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Von Hochzeiten, Schwiegermüttern und eifersüchtigen Mäusen

von Brigitte Teufl-Heimhilcher (Autor:in)
204 Seiten
Reihe: Thessa, Band 2

Zusammenfassung

Seit Thessa Michaels Verlobungsring am Finger trägt und der Hochzeitstermin feststeht, könnte ihr Leben total perfekt sein – wäre da nicht ihre Schwiegermutter in spe, ihr pubertierender Sohn und diese kleine Eifersucht auf ihre Lieblingsfeindin Judith. Aber auch mit ihrem Exmann und dessen Freundin hat sie es nicht immer leicht, halten die beiden sich doch für Experten in Sachen Erziehung. Da Thessa gerne kocht, sind die einzelnen Kapitel nach Speisen benannt, die für die Regionen, in denen die Geschichte spielt (Wien, Hamburg und Salzburg) typisch sind. Hobbyköche finden im Anhang die dazu gehörigen Rezepte.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


 

Brigitte Teufl-Heimhilcher

 

 

 

 

VON HOCHZEITEN, SCHWIEGERMÜTTERN UND EIFERSÜCHTIGEN MÄUSEN

 

 

 

 

Roman

 

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

Die Autorin

1. Wiener Schnitzel

2. Lammsteak mit Zimt

3. Hummersalat

4. Schweinsbraten mit Knödel

5. Salzburger Nockerl

6. Aalsuppe

7. Scholle Finkenwerder Art

8. Seeteufel auf Champagnersauce

9. Mexikanischer Bohnentopf

10. Die Weihnachtsgans

11. Gulasch

12. Rübenmalheur

13. Pannfisch

14. Osterschinken im Brotteig

15. Müsli

16. Beef-Tartar

17. Hochzeitskuchen

18. Heiße Liebe

19. Fischbrötchen

20. Epilog

21. Die Rezepte

Danke

Humor und Hausverstand

Familie 2.0

Sonst noch erschienen

 

 

 

 

II. Auflage Copyright: ©2023 Brigitte Teufl-Heimhilcher, 1220 Wien

Von Hochzeiten, Schwiegermüttern und eifersüchtigen Mäusen Brigitte Teufl-Heimhilcher

https://www.teufl-heimhilcher.at

Konvertierung: Autorenservice-Farohi https://www.farohi.com

Covergestaltung: Xenia Gesthüsen

 

I. Auflage © 2015 Brigitte Teufl-Heimhilcher

Publishing Rights © 2015 Brigitte Teufl-Heimhilcher

Buchsatz & Covergestaltung: mach-mir-ein-ebook.de

Herstellung & Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt

Alle Rechte vorbehalten

 

Klappentext

 

Von Hochzeiten, Schwiegermüttern und eifersüchtigen Mäusen

Seit Thessa Michaels Verlobungsring am Finger trägt und der Hochzeitstermin feststeht, könnte ihr Leben total perfekt sein – wären da nicht ihre Schwiegermutter in spe, ihr pubertierender Sohn und diese kleine Eifersucht auf ihre Lieblingsfeindin Judith.

Auch mit ihrem Ex-Mann und dessen Freundin hat sie es nicht immer leicht, halten die beiden sich doch für Experten in Sachen Erziehung.

Da Thessa gerne kocht, sind die einzelnen Kapitel nach Speisen benannt, die für die Regionen Wien, Hamburg und Salzburg typisch sind. Hobbyköche finden im Anhang die dazugehörigen Rezepte.

 

 

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Die Autorin

 

Brigitte Teufl-Heimhilcher lebt in Wien, ist verheiratet und bezeichnet sich selbst als realistische Frohnatur.

In ihren heiteren Gesellschaftsromanen setzt sie sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Fragen auseinander. Sie verwebt dabei Fiktion und Wirklichkeit zu amüsanten Geschichten über das Leben - wie es ist, und wie es sein könnte.

 

 

1. Wiener Schnitzel

 

Schwarzer Freitag, dachte Thessa, während sie nervös nach ihrem Autoschlüssel kramte. Erst hatte ein Klient sie stundenlang mit Steuerfragen genervt, dann hat sie sich ein Strafmandat eingehandelt, und nun war sie auf dem Weg ins Spital – vorausgesetzt der Autoschlüssel fand sich bei Gelegenheit – weil ihr Liebster, Michael, sich beim Badminton die Achilles-Sehne gerissen hatte.

Ihr armer Held. Dabei war er doch nur für den Freund ihres Sohnes eingesprungen, der wieder einmal abgesagt hatte. Aber vermutlich hatte ihn dann doch der Ehrgeiz gepackt, so wie neulich, auf dem Tennisplatz, da hatten die beiden sich auch nichts geschenkt. Männer sind schon eigenartige Wesen. Durchaus liebenswert, aber irgendwie unverständlich.

Als sie endlich in der Tiefgarage des kleinen Privatspitals nach einem Parkplatz Ausschau hielt, fiel ihr ein dunkler Mercedes mit dem Kennzeichen „NERV 1“, auf. Ihr zukünftiger Schwiegervater war also auch schon da, hoffentlich allein.

Doch schon als sie, nach der Zimmernummer suchend, den Gang entlangeilte, hörte sie die Stimme von Michaels Mutter. Auch das noch. Der schrille Ton war stets ein Hinweis darauf, dass Vera sich ärgerte.

Die Tür zum Krankenzimmer stand offen und Vera war gerade dabei, ihrem Sohn die Kissen aufzuschütteln, während eine junge Krankenschwester etwas hilflos daneben stand. Ihr Schwiegervater saß etwas abseits und beobachtete die Szene aus sicherer Entfernung.

„Hallo Mäuselchen!“, rief Michael, als er Thessa sah. „Endlich ein Lichtblick.“

Nun hatte auch Vera sie bemerkt, allerdings schien sie deutlich weniger begeistert. Dafür lächelte ihr Schwiegervater Thessa freundlich entgegen und erhob sich, um ihr Platz anzubieten.

„Es wird in diesem Haus doch wohl noch ein paar Sesseln geben“, keifte Vera in Richtung Krankenschwester, die sich augenblicklich auf die Suche machte.

„Mutter, bitte, das ist ein Spital, kein Hotel, und die Dame ist Krankenschwester, kein Zimmermädchen“, erläuterte Michael genervt.

„Ein Privatspital“, ergänzte seine Mutter. „Und für die Hotelkomponente zahlst du monatlich gerade genug.“

„Seit wann kümmerst du dich um Versicherungsprämien?“

Das Eintreten eines Krankenpflegers, der zwei Sesseln brachte, beendete den kleinen Disput.

„Wo ist Nicky?“, wollte Thessa wissen.

„In der Zwischenzeit daheim, vermute ich. Er hat mir zwar heroisch angeboten mit dem Krankenwagen mitzufahren, war aber sichtlich erleichtert, als ich gesagt habe, dass ich schon zurechtkäme.“

Das konnte sie sich gut vorstellen, seit seiner Mandeloperation hasste Nicky Krankenhäuser.

Während sie Michaels Toilette-Sachen auspackte, keifte Vera: „Warum musstest du auch Badminton spielen?“

Es war ihr anzuhören, dass sie das für äußerst verwerflich hielt. Thessa erwog schon eine gepfefferte Antwort, doch Michaels Vater rettete die Situation, indem er fragte, wann die OP denn nun stattfände.

„Morgen Vormittag, sobald der Professor im Haus ist.“

„Dann lassen wir euch jetzt allein und kommen morgen Abend wieder.“

Damit war die Sache entschieden – und Thessa endlich mit Michael allein.

 

***

 

Die Operation verlief ohne Komplikationen und schon am Montag konnte Thessa Michael aus dem Spital holen. Er trug eine bis zum Knie reichende Schiene, mit der er sich zwar auf zwei Krücken fortbewegen konnte, doch man hatte ihm geraten, sich in den nächsten Tagen zu schonen.

„Unter diesen Umständen wirst du mich morgen bei Doktor Nestelbach vertreten müssen“, sagte er auf dem Heimweg.

„Nestelbach? Das ist doch dieser arrogante Blaublütler, der Judith seit Wochen das Leben schwer macht. Könnt ihr den Termin nicht verschieben?“

Nestelbach war ein Kunde aus Judith Steins Kanzlei, mit der sie sich zu Jahresbeginn fusioniert hatten. Thessa hatte zwar in den letzten Monaten gelernt, dass man Judiths Aussagen nur bedingt Glauben schenken konnte, aber die Erzählungen über diesen Nestelbach schienen ihr ziemlich real. Mochte ja sein, dass Judith etwas übertrieben hatte, übermäßige Detailtreue war ohnehin nicht ihre Art, aber wenn nur die Hälfte stimmte …

„Verschieben? Auf keinen Fall“, unterbrach Michael ihre Überlegungen. „Bei unserem letzten Telefonat war er wild entschlossen, den Verwaltungsvertrag aufzukündigen. Wir müssen ihm unbedingt beweisen, dass wir die Sache im Griff haben.“

Thessa, die seit fast zwei Jahren in Michaels Hausverwaltungskanzlei arbeitete, gab sich geschlagen. Schließlich wusste sie, dass Nestelbach einige ziemlich ertragreiche Zinshäuser besaß.

„Also gut“, seufzte sie.

„Du findest die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, links oben, hübsch geordnet in einer Mappe.“

„Ja, sicher. Deine Unterlagen sind schließlich immer hübsch geordnet – ganz im Gegensatz zu meinen.“

„Richtig, ich habe eben System.“

Das musste ja kommen. „Ich etwa nicht?“

„Zumindest sieht man’s deinem Schreibtisch nicht an.“

Das mochte ja sein, aber sie fand sich in ihrem Chaos doch gut zurecht, also konnte er sich solche Hinweise sparen. Doch gerade, als sie zu einer heftigen Erwiderung ansetzen wollte, sagte er schmeichelnd: „Wie dem auch sei, ich bin sicher, Nestelbach wird deinem Charme ebenso wenig widerstehen können wie ich.“

„Schleimer“, war alles, was sie dazu sagte.

 

***

 

Thessa lag die Besprechung mit Doktor Nestelbach dennoch im Magen. Auch ihre Intimfeindin Judith schien von der Idee, den Termin ohne Michael wahrzunehmen, nicht sonderlich begeistert.

„Also ich weiß nicht, Graf Nestelbach ist ein sehr konservativer Mann. Wie ich ihn kenne, hätte er viel lieber mit Michael gesprochen. Er hat auch früher ausschließlich mit meinem Ex-Mann verhandelt.“

Daraus kann man ihm kaum einen Vorwurf machen, dachte Thessa grimmig. Judiths Ex-Mann mochte ein Schürzenjäger sein, aber er war in der Branche als exzellenter Fachmann bekannt. Ganz im Gegensatz zu Judith, die seit Beginn ihrer Zusammenarbeit mehr als ein Beispiel ihrer reichlich dürftigen Kenntnisse geliefert hatte. Anderseits war gerade ihr fehlendes Fachwissen der Grund für die Fusion gewesen – also konnte man es ihr kaum vorwerfen. Vorzuwerfen war ihr allerdings, dass sie sich den Kunden gegenüber neuerdings als Hausverwalterin aufspielte – und davon war sie so weit entfernt wie die Erde vom Mond oder Thessa von einer Modelkarriere – obwohl es ja zunehmend auch Molly-Models gab.

Laut sagte Thessa: „Michael meint, alles wäre besser, als den Termin abzusagen. Wer fährt?“

Judith zuckte elegant die Schultern. Dennoch war ihr anzusehen, dass sie von diesem Arrangement nur wenig begeistert war.

 

***

 

Selbstverständlich hätte ich den Termin lieber mit Michael wahrgenommen, dachte Judith, viel lieber, das lag doch auf der Hand. Welche Frau würde nicht lieber mit einem attraktiven Mann unterwegs sein, als mit seiner pummeligen Freundin. Außerdem war Thessa ihr gegenüber sowas von sauertöpfisch. Ja gut, Judith hatte versucht, ihr Michael auszuspannen und war in der Wahl der Mittel nicht zimperlich gewesen. Na und? Das war noch lange kein Grund, sie lebenslang wie eine Sünderin zu behandeln. Das Leben ist eben hart im wilden Westen – hat Großvater schon gesagt.

Außerdem konnte ihr keiner vorwerfen, sie wüsste nicht, wann sie verloren hätte. Seit Michael Thessa diesen unheimlich funkelnden Verlobungsring geschenkt hat, hatte Judith sich ohnehin zurückgehalten, schließlich hat man seinen Stolz.

Aber bitte, wenn es denn unbedingt sein musste, würde sie ihren Charme eben an Nestelbach versprühen, auch ein interessanter Mann, leider verheiratet – und derzeit nicht besonders gut auf sie zu sprechen. Vielleicht sollte sie sich besser noch einmal umziehen. Das fade, graue Kostüm wäre für Nestelbach sicher passender, als das schicke rote, das sie jetzt trug.

Schon ein komischer Kauz, dieser Graf Nestelbach. Solange ihr Exmann die Firma geleitet hatte, war er immer sehr höflich zu ihr gewesen, doch seit sie ihn selbst betreute, hatte der Mann einen Ton am Leibe – also das gehörte sich nun wirklich nicht. Hatte man ihm nicht beigebracht, wie man sich einer Dame gegenüber verhielt?

 

***

 

Nestelbachs Büro lag im ersten Stock eines sanierten Althauses und war zwar teuer, aber für Judiths Geschmack etwas bieder eingerichtet.

Seine Sekretärin brachte sie in einen Besprechungsraum und servierte Kaffee, wenige Augenblicke später erschien Theo Nestelbach. Groß, breitschultrig, das wellige, brünette Haar hatte stirnseitig bereits die Flucht angetreten und an den Schläfen war es leicht angegraut. Keine unangenehme Erscheinung, wäre da nicht dieser arrogante Blick, mit dem er sie maß. Aber damit konnte er sie nicht einschüchtern, ganz im Gegenteil. Sie lächelte ihn verführerisch an und ergriff sogleich das Wort, denn sie hatte nicht vor, sich das Heft aus der Hand nehmen zu lassen, schon gar nicht von Thessa – die konnte ja später den fachlichen Teil übernehmen. Anschaulich erzählte Judith, wie unglücklich Michael gestürzt sei und wie sehr er es bedaure, nicht selbst kommen zu können.

„Glückliche Stürze sind in der Tat selten“, antwortete Nestelbach.

Trottel. „Aber doch möglich“, konterte sie lächelnd und schilderte detailreich, wie schwer sie erst neulich über einen Schemel gestürzt sei, und wie glücklich sie doch sein musste, nichts als ein paar blaue Flecken davongetragen zu haben.

Nestelbach nahm es mit einem Kopfnicken zur Kenntnis. Übermäßig gesprächig schien er heute nicht zu sein, aber noch gab sie sich nicht geschlagen. Sie versuchte es mit dem Wetter, schließlich würde er nicht ewig Zeit haben und alles war besser, als über diese verdammte Sanierung zu reden, bei der ihr scheinbar ein paar Fehlerchen unterlaufen waren. Wie peinlich, dass sie das ausgerechnet vor Thessa abhandeln musste.

Nestelbach ordnete wortlos seine Unterlagen.

Erst als sie eine kurze Pause einlegte, sah er auf und sagte: „Nachdem nun die Verständigungsebene hergestellt sein dürfte, könnten wir vielleicht in medias res gehen.“

 

***

 

Zumindest hat er nicht gekündigt, dachte Thessa, als sie zwei Stunden später Nestelbachs Büro verließen. Sie war heilfroh, dass es ihr offensichtlich gelungen war, Nestelbach davon zu überzeugen, dass die Kanzlei Hausner-Stein durchaus in der Lage war, auch kompliziertere Sachverhalte abzuhandeln.

„Was für ein überheblicher Idiot!“, schimpfte Judith.

Thessa stimmte zu, wenn sie auch insgeheim zugeben musste, dass Judith ihn – mehr als einmal – falsch beraten hatte. Auch Judiths sonst so verlässliche Wirkung auf Männer schien bei Nestelbach gänzlich zu versagen. Dabei hatte Judith sich heute extra solide zurechtgemacht. Das musste der Neid ihr lassen, sie sah nicht nur immer gut aus, sie wählte auch mit sicherem Griff die passenden Kleidungsstücke. Selbst das graue Business-Kostüm, das Judith heute trug und dessen Rock nur knapp über dem Knie endete, dazu die weiße Bluse, eine sehr schlichte Perlenkette und passende Ohrstecker sahen an ihr toll aus. Thessa hätte damit vermutlich wie ein ältliches Fräulein ausgesehen. Früher wäre ihr so etwas auch nicht aufgefallen, doch an Michaels Seite hatte sie schon einiges dazugelernt.

Allerdings schien Nestelbach Judiths Erscheinung nicht hinreichend zu würdigen. Thessa konnte nicht umhin, ein wenig Schadenfreude darüber zu empfinden, dennoch reihte sie ihn unter schwieriger Kunde ein und hoffte inständig, dass Michael dessen Betreuung bald wieder selbst übernehmen würde.

Es war nicht so sehr das, was Nestelbach gesagt hatte, es war diese herablassende Art, mit der er sein Gegenüber musterte, die Thessa, wie sie zugeben musste, verunsicherte. Hoffentlich war seine Frau nicht aus dem gleichen Holz, denn er bestand darauf, dass man deren Anwaltskanzlei ab sofort in allen rechtlichen Belangen hinzuzog.

„Und du bist sicher, dass man die Kosten der Fenster nicht nach deren Anzahl, sondern im Verhältnis der Nutzflächen aufteilen muss“, unterbrach Judith ihre Überlegungen.

„Ganz sicher.“

„Das ist doch total unlogisch.“

„Mag sein, aber so steht’s nun mal im Gesetz.“

„Erstaunlich. Aber wenn er es ohnehin wusste, hätte er mich doch nicht fragen müssen.“

Da ist was dran, dachte Thessa. Während sie den Wagen durch den dichten Nachmittagsverkehr lenkte, sinnierte Judith: „Ich glaube nicht, dass er mich besonders mag.“

„Da dürftest du allerdings Recht haben.“

Daraufhin verfiel Judith erstmal in dumpfes Brüten, doch als sie in die Garage fuhren, überraschte sie Thessa mit der Ankündigung: „Ich werde Nestelbach in meinem Roman verewigen. Stell ihn dir ein paar Jahre älter vor. Genauso könnte der alte Fürst aussehen, der seine Frau vergiften will.“

 

***

 

Als Thessa gegen halb acht die Wohnungstür aufsperrte, schnupperte sie. Es roch nach gebratenem Fisch.

Verdammt, Michael sollte sich doch schonen. Mit wenigen Schritten war sie in der Küche – und staunte nicht schlecht. Michael saß am Küchentisch, das geschiente Bein hochgelagert, und panierte Fischfilets, die Nicky im heißen Fett briet. Rundherum sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Auf dem Küchentisch vermischten sich überschüssige Brösel mit reichlich Mehl, einige Kartoffelschalen zierten den Fußboden und etwas Gurkenschale klebte an der Tür zum Kühlschrank. Den Dunstabzug hatten sie auch nicht eingeschaltet.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie in barschem Ton, obwohl sie sich riesig freute, dass Nicky und Michael so einträchtig zusammen werkten, das war in den letzten Wochen selten vorgekommen.

„Schau auf die Uhr, wir haben Hunger“, antwortete Nicky pampig und Michael setzte hinzu: „Außerdem wollten wir dir helfen.“

Thessa schaltete den Dunstabzug ein, wischte im Vorübergehen über die Kühlschranktür und bedeutete Nicky, er möge ihr Platz machen.

„Deck schon mal den Tisch“, rief sie ihm nach.

Wenige Minuten später konnte sie feststellen, dass das Ergebnis recht erfreulich war und aß mit gutem Appetit.

„Wie seid ihr ohne mich zurechtgekommen?“, wollte Michael wissen, kaum dass sie den ersten Bissen in den Mund gesteckt hatte. Da sie Gespräche übers Geschäft während des Essens nicht leiden konnte, antwortete sie zuckersüß: „Danke gut, gar kein Problem.“

„Falsche Antwort“, grummelte Michael.

„Ich weiß“, antwortete sie mit einem Grinsen.

Nach dem Essen gab sie ihm dann doch einen detailgetreuen Bericht. „Als der liebe Gott den erschaffen hat, hatte er aber ziemlich schlechte Laune“, meine sie zusammenfassend. „Natürlich ist Judith als Hausverwalterin eine Fehlbesetzung, aber das war kein Grund, sie derart vorzuführen. Außerdem besteht er darauf, dass wir die Anwaltskanzlei seiner Frau mit allen Rechtsfragen befassen.“

„Irgendwie verständlich.“

„Mhm“, brummte sie widerwillig Zustimmung.

„Wie heißt sie denn?“

„Nestelbach?“

„Möglich, aber bekanntlich nicht zwingend.“

„Ich wette, sie heißt Nestelbach. Du glaubst doch nicht, dass er etwas anderes akzeptiert hätte.“

 

***

 

Am nächsten Tag musste Thessa allerdings zugeben, dass sie Nestelbach zumindest diesbezüglich unterschätzt hatte. Seine Frau hieß Dr. Irene Mahler.

„Siehst du, so kann man sich irren“, neckte Michael und setzte hinzu: „Apropos, hast du schon entschieden, wie du heißen möchtest? Dann könnten wir endlich das Aufgebot bestellen. Oder willst du mich nicht mehr heiraten?“

„Natürlich will ich dich heiraten, das weißt du doch. Aber jetzt muss ich zu einer Bauverhandlung, wir reden heute Abend darüber.“

Während sie sich im Eilschritt auf den Weg zum Magistratischen Bezirksamt machte, überlegte sie zum hundertsten Mal, wie sie Nickys Widerstand gegen Michael am besten begegnen sollte.

Zu Weihnachten, als Michael ihr den Antrag gemacht hatte, war doch alles gut gewesen, aber als Michael dann mehr oder weniger bei ihnen eingezogen war, war die weihnachtliche Harmonie rasch vergessen, und seit Michael vorgeschlagen hatte, Thessa solle einfach seinen Namen annehmen, weil das geschäftlich einfacher wäre und Bachmann ohnehin Geschichte war, herrschte Hochspannung.

Zugegeben, das war ein Fauxpas, weil Nicky schließlich weiterhin Bachmann heißen würde. Michael hatte es auch sofort zurückgenommen, als ihm sein Fehler bewusst geworden war. Aber Nicky war unversöhnlich geblieben, zumindest bis Michael als Badmintonpartner eingesprungen war.

Seither herrschte eine Art Waffenstillstand und gestern Abend hatten sie doch ganz einträchtig miteinander gekocht. Vielleicht wäre nun der ideale Zeitpunkt, das Thema neu anzusprechen.

In der Zwischenzeit hatte sie nicht nur das Bezirksamt, sondern auch den Verhandlungssaal erreicht. Die spannende Verhandlung über die Anbringung eines Steckschildes konnte beginnen. Hatte jemand behauptet, dass es in ihrem Job keine langweiligen Aufgaben gab?

 

***

 

Freitag war Michael erstmals für einige Stunden ins Büro gekommen. Da sein Zimmer im ersten Stock lag, hatte er kurzerhand Thessas Besprechungstisch im Erdgeschoss in Beschlag genommen.

„Thessa hat dich wunderbar vertreten“, säuselte Judith soeben. „Nestelbach mag ja ein unangenehmer Patron sein, aber Thessa, mit ihrer sachlichen Art, hat ihn ganz eindeutig für sich eingenommen.“

Als Judith gegangen war, murmelte Thessa: „Wenn sie mir schmeichelt, traue ich ihr am allerwenigsten.“

„Ich habe gedacht, die Causa Nestelbach hätte euch zu Freundinnen gemacht. Immerhin seid ihr erstmals einer Meinung.“

„Aus Gegnern werden keine Freunde, bestenfalls Komplizen. Kannst du mir eigentlich erklären, warum sie am Freitag immer aussieht, als käme sie gerade aus dem Obdachlosenheim? Die ganze Woche ist sie durchgestylt wie eine Prinzessin, und freitags erscheint sie in zerlumpten Jeans.“

„Vielleicht will sie uns beweisen, dass sie auch in zerlumpten Jeans gut aussieht“, mutmaßte Michael und wandte sich der Postmappe zu.

Thessa warf ihm einen giftigen Blick zu. „Gib’s zu, du findest sie immer noch toll.“

Als er darauf nicht reagierte, wollte sie schon nachlegen, zum Glück kam ein Telefonat dazwischen. Danach hatte sie ihre dumme Eifersucht zumindest soweit im Griff, dass sie sich jede weitere Bemerkung verkniff. Sie wusste selbst, dass Judith toll aussah, das musste er ihr doch nicht immer unter die Nase reiben. Thessa war kein neidischer Mensch – nur Judiths Figur hätte sie gerne gehabt.

 

***

 

Judith hin oder her, alles in allem fand Thessa ihr Leben im Moment super. Sie hatte einen abwechslungsreichen Beruf, würde in wenigen Monaten ihren Chef heiraten, der ihr ein ebenso liebevoller, wie kluger Gefährte war, und wenn ihr Sohn auch in der Schule keine Leuchte war, so war er doch gesund.

Nur auf die sonntäglichen Besuche bei ihren Schwiegereltern in spe hätte sie gerne verzichtet. Für Michael war das business as usual. Er hatte seine Eltern immer Sonntagmittag besucht und konnte nicht verstehen, was sie daran so anstrengend fand. Sie konnte es auch nicht erklären. Vielleicht war es das Gefühl, nicht wirklich erwünscht zu sein. Dennoch war absagen undenkbar und nur in gut begründeten Ausnahmefällen gestattet.

Dieser Sonntag stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Einerseits weil sie sich verspätet hatten, anderseits weil Nicky nicht mitgekommen war. Dabei gab es für beides einen guten Grund. Sie waren zu spät gekommen, weil sie zuvor ein Haus besichtigt hatten, und der Makler sie hatte warten lassen. Nicky war bei einem Fußballturnier.

„Das hättet ihr mir doch sagen können, ich habe extra Wiener Schnitzel gemacht“, sagte Vera. Es war ihr anzuhören, dass sie sein Fernbleiben als persönliche Beleidigung empfand.

„Die essen wir doch auch gerne“, antwortete Michael leichthin und Thessa setzte pflichtschuldigst hinzu: „Verzeih, das war mein Fehler.“

„Natürlich war es dein Fehler“, versetzte Vera und rauschte in die Küche. Thessa wollte ihr schon folgen, doch Michaels Vater drückte ihr ein Glas Sherry in die Hand und sagte: „Lasst uns schon mal anstoßen.“

Dann fragte er nach dem Haus, das sie eben besichtigt hatten. Michaels Antwort war die Begeisterung für den Rohbau anzuhören. Ausführlich erzählte er von den Möglichkeiten eines Wellnessbereiches im Keller, einer großen Terrasse und eines Pools. In der Zwischenzeit hatte Vera sich wieder zu ihnen gesellt. Sie schien ihren Ärger fürs Erste überwunden zu haben und fragte: „Wo steht denn das Prachtstück?“

„In Essling.“

„Das ist ohnehin viel zu weit weg“, antwortete sie entschieden und bat zu Tisch.

Thessa warf einen kurzen Blick auf Michael, der offenbar beschlossen hatte, die Bemerkung seiner Mutter zu überhören. Eine Taktik, die er des Öfteren erfolgreich anwendete.

Vera tischte erst eine hervorragende Fleischstrudelsuppe auf, danach gab es Wiener Schnitzel, die echten, aus Kalbfleisch, die nicht nur aussahen wie aus dem Kochbuch, sondern auch fantastisch schmeckten. Dazu einen Endivien-Kartoffelsalat, den Vera keiner so leicht nachmachte.

Man mochte über Vera denken was man wollte, aber nicht einmal Thessa hätte behaupten können, dass sie eine schlechte Köchin war.

Erst beim Kaffee kamen sie auf das Thema Hauskauf zurück.

„Warum wollt ihr denn so weit weg ziehen?“, fragte Vera, während sie die Bananenrolle in Stücke schnitt. „Hier ist es doch auch schön.“

„Sehr schön sogar. Aber du hast scheinbar keine Ahnung, wie teuer die Grundstücke in Salmannsdorf sind“, antwortete Michael.

„Dafür können wir uns in Essling mehr Quadratmeter leisten. Das Haus hat sieben Zimmer, zwei Bäder und drei Toiletten“, setzte Thessa eifrig hinzu.

„Wozu braucht ihr denn sieben Zimmer? Nicky zieht doch über kurz oder lang sowieso zu seinem Vater.“

Bei Thessa läuteten sämtliche Alarmglocken, aber wann hatte sie sich schon je um Alarmglocken gekümmert?

„Sicher nicht!“, zischte sie.

Sie spürte Michaels Hand auf ihrem Knie. Ist ja gut. Sie atmete durch.

Doch als Vera sagte: „Wenn du mit ihm aber nicht zurechtkommst, wird es für alle die beste Lösung sein“, war es um Thessa geschehen.

„Wer sagt denn, dass ich nicht mit ihm zurechtkomme? Nicky ist ja nicht schwer erziehbar!“

„Aber er will doch zu seinem Vater!“

„Das hat er doch nur gesagt, um uns zu ärgern. Außerdem würde ich dazu niemals meine Einwilligung geben.“

„Dann solltest du ihm zumindest nicht alles durchgehen lassen.“

„Das tu’ ich doch nicht!“ Bei den letzten Worten war Thessa aufgesprungen und bereit davonzulaufen, doch ihr Schwiegervater drückte sie wortlos in den Fauteuil zurück.

„Kognak?“

Sie nickte.

„Ich verstehe gar nicht, warum du dich so aufregst“, tat Vera erstaunt.

„Und ich verstehe nicht, warum du schon wieder auf diesem Thema herumreitest“, antwortete Michael und wandte sich demonstrativ seinem Vater zu. Wenig später verabschiedeten sie sich – die Stimmung blieb gespannt.

 

***

 

Tatsächlich hatte Nickys Idee, das kommende Schuljahr bei seinem Vater zu verbringen, bei Thessa schon mehrfach für Kopfschmerzen gesorgt. Sie war ja froh, dass das Verhältnis zu Wolfgang so gut war, aber deswegen musste er doch nicht gleich zu ihm ziehen.

Angefangen hatte alles an dem Tag, an dem sie Nicky verklickert hatte, dass Michael bei ihnen einziehen würde. Das war vielleicht ein Theater gewesen.

Dabei hatte er doch damit rechnen müssen, schließlich wusste er, dass sie heiraten wollten. Michael hatte schon vor Weihnachten mit ihm darüber gesprochen, noch bevor er ihr einen Antrag gemacht hatte – fast so, als hätte er bei ihrem Sohn um ihre Hand angehalten. Spinner.

Nicky hatte sich damals auch ziemlich geschmeichelt gefühlt. Was hatte er also erwartet? Michaels Zwei-Zimmer-Wohnung, noch dazu im Haus seiner Eltern, war vollkommen ungeeignet. Sie und Nicky hatten immerhin vier Zimmer zur Verfügung, da war es doch wohl zumutbar, dass sie zu dritt darin wohnten.

Außerdem hatte Michael sofort klargestellt, dass sie ohnehin auf der Suche nach einer größeren Bleibe waren.

Zwei Tage später, diesmal hatte es Knatsch wegen der Schule gegeben, hatte Nicky zum ersten Mal davon gesprochen, zu seinem Vater zu übersiedeln.

„Tu das“, hatte sie lässig geantwortet. Zu lässig vielleicht, aber sie hatte doch nicht im Traum daran gedacht, dass er das wirklich durchziehen wollte.

Dann kam der verregnete Sonntag bei Michaels Eltern. Um Nicky bei Laune zu halten, hatte sie ihm erlaubt, sein Tablet mitzunehmen. Natürlich war nicht daran gedacht, dass er bei Tisch damit spielte. Aber hatte Vera ihn deshalb so abkanzeln müssen? Jedenfalls hatte Nicky geantwortet, wenn er erst bei seinem Vater wohnte, wäre das sowieso alles kein Thema mehr, weil Beate und Wolfgang nämlich echt cool seien.

Wann er denn zu seinem coolen Vater ziehen werde, hatte Vera wissen wollen, und er darauf: „As soon as possible“.

Seither hatten sie das Thema mehrmals die Woche.

So ein Unsinn. Beate, die Freundin seines Vaters, mochte vielleicht cool sein, aber sie war im siebten Monat schwanger und würde sich bedanken, auch noch einen pubertierenden Stiefsohn versorgen zu müssen.

 

 

 

2. Lammsteak mit Zimt

 

Wenn Thessa auch nichts davon hören mochte, dass Nicky das kommende Schuljahr bei seinem Vater verbringen würde, war sie doch heilfroh, als sie ihn am ersten Tag der Osterferien in den Zug Richtung Salzburg setzten.

Sollten Wolfgang und Beate sich ruhig eine Woche lang mit ihm herumstreiten. Die beiden hatten in den Energieferien ohnehin viele gute Tipps für sie parat gehabt, wie man einem pubertierenden Dreizehnjährigen am besten begegnet. Jetzt konnten sie ihre Theorien gleich in der Praxis ausprobieren. Thessa würde einstweilen die Woche mit Michael genießen.

Da auch ihre Schwiegereltern verreist waren, stand einem entspannenden Wochenende nichts mehr im Wege.

Gleich anschließend wollten sie noch einmal ihr Traumhaus besichtigen, sich danach etwas Gutes kochen und dabei Umbaupläne wälzen. Für morgen waren sie mit Doro und Fritz zu einer Golfrunde verabredet.

Kaum saßen sie im Auto rief Wolfgang an: „Wo ist Nicky?“

„Schon im Zug.“

„Scheibenkleister.“

„Wie bitte? Du wolltest doch …“

„Ja, ja, aber das Kind kommt!“

„Aber … das ist doch noch viel zu früh!“

„Ich weiß, aber ich kann’s scheinbar nicht aufhalten.“

Thessa atmete tief durch: „Natürlich nicht, entschuldige. Was können wir jetzt tun? Wie geht’s Beate?“

„Nicht so prickelnd, aber wie es einer werdenden Mutter geht, müsstest du doch besser wissen.“

„Soll Nicky zurückkommen?“

„Natürlich nicht, ich werd’ das schon irgendwie auf die Reihe kriegen. Macht euch keine Sorgen – und genießt eure freien Tage.“

„Du bist gut. Erst machst du auf Panik, und jetzt sollen wir uns entspannt zurücklehnen?“

Wolfgang lachte. „Irgendwie hast du mir schon geholfen, seit ich mit dir telefoniere, krieg ich mich langsam wieder ein. Ich werde jetzt einen meiner Waldarbeiter anrufen und ihn bitten, Nicky von der Bahn abzuholen.“

„Gut, und halt uns bitte …“, aufgelegt. „Auf dem Laufenden, wollte ich sagen. Ist wohl doch ein bisserl durch den Wind, unser Daddy Cool.“

„Wundert’s dich?“, fragte Michael, der am Steuer saß.

Thessa war immer wieder erstaunt, wie objektiv Michael sein konnte. Er und Wolfgang würden wohl keine Freunde werden, dazu waren sie zu verschieden, aber sie respektierten einander und sie wünschte von ganzem Herzen, dass diese Haltung auch auf Nicky abfärben könnte. Denn obwohl Michael sich wirklich Mühe gab, schien Nicky ihn immer mehr als Feind und Eindringling zu betrachten. Erst gestern waren die beiden wieder aneinandergeraten, weil Nicky seine Klamotten in der ganzen Wohnung verstreut hatte – und dann auch noch rotzfrech war.

Aber egal. Im Moment konnte sie ohnehin nichts tun, also würden sie die freien Tage einfach genießen. Behaglich lehnte sie sich zurück, doch die Unbeschwertheit wollte sich nicht wieder einstellen.

Am Sonntagmorgen kam endlich eine SMS von Nicky:

franzi ist da! nicht anrufen, wir gehen jetzt schlafen.

„Die beiden scheinen eine anstrengende Nacht gehabt zu haben“, meinte Michael.

„Was glaubst du, wie anstrengend die Nacht erst für Beate war“, konterte Thessa und gab ihm im Vorbeigehen einen Kuss.

 

***

 

Zu Wolfgangs großer Erleichterung war das Kind zwar klein, aber gesund, und Beate ging es auch bald wieder besser. Dennoch mussten Mutter und Kind vorerst im Spital bleiben. Tage, die er und Nicky, wie früher, in trauter Zweisamkeit im Forsthaus verbrachten – und die beide genossen. Natürlich fuhr Wolfgang täglich ins Spital, aber da die Ärzte immer nur beruhigende Nachrichten für ihn hatten, war diese Karwoche eine Art Verschnaufpause, sozusagen die Ruhe vor dem Sturm.

Er konnte sich kaum noch erinnern, wie das damals war, als Nicky so klein gewesen war. Jedenfalls hatte er sich fest vorgenommen – und Beate versprochen – sich diesmal mehr zu kümmern.

Diesmal war auch alles ganz anders. Als Nicky geboren wurde, hatte Thessa noch studiert. Sie hatte ein paar Monate pausiert, dann in aller Ruhe ihr Studium beendet und später halbtags gearbeitet, während ihre Mutter sich liebevoll um Nicky gekümmert hatte. Beate hingegen wollte so bald als möglich wieder in den Beruf einsteigen, ihre Mutter war Köchin mit Leib und Seele und stand den ganzen Tag in der Hotelküche – das waren völlig andere Bedingungen.

Sie würden es schon schaffen, schließlich liebte er Beate, wenn ihm auch ihr morgendliches Müsli in diesen Tagen kaum fehlte. Eier mit Speck konnten schließlich auch nicht verkehrt sein.

Außerdem hatte er endlich Zeit für längst fällige Vater-Sohn-Gespräche. Dass Nicky mit Michael nicht besonders gut auskam, wusste er schon lange. Anfangs war er geneigt gewesen, die Schuld allein bei Michael zu suchen. Doch wenn er auch immer noch nicht ganz verstand, was Thessa an diesem geschniegelten Immobilien-Heini fand, so musste er doch zugeben, dass Michael im Grunde wenig vorzuwerfen war – außer eben, dass er Thessa heiraten wollte.

Auf ihren langen Kontrollgängen durchs Revier näherten sie sich dem Thema von verschiedenen Seiten, aber es kam immer auf dasselbe heraus. Nicky wollte nicht in Wien bleiben, sondern zu ihnen kommen – zumindest für ein Jahr. Dabei argumentierte er nicht schlecht. Bis dahin hätten sie in Wien ein größeres Haus, mehr Platz, würden nicht mehr so aufeinander kleben, und so weiter. Auch würde er gerne mehr über die Arbeit im Revier erfahren, schließlich überlege er doch, ebenfalls Förster zu werden.

„Du weißt aber schon, dass Beate und ich dafür studiert haben.“

„Ich bin ja nicht doof. Aber wenn ich mich dafür entscheide, wüsste ich wenigstens, wozu ich mir den ganzen Stress mit der blöden Schule antue.“

Gute Antwort.

„Außerdem gibt es auch eine Ausbildungsschiene über eine Fachschule“, setzte Nicky noch hinzu.

Sehr gute Antwort. Wenn er diesen Weg gehen wollte, wäre es günstig, sich schon im kommenden Schuljahr anzumelden, denn die Plätze an der Fachschule waren knapp.

„Und du meinst, es ist so einfach, von einer Schule in eine andere zu wechseln?“

„Doofer als bei uns können die Lehrer hier auch nicht sein“, war zwar nicht ganz die Antwort, die Wolfgang erwartet hatte, aber er lächelte. Sein Bub, auf den Mund gefallen war er jedenfalls nicht.

„Was sagen deine Freunde dazu?“

„Ach die. Kitty hängt die ganze Zeit mit Harald herum und Alex muss in den Sommerferien nach München übersiedeln, weil sein Vater dort einen neuen Job hat.“

Schön, aber was würde Beate dazu sagen? Nicky und sie hatten sich zwar immer prima verstanden, aber Feriengast zu sein oder miteinander zu leben, das sind zwei Paar Schuhe. Wolfgang versprach, mit ihr darüber zu reden – bloß wie er das anfangen sollte, wusste er noch nicht.

Als er am Karsamstag mit Beate in der Spitals-Cafeteria saß, ergab sich das Thema dann wie von selbst. Sie fragte, was sie denn so angestellt hätten und er erzählte von ihren Gesprächen und von Nickys Wunsch und setzte sicherheitshalber gleich hinzu, dass jetzt natürlich die Unzeit sei.

Doch Beate antwortete: „Du kennst meine Meinung. Nicky ist dein Sohn, also hast du genau so viel Verantwortung wie Thessa. Wenn er wirklich bei uns leben will, ist jetzt, wo ich die nächsten Monate zuhause sein werde, eine gute Gelegenheit.“

Wolfgang nickte eifrig: „Und bis dahin dauert es ja auch noch einige Monate.

„Genau genommen drei. Du glaubst doch nicht, dass er die Ferien in Wien verbringen will.“

Da war was dran. Ihr Zusammenleben hatte sich in den letzten Monaten gut eingespielt, nun kam erst ein Säugling, dann sein pubertierender Sohn dazu. Halleluja.

Zu Beate sagte er: „Du bist schon eine tolle Frau, weißt du das?“

„Sicher.“

In solchen Momenten erinnerte sie ihn ein wenig an Thessa.

„Trotzdem solltest du noch einmal darüber schlafen. Wenn du morgen immer noch der gleichen Meinung bist, dann sagen wir es ihm beim Mittagessen, gemeinsam. Und weil morgen Ostersonntag ist und du Ausgang hast, hab’ ich beim Brunnwirt einen Tisch bestellt.“

Dafür hatte er einen Kuss bekommen, und sich beschwingt auf den Heimweg gemacht. Was war er doch für ein Glückspilz. Eine liebende Partnerin, eine vernünftige Exfrau, einen Sohn, der ihm vertraute, und ein gesundes Baby, dem er ein guter Vater sein würde. Fehlte nur noch, dass seine älteste Tochter, Tamara, von deren Existenz er so viele Jahre nichts gewusst hatte, ihm eines Tages auch vertrauen würde – aber das war ein ganz anderer Fall. Die hatte bedauerlich wenig Interesse an ihrem Erzeuger, nicht einmal in den Sommer-Ferien wollte sie ihn besuchen.

 

***

 

Vielleicht hätte Thessa Nickys Plan nicht so leicht zugestimmt, wenn die Karwoche nicht gar so schön gewesen wäre.

So aber saß sie am Ostermontag einem freudig erregten Nicky gegenüber, der nur auf ihr Ja wartete, und Michael schien die Sache ebenfalls zu begrüßen, denn er sagte: „Ich weiß, dass dein Herz blutet, meine Schöne, aber wenn Nicky Förster werden will, ist es doch keine schlechte Idee …“

„Dass du dafür bist, war eh klar“, unterbrach ihn Nicky, seine Stimme klang aggressiv. Thessa wollte ihn schon zur Ordnung zu rufen, doch Michael war schneller.

„Hör zu, Sportsfreund. Keiner schickt dich hier weg, du willst zu deinem Vater, das halten wir mal fest. Außerdem haben wir uns entschlossen, diesen Rohbau in Essling zu kaufen. Ich vermute, dass er bis Weihnachten bezugsfertig sein kann. Für dich wird es dort ein Zimmer mit Bad und WC geben. Ob und wann du dort einziehst, ist deine Sache.“

Damit stand Micheal auf und begab sich in die Küche. Es sollte Spaghetti bolognese zum Abendessen geben, die machte er einfach besser, das hatte sogar Nicky schon bestätigt.

Thessa seufzte und machte sich daran, Nickys Schmutzwäsche in die Waschmaschine zu stecken.

Wie hatte Wolfgang am Telefon gesagt: „Die Entscheidung liegt natürlich bei dir.“

Lachhaft, dachte Thessa, während sie das Waschpulver einfüllte. Rechtlich vielleicht, faktisch nicht wirklich.

Ihr Veto würde Nicky, Michael und Wolfgang gegen sie aufbringen. Und was wäre damit gewonnen? Sie wollte Nicky nicht zwingen bei ihr zu bleiben, und sie konnte ihn nicht zwingen, Michael zu mögen.

Schweren Herzens erklärte sie beim Abendessen, dass sie dem Wechsel nach Fuschl zustimmen würde, jedoch nur unter der Bedingung, dass Nicky sich ab sofort ordentlich benähme.

Davon schienen sowohl Nicky als auch Michael auszugehen, denn die beiden strahlten sie an und dann wurde sie gleich zweimal umarmt. Erst von Nicky, der doch glatt auf seine Coolness vergessen hatte. Die zweite Umarmung erfolgte dann ein wenig später, dafür umso intensiver.

 

***

 

Auch von Wolfgang kam nur Lob, als sie in der darauffolgenden Woche telefonisch die Details besprachen.

„Was bin ich doch für ein Glückspilz“, freute er sich. „Eine vernünftige Exfrau und eine unkomplizierte Lebensgefährtin.“

Dazu hätte Thessa einiges zu sagen gehabt. Beate war vielleicht ein burschikoser Typ, aber unkompliziert war sie gewiss nicht. Doch diesmal behielt Thessa ihre Gedanken für sich. „Ich hoffe für euch, sie kommt auch weiterhin so gut mit Nicky zurecht“, sagte sie stattdessen.

„Da mach dir mal keine Sorgen, wir werden das Kind schon schaukeln – darin haben wir ja jetzt Übung. Unsere Franzi ist nämlich ein kleiner Schreihals.“

Arme Beate, dachte Thessa, ohne besonderes Bedauern. Sicher würde Wolfgang tagsüber bald in die Ruhe seines Reviers flüchten – und nachts hatte er einen ganz ausgezeichneten Schlaf. Aber Beate hatte ihr, in Hinblick auf Nicky, schon so viele Erziehungstipps zukommen lassen, da würde sie mit so einem kleinen Schreihals doch spielend zurechtkommen.

„Apropos“, unterbrach Wolfgang ihre Gedanken. „Eine Bitte hätte ich noch an dich. Könntest du Tamara nicht davon überzeugen, dass sie in den Ferien wenigstens auf ein paar Tage zu uns kommt.“

„Wieso ich?“

„Du kommst doch prima mit ihr zurecht, ich überhaupt nicht“, maulte er. Der Ton erinnerte sie irgendwie an Nicky.

„Beate findet auch keinen Zugang zu ihr.“

Es stimmte schon, sie stand mit Tamara in ständigem Mailkontakt und hatte sich ihretwegen sogar zu einem Facebook-Account überreden lassen.

„Einverstanden. Ich schau, was ich machen kann.“

Kaum hatte sie aufgelegt, informierte sie ein Klingelton, dass ein neues Mail eingegangen war.

Tamara sandte ihren neuesten Artikel für das Jugendmagazin, für das sie schrieb. Thessa entschied, ihn abends zu lesen und wandte sich wieder den Steuererklärungen zu.

 

***

 

Als Michael, früher als nach anderen Hausversammlungen, die er gemeinsam mit Judith abgehalten hatte, nach Haus kam, fand er Thessa lesend auf dem Sofa vor.

„So früh?“, fragte sie erstaunt. „Ich bin fix davon ausgegangen, dass Judith dich noch zum Abendessen verschleppt.“

„Ich dachte, du freust dich, wenn ich früher komme.“

„Ich freu’ mich ja, aber wie gesagt, habe ich nicht so früh mit dir gerechnet, und auch gar nichts für dich vorbereitet.“

Klang da ein wenig Vorwurf mit? Aber es stimmte schon, bisher war er mit Judith immer noch essen gegangen. Sie war ja auch eine angenehme Gesellschaft, vorausgesetzt, sie sprach nicht über Hausverwaltung.

„Macht nichts, Mäuselchen“, lenkte er ein. Mir ist ohnehin der Appetit vergangen. Ein Glas Wein und ein paar Nüsse genügen.“

Während Thessa eine Packung Erdnüsse und zwei Gläser aus dem Schrank nahm und er eine Flasche Wein aus dem Weinschrank holte – dessentwegen Staubsauger und Hausleiter nun, zu Thessas Verdruss, in ihrem kleinen Büro ihr Dasein fristen mussten – fragte sie: „Was ist denn passiert?“

„Judith hat wieder einmal eine Kostprobe ihres profunden Halbwissens gegeben und uns dabei, um ein Haar, ein Haftungsproblem beschert, das sich gewaschen hat. Eines schwöre ich dir. Das war die letzte Hausversammlung, zu der ich sie mitgenommen habe. Ich halte diese Frau einfach nicht mehr aus!“

 

***

 

Thessa bemühte sich um Gleichmut, dabei hätte sie bei dieser Aussage am liebsten getanzt. Doch jetzt war definitiv der falsche Zeitpunkt, um ihre Schadenfreude zu zeigen. Was hatte diese Judith sie nicht schon an Nerven gekostet. Thessa versuchte ihrer Stimme einen neutralen Klang zu geben, als sie antwortete: „Sie von den Hausversammlungen auszuschließen, wird das Problem vermutlich auch nicht lösen.“

Er nickte. „Richtig, wir müssen einen Arbeitsbereich für sie finden, in dem sie nichts – oder zumindest wenig – anstellen kann.“

Sie prosteten einander zu. Michael nahm einen großen Schluck, dann sagte er: „Aber darüber denken wir ein anderes Mal nach. Für heute ist mein Bedarf gedeckt. Was liest du denn da Schönes?“

„Tamaras neuesten Artikel. Also das Talent zum Formulieren hat sie von ihrer Mutter, die konnte das auch hervorragend, aber woher sie bloß diese vernünftigen Gedanken hat?“

„Vom Vater?“, mutmaßte Michael spöttisch.

„Tamara schreibt über Chick-Lit. Ich glaube nicht, dass Wolfgang weiß, was das ist.“

„Da kannst du Recht haben“, nickte er. „Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Außerdem habe ich ihren Stiefvater gemeint.“

Wenig später wies ein leises Ping darauf hin, dass ein neues Mail gekommen war. Tamara schrieb

 

Liebe Thessa,

ich weiß, dass Wolfgang sich ein Treffen in Fuschl wünscht, aber ehrlich, was soll ich in Fuschl? Könntest Du ihn vielleicht dazu überreden, dass wir uns alle in Wien treffen? Ich war noch nie in Wien und bin schon sehr neugierig!

Ansonsten läuft alles bestens, zumindest daheim und in der Schule. Im Verlag gab es allerdings schon wieder Knatsch mit Dr. Tanner (Du weißt schon, der Geschäftsführer), weil er sich weigert, meine Jugendzeitschrift auch als Online-Magazin herauszubringen. Der ist sowas von vorgestrig, ich fasse es nicht und sehne den Tag herbei, an dem ich ihn als Geschäftsführer absetzen kann, aber leider dauert das noch ;-(

Onkel Justus muss sich einfach etwas einfallen lassen, sonst sehe ich für Daddys Verlag schwarz – und ich möchte ihn eines Tages doch sooo gerne weiterführen!

Ich muss jetzt Schluss machen, höre Frieda kommen und morgen ist Mathe-Schularbeit.

LG (auch an M+N)

Tamara

 

Sie ist schon ein erstaunliches Mädchen, dachte Thessa, weiß genau, dass sie den Verlag ihres Stiefvaters weiterführen will, dafür kämpft sie. Klasse. Von wem sie das wohl hat?

Ihre Mutter, Kathi, konnte zwar ziemlich nervig sein, wenn sie etwas durchsetzen wollte, aber sie war viel unbeständiger gewesen. Wolfgang? Von ihm könnte sie allerdings in Sachen Beharrlichkeit etwas ererbt haben. Er wollte immer Förster werden – und er war Förster geworden, auch wenn die Familie dabei draufgegangen ist.

Gleich darauf dachte Thessa Was für ein Unsinn! Es war nicht seine Schuld – zumindest nicht nur. Vermutlich wurde die Sache mit der Vererbung sowieso überschätzt. War das tägliche Erleben nicht viel wichtiger? War Tamaras Stiefvater, Knut Hansen, so zielstrebig gewesen?

Jedenfalls waren Tamaras Ziele und Vorstellungen ziemlich erwachsen. Nur die Idee, dass Wolfang samt Beate und Franzi mitten im Hochsommer nach Wien kommen sollten, um Tamara hier zu treffen, die war weniger ausgegoren. Da musste ihnen noch etwas Besseres einfallen.

Beim Frühstück erwähnte sie Tamaras Plan und Michael, der Gute, reagierte genauso, wie sie gehofft hatte.

„Dann soll sie halt ein paar Tage zu uns kommen.“

„Was meinst du?“, fragte sie Nicky.

„Kann kommen, sobald ich weg bin.“

Die Idee war gar nicht mal so schlecht, fand Thessa. Nicky und Tamara hatten sich ohnehin nicht viel zu erzählen, Stiefgeschwister hin oder her. Wenn Nicky in Fuschl war, musste Tamara wenigstens nicht auf der Wohnzimmercouch nächtigen.

 

 

3. Hummersalat

 

Wieder eine Woche geschafft, dachte Judith, als sie am Freitagnachmittag ihre Wohnungstür aufsperrte. Ein kuscheliges Nest hatte sie sich nach der Scheidung hier geschaffen. Dummerweise hatte das Nest ein so tiefes Loch in ihre Finanzen gerissen, dass sie es sich jetzt nicht leisten konnte, auf die Arbeit in der Hausverwaltung zu verzichten.

Dafür war aber auch wirklich alles vom Feinsten, ganz so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Bernhard, ihr Exmann, hatte für schöne Möbel und teure Vorhänge ebenso wenig übriggehabt, wie für eine exklusive Lage. Er war eben ein Geizhals.

In der Zwischenzeit war sie ganz froh ihn los zu sein, er hatte einfach keinen Stil gehabt. Jetzt fragte sie sich manchmal, warum sie ihn überhaupt geheiratet und zehn Jahre ihres Lebens, ihm zuliebe, die Hausverwalterin gespielt hatte. Je länger sie darüber nachdachte, umso sicherer war sie, dass ihr Vater daran nicht ganz unschuldig gewesen war. War er es nicht gewesen, der ihr Bernhard vorgestellt hatte? Bernhard der Wunderbare, Bernhard der seine Leidenschaft für’s Geschäft teilte, Bernhard hier, Bernhard da.

Mochte ja sein, dass er etwas von Hausverwaltung verstanden hat, sonst war er eine Nullnummer gewesen. Warum hatte sie das nicht früher erkannt?

Nur in einem hatte ihr Vater Recht gehabt, sie war keine Hausverwalterin und würde auch nie eine werden.

Na und? Musste man sie deswegen wie einen Volltrottel behandeln? Wie Thessa heute wieder die Augen verdreht hatte, nur weil Judith nicht verstanden hatte, warum es plötzlich so kompliziert sein sollte, Ordinationen zu vermieten. Irgendetwas mit der Mehrwertsteuer – so etwas Verdrehtes konnte aber auch kein normaler Mensch verstehen.

Sogar Michael war diese Woche ausgesprochen unhöflich zu ihr gewesen, weil sie diesem charmanten Hausvertrauensmann ein klein wenig entgegenkommen wollte. Was wäre so schlimm daran gewesen, den Auftrag für die Dachreparatur jetzt schon zu erteilen? Heiliger Himmel, die übrigen Wohnungseigentümer würden schon noch zustimmen.

Dafür hatte der charmante Hausvertrauensmann sie anschließend zum Essen eingeladen – Michael hatte sich nach Hause verzogen, zu seiner Thessa. Jedem das Seine. Wenn ihm Thessa lieber war – bitte!

Doch nun lagen zweieinhalb freie Tage vor ihr, ganz ohne Zinslisten, Mehrwertsteuer und anderen Kram. Tage, die sie nur für sich und ihren Roman verwenden wollte.

Davor würde sie sich noch mit einem kleinen Mittagsimbiss verwöhnen. Wie gut, dass ihr Weg ins Büro sie über den Naschmarkt führte. Während sie den Hummersalat in eine der sündteuren Glasschüsseln füllte, von denen sie sich gleich zwölf Stück geleistete hatte, überlegte sie, wie es in ihrem Roman weitergehen sollte, und als sie das frische Baguette in die köstliche Sauce stippte hatte sie eine großartige Idee. Sie würde Thessa zum Vorbild jener Frau machen, die der Fürst heiraten sollte, obwohl er doch eine ganz andere liebte. Ja, das war klasse, genau so musste die sein. Erdig, unromantisch, unsensibel und praktisch veranlagt. Eine, der ein flotter Ritt lieber war als ein vornehmer Ball.

Aber der junge Fürst liebte eine ganz andere. Eine, die seine Liebe zur Musik und zum Theater teilte, feingliedrig, schön, mit schwarzem Haar und hellem Teint. Schwarzes Haar hatte Thessa allerdings auch, sie würde rotes bekommen. Ja, genau, rotes Haar war hervorragend. Rotes Haar und Sommersprossen.

Sie musste sofort mit dem Schreiben beginnen, jetzt war sie in der richtigen Stimmung – der Trüffelkäse, den sie sich statt eines Desserts gönnen wollte, konnte ebenso gut bis zum Abend warten.

 

***

 

Als Judith sich am Sonntagabend in die Badewanne gleiten ließ, war sie mit sich und der Welt zufrieden. Dreißig Seiten hatte sie geschafft, das war eine ganze Menge. Der alte Fürst nahm immer mehr Nestelbachs Züge an und seit sie beschlossen hatte, Thessa zum Vorbild seiner ungeliebten Frau zu machen, floss ihr die Geschichte nur so aus der Feder.

Trotzdem war sie noch mit ihrer Freundin laufen gewesen und hatte ihre Eltern besucht. Jetzt genoss sie die wohlige Wärme des Wassers und den angenehmen Duft des teuren Schaumbades. Zu dumm, dass morgen schon wieder Montag war, dabei hatte sie noch eine Menge Ideen. Ob sie krankfeiern sollte?

 

***

 

Michael nahm die Nachricht, dass Judith einer Erkältung wegen für einige Tage ausfallen würde, gelassen entgegen. Konnte sie wenigstens nichts anstellen.

Dafür ärgerte er sich immer noch über seine Mutter.

Wie kam sie dazu, sich in ihre Hochzeitsvorbereitungen derart einzumischen? Hatten sie nicht laut und deutlich gesagt, dass es eine kleine, aber feine Feier werden sollte? Dazu brauchten sie weder einen Eventmanager noch brauchte Thessa einen Stilberater. Wenn Thessa Beratung wollte, und davon ging er aus, dann würde sie sich an ihn oder ihre Freundin Doro wenden. Mutters Schneiderin brauchte sie sicher auch nicht und der Hinweis, sie bräuchte einen Fachmann, der ihre Figur kaschiert, war nun wirklich starker Tobak gewesen. Doch so richtig entzündet hatte sich der Streit an der Frage, wann denn mit Enkelkindern zu rechnen sei. Wie kam sie bloß darauf?

„Gar nicht“, hatte Thessa geantwortet.

Gut, man hätte es vielleicht einfühlsamer formulieren können.

„Aber Michael braucht doch einen Erben“, hatte Mutter behauptet.

„Hausner-Stein ist zum Glück kein Königreich, bloß eine Hausverwaltung“, hatte Thessa lachend geantwortet.

Er heirate Thessa doch nicht, weil er einen Erben brauchte! Das hatte er seiner Mutter dann auch gesagt. Außerdem arbeitete er mit Thessa hervorragend zusammen, und er werde den Teufel tun, das zu ändern.

Darauf seine Mutter: „Wozu dann der ganze Zauber mit der Hochzeit? Gemeinsam arbeiten könnt ihr auch ohne Standesamt.“

Sie wollte es einfach nicht verstehen.

Wie auf’s Stichwort läutete sein Telefon. Mutter.

„Du wünschest?“, fragte er forsch.

„Ich wünsche dir mitzuteilen, dass ich unter den gegebenen Umständen an dieser unsinnigen Hochzeit nicht teilnehmen werde.“

Michael schluckte.

„Welche Umstände?“

„Frag nicht so dumm. Deine zukünftige Frau hat ja keine Gelegenheit ausgelassen, mir vor Augen zu führen, für wie überflüssig sie mich hält.“

„Du meinst, weil sie deine als Ratschläge getarnten Bosheiten höflich abgelehnt hat?“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich mit dir darüber diskutieren möchte. Ich habe dir bloß meinen Entschluss mitgeteilt.“

„Ganz wie du möchtest. Sonst noch etwas?“

„Kommenden Sonntag sind wir nicht zuhause.“

„Wir wären ohnehin nicht gekommen.“

Zack. Aufgelegt.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er hasste Streit in der Familie, aber mit seiner Mutter war es zurzeit wirklich schwierig. Wütend starrte er das Telefon an.

 

***

 

Zwei Tage später schien Judith ihre Erkältung überwunden zu haben. Jetzt saß sie Michael gegenüber, wirkte erstaunlich fit, und löcherte ihn mit der Frage eines Betriebsurlaubes.

„Betriebsurlaub, noch dazu vier Wochen? Undenkbar. Wie sollte das funktionieren?“

„Bei meinem Vater hat es immer funktioniert.“

Michael atmete tief durch. „Das mag ja sein, aber heute ist es einfach nicht mehr zeitgemäß. Dein Mann …“

„Mein Exmann.“

„Dein Exmann hatte mit dieser Tradition doch auch schon gebrochen.“

„Weil er ein elender Wichtigtuer war, dem es eine diebische Freude bereitete, alles, aber auch wirklich alles anders zu machen als mein Vater. Aber egal. Du hast einfach keine Ahnung, wie angenehm es ist, Urlaub zu machen, ohne ständig gestört zu werden. Keine lästigen Anrufe aus dem Büro, nichts. Einfach nur Ruhe und Entspannung. Notfalls könnten wir auch nur drei Wochen ins Auge fassen.“

Michael war aufgestanden und ans Fenster getreten. Er sah einen Moment gedankenverloren auf den blühenden Kirschenbaum, der vor seinem Fenster stand, dann drehte er sich zu ihr um.

„Du kannst natürlich Urlaub machen, wann du willst, wir werden uns auch bemühen, dich nicht zu stören, aber die Hausverwaltung Hausner-Stein wird im Sommer keinesfalls Betriebsurlaub machen.“

„Wie du meinst, ich werde jedenfalls einige Wochen nicht erreichbar sein.“

Sichtlich gekränkt rauschte sie davon.

„Wir werden es überleben“, murmelte er und widmete sich wieder seiner Arbeit.

 

***

 

Thessa blickt nervös auf die Uhr. Scheibenkleister.

Wie immer, wenn sie knapp dran war, ließ sich kein Parkplatz finden. Hoffentlich war diese Frau Doktor Mahler nicht ähnlich drauf wie ihr gräflicher Gatte, sonst stand ihr erstes Treffen unter keinem guten Stern.

Mit zehnminütiger Verspätung – und etwas außer Atmen – läutete sie an der Tür der Anwaltskanzlei.

Eine Dame unbestimmten Alters, mit Schleifenbluse und beigem Rock, öffnete die Tür und bat sie, Platz zu nehmen. Die Frau Doktor würde sich etwas verspäten.

Glück gehabt, dachte Thessa und griff nach einer Illustrierten, die mit den neuesten Wunder-Diäten warb. Früher hatte sie auch alle möglichen Diäten ausprobiert, schlank war sie davon nie geworden. In der Zwischenzeit hatte sie den Glauben an Wunder dieser Art verloren und las mit einer gewissen Schadenfreude, womit andere sich abmühten.

Frau Doktor Mahler erschien wenig später. Mit ihrem lindgrünen Hosenanzug, dem blonden Haar und dem pinkfarbenen Lippenstift sah sie aus, wie der Frühling selbst.

Thessa schätzte, dass sie etwa im gleichen Alter waren.

„Es tut mir wahnsinnig leid, dass Sie so lange warten mussten, aber die Verhandlung hat leider länger gedauert als erwartet.“

„So lange war’s nicht“, lächelte Thessa. „Ich kam auch etwas verspätet.“

„Passt“, war alles, was die Anwältin dazu sagte. Damit war das gegenseitige Einverständnis hergestellt.

Es mochte etwa eine Stunde vergangen sein, als Nestelbach seinen Kopf zur Tür hereinsteckte. Er nickte Thessa nur kurz zu und wandte sich an seine Frau: „Kann ich Paula kurz bei dir lassen?“

„Kein Problem, wir sind ohnehin gleich fertig.“

Nestelbach nickt und schob ein Mädchen mit einer riesigen Einkaufstasche durch die Tür.

„Ihre Tochter?“, fragte Thessa.

Irene Mahler schüttelte den Kopf und winkte das Mädchen zu sich. „Darf ich vorstellen, das ist Paula, die Stiefschwester meines Mannes.“

Damit hatte Thessa allerdings nicht gerechnet. Während sie nach einer einigermaßen passenden Äußerung suchte, wandte die Anwältin sich der Kleinen zu.

„Habt ihr ein passendes Kleid für deine Erstkommunion gefunden?“

Paula nickte, und so wie sie dabei strahlte, schien es ein sehr schönes Kleid zu sein.

„Und wo sind Oma Brand und deine Mutter?“

Die Kleine zuckte die Schultern. „Ich glaube, die sind noch im Geschäft.“

Irene Mahler warf Thessa einen amüsierten Blick zu, ehe sie Paula fragte: „Sie sind nicht mit euch zurückgefahren?“

„Theo hat gesagt, die haben noch zu tun.“

„Aha“, sagte Doktor Mahler nur und versorgte die Kleine mit Papier und Stiften. Aber Paula hatte eine bessere Idee.

„Möchtet ihr mein Kleid sehen?“

Das wollten die Damen selbstverständlich und noch während Paula sich im Kreis drehte, kam Nestelbach zurück. Er entschuldigte sich förmlich bei Thessa und nahm Paula an der Hand, um mit ihr in sein Büro zu gehen, doch seine Frau hielt ihn zurück. „Wo sind denn Yvonne und Oma Brand?“

„Wenn sie nicht immer noch darüber streiten, welches Kleid Paula bekommen soll, sind sie vermutlich auf dem Heimweg.“

„Willst du mir damit sagen, ihr habt sie einfach dort stehen lassen?“

„Exakt.“

„Oma wollte ein weißes Spitzenkleid für mich kaufen“, klärt Paula sie auf, „aber Mama hat das nicht gefallen.“

„Und darüber streiten sie immer noch?“

„Kaum. Als wir sie das letzte Mal gesehen haben, hatten sie bereits das Thema gewechselt“, antwortete Nestelbach, dann schob er Paula zur Tür hinaus.

„Sie müssen wissen“, wandte sich Irene Mahler nun wieder Thessa zu, „unsere Familienverhältnisse sind etwas kompliziert.“

„Kompliziert sind unsere auch“, nickte Thessa, „aber nicht halb so amüsant.“

Der Rest des Besuches verging mit angenehmem Geplauder. Dabei erfuhr Thessa, dass Nestelbach nach dem Tod seines Vaters nicht nur einen beachtlichen Besitz, sondern auch zwei Stiefgeschwister geerbt hatte, die gut und gerne seine eigenen Kinder hätten sein können.

Knapp vor sechs stürmte Thessa in Michaels Büro.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie nett Nestelbachs Frau ist!“

„Hat die Besprechung deswegen solange gedauert?“, fragte er säuerlich.

„Exakt“, antwortete Thessa und ließ sich auf den Besuchersessel fallen. Dann lieferte sie ihm einen ziemlich genauen Bericht ihres Nachmittages.

„Wenn seine Frau so nett ist, kann er ja nicht gar so ein Kotzbrocken sein.“

„Stimmt auch irgendwie“, meinte Thessa unbestimmt.

Doch als Michael, wenige Tage später, verkündete, dass er Nestelbach und seine Gattin für Freitagabend zum Essen eingeladen hatte, fragte Thessa: „Spinnst du?“,

„Ich dachte, du freust dich. Du kannst seine Frau doch so gut leiden“, grinste er süffisant.

„Die schon“, antwortete sie verärgert, was Michael dazu veranlasste, in den Charmemodus zu wechseln: „Ach komm schon, Mäuselchen, ich übernehme auch die Küche.“

Wie großzügig, dachte Thessa, nur noch halb so verärgert.

 

***

 

Der Abend mit den Nestelbachs verlief dann doch angenehmer als Thessa erwartet hatte. Schon beim Aperitif stellte sich heraus, dass Nestelbach zwar ein schwieriger Kunde, aber ein angenehmer Gast war. Er wusste über alles Mögliche Bescheid, ließ keine peinlichen Gesprächspausen aufkommen und als sich dann noch herausstellte, dass nicht nur alle vier Golf spielten, sondern auch ganz gerne den Kochlöffel schwangen, machte sich Thessa über den weiteren Verlauf des Abends bald keine Sorgen mehr.

Michael hatte Jakobsmuscheln auf Erbsenpüree als Vorspeise und Kalbsschnitzel in Zitronensauce zur Hauptspeise gereicht. Zum Dessert, das Thessa zubereitet hatte, gab’s Apfel-Tiramisu.

Während des Essens unterhielten sie sich über die bevorstehende Wahl und Thessa dachte schon, dass es eigentlich ein ganz entspannter Abend war, doch beim abschließenden Kaffee kam Nestelbach doch noch auf das Thema Hausverwaltung zu sprechen.

„Ich bin Ihnen übrigens sehr dankbar, dass sie Frau Stein überzeugt haben, sich von der Verwaltung meiner Häuser fern zu halten. Wie lange wird sie dem Unternehmen noch angehören?“

Thessa hielt kurz den Atem an. Gefährliches Terrain, schließlich hatten sie vereinbart, Stillschweigen darüber zu bewahren, dass Judith nach zwei Jahren endgültig ausscheiden würde.

Michael schien weniger Skrupel zu haben und antwortete in aller Offenheit: „Wenn uns nichts Besseres einfällt, wird sie noch bis Ende nächsten Jahres bei uns sein.“

„Dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, dass Ihnen etwas einfällt.“

„Sie mögen Judith wohl nicht besonders“, grinste Thessa und setzte mit einem Seitenblick auf Michael hinzu: „Dabei sind die meisten Männer ganz begeistert von ihr.“

„Sie erinnert mich allzu sehr an die Mutter meiner Stiefgeschwister. Die sieht auch ganz nett aus, leider ist der Geist stark hinter dem Aussehen zurückgeblieben.“

Thessa kicherte, doch Irene sagte: „Du übertreibst! Yvonne ist ja nicht dämlich.“

„Ach nein?“

„Sie ist halt Künstlerin – und lebt den Augenblick“, erklärte Irene.

„Das klingt doch ganz weise“, meinte Thessa nachdenklich.

„Ist aber ziemlich dumm“, beharrte Nestelbach. „Es bedeutet doch nur, dass es ihr an Weitblick fehlt. Oder hat Yvonne schon jemals Weitblick bewiesen?“, wandte er sich an seine Frau.

„Doch. An dem Tag, an dem sie dich zum Vermögensverwalter für sich und ihre Kinder gemacht hat, fand ich sie ausnehmend weitblickend, nahezu schon weise.“

Er nickte zustimmend und murmelte: „Dagegen hätte ich ja nichts einzuwenden.“

„Und wogegen haben Sie etwas einzuwenden?“, fragte Thessa und erntete dafür einen vorwurfsvollen Blick von Michael. Na gut, die Frage war vielleicht ein wenig indiskret, doch Nestelbach antwortete erstaunlich offen: „Dagegen, dass sie nicht nur die Verantwortung über das ererbte Vermögen, sondern auch die Verantwortung für ihre Kinder auf andere übertragen hat, dagegen bin ich ganz entschieden.“

„Was nicht heißen soll, das mein Mann diese Verantwortung nicht wahrnimmt“, warf Irene sanft ein.

 

***

 

Wenige Tage später erreichte Michael ein Schreiben einer Wohnungseigentumsgemeinschaft, die darum bat, für ihr Haus einen neuen Referenten abzustellen, da Frau Stein mit der Verwaltung von Wohnungseigentum offenbar überfordert sei.

„Könnten wir nicht einfach auf ihre Dienste verzichten?“, fragte Thessa, als sie sich zu Mittag, bei Kaffee und Apfelstrudel, eine kleine Pause gönnten.

„Könnten wir, aber wir müssten bis Ende nächsten Jahres ihr Gehalt zahlen.“

Thessa nahm noch ein kleines Stück von dem wunderbaren Strudel, den Martha, ihre Nachbarin, ihnen heute Morgen gebracht hatte, ehe sie sagte: „Das habe ich aber anders in Erinnerung. Wir haben doch nur vereinbart, dass Judith sich verpflichtet, uns zwei Jahre zur Verfügung zu stehen. Davon müssen wir aber keinen Gebrauch machen.“

„Ursprünglich“, murmelte Michael. Es half nichts, er musste Thessa diesbezüglich reinen Wein einschenken. Also nahm er noch einen Schluck von seinem Café latte, zur Stärkung, dann sagte er so beiläufig wie möglich: „Das wurde vor Vertragsunterzeichnung noch umgeändert. Ich verpflichtete mich, sie zwei Jahre zu beschäftigen.“

Normalerweise hätte er wir gesagt, aber jetzt kam es ihm darauf an klarzumachen, dass der wirtschaftliche Schaden ganz allein an ihm hängen bleiben würde.

„Bravo“, war alles was Thessa dazu sagte. Dann stellte sie ihre leere Tasse geräuschvoll auf den leeren Teller und stolzierte wortlos hinaus.

Himmel, jetzt war sie wieder beleidigt. Weiber!

Aber er hatte geahnt, dass sie so reagieren würde, sonst hätte er es ihr doch schon viel früher erzählt. Dabei war Thessa – normalerweise – der unkomplizierteste Freund, den man sich wünschen konnte. Nur wenn es um Judith ging, wurde sie seltsam. Zum Kuckuck, was sollte er denn noch machen, um ihr zu beweisen, dass er nichts von Judith wollte? Er sprang auf und wollte ihr nachgehen, doch dann setzte er sich wieder. Besser, sie ein Weilchen schmoren zu lassen, entschied er und griff zur Zeitung.

 

***

 

Thessa schäumte vor Wut. Männer. Konnten eben doch alle besser sehen als denken.

Deshalb hatte Judith damals darum gebeten, dass Michael allein zur Vertragsunterfertigung kommen sollte. Raffiniert war sie, das musste der Neid ihr lassen. Raffiniert, aber dämlich. Thessa atmete dreimal tief ein und aus, danach musste sie zugeben, dass dämlich das falsche Wort war. Judith war nicht dämlich, niemand in der Kanzlei konnte stilvollere Briefe schreiben, sie war hier nur am völlig falschen Platz.

Nun, auch das war nicht ihr Problem.

Michael hatte sich da ganz alleine hineingeritten, also musste er es auch ausbaden. Seufzend öffnete sie ihren Mail-Account und versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Aber das war nicht einfach. Ständig war da Judiths Gesicht vor ihrem geistigen Auge. Sicher hatte sie ihm ganz schön zugesetzt, aber wie konnte er sich nur so einlullen lassen? Wie konnte er nur?

Gegen sechs steckte Michael den Kopf zur Tür herein. „Sag mal, Mäuselchen, was gibt’s eigentlich heute zum Abendessen?“

„Hab’ ich noch nicht darüber nachgedacht“, murmelte sie, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.

„Was hältst du davon, wenn ich uns etwas Schönes koche?“

„Dazu müsstest du erst etwas Schönes einkaufen“, antwortete sie, um einen neutralen Ton bemüht.

„Wird erledigt, gnädige Frau!“

Weg war er.

Aha, Versöhnungsmahl, dachte sie mit einem warmen Gefühl. Sicher wird er wieder etwas kochen, das sie besonders mag, dann wird er sein Glas heben, sie mit diesem zartschmelzenden Blick ansehen und sie um ein klein wenig Verständnis bitten. Verständnis? Das würde ja heißen, dass sie es verstehen konnte. Sie verstand es aber nicht.

Trotzdem würde es ihm spielend gelingen, sie um den Finger zu wickeln – wie immer. Sie lächelte bei dieser Vorstellung. Wie dem auch sei, vor acht würde sie nicht heimkommen. Na ja, vielleicht halb acht – jedenfalls nach sieben.

Dann wählte sie seufzend die Nummer ihrer Freundin Doro, vielleicht hatte die eine Idee, wo man Judith unterbringen könnte.

 

 

 

 

4. Schweinsbraten mit Knödel

 

Der Sommer zog ins Land, alle sprachen von Urlaub und der schönsten Zeit im Jahr, nur Thessa fühlte sich müde und abgeschlagen. Dabei hätte sie allen Grund, glücklich zu sein. Ihr erster Urlaub mit Michael und Nicky stand vor der Tür, Nicky würde sein Schuljahr positiv abschließen, der Umbau ihres neuen Hauses schritt ebenso zügig voran wie die Hochzeitsvorbereitungen – seit Vera ihre krausen Ideen nicht mehr beisteuerte. Sogar die sonntäglichen Familienbesuche waren in den letzten Wochen ausgefallen, Vera hatte sie seither nicht wieder eingeladen.

Dummerweise fühlte sie sich alles andere als glücklich, wobei ihr Nickys Auszug am schwersten auf der Seele lastete. Auf die Sonntagsessen bei Vera hätte sie gerne verzichten können, wäre da nicht Michael, der unter der Streikdrohung seiner Mutter mehr litt, als er jemals zugeben würde, und vor dem gemeinsamen Urlaub hatte sie auch Bammel. Warum hatte sie bloß darauf bestanden?

Dann war da noch Judith, die sich ständig in ihre Arbeit einmischte, weil sie ihren Beitrag leisten wollte. Heiliger Himmel. Michael hatte bereits angeboten, auf ihre Mitarbeit zu verzichten, aber da hatte er nicht mit Judiths Stolz gerechnet. Wurde wirklich Zeit, dass ihnen etwas einfiel.

„Ich lass’ mir doch von dir nichts schenken!“, war alles, was sie dazu gesagt hatte. Nun gut, dieses Problem musste warten, bis sie aus dem Urlaub zurück waren.

Gerade als Thessa ihren Computer ausschalten wollte, kam eine Mail von Tamara mit dem Betreff:

 

Testleser gesucht!

 

Liebe Thessa,

um dir die Zeit bis zu meinem Kommen etwas zu verkürzen ;-) füge ich dieser Mail meinen ersten Roman bei. Ich hoffe, Du findest Zeit ihn zu lesen und bin schon sehr gespannt, was Du dazu sagen wirst. Im Verlag will ich das Manuskript erst präsentieren, wenn ich weiß, dass es auch wirklich gut ist.

Ansonsten im Norden nichts Neues,

LG (auch M+N)

Tamara

 

Genau das, was mir noch gefehlt hat, murmelte Thessa und schaltete entschlossen das Gerät ab. Ihr derzeitiges Leben ließ ihr bedauerlich wenig Zeit fürs Lesen, doch für den Urlaub hatte sie sich bereits zwei Bücher ihrer Lieblingsautorin hergerichtet. Aber natürlich würde sie Tamara nicht enttäuschen. Adieu Donna Leon, her mit dem neuesten Werk von Tamara Hansen. Ob das ein guter Tausch war?

Außerdem war sie nicht sicher, ob ausgerechnet sie eine geeignete Testleserin war. Bekanntlich war ihr die Zahl näher als das Wort. Wäre es nicht besser, wenn sich eine Fachfrau das Manuskript ansah?

Das war überhaupt die Idee, die Königsidee.

Sie würde Judith bitten, sich Tamaras Roman anzusehen, schließlich hatte sie vor ihrer Ehe als Lektorin gearbeitet.

 

***

 

Wie immer, wenn der Wecker klingelte, drehte Judith sich erst noch einmal um. Aber das dumme Ding klingelte zehn Minuten später wieder, wie jeden Morgen. Missmutig machte sie sich auf den Weg ins Bad. Es wurde wirklich Zeit, dass sie etwas in ihrem Leben änderte. Ein Mann musste her – oder zumindest ein Job, der ihr Freude machte.

Schon komisch, überlegte sie, während sie mit gewohnter Gründlichkeit ihre Zähne putzte, sie war früher nie ungern ins Büro gegangen. Solange sie den Betrieb mit Bernhard geführt hatte, hat sie doch auch nicht mehr verstanden von Mietrecht, Steuern und ähnlichem Kram. Sie hatte eben das gemacht, was sie gut konnte, hatte für ihren Mann Briefe und Protokolle verfasst, sich darum gekümmert, dass Büromaterial und Kaffee vorrätig waren, mit den Hauseigentümern geplaudert, die Wohnungseigentümer bei Laune gehalten, sowas halt.

Seit ihrer Scheidung und der Fusion war irgendwie der Wurm drin. Erst die Pleite mit Michael, dann hatte man sie mit Arbeit zugeschüttet, vermutlich hatte sie das Thessa zu verdanken gehabt, und jetzt hungerte man sie förmlich aus. In ihrem Postfach waren kaum mehr als ein paar Prospekte über Büromaterial. Sie legte bestimmt keinen Wert darauf, mehr Zeit als notwendig im Büro zu verbringen, aber wenn sie nun schon mal da war, wollte sie schon etwas tun. Es mussten ja nicht unbedingt Betriebskostenabrechnungen sein.

Als sie kurz vor zehn ins Büro kam, eilte Thessa ihr entgegen. Ausnahmsweise lächelte sie, normalerweise wirkte sie immer etwas verbissen.

„Du hast mir doch einmal erzählt, du warst Lektorin.“

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783752100334
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
Patchwork Familienroman Frauenunterhaltung Unterhaltungsroman Hochzeitsroman Frauenroman Heiterer Gesellschaftsroman Humor Gesellschaftsroman

Autor

  • Brigitte Teufl-Heimhilcher (Autor:in)

Brigitte Teufl-Heimhilcher lebt in Wien, ist verheiratete und bezeichnet sich selbst als realistische Frohnatur. In ihren heiteren Gesellschaftsromanen setzt sie sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Fragen auseinander. Sie verwebt dabei Fiktion und Wirklichkeit zu amüsanten Geschichten über das Leben - wie es ist, und wie es sein könnte.
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Titel: Von Hochzeiten, Schwiegermüttern und eifersüchtigen Mäusen