gespräch mit Carlos dachte, wusste ich nicht. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich zum ersten Mal seit der Trennung von Antje wieder auf meine Lieblingsinsel fuhr. Auf die Insel, auf der ich früher mehrmals im Jahr gewesen bin, auf die Antje allerdings nie wollte und ich daher in den letzten vier Jahren, bis auf unseren verhängnisvollen Kurztrip, nicht dort gewesen bin.

Ich glaube beinahe, Sylt hat sich bei dieser Reise an Antje gerächt. Gerächt dafür, dass Antje dafür gesorgt hatte, dass ich einige Jahre lang nicht meine große Liebe Sylt besuchen war.

Kann eine Insel so was?

Eigentlich wohl nicht, aber ich entschied mich dafür, es so zu sehen und war stolz darauf, dass Sylt mich so sehr mochte.

Geilomaten-Franky

Es war noch immer fast eine Stunde, bis diese blöde Bahn endlich losfahren sollte. Mein Smartphone steckte ich jetzt lieber in die Hosentasche, da der Akku von meinen Internetaktivitäten bereits ziemlich leer war und ich für eventuelle Telefonate etwas Saft aufsparen wollte.

Kaum hatten meine Finger das Smartphone in meine Hosentasche gleiten lassen, als ich schon wieder ein Nachrichten-Rufzeichen hören konnte. Ich nahm es wieder heraus, entfernte die Tastensperre und sah, wer mir geschrieben hatte.

Nicht, dass mir dieser Morgen sowieso schon auf die Eier ging, da ich seit gefühlten fünf Stunden auf diesem dämlichen Bahnhof darauf warten musste, dass diese noch dämlichere Bahn endlich fahren würde.

Nein, jetzt konnte ich mich auch noch über mich selbst ärgern. Wieder hatte mir dieser Vollpfosten Franky eine Nachricht geschickt. Franky! Oder besser gesagt, Geilomatenfranky. Ganz ehrlich, wer nannte sich bitte selbst Geilomatenfranky? Auch wenn es nur Spaß sein sollte. Aber gut. Jeder, was er brauchte.

Aber am schlimmsten war es, dass ich diesem Vollpfosten auch noch meine Handynummer verraten hatte. Am vorletzten Abend der Kur war es.

Die Kur, auf der wir am selben Tag ankamen, die gleiche Wochenzahl als Kurverlängerung bekommen hatten und unsere Zimmer auch noch direkt nebeneinanderlagen.

Blöd war nur, dass die anderen Typen dort noch schlimmer waren als Geilomatenfranky und wir tatsächlich einige Biere zusammen gezischt hatten.

Wobei, waren sie schlimmer? Es war gemein von mir, es zu behaupten. Die anderen waren einfach nur stinklangweilig, oberspießig, oder wie Franky sagte, geilomatenuncool halt.

Wie auch immer, nach dem fünften Bier hatte ich Franky am vorletzten Abend meine Nummer verraten. Warum? Wahrscheinlich, weil ich zu dumm für diese Welt war. Weil ich ihn plötzlich doch ganz nett fand, oder weil fünf Bier an diesem Abend ungefähr drei Bier zu viel für mich waren.

Hi Nick, was macht die Kunst? Läuft alles bei dir? Ich denke noch oft an die netten Abende auf unserer Kur und dachte mir, ich schreibe dir, dass ich auf dem Weg nach Sylt bin. Du bist doch früher auch oft dort gewesen. LG Franky.

Mehr stand nicht in der Nachricht und ich musste gestehen, dass es aus meiner Sicht auch schon zu viel war.

Na toll, jetzt fährt Geilomatenfranky auch noch zur selben Zeit auf die Insel. Wahrscheinlich werden wir uns auf Sylt sehen und ich muss mir seine blöden Sprüche wieder live anhören.

So dachte ich und wurde direkt eines Besseren belehrt.

Nicht erst auf Sylt durfte ich mir seine Sprüche Live anhören. Nein, bereits jetzt begann es, da Franky genau in diesem Moment den Bahnsteig entlang, genau auf mich zukam.

An Flucht war nicht zu denken. Er hatte mich voll im Visier und ohne mein Gepäck konnte ich sowieso nicht verschwinden.

Schon saß er neben mir und von diesem Augenblick an, warteten wir zusammen darauf, dass wir endlich nach Sylt fahren konnten.

Allerdings hat jede schlechte Seite auch etwas Gutes. Der Vorteil daran war, dass Franky auf unser Gepäck aufpassen konnte, während ich zunächst das Bahnhofsklo aufsuchte und anschließend endlich einen Kaffee kaufen gehen konnte.

Selbstverständlich holte ich auch einen Kaffee für Franky, und als ich, beladen mit dem Kaffee zurückkam, konnten wir auch schon in den wartenden Zug einsteigen.

Wir hatten Glück und erwischten einen der wenigen Viererplätze mit einem Tisch in der Mitte. Die ersten Minuten der Fahrt sahen wir einfach nur schweigend aus dem Fenster. Der erste Gedanke, der mir nach ungefähr zwanzig Minuten in den Kopf kam, war, dass ich mich darüber wunderte, dass man mit Geilomatenfranky überhaupt schweigen konnte. Bei meinen Gedanken daran hatte ich Franky wohl automatisch angesehen. Fixiert passte wohl besser und so fragte Franky mich in die Stille hinein,

„Alles gut Nick?“

„Nein“, sagte ich wohl instinktiv, da ich eigentlich gar kein Interesse daran hatte, Franky etwas von meinen Gedanken zu erzählen. Warum sollte ich auch? Ich kannte ihn kaum und mochte ihn ja auch überhaupt nicht. Wobei ich mir jetzt die Frage stellte, wie oberflächlich ich in Bezug auf Franky war. Ich mochte ihn nicht, obwohl ich ihn gar nicht richtig kannte. Aber ich kannte seine Art, die er auf der Kur an den Tag legte. Ich wusste, dass er sich bei Frauen als Geilomatenfranky vorstellte und er auf eine, nicht wirklich nette Art, mit ihnen sprach.

Außerdem durfte ich mir, jeden Abend auf der Kur, seine Musik durch die Zimmerwand anhören, da er es bevorzugte, seine Musik in einer ziemlichen Lautstärke abzuspielen.

Allerdings muss ich gestehen, dass ich seine Musik mochte. Auf Unheilig stand ich auch und erst jetzt erkannte ich unsere erste Gemeinsamkeit.

„Möchtest du reden?“, wollte Franky wissen.

Ich antwortete nicht. Was nicht daran lag, dass ich Franky ignorieren wollte oder kein Interesse an einem Gespräch hatte. Meine Gedanken waren einfach nur ganz weit weg und ich hatte die Frage von Franky tatsächlich nicht wahrgenommen.

Ich blickte wieder aus dem Fenster hinaus und lies meinen Blick ins leere schweifen. Auch die Frage nach meiner Fahrkarte bekam ich nicht mit.

Da diese auf dem Tisch vor mir lag, gab Franky die Fahrkarte an die freundliche Kontrolleurin zum Abstempeln. Erst als ich fühlte, dass mir Tränen über meine Wangen liefen, kam ich wieder bei mir an.

Mit meinem Ärmel vom T-Shirt wischte ich sie weg und hoffte darauf, dass Franky sie nicht gesehen hatte.

Er sagte nichts. Stattdessen hörte ich ein zischen und hielt kurze Zeit später eine relativ kühle Flasche Bier in meiner Hand. Franky hatte sie mir in die Hand gedrückt und nun stießen wir an.

„Auf Sylt.“

„Danke Franky. Ja, trinken wir auf Sylt.“

Wieder schwiegen wir. Diesmal tranken wir dabei allerdings ein Bier, und als wir unsere erste Flasche geleert hatten, packte Franky die leeren Flaschen zurück in seinen Rucksack. Ohne ein Wort zu verlieren hielt er zwei neue in der Hand.

Er sah mich an und ich nickte.

Gemeinsam mit jemandem zu schweigen kann viel schöner sein, als es alleine zu tun. Waren meine Gedanken und ich fühlte mich in Frankys Gegenwart zum ersten Mal wohl.

In Elmshorn bekamen wir Tischnachbarn. Ein älteres Pärchen setzte sich zu uns. Leider hielten die beiden relativ wenig vom Schweigen, und da er auch noch schwerhörig war, wurde es von jetzt an laut in unserem Abteil.

Nicht nur wir waren schwer genervt. Auch allen andere ging das Geschrei von ihr mindestens so auf den Keks, wie sein ständiges Nachfragen.

Wir lernten auf der Bahnfahrt außerdem, dass er nur an sein Handy ging, wenn es klingelte. Ich stellte mir die Frage, welchen Sinn es machen würde, es nicht so zu machen. Aber auch zusammen mit Franky fand ich keine Antwort darauf.

Dann ging sein Handy tatsächlich und mir war sofort klar, dass er soeben eine SMS erhalten hatte. Klar, anrufen würde ihn ja auch niemand. Wer sollte es sich antun, jemanden anzurufen, der sowieso nichts verstand.

Ob der Mann den SMS-Ton tatsächlich gehört, oder einfach nur die Vibration wahrgenommen hatte, fanden wir leider nicht heraus. Es war aber auch nicht wichtig, da er uns auch so weiterhin unterhielt. Er nahm sein Handy aus der Hemdtasche, klappte es auf und schrie hinein.

Komisch, die Nachricht antwortete nicht und auch, nachdem er aufs Display gesehen hatte und danach einen zweiten Versuch startete, sich mit der SMS zu unterhalten, funktionierte es nicht.

Wir befürchteten, dass der arme Kerl nun einen weiteren Einlauf von seiner Gattin bekommen würde. Doch wir irrten uns, da sie anscheinend ebenso wenig Ahnung von Handys hatte wie er. Vielmehr meinte sie, dass es wohl am schlechten Empfang gelegen hätte.

Sein Handy war noch nicht ganz in seiner Hemdtasche verschwunden, als eine weitere Nachricht eintraf. Mit einem relativ schnellen Griff fingerte er sein Handy wieder aus der Tasche und das gleiche Spiel begann von neuem.

Leider war dies die letzte SMS, die er im Zug bekam.

Wir freuten uns, auf diese Art unterhalten zu werden und waren kurz davor, den Schaffner zu fragen, ob die beiden als Kabarettisten für die Bahn arbeiten würden. Doch da der Schaffner jedoch leider eine echte Spaßbremse war, sparten wir uns die Frage lieber.

Es hatte keinen Sinn, da er unsere Ironie nicht verstanden hätte.

Eines war klar, schlecht hören konnte unser Nachbar gut. Dafür durfte er keine eigene Meinung haben und wurde ständig von seiner Frau bevormundet.

Es ging so weit, dass er das selbstbelegte Käsebrot wieder ins Brotpapier einwickeln musste, da zuerst das Wurstbrot gegessen werden musste. Nicht mal in ein Stück Gurke durfte er beißen, ohne einen Kommentar von seiner Frau zu bekommen. Die Gurke war nämlich für das Picknick in Husum gedacht.

Während der Fahrt musste der arme Kerl mit einer Tomate vorlieb nehmen.

Kurz war ich am überlegen, ob ich zukünftig doch lieber Krimis schreiben sollte. Den ersten Titel hatte ich sogar schon im Kopf.

Mord in Husum hätte ich ihn genannt und es wäre ein Krimi über ein Familiendrama, nach fünfzig Jahren Ehe geworden. Getreu dem Motto, Bis das der Tod euch scheidet.

„Rauchen?“, hörte ich Franky sagen und sah ihn etwas irritiert an.

„Im Zug? Hier darf man doch seit Jahren schon nicht mehr an Zigaretten ziehen.“

„Du Horst. Nicht im Zug. Wir sind gleich in Husum und haben fünfzehn Minuten Aufenthalt.“

„Coole Idee, dann steigen wir kurz aus. Aber hattest du mir nicht vorhin gesagt, dass du auf Sylt mit dem Rauchen aufhören willst?“

„Ja.“

„Und nun doch nicht mehr?“

„Doch. Klar stehe ich zu meinem Wort. Aber wir sind noch nicht auf Sylt und die Schachtel ist noch nicht leer.“

„Na dann.“ Ich griff in meine Tasche und holte eine Plastikdose heraus. Während Franky mich fragend ansah, zupfte ich an Salatblättern und schnitt Gurke.

„Das wird jetzt was?“

„Was wird jetzt was?“ Ich wusste nicht, was er meinte.

„Machst du uns nen Salat? Kannst du dir sparen. Ich habe keinen Hunger.“

„Witzvogel.“

„Was ist denn ein Witzvogel?“

„Ein Typ der Witze macht.“ Manchmal hatte Franky echt wenig Ahnung.

„Ach, du meinst Spaßvogel.“

„Nenne es, wie du willst.“

„Was willst du denn nun mit dem Salat machen?“

„Der ist für Bobby. Wenn wir gleich in Husum aussteigen, gibt es Futter für sie.“

„Und warum nicht jetzt?“ Irritiert sah Franky mich an.

„Weil ich sie am Bahnsteig raus lasse und sie dann dort futtern kann.“

„Frisst sie nicht im Käfig?“

„Doch. Aber anders ist es schöner für Bobby.“

„Da muss ich jetzt wohl hoffentlich nichts zu sagen.“ Franky grinste mich an und sah weiter dabei zu, wie ich Salat schnippelte.

Angekommen in Husum stiegen Franky, Bobby und ich aus. Während Franky für uns Zigaretten klar machte, ging ich auf die kleine Wiese am Bahnhof und ließ Bobby aus dem Käfig. Mein mit Liebe zubereitetes Futter interessierte sie allerdings rein gar nicht.

Bobby machte sich viel lieber auf die Suche nach frischem Löwenzahn.

Bobby on Tour

Jetzt kam auch Franky zu uns und drückte mir, mit dem Hinweis, dass wir nur noch zehn Minuten Zeit hätten, eine Zigarette in die Hand.

„Bleib locker. Wir werden die Abfahrt schon nicht verpassen.“

Ich war nur ein Gelegenheitsraucher und hatte die letzten Tage an keiner Zigarette gezogen. Auch davor hatte ich lieber die leichten Varianten von Zigaretten bevorzugt, was mich jetzt dazu brachte, eine Hustenattacke zu starten.

„Schmeckt sie dir nicht?“

„Doch, total lecker. Ich habe den Rauch nur in den falschen Hals bekommen.“

„Ach so. Ich Dussel dachte immer, so was gibt es nur beim Trinken.“

Wir rauchten und klönten, während Bobby sich auf der Suche nach Löwenzahn immer weiter von uns entfernte.

„Noch sieben Minuten.“, Franky ermahnte mich.

„Man bist du unlocker. Aber gut, ich schnapp mir Bobby und wir gehen zum Bahnsteig. Darf ich wenigstens noch einmal ziehen?“

„Aber nicht wieder husten.“

Franky sah mich strafend an, da die Zeit unweigerlich weiter lief.

Dieser strafende Blick war allerdings noch gar nichts gegen den Blick, den ich weitere 10 Sekunden später von ihm erntete.

Aber nicht nur der Blick, auch seine Wortwahl änderte sich erheblich und so durfte ich mir, nachdem ich ihm beichtete, dass Bobby nicht mehr da war, eine schöne Predigt anhören.

„Wie Bobby ist nicht mehr da? Das ist jetzt nicht dein Ernst? Du bist zu blöd auf ´ne Schildkröte aufzupassen? Wär es ein Grashüpfer gewesen. Okay, damit könnt ich leben. Aber ´ne Schildkröte, die in einer Minute zehn Zentimeter schafft. Ich glaub es echt nicht. Weißt du was du bist? Ein Blödmann! Nein, stimmt gar nicht! Du bist ein Blödmanns-Gehilfen-Anwärter-Praktikanten-Zureicher!“

„Dein Gepöbel hilft jetzt total …! Such lieber Bobby. Außerdem haben wir noch fast fünf Minuten Zeit, bis der Zug fährt.“

„Wow, noch fünf Minuten? Das ist ja richtig viel Zeit. Da kann ich mir im Bistro ja noch ´ne Currywurst-Pommes bestellen! Wenn wir den Zug verpassen, nur weil wir deine komische Bobby nicht finden, die im Übrigen aussieht, wie ein wandelndes belegtes Brötchen, dann ist hier was los!“

„Wolltest du nicht aufhören zu pöbeln und suchen helfen?“, fragte ich, während ich auf allen vieren vor dem Gebüsch umherkrabbelte.

„Los Franky, drei Minuten haben wir noch.“

„Ist ja gut. Und das in meinem Alter und meinen kaputten Knochen.“

Endlich suchte Franky mit. Gemeinsam krochen wir über den Rasen und suchten Bobby. Während wir den netten Schaffner hörten, der uns und allen anderen Menschen mitteilte, dass wir zurücktreten sollten, sah Franky mich an und ganz ehrlich, ich hatte schon nettere Blicke gesehen. Ich sah zu Franky und befürchtete das Schlimmste, als er sich auf seine vier Buchstaben setzte und mich ansah.

Doch anstatt weitere fiese Worte an den Kopf geworfen zu bekommen, landeten dort eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug.

Allerdings nicht aus Wut, sondern als Friedensangebot.

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783739395319
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
Meer Träume Abenteuer Sylt Sehnsucht Liebe Strand Humor

Autor

  • Ben Bertram (Autor:in)

Ben Bertram ist das Schreibpseudonym eines waschechten Hamburger Jung. Am 14.05.1968 erblickte er das Licht der Welt und fand im Umgang mit Wort und Witz schnell ein Hobby, welches er seit vielen Jahren pflegt. Er lebt in seiner Lieblingsstadt Hamburg und verbringt viel Zeit auf der Insel Sylt, auf die er sich auch gerne zum Schreiben zurückzieht. Dort wird er, wenn sein Blick auf das Meer gerichtet ist, von vielen neuen Ideen und Eingebungen „überfallen“.
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Titel: Umzug nach Sylt