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INSELpink

(INSELfarbe 4)

von Stina Jensen (Autor:in)
298 Seiten
Reihe: INSELfarben-Reihe, Band 4

Zusammenfassung

Es klingt wie ein Traum: Sechs Wochen arbeiten an einem sonnigen Traumstrand Mallorcas, nur Spaß und unkomplizierte Begegnungen - das kommt Ida nach einer stressigen Zeit gerade recht. Sie verliebt sich sofort in die kleine Bucht der Mittelmeerinsel - und auch Xavi, der sympathische Sohn ihrer Chefin Lola, hat es ihr angetan. Da die beiden aber Streit haben, soll sie ihm unbedingt fernbleiben. Das sollte zu schaffen sein, denkt Ida. Doch leider hat sie ihre Rechnung ohne Xavis Hartnäckigkeit gemacht. Auf einer Hochzeit kommt es zum Eklat, und schon steckt Ida mittendrin in spanischen Familienangelegenheiten und riskiert, nicht nur ihren Job, sondern auch ihr Herz zu verlieren ...

Die Romane der INSELfarben- und GIPFELfarben-Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Die chronologische Reihenfolge der Romane: Inselblau (Svea, Langeoog und Mallorca), Inselgrün (Wiebke, Irland), Inselgelb (Claire, Island), Inselpink (Ida, Mallorca), Inselgold (Amanda, Rügen), Gipfelblau (Annika, Zermatt), Gipfelgold (Mona, Bad Gastein), Gipfelrot (Valerie, Schottland), Inseltürkis (Terry, Sardinien), Inselrot (Sandra, Sylt), Gipfelpink (Susa, Teneriffa), Inselhimmelblau (Svea, Langeoog), Gipfelglühen (Sebastian, Allgäu)

Außerdem: »Plätzchen, Tee und Winterwünsche«, »Misteln, Schnee und Winterwunder«, »Sterne, Zimt und Winterträume«, »Muscheln, Gold und Winterglück«, »Vanille, Punsch und Winterzauber«, »Mondschein, Flan und Winterherzen«, »Engel, Blues und Winterfunkeln«, »Sommertraum mit Happy End«, »Stürmisch verliebt«

Spannung und Gefühl vor bedrückender Küstenkulisse. Die Levke-Sönkamp-Reihe – Privatermittlerin mit stolperndem Herzen: Möwentrauer, Möwenschuld, Möwenzorn

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


Impressum

Erstausgabe: Juni 2017

© Stina Jensen

Robert-Bosch-Straße 48

61184 Karben

info@stina-jensen.de

www.stina-jensen.de

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Verfasserin urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werkes sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten zu existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Lektorat und Korrektorat: Ricarda Oertel www.lektorat-oertel.de

Covergestaltung © Traumstoff Buchdesign by Claudia Toman

Covermotive © TravnikovStudio shutterstock.com

Das gesamte Programm von Stina Jensen findest du hier.

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Über die Autorin

STINA JENSEN schreibt Insel- und Gipfelromane, romantische Komödien und Krimis. Sie liebt das Reisen und saugt neue Umgebungen in sich auf wie ein Schwamm.

Meist kommen dabei wie von selbst die Figuren in ihren Kopf und ringen dort um die Hauptrolle in ihrem nächsten Roman. Wenn sie nicht verreist, lebt die Autorin mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt am Main.

Stina Jensen

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Das Buch

Es klingt wie ein Traum: Sechs Wochen arbeiten an einem sonnigen Traumstrand Mallorcas, nur Spaß und unkomplizierte Begegnungen – das kommt Ida nach einer stressigen Zeit gerade recht.

Sie verliebt sich sofort in die kleine Bucht der Mittelmeerinsel – und auch Xavi, der sympathische Sohn ihrer Chefin Lola, hat es ihr angetan. Da die beiden aber Streit haben, soll sie ihm unbedingt fernbleiben.

Das sollte zu schaffen sein, denkt Ida. 

Doch leider hat sie ihre Rechnung ohne Xavis Hartnäckigkeit gemacht.

Auf einer Hochzeit kommt es zum Eklat, und schon steckt Ida mittendrin in spanischen Familienangelegenheiten und riskiert, nicht nur ihren Job, sondern auch ihr Herz zu verlieren ...

Ein Roman, erfrischend wie ein Cocktail am Strand.

Vorwort

Liebe Leserin und lieber Leser,

falls du die ersten drei Teile meiner INSELfarben-Reihe schon gelesen hast, bist du sicher schon gespannt auf die Geschichte von Isländerin Ida. Ich jedenfalls konnte es kaum erwarten, zu erfahren, wie es mit ihr weitergeht. Das ist das tolle für mich an dieser Reihe, dass ich beim Schreiben miterlebe, was meine Figuren durchmachen. Wie sie Konflikte lösen, Geheimnisse aufdecken und sich verlieben.

Teilweise komme ich beim Schreiben nicht darum herum, die örtlichen Gegebenheiten den Erfordernissen der Handlung anzupassen. So ist die Cala Santanya auf Mallorca frei erfunden. Natürlich auch alle im Roman vorkommenden Personen. Sollten Ähnlichkeiten zu lebenden Personen bestehen, wären diese rein zufällig.

Ich wünsche viel Freude mit dieser Geschichte!

Logo

Es klang wie ein Traum:

Sechs Wochen arbeiten auf Mallorca – und damit die Gelegenheit, einmal alles hinter mir zu lassen.

Kein Freund, der mich drängte, zu ihm zurückzukehren.

Kein Chef, der mir kündigte, weil ich einmal einen Fehler gemacht hatte.

Kein Vater, der mich bat, mit ihm Raps anzubauen.

Nur unkomplizierte Begegnungen!

Soweit der Plan.

1

»Ich verstehe einfach nicht, wie du mir das antun kannst.« Mein Vater sah mich unter seiner gelben Schirmmütze hinweg anklagend an. Wir saßen in Askjas Küche am Tisch, meine Tante war am Spülbecken mit dem Geschirr des Vorabends beschäftigt und klapperte damit, als wollte sie es zerschlagen. Wir standen kurz vor unserer Abfahrt zum Flughafen in Kevlavík, das liegt im Westen Islands, eine Dreiviertelstunde von Askjas Hof entfernt. Mein Vater sollte mich fahren. Vorher wollten wir noch meinen Koffer aus meiner Wohnung in Reykjavík einsammeln. Ich hatte mir einen pinkfarbenen Rollkoffer gekauft, in den alles hineinpasste, was ich für die nächsten sechs Wochen benötigte. Außerdem hatte ich mir drei luftige Sommerkleider und neue Unterwäsche angeschafft – nach der Trennung von Gunni vor knapp einem Monat hatte ich etwas zugenommen und wollte meinen Mallorca-Aufenthalt nicht mit einer Diät belasten.

Askja trocknete sich die Hände an einem Geschirrhandtuch und setzte sich zu uns an den Tisch. Sie griff nach der Hand meines Vaters und sagte: »Lebenspläne ändern sich nun mal gelegentlich, Jóhann. Das müsstest du doch am besten wissen.«

Das stimmte. Meine Eltern hatten früher auch hier auf Askjas Hof gelebt. Nach dem Tod meiner Mutter hatte mein Vater sich jedoch irgendwann entschlossen, in den Norden umzusiedeln und dort Raps anzubauen.

»Ich kann mir diese Gelegenheit einfach nicht entgehen lassen, Papa«, bekräftigte ich. »Ich muss mein eigenes Leben leben – ich bin siebenundzwanzig und keine fünfzehn – und wie gesagt, es ist ja nicht für immer. Sechs Wochen, Papa. Die wirst du ohne mich aushalten.«

Ich wusste gar nicht, weshalb ihn das eigentlich so sehr mitnahm. Sonst sahen wir uns auch manchmal einen ganzen Monat lang nicht – doch auch mit diesem Argument hatte ich ihn bisher nicht überzeugen können. Wir führten diese Diskussion seit drei Tagen – genau seit dem Moment, in dem ich dieses kurzfristige Jobangebot auf Mallorca erhalten hatte. Die Besitzerin einer Pension, Lola Moreno, hatte sich bei einem Sturz beide Arme gebrochen und benötigte dringend Unterstützung. Das Ganze hatte Claire, eine amerikanische Freundin, eingefädelt, nachdem ich meinen Job als Empfangsleiterin im Hotel Flex verloren hatte – eine längere Geschichte … Jedenfalls wollte ich meine Chance nutzen und einfach mal alles hinter mir lassen. Sogar meine Freunde hatte ich vorgewarnt, dass ich mich nur sporadisch melden würde. Sechs Wochen waren ja keine Ewigkeit.

»Ich stelle mir immerzu vor, dass du nicht zurückkommst«, wandte mein Vater ein und griff nach meiner Hand – eine Geste, die ihm überhaupt nicht entsprach. Jóhann war nicht besonders gefühlsbetont. Allerdings verstand ich seine Furcht. Er hatte ja nur noch mich.

»Warum sollte Ida nicht zurückkommen?«, schaltete Askja sich wieder in die Unterhaltung ein. »Hier ist ihre Familie. Versteh doch endlich, dass es ihr guttun wird, ein bisschen Abstand zu gewinnen. Du hast mit deiner Rapsernte im Moment genug um die Ohren. Du wirst gar nicht merken, dass sie für eine Weile fort ist.«

Ich drückte die Hand meines Vaters und sah ihn eindringlich an. »Ich komme zurück, Papa. Glaub mir.«

»Versprich es!«

Ich schüttelte lachend den Kopf. »Jetzt dramatisier‘ doch nicht so.«

»Ich meine es ernst, Ida. Versprich, dass du wieder zurückkommst.«

Ich schluckte. Ich versprach nicht gern Dinge. Gunni hatte ich auch mal versprochen, ihn niemals zu verlassen – da wusste ich noch nicht, dass er mich betrügen würde. Vielleicht stürzte das Flugzeug ab? Oder etwas anderes Schlimmes geschah. Würde mein Vater dann an meinem Grab oder meinem Krankenbett stehen und mir innerlich vorwerfen, ich hätte mein Versprechen nicht gehalten? Ich hasste so etwas. Und natürlich wollte ich zurückkehren. Ich wollte die sechs Wochen lediglich dazu nutzen, von Gunni Abstand zu gewinnen und mich von der Kränkung zu erholen, die ich durch die Kündigung im Hotel erlitten hatte. Die hatten mich im Flex rausgeschmissen, weil ich Claire einmal ein Frühstück auf Kosten des Hauses spendiert hatte. Ein Kollege musste mich bei Alvar, meinem Chef angeschwärzt haben. Das Ganze war so lächerlich.

»Ida?«, unterbrach mein Vater meine Gedanken.

Ich verdrehte die Augen. »Mein Gott, Papa, ist ja okay. Ich verspreche es.«

2

Wenige Stunden später sah ich aus dem Fenster des Flugzeugs, das mich über Kopenhagen nach Palma de Mallorca bringen sollte, und kämpfte mit einem flauen Gefühl im Magen. Dabei hätte ich doch erleichtert darüber sein sollen, mir nicht mehr das traurige Gesicht meines Vaters ansehen zu müssen. Hoffentlich gab sich meine Nervosität bald. Was, wenn die Besitzerin der Pension doch nicht so nett war wie erhofft? Ich sprach ganz gut Spanisch, daran sollte die Sache nicht scheitern, aber in Wahrheit machten doch mehr Deutsche als Spanier Urlaub auf der Insel. Und Deutsch sprach ich kein Wort.

Wiebke, die Frau, die mir diesen Job über Claire verschafft hatte, war Deutsche und lebte seit zwei Jahren auf der Mittelmeerinsel. Sie würde bald kirchlich heiraten, was sie groß feiern wollten – die standesamtliche Trauung hatten sie schon vor ein paar Wochen vollzogen, nachdem klar war, dass Wiebke ein Kind erwartete. Ihr Bräutigam war Maler und unterhielt in dem Ort Cala Santanya, in dem auch Lolas Pension lag, eine Galerie. Viel mehr – außer dass die beiden ein Kind erwarteten – wusste ich nicht.

Horchend legte ich den Kopf schräg. Warum gaben Flugzeuge eigentlich immer so komische Geräusche von sich? Ich war noch nicht oft geflogen – zwei Mal war ich in Thailand gewesen, einmal in London, und jedes Mal war ich vor lauter Angst kurz davor gewesen, mich zu übergeben, weil Turbulenzen das Flugzeug in der Luft hin und her warfen. Noch ging es hier ganz ruhig zu. Trotzdem langte ich nach der Tüte in der Rückenlehne meines Vordersitzes und entfaltete sie.

Meine Sitznachbarin, eine Dame mit sonnenverbranntem Gesicht, warf mir einen besorgten Blick zu und sagte in gebrochenem Englisch: »Wir sind noch nicht einmal gestartet.«

Ich packte die Tüte beschämt wieder weg. »Ich weiß.«

In meiner Handtasche kramte ich nach einem Apfel, den Askja mir als Proviant mitgegeben hatte, und hielt die Nase daran. Der frische Geruch des Obstes half mir ein wenig über die Übelkeit hinweg.

»Ach so, ich verstehe«, sagte die Dame und zwinkerte mir zu.

»Was meinen Sie?«, fragte ich und schielte über den Apfel hinweg.

»Das habe ich immer gemacht, als ich schwanger war. An frischem Obst zu riechen, war alles, was half.«

Ich schüttelte lachend den Kopf. »Nein. Das ist zum Glück unmöglich.«

Ich steckte den Apfel wieder weg, nahm stattdessen ein Kaugummi und kaute hektisch. Wie sehr ich wünschte, schon auf der Mittelmeerinsel zu sein, die Starts und Landungen hinter mir zu haben. Und endlich im Sommer anzukommen. Die Tageshöchsttemperaturen lagen in Island im Sommer bei durchschnittlich vierzehn Grad. Ich hatte solches Glück, Claire kennengelernt zu haben und in die Wärme entfliehen zu können – ohne sie hätte ich niemals diese Gelegenheit bekommen.

Doch statt mich darauf zu freuen, dachte ich schon wieder an Gunni. Unsere Beziehung hatte von Anfang an nicht so richtig gestimmt. Er hatte mich nie ernst genommen. Er war Zahnarzt, und ich hatte immer gespürt, dass ihm die Tatsache, dass ich in einem Hotel arbeitete, nicht besonders gut gefiel, auch wenn ich Empfangsleiterin gewesen war und damit in einer führenden Position. Aber das hatte nicht gezählt – in seiner Familie gab es sehr viele Akademiker und so recht kam er nicht damit klar, dass ich keine war. Eigentlich hatte es mich überrascht, wie geschockt er reagierte, als ich unsere Beziehung beendete. Fast gestalkt hatte er mich. Angeblich hatte sein Seitensprung mit einer Patientin nichts zu bedeuten – aber hatte es nicht immer etwas zu bedeuten, wenn jemand fremdging? Für mich jedenfalls schon. Ich konnte das nicht einfach so vergessen, auch wenn er mir noch so oft beteuerte, dass es eine einmalige Sache gewesen war. Unsere Beziehung war Vergangenheit.

Als der Flieger abhob, schloss ich die Augen und dachte an die vor mir liegenden sechs Wochen. Ein neuer Job. Neue Menschen. Ein neuer Lebensabschnitt. Nach der Arbeit würde ich an den Strand gehen und baden, an den Wochenenden oder freien Tagen würde ich die Insel erkunden, abends würde ich mich gemütlich an den Strand setzen und lesen, vielleicht ein Glas Sangria trinken.

Endlich mal die Seele baumeln lassen.

Ich war frei!

3

Nachdem wir erfolgreich in Palma de Mallorca gelandet waren, drängte ich mich an meinen Mitreisenden vorbei und verließ als eine der Ersten das Flugzeug, stieg die Treppen aufs Rollfeld hinunter, wo ein Bus auf uns wartete. In tiefen Zügen sog ich die warme Inselluft in mich ein. Wie gut es hier roch! Nach Blüten und Meer. Nach Sommer.

Claires Freundin Wiebke erkannte ich schon von weitem. Die Frau in der Ankunftshalle trug ein sonnengelbes Umstandskleid, in dem ihr Bauch wie eine Kugel nach vorn stand. Ihr Haar wurde von einem breiten gelben Band aus der Stirn gehalten – sie sah aus, als sei sie einem Fünfzigerjahreplakat entsprungen. Ihr rostbraunes Haar schwang ihr in einer Welle ums Kinn, und nun winkte sie. Sie lächelte und zeigte eine Reihe blitzweißer gerader Zähne.

Wir hatten Fotos voneinander per Handy ausgetauscht – nun standen wir uns gegenüber und begrüßten uns mit Küsschen auf die Wangen.

»Ich hoffe, du hattest einen guten Flug?«, fragte Wiebke in akzentfreiem Englisch.

»Ganz wunderbar«, antwortete ich nicht ganz wahrheitsgemäß. »Hat Spaß gemacht.«

Sie lächelte und zeigte auf meinen pinkfarbenen Rollkoffer. »Der sieht ja noch ganz jungfräulich aus. Neu?«

Ich nickte stolz und betrachtete das leuchtende Teil. Wünschte, die Fröhlichkeit, die diese Farbe ausdrückte, möge sich endlich auf mich übertragen. Denn irgendwie war ich noch immer bedrückt. Wusste der Teufel, warum.

Wiebke schien meine Stimmung zu bemerken. Sie strich mir über den Arm. »Claire hat mir erzählt, dass du gerade ein bisschen was hinter dir hast. Aber mach dir bitte keine Sorgen wegen deines Jobs hier. Du wirst ihn lieben. Alles hier. Du bist im Paradies gelandet.«

Ich lächelte sie dankbar an. Sie schien feine Antennen zu haben.

»Warte, bis du Lola kennenlernst, sie ist ein Unikat«, bekräftigte sie und setzte sich in Bewegung. »Im Moment ist sie etwas unleidlich wegen ihrer gebrochenen Arme.« Leise raunte sie mir zu: »Sie hat eine Haushaltshilfe und nörgelt den ganzen Tag an dieser armen Seele herum. Hoffentlich bessert sich ihre Laune jetzt endlich.«

Ich folgte Wiebke, deren Gangart mich an einen Pinguin erinnerte, in ein Parkhaus, während meine Begleiterin fortfuhr: »Du kommst übrigens zur besten Zeit des Jahres. Es ist noch nicht so heiß, alles blüht, die Hauptsaison fängt gerade erst an – die Strände und Straßen sind nicht so überfüllt. Es ist herrlich!«

Mit diesen Worten öffnete sie den Kofferraum eines staubigen, verbeulten Kleinwagens, vor dem wir eben zum Stehen gekommen waren.

Ich hievte den Koffer ins Auto, dann stiegen wir ein, und Wiebke lenkte das Auto zielsicher aus dem Parkhaus.

Auf dem Weg über die Schnellstraße in Richtung Ostküste knabberte ich an Askjas Apfel, während Wiebke sich nach Claire erkundigte und pausenlos von ihrer Freundschaft erzählte. Die beiden hatten sich vor anderthalb Jahren auf einer Reise nach Irland kennengelernt und seither nicht aus den Augen verloren. Möglicherweise gehörte Wiebke zu den Menschen, die es nicht gut aushielten, nebeneinander in einem Auto zu sitzen und zu schweigen. Wenn man in Island lebt, ist man das gewohnt. Man bringt viel Zeit im Auto zu, um von einem Teil der Insel zum anderen zu kommen, und kann dabei stundenlang aus dem Fenster schauen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Es geht nichts über die Weite meiner Heimat. Hier auf Mallorca wurde das Auge von so vielem abgelenkt – Windmühlen in der Ferne, deren stillgelegte Rotoren sich vor dem blauen Himmel abzeichneten, Erdbeerfelder und Orangenplantagen. In Island reichte ein Blick bis in die Unendlichkeit.

»Und du heiratest also bald?«, fragte ich, nachdem ich sie bezüglich Claire auf den neuesten Stand gebracht hatte, und deutete auf ihren Bauch. »Wann ist es denn so weit?«

Ich warf den abgebissenen Apfel aus dem Fenster.

»In acht Wochen«, antwortete meine Fahrerin und biss sich auf die Unterlippe, dann lächelte sie verlegen. »So langsam bekomme ich Angst.«

Ich sah sie mitfühlend an. »Würde mir nicht anders gehen.« Das würde es wirklich nicht. Allein, wenn ich an eine Geburt dachte, wurde mir ganz anders.

»Na ja, bei dir hat das Kinderkriegen ja noch ein bisschen Zeit«, fuhr Wiebke fort, »du hast dich gerade getrennt, stimmt’s?«

Ich nickte und umriss ihr die Geschichte mit Gunni, spürte im selben Moment, dass mit dieser neuen Umgebung die Erinnerung an das, was geschehen war und mich in Island in den letzten Wochen so sehr gequält hatte, zu verblassen begann. Ich würde Gunni ganz sicher vergessen und hinter mir lassen können. Hier zu sein, tat jetzt schon verdammt gut.

4

Lola hatte ich mir genauso vorgestellt, wie sie aussah: Eine rassige, drahtige Spanierin um die Sechzig mit blitzenden braunen Augen und schwarzem Haar, das sie in Form einer Banane hochgesteckt trug. Allerdings hatte sie in meiner Fantasie keine Flipflops, sondern Pumps an den Füßen, und ihre Arme waren nicht eingegipst gewesen. Ihr hing eine doppelte Stoffschlinge um den Hals, die vor ihrer Brust endete – in jeder Schlinge hing ein eingegipster Arm. So lief sie uns aus der Galerie entgegen, die – wie Wiebke mir beim Einparken erklärte – ihrem Bräutigam Miguel gehörte. Tagsüber zog er sich in sein Atelier unter dem Dach des Gebäudes zurück. Im mittleren Stockwerk lag ihre gemeinsame Wohnung. Das Haus selbst war Teil einer ganz in weiß gestrichenen Häuserzeile gegenüber der Strandpromenade.

Zwei Türen neben der Galerie lag Miguels Tapasbar. Lola habe sie eine Zeit lang bewirtschaftet, raunte mir Wiebke zu, während wir den Koffer ausluden, doch schließlich habe sie eingesehen, dass sie mit der Bar und ihrem Hotel überfordert war, und Miguel hatte jemanden dafür eingestellt.

Die Bucht war wunderschön: Der helle Strand hob sich gegen das türkis schimmernde Meer ab, rechts war die Bucht von Felsen eingefasst, links, etwas weiter entfernt, lag ein malerischer Hafen.

»Mein Gott«, sagte ich bewundernd zu Wiebke, »wie wohl du dich hier fühlen musst.«

Sie nickte stolz. »Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen, als genau hier zu leben. Früher dachte ich immer, ich bräuchte später mal ein Haus mit Garten. Meine Eltern haben ein großes Grundstück, und als ich in Irland war, kamen Claire und ich in einer kleinen Villa mit einem entzückenden Gärtchen unter – damals habe ich Miguel in den Ohren gelegen, dass ich mir so etwas auch hier gefallen lassen könnte.« Sie lachte und fügte an: »Also nicht die Villa, sondern das Gärtchen. Aber inzwischen kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als die Nähe zum Strand, zur Galerie und zur Bar. Außerdem wohnt Lola nicht weit von hier und sie wird nichts lieber tun, als mir mit dem Baby unter die Arme zu greifen. Vermutlich wird sie sich aufführen, als wäre es ihr Enkelkind. Ich würde um nichts in der Welt tauschen wollen.«

Ich verstand sie hundertprozentig – mir würde es nicht anders ergehen. Wieder sah ich zum Strand. Ein paar Badende hatten sich ins Wasser gewagt, ein Mann warf einen Tennisball für einen Hund.

»Leben Miguels Eltern auch auf Mallorca?«, griff ich das Gespräch wieder auf.

Wiebke sah mich betroffen an. »Sie sind vor fünf Jahren bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen.«

Bevor ich ihr sagen konnte, dass mir das entsetzlich leidtat, war Lola bei uns und versuchte unbeholfen, mich zu umarmen – was ihr mit den eingegipsten Armen nicht besonders gut gelang. Schließlich rieb sie ihre Wange an meiner und sagte auf Spanisch: »Endlich. Dich schickt der Himmel.«

Ich lächelte. »Danke. Ich freue mich auch.«

»Du bist bestimmt hungrig nach der langen Reise«, vermutete Lola und sah uns fragend an. Dann sagte sie lachend zu Wiebke: »Dich brauche ich ja nicht zu fragen.«

Mich hätte sie auch nicht fragen müssen – unter Appetitlosigkeit hatte ich noch nie gelitten. »Ich kann noch ein bisschen warten«, sagte ich dennoch. Immerhin hatte ich gut gefrühstückt, war auf beiden Flügen mit Essen versorgt worden, und hatte eben erst einen Apfel gegessen.

Wiebke zwinkerte mir zu und half mir mit dem Koffer, den wir gemeinsam zur Galerie schoben. »Nachher gibt es Tapas«, raunte sie. »Das Warten lohnt sich.«

Als wir die Galerie betraten, hob ich bewundernd die Augenbrauen. Der Verkaufsraum war nicht allzu geräumig, trotzdem fanden etliche Gemälde von Wiebkes Bräutigam an den Wänden Platz – und auch auf mehreren Staffeleien waren seine Kunstwerke verteilt. Es gab verschiedene Grundmotive – eines davon war die Bucht. Mal eine Panorama-Ansicht, dann wieder ein Detail herausgepickt. Und zwar bis zur Großaufnahme. Als sähe man durch ein Mikroskop. Dasselbe mit einem Golfplatz, der offenbar – nach dem Grün der Umgebung und einer Schafherde in der Ferne zu urteilen – in Irland lag. Es gab aber auch einen nordisch aussehenden Leuchtturm, den Wolken umgaben, als habe sie jemand mit dem Kameraobjektiv herangezoomt. Man musste schon sehr nah an die Bilder herantreten, um zu erkennen, dass es sich nicht um Fotografien handelte. Ich war beeindruckt.

»Wie lange malt Miguel an so einem Bild?«, wandte ich mich an Wiebke.

Diese hob die Schultern. »Für den ersten Entwurf braucht er einen Tag. Dann meist noch mal einen oder zwei Tage für den Feinschliff. Er malt ganze Serien, bei denen sich nur Details ändern. Das macht den Reiz seiner Bilder aus.«

»Verkaufen sie sich gut?«, fragte ich.

»Inzwischen können wir prima von seinen Einnahmen leben, und Miguel legt sogar jeden Monat noch etwas zur Seite. Wir verschicken seine Bilder nach ganz Europa. Seine Kunden sind Firmen mit viel Platz, die sich wünschen, dass ihr Produkt oder ihre Philosophie außergewöhnlich in Szene gesetzt wird.« Sie lächelte. »Oder Privatleute, die eine besondere Urlaubserinnerung haben möchten.«

Sie deutete auf eine Frau, die eben aus einem Hinterraum trat, und die ich wie Lola auf etwa Sechzig schätzte. »Das ist übrigens Pilar, unsere Perle. Sie ist eine Freundin von Lola und leitet die Galerie, seitdem ich wieder als Lehrerin arbeite.«

Pilar gab mir die Hand. »Encantada, Ida. Bienvenidos.«

Ich nickte und sagte: »Ich freue mich auch.« Dann wandte ich mich wieder an Wiebke und deutete auf ihren Bauch: »Du arbeitest noch?«

Sie schüttelte den Kopf. »Bis vor drei Tagen habe ich als Grundschullehrerin in Palma an der deutschen Schule gearbeitet. Jetzt bin ich im Mutterschutz.«

»Was wird es denn eigentlich?«

Wiebke strahlte. »Ein Mädchen.«

»So«, sagte Lola, und ich sah ihr an, dass es ihrer Art entsprochen hätte, nun in die Hände zu klatschen, um zu dem zu kommen, weswegen ich eigentlich hier war. »Wollen wir?«

Ich sah fragend von einer zur anderen.

»Ich möchte dir zeigen, wo du die nächsten Wochen wohnen und arbeiten wirst – danach kommen wir wieder zurück und essen ein paar Tapas mit Miguel, was meinst du?«, fragte Lola.

Zu Wiebke gewandt sagte sie: »Du legst dich jetzt bitte ein bisschen hin und ruhst dich aus. Miguel hätte Ida abholen sollen, wo ich es schon nicht kann.« Mit diesen Worten schnalzte sie missbilligend mit der Zunge und ging bereits nach draußen, während Wiebke mir zuraunte: »Bitte mach dir nichts daraus, wenn sie herummeckert. Es sind nicht nur die gebrochenen Arme, die ihr zu schaffen machen – sie hat außerdem Streit mit ihrem Sohn. Seit Wochen reden sie und Xavi nur das Nötigste miteinander.«

»Warum das?«

Sie kräuselte die Nase. »Darüber schweigt sie sich aus, genau wie Xavi.« Wiebke seufzte. »Diese temperamentvollen Spanier haben eben ihren ganz eigenen Kopf. Eine Horde Esel managt sich leichter.«

Ich grinste und griff nach meinem Koffer. »Dann bis später – ich werde schon mit ihr fertig.«

Wiebke hob beide Daumen. »Du schaffst das.«

* * *

Als ich aus der Galerie nach draußen in die Sonne zu Lola trat, zeigte diese auf die Bar nebenan und sagte: »Miguel hat sie vor zwei Jahren wiedereröffnet, nachdem sie ein paar Jahre geschlossen war. Sein Koch macht hervorragende Tapas – nur meine sind besser.« Sie bleckte verlegen die Zähne und setzte sich in Bewegung. »Wenn ich könnte, würde ich es dir beweisen.«

Vor mich hinlächelnd rollte ich meinen Koffer hinter ihr her über den Bürgersteig, genoss wieder die Aussicht auf die Bucht, hätte am liebsten meine Zehen ins Meer gestreckt oder mich im warmen Sand niedergelassen. Doch das konnte ich später immer noch tun.

Wir bogen in eine schmale Straße ein, die in ein verwinkeltes Ortszentrum führte. Der kurze Marsch durch die Altstadt führte uns vorbei an Souvenirläden, einer Metzgerei und einer Apotheke, dazwischen lagen Bars und Restaurants.

In einer besonders engen Gasse kamen wir zum Stehen, und Lola dirigierte mich eine Treppe zu einer Pension hinauf – über dem Eingang stand Hotel Sonrisa geschrieben.

Es roch nach einer Mischung aus Putzmittel und Blumen, darüber schwebte eine Nuance des Rasierwassers eines grauhaarigen Herrn hinter dem Empfang, den Lola mir als »Alejandro« vorstellte.

Er und ich würden uns die Schichten teilen. Nachts war die Rezeption nicht besetzt – jedoch täglich von sieben bis zweiundzwanzig Uhr. Das Frühstück zwischen acht und zehn gehörte ebenfalls zu meinem Job. Gäste aus- und einchecken, Angebote verschicken, Kreditkartenbelastungen. Lola ratterte alles in einer Geschwindigkeit hinunter, die mich nur deshalb nicht überforderte, weil all das die letzten Jahre schon zu meinen Aufgaben gehört hatte. Nur ihr Buchungssystem kannte ich noch nicht. Dieses sollte mir Alejandro in den nächsten Tagen beibringen.

Er zwinkerte mir freundlich zu und tippte etwas in den Computer ein.

»Alles verständlich bis hierher?«, unterbrach Lola ihren Redeschwall und sah mich fragend an.

Ich nickte und gähnte. Ups.

»Bist du müde von der Reise?«, fragte sie. »Dann zeige ich dir am besten dein Zimmer.« Im selben Moment runzelte sie die Stirn. »Ach, das weißt du ja noch gar nicht. Hier kannst du nicht wohnen, weil wir voll sind. Deshalb habe ich dir das Zimmer über der Bodega meines Sohnes fertig gemacht.«

Eine Bodega. Das klang gut. »Ist das weit von hier?«, fragte ich.

»Nein, nein. Das ist auch nicht das Problem. Aber – nur damit du Bescheid weißt –« Sie drehte sich von Alejandro weg, der uns einen neugierigen Seitenblick zuwarf, und raunte: »Mein Sohn und ich, wir haben im Moment einen Streit.« Sie verzog den Mund. »Einen großen Streit, um exakt zu sein. Es ist deshalb etwas dumm, dass ich dich bei ihm unterbringen muss, aber das Zimmer gehört mir.«

Wiebke hatte ja bereits eine Auseinandersetzung zwischen den beiden erwähnt. So lange ich nichts damit zu tun hatte, störte mich das nicht weiter.

Lola wandte sich an Alejandro und sagte: »Gibst du der jungen Dame bitte die Schlüssel? Ich laufe eben mit ihr rüber.«

Alejandro nickte und reichte mir kurz darauf ein Schlüsselbund mit zwei Schlüsseln und einem Anhänger mit der Aufschrift »Cámara Xavi«.

Dankend steckte ich das Teil in meine Hosentasche.

Wenige Augenblicke später folgte ich Lola durch zwei enge Gässchen, bis wir vor einer Bar stoppten, über der eine Leuchttafel den Namen Bodega Sol verkündete. Musik klang nach draußen, vor der Tür standen eine Handvoll Gäste und rauchten, im Lokal wurde auf einem an der Wand befestigten Fernseher ein Fußballspiel übertragen.

Als wir die Bodega betraten, bemerkte ich einen etwa dreißigjährigen Mann mit lockigen schwarzen Haaren, die er sich in diesem Moment hinter die Ohren strich. Die buschigen Augenbrauen und die dunklen Bartstoppel verstärkten seine männliche Ausstrahlung. Über einem dunkelblauen T-Shirt trug er ein kariertes Halstuch lässig um den Hals geschlungen, er wirkte kräftig und muskulös, wie ein Bär.

Lola stolzierte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, am Tresen vorbei und trat durch eine an der Seite gelegene Tür, die in ein Treppenhaus führte. Eilig folgte ich ihr – so wie der Blick des Mannes, der meinen für eine Sekunde streifte. Ich hatte noch nie jemanden mit so dunklen Augen gesehen. Augen wie Teiche.

Lola hatte Mühe, die schmale Treppe zu erklimmen. Es war nicht ganz ungefährlich, dies zu tun, ohne sich festhalten zu können. Ich selbst zerrte den Koffer mit Mühe hinter mir her. Das Ding war verdammt schwer.

»War das dein Sohn?«, fragte ich, als sie mich bat, die Tür des Zimmers, vor dem wir zum Stehen gekommen waren, mit einem der beiden Schlüssel aufzuschließen. Der andere war für die Eingangstür unten. Falls es Xavi gewesen war, an dem wir eben vorbeigegangen waren, hätte ich mich ihm zumindest gern vorgestellt.

Im selben Moment vernahmen wir Schritte hinter uns und ein sonores »Guten Tag auch, Mama. Willst du mir deinen Gast nicht vorstellen?« erklang.

Ich wandte mich um.

Aha. Er war es also. Die Ähnlichkeit der beiden war unverkennbar. Xavi war einer dieser Männer, die einem sofort das Gefühl vermittelten, verletzlich zu sein. Als sei man plötzlich wieder ein Kind, das nichts mehr ersehnt, als sich in den Arm eines Erwachsenen zu kuscheln – und alles würde gut werden. Anscheinend hatte ich ihn angestarrt, denn er zwinkerte mir zu.

Lola machte eine Geste, als wollte sie ihre Arme verschränken – was ihr selbstverständlich misslang. Stattdessen reckte sie das Kinn vor und sagte etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand. Vermutlich Katalanisch. Die Landessprache Mallorcas war ganz anders als Spanisch. Im Grunde hatte ich keine Ahnung, worum es ging, wenn ich es mir auch denken konnte: um mich. Jedenfalls stritten sie nicht gerade leise – ob ihre Gäste oder ich etwas davon mitbekamen, schien sie nicht im Geringsten zu interessieren. Xavis Augenbrauen waren zu einer dunklen Linie verzogen.

Unwillkürlich musste ich an Gunni denken. Er hätte neben Lolas Sohn unscheinbar gewirkt, obwohl auch er nicht klein war. Doch Gunni war von Natur aus drahtig, er würde niemals dick werden. Xavi, wenn er nicht achtgab, vielleicht schon. Im Moment war er jedoch weit davon entfernt.

Als er die restlichen Stufen nach oben nahm und mir die Hand hinstreckte, zuckte ich zusammen.

»Ich bin Xavi«, sagte er und gab mir einen festen Händedruck.

Ich mochte diesen weich klingenden Namen. Chavi mit kehligem CH.

»Ida«, erwiderte ich und wurde mir wieder darüber bewusst, dass mein Name auf Spanisch so viel wie »Hinreise« hieß. Im Spanischunterricht hatten wir darüber lachen müssen.

Xavi zwinkerte. »Encantado, Ida.«

In diesem Moment schob Lola sich zwischen uns und zischte ihrem Sohn etwas zu. Dann drängte sie mich ins Zimmer – mein Koffer blieb am Türrahmen hängen und wir wären fast ins Stolpern geraten. Nicht auszudenken mit Lolas eingegipsten Armen. So gestresst, wie sie mich ansah, dachte sie dasselbe.

Mit ihrer Hüfte stieß sie die Tür hinter uns ins Schloss, und ich hörte, wie Xavi pfeifend die Treppe wieder hinabstieg.

Dies schien Lola noch mehr in Rage zu bringen. Sie schloss die Augen und atmete tief durch.

»Eins musst du mir versprechen«, sagte sie schließlich und sah mich entschlossen an.

»Ja?«

»Ich möchte, dass du ihn meidest. Sprich nicht mit ihm. Er ist sehr böse zu mir.«

Überrascht sah ich sie an. Ich sollte nicht mit ihm sprechen? Wie stellte sie sich das vor?

»Lola«, versuchte ich es diplomatisch, »mit dem Streit zwischen dir und deinem Sohn habe ich doch gar nichts zu tun. Außerdem kann ich schlecht hier wohnen und ihn nicht einmal grüßen. So unhöflich möchte ich nicht sein.«

Sie sah mich abschätzend an, dann erwiderte sie: »Na schön, du darfst ihn grüßen. Aber sonst nichts. Ich möchte nicht, dass du mit ihm hinter meinem Rücken über mich redest.«

»Das würde ich niemals tun«, beteuerte ich.

»Und nicht mit ihm anbandeln!«

Ich riss die Augen auf. Was für eine absurde Idee. Ich war weiß Gott nicht hier, um vom Regen in die Traufe zu kommen.

»Versprich es!«, forderte sie – offenbar missinterpretierte sie meine Sprachlosigkeit.

Ich legte den Kopf schräg. Warum nahm mir eigentlich alle Welt Versprechen ab? Wirkte ich so unzuverlässig, dass ich um Schwüre nicht herumkam?

»Ich verspreche es«, sagte ich ergeben.

5

Nachdem sie mich alleine gelassen hatte – wir verabredeten uns in einer Stunde in Miguels Bar an der Strandpromenade – ließ ich das kleine Zimmer auf mich wirken. An der Wand über einem Tisch hing eines von Miguels Gemälden, die die Bucht zeigten. Offenbar hatte er beim Malen aus dem Fenster seines Ateliers gesehen. Eingehend betrachtete ich die vielen Details, bis mir die Augen tränten und ich mich abwandte.

Sehnsüchtig fasste ich das mit türkisfarbener Bettwäsche bezogene Bett ins Auge. Eine Stunde hatte ich noch Zeit. Ob ich die für ein Päuschen nutzen sollte? Ich war total kaputt.

Gähnend ließ ich mich auf das Kissen sinken.

Prompt dachte ich an zu Hause.

Ich bin auf einem Gehöft zwanzig Kilometer außerhalb Reykjavíks aufgewachsen. Meine besten Freunde waren Kristján, der sieben Jahre ältere Sohn meiner Tante Askja, meine gleichaltrige Freundin Katha, die mit ihrer Familie auf einem Hof ganz in der Nähe wohnte und mit mir in eine Klasse ging – und Stjarna, mein Pony.

Meine Eltern bekamen mich spät, ich war ein Wunschkind, herbeigesehnt seit Jahren – und dann starb meine Mutter, als ich elf Jahre alt war.

In meiner Erinnerung wird Karin mehr und mehr zu einem Engel. Von ihr habe ich mein Aussehen geerbt, besonders die dicken blonden Haare, die wie bei einem Kobold störrisch vom Kopf abstehen, bis sie eine gewisse Länge erreicht haben und sich endlich der Schwerkraft beugen. Meine Mutter liebte die Musik, sie sang in einem Chor und auch zu Hause während der Hausarbeit. Sie verstand sich gut mit Askja, war so etwas wie das Bindeglied zwischen meinem Vater und meiner Tante, die nicht immer einer Meinung waren. Nachdem Mama gestorben war, wurden die Streitereien der beiden immer schlimmer. Zuletzt zerstritten sie sich so sehr, dass mein Vater den Hof verließ und im Norden eine Farm kaufte.

Er und ich sind auch oft nicht einer Meinung. Mein Vater ist häufig störrisch, manchmal hört er einfach nicht richtig zu. Außerdem wünscht er sich, dass ich genauso lebe, wie er und Mama das getan haben: wie in einer Blase. Ich bin nicht so. Ich umgebe mich gern mit Menschen und fremden Kulturen, deshalb habe ich eine Ausbildung im Tourismus absolviert und Spanisch gelernt. Um mein Taschengeld aufzubessern, habe ich Askja bei den Ponywanderungen geholfen, als sie noch welche anbot. Inzwischen fühlt sie sich dafür zu alt und besitzt nur noch ein Islandpony und ein paar wenige Schafe, nebenbei führt sie noch die Strickfabrik ihrer längst verstorbenen Eltern, in der meine Mutter viele Jahre als Bürokraft gearbeitet hatte. Mein Vater wollte davon nie etwas wissen.

Als ich Gunni kennenlernte, hatte ich gerade meinen Job im Hotel angenommen. Wir kannten uns schon länger vom Sehen – wenn man in einer kleinen Stadt wie Reykjavík lebt, bleibt das nicht aus. Erst auf einer Mittsommerparty sprach er mich an, und er gefiel mir. Schlank, blond, sportlich – ich mochte seine blaue Augen und seine zierlichen Hände. Er brachte mich mit seiner arroganten Art, die ich eine Zeit lang mit lässigem Charme verwechselte, zum Lachen. Wenn er mit anderen flirtete, war ich mir sicher, dass auch das nur Spaß war.

Manche Dinge merkt man einfach zu spät. Vielleicht hatte ich aber auch so lange an ihm festgehalten, weil er der erste Freund war, der die Anerkennung meines Vaters fand. Gunni war Zahnarzt, und das war in Papas Augen so ungefähr das Höchste, zu dem man es bringen konnte.

Als es an die Tür klopfte, schrak ich hoch. War ich eingeschlafen und hatte die Verabredung mit Lola, Wiebke und deren Bräutigam verpasst? Nein, ich war wohl nur über meine Gedanken an Zuhause fast eingedöst, es waren keine fünf Minuten vergangen, stellte ich beim Blick auf mein Handy fest.

Benommen tappte ich zur Tür, öffnete sie einen Spalt – und blickte direkt in die dunklen Augen von Xavi.

»Ich wollte mich bei dir entschuldigen«, sagte er und sah dabei ehrlich betroffen aus, während ich die Tür vollständig öffnete. »Wegen des Streits mit meiner Mutter. Sie hat mir nicht gesagt, dass jemand hier einzieht. Das hätte ich einfach nur gern gewusst. Könnte ja auch mal sein, dass jemand nach dem Zimmer fragt. Dann wäre es ungünstig, wenn ich es auch jemandem zusage.«

»Kein Problem«, erwiderte ich. »Ich wusste nicht mal sicher, ob es um mich ging. Ich verstehe kein Katalanisch.« Hatte Lola nicht gesagt, das Zimmer gehöre ihr?

»Jedenfalls, wenn du Lust auf ein Bier hast oder so«, fuhr Xavi fort, »bist du jederzeit herzlich eingeladen.«

Ich wippte mit den Zehen auf und ab. »Das ist sehr nett, danke.«

Er sah mich erwartungsvoll an, als hätte er sich mehr als diese Worte erhofft. Eine Zusage vermutlich.

»Es könnte nur sein, dass ich nicht auf das Angebot zurückkomme«, erklärte ich, »da ich mich nicht in euren Streit einmischen möchte.« Besser, ich klärte ihn gleich über meine Lage auf. Dann entstanden auch keine Missverständnisse.

Er knabberte an seiner Unterlippe. »Verstehe, sie hat dich schon instruiert. Mit was hat sie dir gedroht, wenn du mit mir sprichst? Mit Entlassung?«

Ich schüttelte schnell den Kopf. »Hat sie nicht. Ich möchte einfach nur meine Arbeit tun und nicht in eure Familienangelegenheiten gezogen werden.«

Nun grinste er wissend.

Erwartungsvoll sah ich ihn an. Gedachte er, noch mehr zu sagen?

»Ich muss dich leider enttäuschen, Ida«, sagte er endlich, und seine Augen blitzten. »Wer mit den Morenos zu tun hat, hat automatisch mit ihren Familienangelegenheiten zu tun.«

Mit diesen Worten kehrte er mir den Rücken zu und ging lachend die Treppe hinunter.

6

Als ich eine halbe Stunde später in Miguels Bar eintraf, klangen dort leise Flamencoklänge aus Lautsprechern; es roch nach frisch geschnittenen Zitronen und Wein, aus der Küche schwebte der Duft von gebratenem Fleisch und Knoblauch in den Gastraum. Mein Magen knurrte.

Das Publikum – der Sprache nach größtenteils Deutsche und Engländer – lachte und unterhielt sich. Ein Pärchen stieß miteinander an und küsste sich innig.

Ich trat an die Theke und wandte mich an den Barmann, deutete auf den einzigen freien Tisch in einer Ecke des Raums. »Darf ich mich dort hinsetzen?«

Er beugte sich nach vorn, damit ich ihn besser hören konnte. »Bist du die Isländerin?«, wollte er wissen.

Ich lächelte und nickte.

Er machte eine einladende Geste in Richtung des von mir anvisierten Tisches. »Miguel hat ihn für euch reserviert. Er und seine Braut werden jeden Moment eintreffen.«

Erleichtert ließ ich mich auf einen Platz an der Wand sinken und sah mich um. Es war sehr gemütlich hier drin. Der bunt gekachelte Tresen harmonierte mit den sonnengelb gestrichenen Wänden, an denen Miguels Kunstwerke hingen. Eines zeigte Wiebke mit dickem Bauch in einem schwarzweiß gepunkteten Badeanzug. Sie trug einen breitkrempigen Hut mit Schleife und sah aus wie ein glückliches Bonbon. Selten hatte ich eine Frau gesehen, der eine Schwangerschaft so gut stand.

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, betraten Wiebke und Lola in Begleitung eines Mannes die Bar.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, wie Wiebkes Bräutigam aussehen mochte – möglicherweise hatte ich an einen zerzausten Kerl in farbverspritztem Kittel gedacht. Miguel sah jedoch ganz anders aus. Ich schätzte ihn auf Anfang dreißig, er hatte olivfarbene Haut, das kurze schwarze Haar nach oben gegelt, betonte es sein fast jugendliches Gesicht. Er trug ein Polohemd, Jeans und Sneakers. Seine Hände, das spürte ich bei der Begrüßung, waren etwas rau. Farbkleckse waren nicht an ihm zu entdecken.

Er begrüßte mich mit den Worten: »Freut mich, dich kennenzulernen, Ida. Ich weiß schon, wen ich in den nächsten Wochen auf meinen Bildern verewigen werde.«

Wiebke verdrehte die Augen und begrüßte mich mit Küsschen.

»Na super«, sagte sie zu ihrem Freund. »Und ich dachte, wir kümmern uns endlich um die kirchliche Trauung.«

»Worum willst du dich denn noch kümmern?«, fragte Lola, während sie sich setzten. »Es ist doch alles perfekt organisiert.«

Wiebke schnaubte und zählte an den Fingern auf: »Es fehlt noch die Sitzordnung für die Gäste, der Tischschmuck im Zelt und der an den Palisaden zur Kapelle. Der Fotograf ist abgesprungen, weil er woanders mehr Honorar bekommt …« Beim letzten Satz warf sie Miguel einen vorwurfsvollen Blick zu.

Ihr Bräutigam hob beide Hände. »Der Kerl hatte sich doch mit dem verhandelten Preis einverstanden erklärt. Ich nehme auch keine Tagesgage von tausend Euro für ein Bild, cariño. Man muss realistisch bleiben.«

»Offenbar war sein Preis realistisch, sonst hätte er jetzt keinen anderen Auftrag angenommen. Am besten, man macht für solche Dinge einen Vertrag. Dann kann einem auch keiner abspringen.«

Miguel schüttelte amüsiert den Kopf. »Das ist so deutsch, Viebka. Verträge! Ich habe noch nie Verträge mit jemandem gemacht. Ein Handschlag genügt.«

»Na, das sieht man«, murmelte Wiebke.

»Wo wir gerade von Verträgen sprechen«, schaltete Lola sich in die Unterhaltung ein und bat Wiebke, ein paar Zettel aus ihrer Handtasche zu ziehen, die diese mir übergab.

Verdutzt betrachtete ich die Blätter in meiner Hand. Ich hatte noch nie einen Arbeitsvertrag in einer Bar unterschrieben.

»Wiebke hat mir geholfen, ein paar Zeilen aufzusetzen für uns beide«, fuhr Lola fort. Zu Wiebke sagte sie: »Hast du den Stift?«

Wiebke schob mir einen Kugelschreiber zu.

Es waren nur zwei Seiten, in doppelter Ausführung. Der Vertrag regelte meine Bezahlung und Unterkunft, den Zeitraum, für den ich aushalf, sowie meine Arbeitszeiten.

Kurz darauf erhoben wir die Gläser – wobei Miguel mit Lolas Glas gegen meines stieß und es ihr dann an die Lippen hielt. Ein paar Tropfen gingen daneben und Lola stöhnte verärgert auf, verrieb die Tropfen auf der Tischplatte mit dem eingegipsten Ellenbogen.

Wiebke trank eine Saftschorle und sah ihr kopfschüttelnd dabei zu.

Ich nippte am Perlwein und ließ ihn genussvoll in meine Kehle rinnen. So hatte ich mir das vorgestellt: Sommer, Sonne, Meer. Tapas und Sekt. Neue Menschen um mich herum, die mich die schwierige Zeit der letzten Wochen vergessen lassen würden.

Lola, Miguel und Wiebke schienen sehr nett zu sein; ich würde mich hier bestimmt pudelwohl fühlen.

Den unterschriebenen Vertrag stopfte ich in meinen Stoffbeutel, den ich mir eigens für hier gekauft hatte. Wiebke hatte mir bei einer meiner Nachfragen per Handy versichert, dass ich keine Uniform tragen musste, auch keine hochhackigen Schuhe, wie im Flex. Ich hatte nur bequeme Kleider eingepackt und meine Lederhandtasche zu Hause gelassen.

Während wir auf unser Essen warteten, erzählten die drei mir Anekdoten aus ihrem Leben – zum Beispiel, wie Miguel und Wiebke sich kennengelernt hatten, und dass Wiebke einmal aus Trotz eines seiner Gemälde nach Irland verkauft und dann ihre liebe Not hatte, es wieder zurückzubekommen. Lola war in Palma aufgewachsen und hatte sich schon als Kind gewünscht, einmal ein Hotel zu eröffnen. »Dass es so viel Arbeit macht, hatte ich mir aber nicht ausgemalt«, erklärte sie und verdrehte durchaus glücklich die Augen.

Als Wiebke sich auf die Toilette entschuldigte und Miguel etwas mit seinem Barmann zu besprechen hatte, raunte Lola mir zu: »Übrigens darfst du dich darauf freuen, bald Sevillanas zu tanzen.«

Ich sah sie fragend an. »Sevillanas?«

Sie nickte. »Dich hat wirklich der Himmel geschickt. Als ich meinen Freundinnen sagte, dass eine junge hübsche Isländerin bei mir aushelfen wird, waren sie sofort Feuer und Flamme und wollten dich unbedingt kennenlernen. Zu Wiebkes Hochzeit haben wir nämlich einen Auftritt geplant. Da ich ja nun ausfalle, wussten wir nicht mehr ein noch aus. Doch dann kamst du! Wir sind überglücklich!«

Zweifelnd sah ich sie an. Ich konnte nicht tanzen. Mein Rhythmusgefühl entsprach dem eines Fohlens. Es mangelte mir an der Fähigkeit, Arme und Beine rhythmisch zu koordinieren – wusste der Teufel warum.

»Ich bin tänzerisch sehr unbegabt«, wandte ich vorsichtig ein. »Ihr tätet euch keinen Gefallen.«

Lola warf den Kopf zurück und lachte. »Dass du Rhythmus im Blut hast, sehe ich doch sofort, du kannst mich nicht foppen.« Sie beugte sich zu mir hinüber und schlug einen verschwörerischen Ton an. »Und selbst, wenn du noch nicht oft getanzt hast: Sevillanas sind kinderleicht. Du wirst sehen. Natürlich darfst du Wiebke nichts von unserer Überraschung verraten. Sie wird sich riesig freuen!«

Ich überlegte fieberhaft. Wie konnte ich meiner neuen Chefin gleich am ersten Tag einen solchen Herzenswunsch abschlagen?

»Außerdem gibt es wunderbare Kleider, wir werden eines für dich maßschneidern lassen«, sagte Lola und zwinkerte.

»Maßschneidern?« Dieser Gedanke gefiel mir allerdings. Hübsche Kleider liebte ich sehr.

Lola nickte. »Aber ja. Eine Freundin von mir ist eine hervorragende Schneiderin. Du darfst nur in den nächsten fünf Wochen nicht zunehmen und musst drei Mal pro Woche mit uns üben. Aber das dürfte ja kein Problem sein.«

Ich sah sie unsicher an. Immerhin musste ich arbeiten. Und die Abende hatte ich eigentlich für mich …

»Du kennst hier ja niemanden und wirst froh sein, neue Menschen kennenzulernen, stimmt’s?«, schickte Lola hinterher.

Ich schluckte und lächelte. Schon. Aber beim Tanzen?

Offenbar nahm sie mein Zögern als Zustimmung. »Also ist es abgemacht. Morgen Abend um sechs, wenn du mit deinem Dienst fertig bist, hole ich dich vor Xavis Bodega ab. Wir treffen uns immer bei Pilar, sie hat ein großes Wohnzimmer.«

Ehe ich ihr widersprechen konnte, kehrte Wiebke von der Toilette zurück, und Lola bat sie zu meiner Überraschung, mit ihr nach draußen zu kommen. Vielleicht wollte sie etwas mit ihr wegen der Hochzeit besprechen, das Miguel nicht hören sollte, der gerade an den Tisch zurückkehrte.

Dieser vermutete dasselbe. »Für Frauen gibt es nichts Schöneres, als eine Hochzeit zu planen, oder?«, fragte er und sah den beiden hinterher.

Ich hob die Schultern, knabberte noch immer daran, dass ich auf ebendieser Hochzeit tanzen sollte.

»Ich wollte dich auch noch um etwas bitten«, raunte Miguel nun.

Hoffentlich hatte er mich nicht auch schon verplant. Wie sollte ich den beiden klarmachen, dass ich mich keineswegs einsam fühlte? »Ja?«, fragte ich vorsichtig.

»Bist du verschwiegen?«

»Ich denke schon.«

Er kam noch etwas näher und sah sich nach Wiebke und Lola um, die jedoch noch immer draußen verweilten. »Dass ich mich so wenig um die Hochzeit kümmern kann, hat einen Grund«, wisperte er.

Ich legte fragend den Kopf schräg.

»Ich habe ein Haus gekauft.« Er machte ein triumphierendes Gesicht.

»Ein Haus?«

»Für Wiebke und mich – und unser Kind.«

Mir kamen Wiebkes Worte in den Sinn – wie wohl sie sich hier in ihrer gemeinsamen Wohnung fühlte. »In der Nähe?«, fragte ich.

Er deutete nach draußen. »Ja, gar nicht weit. Du hast doch unsere Bucht gesehen?«

Ich nickte.

»Jenseits des Hafens auf den Felsen … Oben befindet sich ein Wohngebiet.« Er lächelte stolz. »Wunderschön ist es da, etwas ganz Besonderes. Das Haus, das ich gekauft habe, ist das letzte an den Klippen. Mit einem großen Garten und Blick aufs offene Meer.«

»Im Ernst?«, fragte ich. Das klang absolut toll.

Miguel sprach weiter. »Ein Haus mit Garten ist Wiebkes größter Traum. Sie möchte eine Schaukel und so kleine Kübel überall, mit Pflanzen.« Er setzte mit den Händen Punkte in die Luft.

Da war er wohl nicht auf dem neuesten Stand. Ich leckte mir über die Lippen. »Aber hier habt ihr es doch wunderschön. Bist du sicher, dass sie sich das wünscht?«

Er nickte nachdrücklich und warf abermals einen Blick zur Tür. Dann fuhr er fort: »Lola habe ich auch nichts gesagt, sie würde es sofort ausplaudern. Es ist schon schwierig genug, das alles geheim zu halten. Santanya ist ein kleiner Ort, in dem viel geredet wird, aber der Verkäufer kommt nicht von hier, und so war es leichter. Nur Xavi weiß Bescheid, aber der ist verschwiegen. Niemals würde er seiner Mutter oder Wiebke etwas verraten. Im Moment wird das Haus jedenfalls renoviert, und ich muss ab und zu hin und nach dem Rechten sehen.« Er zwinkerte mir zu. »Du weißt, wie Frauen sind, manchmal bilden sie sich alles mögliche ein. Du musst Viebka einfach immer nur gut zureden, wenn sie sich beschwert, dass ich so wenig Zeit habe, um mich um die Hochzeit zu kümmern, vale? Das ist ja sowieso mehr Frauensache, wie ich finde. Meinst du nicht?«

Ich starrte ihn belustigt an. Solche Äußerungen hätte er in meiner Heimat nicht loslassen können, ohne eine Sexismusdebatte in Gang zu setzen. »Naja, das könnte man auch anders sehen …«, setzte ich an.

Plötzlich schien er seine Vertraulichkeit zu bereuen. »Sie darf es nicht erfahren, sonst ist die ganze Überraschung hinüber. Es ist mein Hochzeitsgeschenk für sie, als Zeichen meiner Liebe. Verstehst du?«

»Selbstverständlich, ich werde nichts sagen«, beteuerte ich, und es war mir ernst: Ich würde mich weder in Lolas Streitereien mit ihrem Sohn noch in Wiebkes und Miguels Angelegenheiten einmischen.

In diesem Moment betraten seine Braut und Lola die Bar und steuerten auf unseren Tisch zu.

»Wo bleiben eigentlich die Tapas?«, fragte Lola und sah sich suchend um. »Solange hat Jordi noch nie gebraucht.«

Miguel lachte und stand auf. »Weil es ganz besonders viele sind«, sagte er und ging Richtung Küche, deren Eingang hinter der Bar lag.

Kurz darauf erschienen er und der Koch mit zwei riesigen Platten. Ich sah ihnen ungläubig entgegen.

»Was ist das alles?«, fragte ich und spürte, wie mir das Wasser im Mund zusammenlief.

Miguel deutete auf die einzelnen Speisen und erklärte: »Mejillones, Albóndigas, Patatas bravas. Und hier: Datteln, Aprikosen und Pflaumen im Speckmantel. Salat von zweierlei Linsen mit gedämpftem Lachs. Garnelen Avocado-Cocktail. Bresaola-Körbchen mit Pinienkernen. Tartelette von Birne und Gorgonzola. Und hier Gambas al ajillo.«

Ich starrte auf das köstlich duftende Essen. Am liebsten hätte ich mich sofort darauf gestürzt.

Lola nahm einen Arm aus der Schlinge und bat Wiebke, ihr eine Gabel so in den Gips zu schieben, dass sie sie wie einen Spieß benutzen konnte. Dann lud Wiebke ihr eine Auswahl der Köstlichkeiten auf einen Teller und schob ihn zu ihr hinüber.

Amüsiert beobachtete ich, wie Lola sich mit der Gabel im Gips verrenkte, um an ein Tapa zu gelangen.

Ich nahm mir von jedem etwas und ließ den köstlichen und vielfältigen Geschmack auf der Zunge zergehen. Es stimmte einfach alles. Genussvoll stöhnte ich auf.

»Schön, dass es dir so gut schmeckt«, freute sich Wiebke. »Das hatte ich gehofft.«

»In letzter Zeit könnte ich Berge verdrücken«, murmelte ich. »Seitdem ich diesen Stress mit meinem Freund und im Hotel hatte, schaufle ich alles nur noch so in mich hinein.«

Lola schüttelte den Kopf. »Bei mir ist es umgekehrt: Bei Stress geht mir der Magen zu. Und da ich die meiste Zeit Stress habe, bin ich so schlank.«

Wiebke strich ihr über die Schulter. »Du hast doch jetzt allen Grund ein bisschen kürzer zu treten«, sagte sie mit Blick auf mich.

Lola sah Wiebke kopfschüttelnd an. »Diesen Stress habe ich gar nicht gemeint.«

Ich blickte konzentriert auf meinen Teller. Vermutlich sprach sie von ihrem Sohn. Wenn ich ehrlich war, hätte es mich natürlich schon interessiert, worum es in ihrem Streit ging. Doch auch Wiebke hakte nicht nach. Sie verdrehte in Miguels Richtung sehr dezent die Augen, dann baten sie mich, ihnen von Island zu erzählen, was ich natürlich gerne tat. Ich war diese Fragen von Hotelgästen gewohnt – einige Menschen nahmen an, es gäbe Eisbären in Island, allerdings war das nicht der Fall. Wir hatten nicht einmal normale Bären.

Als wir satt und nur noch vereinzelte Tapas übrig waren, überfiel mich plötzlich bleierne Müdigkeit, und ich kündigte meinen Aufbruch an. Auch Wiebke wollte bald ins Bett, sagte, ihre Füße seien angeschwollen und ihr Rücken schmerze. Und auch Lola war mit ihrer Haushaltshilfe zum Duschen verabredet, wie sie zwinkernd bemerkte. Ihr Appartment lag nicht weit von ihrer Pension – doch als ich ihr anbot, gemeinsam zu laufen, winkte sie ab und sagte, es täte ihr gut, noch einen Moment allein zu sein.

Vor Xavis Bodega Sol schlängelte ich mich an einer Gruppe rauchender Gäste ins Lokal und ging nach einem kurzen Gruß an Xavi vorbei. Dieser war mit einem Gast in ein Gespräch vertieft und schien mich gar nicht wahrzunehmen.

Kurz darauf ließ ich die Zimmertür hinter mir ins Schloss fallen. Die Geräusche aus der Bar und von der Straße drangen ungefiltert nach oben in meine Kammer. Hoffentlich konnte ich schlafen. An Ohropax hatte ich nicht gedacht, vielleicht würde ich mir morgen welches besorgen.

Doch meine Befürchtungen waren unbegründet. Das Gemurmel und Lachen der Gäste, vermischt mit der Musik und einem gelegentlichen Klirren, wiegten mich in einen tiefen Schlaf.

7

Morgens um sechs riss mich der Handyalarm aus einem Traum. Ich stand an einer Klippe und sah hinab in die Tiefe. Dort schwamm ein Rudel Haie im Kreis. Etwas trieb im Wasser. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass ich es war.

Benommen rieb ich mir die Augen und tappte in das ans Zimmer angrenzende Mini-Bad. Ich hatte es gestern nicht einmal mehr geschafft, mich abzuschminken – meine Augen waren von dunkel zerlaufener Wimperntusche umrahmt, mein Haar, das ich stets in einem geflochtenen Zopf trug, war herausgerutscht und stand nach allen Seiten ab. Lediglich mein hellblaues Schlafshirt hatte ich angezogen. An meinem Busen spannte neuerdings der Stoff.

Als ich kurz darauf frisch geduscht aus dem Bad trat, ging ich gedanklich den Inhalt meines Koffers durch und entschied mich für eines der drei neuen Kleider, die ich vor zwei Tagen gekauft hatte. Das weiße Teil fiel mir luftig um die Hüften, und ich freute mich schon darauf, es zu tragen, wenn meine Haut etwas Bräune angenommen hatte. Im Sommer wurden auch meine Haare eine Nuance heller, was ich ganz gern mochte. Den Rest meiner Kleider räumte ich in den schmalen Schrank in meiner Kammer und schob den leeren Rollkoffer unters Bett.

Eine Viertelstunde später verließ ich summend das Zimmer. In der Bar war alles ruhig und noch nicht aufgeräumt. Benutzte Gläser übersäten den Tresen; auf dem Boden, zwischen Staubflocken und zerknäulten Papierservietten verteilt, lagen Zahnstocher. Ich fragte mich, wo Xavi wohnte – bei Lola vermutlich nicht.

Als ich um kurz vor sieben im Hotel ankam – auf meinem Weg hatte ich in einem Minimarkt ein kleines Müsli für später gekauft – war Alejandro, der mich einweisen sollte, bereits vor Ort.

Bei meinem Anblick hob er eine Augenbraue und sagte: »Das lässt du aber nicht an, oder?«

»Wieso?«

»Das ist ein Strandkleid.«

Erstaunt sah ich an mir herab. »Ein ganz normales Kleid würde ich sagen. Wiebke hat mir gesagt, es gäbe keine Uniform.«

»Das ist auch korrekt, aber wir wollen doch nicht für Gäste gehalten werden. Ein formelleres Kleid wäre angebracht. Weniger Rüschen.«

Ich stellte mich neben ihn an den Empfang und betrachtete ihn verstohlen. Er trug ein weißes T-Shirt, darüber einen dunkelblauen Pullunder, dazu eine dunkle Anzugshose. Alles schon etwas in die Jahre gekommen. Da sah ich doch irgendwie flotter aus. Ich würde einfach nachher Lola fragen. Wenn sie derselben Meinung war, dann würde ich mir etwas anderes besorgen. Und überhaupt, ich war in Spanien. Da war doch alles ganz locker. Im spanischen Fernsehen traten Moderatorinnen in Bikinitops auf. Und was war an Rüschen verkehrt?

Nachdenklich betrachtete ich meine Sandalen. Sah ich aus, als käme ich vom Strand? Ich fand nicht. Sand befand sich keiner zwischen meinen Zehen.

»Vielleicht werde ich morgen ein anderes anziehen«, sagte ich versöhnlich und sah ihn fragend an. »Ich sollte mich um das Frühstück für die Gäste kümmern, oder? Kannst du mir zeigen, wo alles ist?«

Alejandro nickte und ging voraus durch einen Flur, an dessen Ende wir einen Innenhof betraten. Ich öffnete überrascht den Mund. Blühender Oleander und Azaleen, dazwischen Kakteen und mit üppigen Geranien und Efeu bepflanzte Blumenkästen reihten sich zwischen zierlichen Tischen um einen eleganten Springbrunnen in der Hofmitte.

»Wunderhübsch«, hauchte ich.

Alejandro nickte wieder. »Das ist aber auch so ziemlich das einzige, das hier noch in Schuss ist.« Ohne eine Antwort abzuwarten, durchquerte er den Hof und betrat eine Seitentür.

Ich folgte ihm in eine Küche mit modernem Kaffeevollautomaten, einem brummenden Kühlschrank und einer in die Jahre gekommenen Anrichte. Das Furnier war an etlichen Stellen abgeplatzt, aber es war sauber.

Ich nahm eine Schürze von Haken und band sie mir um, während Alejandro mir die Kaffeemaschine erklärte. Dann nahm er eine Tüte Supermarkt-Croissants aus dem Kühlschrank und kippte sie in eine Schale.

»Wir bieten ein kleines Frühstück mit Kaffee und Croissants. Dazu einen Klecks Marmelade«, erklärte mein Kollege.

Die Gebäckstückchen sahen mitgenommen aus. Kalt und verbeult. Eines davon so platt wie eine Scheibe Brot. Ich sah mich suchend in der Küche nach einem Backofen um, dann deutete ich auf die Croissants und fragte: »Bleiben die so?«

Er sah mich verblüfft an. »Wie meinst du das?«

»Na ja. Man könnte sie aufbacken.«

Er schüttelte den Kopf. »Das haben wir noch nie gemacht. Die meisten Gäste mögen sie. Andere frühstücken woanders. Das ist ganz individuell.«

Ich nickte und betrachtete noch einmal die unförmigen Teilchen. Vielleicht konnte man sie etwas in Form zupfen?

Viel Zeit hatte ich nicht, mir darüber Gedanken zu machen, denn Alejandro öffnete bereits einen Schrank und zeigte mir das Geschirr – anschließend gingen wir zurück zur Rezeption, wo sich Gäste, die ein Frühstück wünschten, in der Regel meldeten. Er und Lola waren normalerweise morgens zu zweit, Alejandro ging dann um zwölf, um am Abend für die Zeit von siebzehn bis zweiundzwanzig Uhr wiederzukommen. In der ausgedehnten Siesta pflege er seinen Garten, erzählte er, und bespaße seinen Hund. So, wie es klang, war er alleinstehend.

Lola schien normalerweise keine Pause zu machen. Abends setzte sie sich im Patio gern zu den Gästen, die dort einen Wein tranken.

»Sie hält nichts zu Hause«, meinte Alejandro. »Bis vor zwei Jahren betrieb sie hier sogar noch ein kleines Restaurant, das hat sie aber inzwischen aufgegeben, es lohnte sich kaum.«

»Was ist mit ihrem Mann?«, fragte ich.

Mein Kollege hob die Schultern. »Geschieden. Da war ihr Sohn noch ganz klein. Er lebt in Madrid.«

Später erklärte Alejandro mir das Buchungssystem, die Datenerfassung und Rechnungsstellung. Es war alles halb so wild – bei zwölf Zimmern verlor man nicht so leicht den Überblick.

Gegen neun frühstückten zwei Pärchen, eines davon hatte einen kleinen Jungen dabei. In Ermangelung ansehnlicher Croissants richtete ich wenigstens die Teller hübsch an, verzierte sie mit Blüten, die ich im Innenhof von einem Busch abknipste und gab mir besonders viel Mühe beim Milchschaum, der auch Alejandros Anerkennung fand.

Um kurz nach zehn checkte ich die Frühstücksgäste aus, die heute abreisten, und aß anschließend mein Müsli und trank einen Kaffee. Danach ließ ich mir vom Zimmermädchen die freigewordenen Zimmer zeigen. Bewundernd betrachtete ich die in die Jahre gekommenen Räumlichkeiten mit den ausgetretenen Holzböden und verblichenen Gardinen, die nichts als Gemütlichkeit ausstrahlten. Die Bettwäsche war hell und freundlich, nur bei den Bädern musste man beide Augen zudrücken: angeschlagene Emaille und zerschlissene Duschvorhänge, ganz ähnlich dem Bad über Xavis Bar. Ich hätte mich dennoch hier wohlgefühlt.

Um zwölf Uhr ließ Alejandro mich allein, und ich loggte mich ins Internet ein, um auf den einschlägigen Bewertungsportalen nachzuschauen, wie das Hotel bei den Gästen ankam. Eigentlich hatte ich das schon in Island tun wollen, war aber mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt gewesen.

Aufmerksam klickte ich mich durch alle Portale und atmete zufrieden auf. Durchschnittlich wurde das Sonrisa mit 4,3 Sternen bewertet. Das war in Ordnung. Natürlich gab es Gäste, die erst ab 4,8 Sternen ein Hotel buchten – doch diese Klientel konnte Lola bei nur zwölf Zimmern in bester Strandnähe getrost vernachlässigen. Die meisten kritisierten das, was ich selbst bei dem kurzen Rundgang festgestellt hatte: den Zustand der Böden und Bäder. Seltsamerweise bemängelte niemand die Croissants. Ich lächelte in mich hinein. Die Geschmäcker waren eben verschieden.

Ich unterhielt mich gerade mit zwei Frauen, die vom Strand zurückgekehrt waren und von dem klaren Wasser schwärmten, als meine Chefin keuchend im Hotel ankam. Es war fünfzehn Uhr, und draußen war es brütend heiß.

Lola trug ein eng anliegendes Kleid, bei dem ich mich fragte, wie sie es hatte anziehen können; die Haare waren frisch frisiert, die hübschen dunklen Locken wippten um ihren Kopf, und sie sah ausgesprochen gut gelaunt aus.

»Pilar und die anderen wissen Bescheid«, raunte sie mir zu, nachdem sie die Gäste begrüßt und uns in eine Wolke süßen Parfüms gehüllt hatte. »Sie freuen sich schon sehr auf dich!«

Sie trat neben mich und betrachtete die noch immer geöffnete Seite mit den Hotelbewertungen.

»Eigentlich wollte ich noch mal mit dir wegen des Tanzens reden«, begann ich. Ich wollte die Tanzerei absagen. Natürlich würde ich gern zur Hochzeit kommen und Wiebke unter die Arme greifen – und auch sonst war ich für jeden Spaß zu haben, aber Tanzen … besser nicht.

»Ja?«, fragte Lola abwesend. Sie schien mich gar nicht richtig wahrzunehmen, studierte auf dem Computerbildschirm die Rezensionen für das Sonrisa.

»Was ist das denn?«, fragte sie stirnrunzelnd und ging näher an den Bildschirm heran. »Eine 1-Sterne Bewertung?«

»Wie bitte?«, fragte ich und blickte ebenfalls auf die Seite. Die war doch vorhin noch nicht da gewesen.

»Das Hotel glänzt vor allem durch die Inkompetenz des Personals …«, las Lola vor. »Die offenbar ungelernte Bedienung beim Frühstück dekorierte den Teller unseres fünfjährigen Sohnes mit hochgiftigen Oleanderblüten und wünschte uns guten Appetit.«

Lola sah mich aus großen Augen an.

Ich blickte fassungslos zurück.

»Was hast du gemacht?«, flüsterte sie schließlich.

»Ich wollte nur, dass die Teller hübsch aussehen«, brachte ich krächzend hervor.

Lola schüttelte den Kopf. »Meine Teller sind hübsch genug. Du hättest jemanden vergiften können! Was mir jetzt noch fehlt, ist ein toter Hotelgast.«

»Aber es war doch klar, dass die Blüten nicht zum Essen gedacht sind«, sagte ich schwach. »Und ich habe nicht geahnt, dass sie giftig sind!« Wie hatte mir so etwas passieren können? So ein dummer Fehler. Niedergeschlagen sah ich Lola an. »Es tut mir so leid. Die Gäste hätten sich doch bei mir beschweren können. Warum schreiben sie es gleich hier rein?«

»Weil die Leute anonym bleiben wollen, deshalb. Die meisten machen sich sowieso nur die Mühe, etwas zu schreiben, wenn es was zu meckern gibt. Sie sagen: Es war alles okay, aber – man muss um jedes positive Feedback kämpfen. Das musst du doch wissen, du hast doch Erfahrung.«

Natürlich hatte ich die. Ich wusste ja selbst nicht, was mich geritten hatte.

Dann murmelte ich nachdenklich: »… aber die Croissants hat keiner bemängelt.«

»Was war denn mit den Croissants?«, fragte Lola alarmiert. »Was hast du mit denen gemacht?«

»Nichts. Aber sie sind total unförmig … und trocken.«

»Hast du sie probiert?«

»Nein«, gestand ich und senkte den Kopf. »Es tut mir wegen dieser Blüten total leid. Das war wirklich ein dummer Fehler.« Und das gleich an meinem ersten Tag!

Lola lächelte nachsichtig. »Ist schon gut. Vergessen wir das. Du hast heute bei mir etwas gut, weil du dich bereit erklärt hast, bei den Sevillanas mitzumachen. Da sehe ich gern über diese Kleinigkeit hinweg.«

Blinzelnd sah ich sie an. Ich hatte ihr doch absagen wollen. Ihr erklären, dass ich unmöglich tanzen konnte. Sie würden sich nur mit mir blamieren!

Dennoch sagte ich ergeben: »Ich werde mein Bestes geben.« Sie würden schon früh genug feststellen, dass meine Tanzkünste nichts taugten.

Dann fiel mir noch etwas ein: »Alejandro meinte, ich sollte mich anders kleiden.« Ich deutete auf mein angebliches Strandkleid.

Lola musterte mich. Dann sagte sie: »Es ist ein wenig kurz, ja. Aber du hast doch schöne Beine. Mich stört es nicht.«

Ich atmete auf und warf ihr einen dankbaren Blick zu.

Dann arbeiteten wir still weiter.

8

Später, nachdem Lola wieder gegangen war, kam Wiebke vorbei.

Niedergeschlagen erzählte ich ihr von meinem Fauxpas mit den Blüten, doch sie winkte ab. »Fehler passieren. Da musst du drüberstehen.«

»Mir wurde mein letzter Job schon gekündigt, weil ich einen Fehler gemacht habe. Ich wollte eigentlich darauf achten, dass mir nicht noch einer passiert.«

Wiebke tätschelte beruhigend meinen Arm. Dann nahm sie ihr Handy aus der Handtasche und sagte: »Ich wollte dir auch noch etwas zeigen.«

Sie tippte auf das Display. Es zeigte die Fotografie einer kleinen Kirche. Das Gemäuer stand auf einem Berg, umgeben von Olivenhainen.

»Das sieht aber schön aus«, sagte ich. »Dort wollt ihr heiraten?«

Wiebke nickte und lächelte verlegen. »Ich bin so nervös! Hoffentlich läuft alles glatt.«

Sie rief ein anderes Foto auf, diesmal vom Inneren der Kapelle, und deutete auf die Bankreihen vor einem steinernen Altar.

»Die Kirche wird richtig voll, wir wollen alles mit weißen Rosen dekorieren, jeder Herr bekommt eine ans Revers, jede Dame eine ins Haar.« Sie strahlte mich an. »Hach, das wird bestimmt toll. Du bist natürlich auch dabei. Besonders freue ich mich auf meine Freundin Svea, sie kommt mit ihrem Freund von der Insel Langeoog. Lola setzen wir in die erste Reihe zu meinen Eltern und Großeltern, dann sind da noch Miguels Onkel Pedro und die Großmutter.«

Plötzlich machte sie ein betrübtes Gesicht. »Ich hatte mir so sehr gewünscht, Claire könnte auch kommen. Das wäre so toll gewesen. Ich freue mich, dass Svea und Xavi unsere Trauzeugen sein werden, doch Claire und Josh wären genauso gut dafür infrage gekommen.« Mit den letzten Worten warf sie mir einen entschuldigenden Blick zu. »Kristján ist bestimmt auch sehr nett. Aber Josh kenne ich eben. Obwohl er sich fast gar nicht mehr meldet – inzwischen habe ich es aufgegeben ihn anzutexten.«

Wiebke hatte Claire zu ihrer bevorstehenden Hochzeit eingeladen, doch ihre Freundin hatte die Reise nach Island aus finanziellen Gründen vorgezogen – beides konnte sie sich innerhalb eines Jahres nicht leisten. Sie hatte vorgehabt, in meiner Heimat nach den isländischen Wurzeln ihres Freundes Josh zu suchen. Ein schwerer Autounfall, bei dem Josh ein Bein verlor, hatte die beiden einander entfremdet, und Claire hatte gehofft, ihn für sich zurückzugewinnen, wenn sie diese Reise für ihn antrat. Doch all ihre Bemühungen konnten nichts daran ändern, dass sie nicht mehr zueinander fanden. Stattdessen hatte Claire dann Kristján kennengelernt.

»Das war bestimmt schlimm für dich, als du von dem Unfall der beiden erfahren hast, nicht wahr?«, fragte ich und meinte Claire und Josh.

Wiebke hob ratlos die Schultern. »Erst mal hab ich überhaupt nichts erfahren. Da herrschte Funkstille, und zwar wochenlang, bis ich anfing zu recherchieren und endlich Claires Mutter ausfindig machte. Die war natürlich völlig aufgelöst.«

Ich schluckte und nickte. »Eine furchtbare Geschichte. Aber wenigstens geht es ihnen jetzt wieder gut.«

Ich erinnerte mich selbst noch gut an jenen Tag, an dem meine Mutter ihre Krebsdiagnose erhielt. Danach war die Welt eine andere. Ich glaube, meinem Vater fehlt sie noch immer.

Ich versuchte, die negativen Gedanken abzuschütteln, wir sprachen ja eigentlich gerade über etwas Positives.

»Wunderhübsch, wirklich«, bekräftigte ich und betrachtete bewundernd die weiteren Fotos, die Wiebke mir von der Umgebung der Kapelle zeigte. Sie hatte sich eine hinreißende Location ausgesucht.

»Weshalb heiratet ihr eigentlich erst jetzt, so kurz vor der Geburt eures Kindes?«, erkundigte ich mich.

Wiebke legte die Hand auf ihren Bauch und lächelte. »Standesamtlich haben wir ja schon geheiratet, aber das gilt für mich nicht so richtig. Ich wollte unbedingt kirchlich heiraten, mit allem drum und dran. Aber da bin ich nicht die einzige – daher sind die meisten Kapellen auf Monate im Voraus ausgebucht. Für diese hier gab es nur noch diesen freien Termin. Zuerst hatten wir Sorge, dass uns das Baby vielleicht dazwischen funken könnte, aber bisher lief alles so unproblematisch ab, dass ich inzwischen relaxter bin. Es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn es vorher kommt.«

»Oder an eurem Hochzeitstag«, scherzte ich.

Wiebkes Augen weiteten sich. »Sag so was nicht. Das wäre eine Katastrophe.«

Sie trommelte mit den Fingern auf den Tresen. »Ich wünschte nur, Miguel wäre etwas enthusiastischer. Er scheint gar nicht so richtig bei der Sache zu sein.«

Schimmerten Tränen in ihren Augen? Verlegen suchte ich nach Worten. Den Grund für Miguels Verhalten kannte ich wohl – aber was sollte ich ihr nun entgegnen? Ich ärgerte mich ein wenig darüber, dass Miguel mich in diese Lage gebracht hatte, Wiebke anflunkern zu müssen.

»Hast du denn jetzt einen Fotografen?«, versuchte ich vom Thema abzulenken und hoffte, dass Wiebke es nicht herzlos fand. Und tatsächlich sah sie noch eine Spur deprimierter drein.

»Heute morgen habe ich mit einem telefoniert, der mir aber auch eine Absage erteilt hat. Er hat eine ganz tolle Webseite, die Fotos sind noch besser als die des anderen. Aber er wäre auch viel teurer gewesen.«

»Und das, wo eine Hochzeit schon kostspielig genug ist«, ergänzte ich und dachte an Miguels Hauskauf. Er musste wirklich viel mit seinen Bildern verdienen, dass er sich das alles leisten konnte.

»Die Hochzeit bezahlen meine Eltern«, klärte Wiebke mich auf. »Ich bin ihre einzige Tochter, und sie haben seit meiner Geburt auf diesen Tag gespart.« Sie lachte. »Na ja, und auf meine Ausbildung natürlich, dabei haben sie mich auch unterstützt.«

»Sind deine Eltern nicht sehr traurig, dass du jetzt hier lebst? Wo du doch ihr einziges Kind bist?«

Wiebke sah mich betroffen an. »Das macht ihnen schon zu schaffen. Aber umso häufiger kommen sie hierher. Und in Zukunft vermutlich noch öfter.« Wieder tippte sie auf ihren Bauch. Als sie laut auflachte, fragte ich: »Was ist?«

»Sie boxt.«

»Darf ich mal fühlen?«, fragte ich scheu und streckte auch schon die Hand nach der Kugel unter dem T-Shirt aus.

Wiebke reckte ihren Bauch ein wenig mehr hervor und platzierte meine Hand auf dem Bauchnabel. Und da spürte ich es: Ein Klopfen. Ich bekam eine Gänsehaut und zog die Hand wieder fort.

»Lustig, was?«, fragte Wiebke und zog die Nase kraus. »Manchmal schlägt sie Purzelbäume. Wenn ich auf dem Rücken liege, sieht es aus wie eine Welle.«

Auf einmal sah sie mich verlegen an. »Damit möchte ich dich aber nicht nerven.« Dann fragte sie: »Was hast du eigentlich heute Abend vor? Soll ich dir den Ort zeigen? Oder möchtest du irgendwo hinfahren? Ich bin zu allen Schandtaten bereit, solange ich noch kann. Miguel brütet sowieso ständig über irgendwelchen Unterlagen. Er soll für einen Golfplatz in Marbella eine Serie malen und plant akribisch wie nie. Außerdem ist er andauernd unterwegs. Angeblich fährt er herum, um den Kopf frei zu bekommen. Früher musste er das nie.«

Wieder sah sie bekümmert aus. Wie gern hätte ich ihr verraten, womit ihr Bräutigam sich in Wahrheit beschäftigte.

Stattdessen sagte ich: »Vielleicht braucht er nur etwas Zeit für sich. Immerhin kommen einschneidende Veränderungen auf euch zu.«

»Eben. Da könnten wir die Zeit bis dahin doch gemeinsam nutzen.«

Ich strich ihr über den Arm. »Heute kann ich jedenfalls nicht«, sagte ich ausweichend und hoffte, dass ich sie nicht mit meiner Absage kränkte. »Ich würde mich lieber ein bisschen ausruhen nach meinem ersten Arbeitstag.«

Wiebke lachte. »Du klingst ja wie meine Mutter.«

Ich stimmte in ihr Lachen ein. Verrückt genug, dass ich tatsächlich total erledigt war.

Auf dem Nachhauseweg aß ich in einem Straßencafé einen Salat. Währenddessen fragte ich mich, was Menschen am Tanzen mögen mochten. Ich hatte es schon als Kind nicht leiden können. Stattdessen ritt ich gern oder flitzte zu Fuß über die Hügel, spielte mit meiner Freundin Katha Fangen. Ich mochte Trampolinspringen und Klettern. Ich angelte auch gern. Aber wer mich jemals tanzen gesehen hatte, riet mir dringend davon ab. In der Grundschule sollten wir zu Weihnachten einen Sternentanz aufführen. Für mich war der Nachmittag in einem Desaster geendet. Sobald ich mich im Kreis drehte – am besten auch noch abwechselnd in verschiedene Richtungen – wurde mir schwindelig. Ich konnte nur hoffen, dass diese Sevillanas etwas in der Art waren, wie sich Soldaten vorm Kensington Palace bewegten. Nun ja – dies war wohl nicht zu erwarten.

Als ich gezahlt hatte und wenig später vor Xavis Bodega ankam, war dieser nirgends zu sehen. Doch das Lokal war inzwischen aufgeräumt, es roch nach Putzmittel und Bier – eine interessante Mischung, der ich eilig entkommen wollte, als Xavi pfeifend aus der Küche trat. War er eigentlich immer so gut gelaunt?

»Hallo«, sagte ich schüchtern und wollte eben ins Treppenhaus huschen, als er mich stoppte.

»Ida?«, bat er.

»Ja?«

»Wie war denn dein erster Tag mit dem alten Drachen?« Er zwinkerte.

»Ich finde Lola sehr nett«, entgegnete ich.

»Nicht meine Mutter. Ich meine Alejandro«, antwortete er grinsend.

»Warum? Alejandro hat doch eine angenehme Art.«

Xavi hob eine Augenbraue. »Angenehm? «

Ich nickte. »Zuerst hat er zwar mein Outfit bemängelt, aber da deine Mutter nichts daran auszusetzen hatte, denke ich, dass es wohl okay ist. Ich hab es nicht persönlich genommen.«

»Möchte er, dass du auch T-Shirt und Pullunder trägst, so wie er?«

Ich grinste. »Das sicher nicht. Es war ihm zu strandmäßig.«

Xavi schüttelte den Kopf und musterte mich auf eine ganz und gar unanzügliche Weise. Eher so, als wäre ich eine Schaufensterpuppe. »Ich finde es perfekt. Lass dir nicht reinreden.«

»Danke«, sagte ich lächelnd. »Und schönen Abend noch.«

Er hob die Hand und öffnete den Kühlschrank, um etwas herauszunehmen, während ich mich zum Treppenhaus wendete und nach oben ging.

Sehr gut. Genau so konnte es weitergehen. So konnte Lola mir nichts vorwerfen, und ich war nicht unhöflich.

Bisher war dieser Tag – bis auf meine Blütendekoration – sehr gut gelaufen.

9

Um zwanzig nach sechs kam Lola mir durch die engen Gassen entgegen. Ich wartete vor der Bar auf sie, wie verabredet. Inzwischen fühlte ich mich etwas fitter – ich hatte mich hingelegt und war über Xavis Pfeifen ein Stockwerk tiefer eingenickt, bis mein Handyalarm mich weckte.

Lola trug dasselbe Kleid und dieselben flachen Ballerinas wie mittags. Ich selbst hatte inzwischen ein schlichtes blauweiß-gestreiftes T-Shirt-Kleid angezogen, das mir bis zu den Fersen reichte.

Wenn diese Tanzstunde nur schon vorbei wäre, dachte ich, und betrachtete Lola mit den beiden eingegipsten Armen vor ihrer Brust. Meine Chefin bewegte sich so schwankend, als kämpfe sie sich durch tiefes Wasser. Sorgte sie sich nicht, dass sie auf dem Kopfsteinpflaster ins Stolpern geraten könnte?

»Endlich bin ich von zu Hause weg«, stöhnte sie, als sie bei mir ankam. »Diese Maria raubt mir noch den letzten Nerv. Ich fühle mich wie die Insassin in einem Altersheim. Wenn sie mich füttert, sperrt sie jedes Mal mit den Mund auf.«

Ich lachte. »Gestern hast du doch allein gegessen.«

»Es musste schnell gehen, deshalb hat sie mich gefüttert. Aber es ist entwürdigend.«

Während wir nebeneinander her tiefer ins Innere des Ortes hinein liefen, jammerte sie: »Kannst du dir vorstellen, wie es ist, als Erwachsener geduscht zu werden? Mit einem Waschhandschuh!« Sie wiegte den Kopf. »Was Maria mit meinen Haaren anstellt, ist ja noch ganz angenehm. Aber der Rest ...« Sie verdrehte verzweifelt die Augen. »Ich verliere bald den Verstand.«

Ich eilte neben ihr her. »Irgendwann ist es vorbei«, versuchte ich, sie zu trösten. »Freu dich, dass alles verheilt sein wird, wenn Wiebkes Baby kommt. Stell dir vor, es wäre dann passiert.«

Sie schnaubte. »Dann hätten sie es mir perfekt in die Arme legen können. Ich wäre eine wandelnde Wiege.«

Ich lachte. Sie hatte es wirklich nicht leicht.

Bekümmert schüttelte sie den Kopf. »Dass ich die Dinger erst drei Tage nach der Hochzeit loswerde, ist ein solcher Jammer.«

Nach weiteren zehn Minuten Fußweg, der steil bergan führte, erreichten wir ein dreistöckiges Mehrparteienhaus, dessen Balkone in Richtung Meer zeigten. Lola klingelte bei »Hernandez«. Als der Summer ertönte, traten wir ein. Der helle Marmor glänzte, unsere Schritte hallten von den Wänden wider. Mit einem Fahrstuhl gelangten wir in den dritten Stock. Dort erwartete uns bereits Pilar an der Tür. Das rote Kleid, das unterhalb des Knies mit spiralförmig verlaufenden weißen Rüschen verziert war, passte sich perfekt ihren Kurven an. Hübsch.

Sie winkte uns in ihr Wohnzimmer, in dem bereits vier andere Damen auf uns warteten.

»Ida, dies sind Marga, Penelope, Nieves und Asun.«

Bei dem Anblick der Frauen blieb mir der Mund offen stehen. Sie trugen ähnlich geschnittene Kleider wie Pilar, jedoch in anderen Farben. Eines gefiel mir besonders: Es war dunkelblau und mit Gelb abgesetzt. Auch die ausfallenden Rüschen unterhalb des Knies waren sonnengelb.

»Wow«, sagte ich anerkennend. »Ihr seht ja toll aus.«

»Schön, dass dir die Kleider gefallen.« Lola strahlte. »Ich wusste es.«

Pilar nickte. »Du bekommst natürlich auch eines.«

Die Frauen begrüßten mich mit Küsschen – als Asun an der Reihe war, nahm sie meinen geflochtenen Zopf zwischen die Finger und fuhr daran auf und ab, als prüfe sie die Festigkeit eines Seils. Dann warf sie Lola einen anerkennenden Blick zu und sagte: »Du hast nicht zu viel versprochen.«

Ich lachte. »Wie bitte? Was meint ihr?«

Lola zwinkerte. »Eine echte Blondine hatten wir noch nie in unserer Runde.«

Pilar deutete auf ein Kleid auf einem Kleiderbügel an einem Schrank hinter uns. Das Kleid war grün mit kleinen weißen Punkten. Die abgesetzten Nähte und die Rüschen waren pink. Es war umwerfend.

»Möchtest du es mal probieren? Vielleicht passt es ja. Später messen wir dich aus und lassen ein Kleid für dich anfertigen – wie für uns alle. Bis dahin muss dieses genügen.«

»Was heißt genügen …«, sagte ich bewundernd und nahm es kurz darauf ehrfürchtig von Pilar entgegen. »Wo kann ich mich umziehen?«

Pilar führte mich in ein gemütliches Schlafzimmer, in dessen Mitte ein Kingsize Bett thronte, das so einladend aussah, dass ich mich am liebsten hineingekuschelt hätte.

Ich schlüpfte aus meinem T-Shirt-Kleid und stieg vorsichtig in das andere, sah in den Schlafzimmerspiegel. Leider war mir das Kleid etwas zu groß, aber die Farben waren wie für mich gemacht. Als Blondine kann man nicht alles tragen, doch in diesem Kleid fühlte ich mich sofort wohl. Vielleicht könnte man es umnähen?

Auf einmal fiel mir ein, dass ich ja darin tanzen sollte, und meine Begeisterung bekam einen Dämpfer. Nun – wie auch immer, es passte ja ohnehin nicht.

Ich schlüpfte wieder heraus und hängte es zurück auf den Bügel. Dann zog ich mein T-Shirt-Kleid wieder an und ging zurück zu den anderen.

Die fünf Frauen gaben sich alle Mühe. Zunächst öffnete Pilar eine Flasche Sekt, und wir stießen miteinander an, um »in Stimmung zu kommen«. Während wir an unseren Gläsern nippten, spielten sie mir die Musik vor, zu der Sevillanas getanzt wurden: Rhythmische Klänge aus Gitarren und Trompeten, dazu sangen Männer und Frauen im Wechsel von Liebe und vom Verlassenwerden und klatschten rhythmisch im Takt. Die Musik gefiel mir, sie war der Inbegriff dessen, was man sich unter Spanischer Folklore vorstellte.

Die Sevillanas wurden in Reihen oder im Carré getanzt, erklärten die Frauen, sie waren wohl einst ein höfischer Tanz gewesen, dem Menuett recht ähnlich. Sevillanas zählten eigentlich nicht zum Flamenco, aber für jede Flamencotänzerin gehörten sie zum kleinen Einmaleins, man musste sie einfach können.

Man sprach von Sevillanas in der Mehrzahl, weil es sich um vier Strophen handelte. Ursprünglich erzählten sie eine tragische, schmerzvolle Geschichte, eine »Tragödie ohne Happy End« im Flamenco, doch dann setzte sich mehr und mehr die Heiterkeit durch – inzwischen waren Sevillanas ein Partytanz, auch wenn es noch immer kein Happy End für die Liebenden gab.

Pilar und Asun tanzten schließlich eine Runde vor, und ich sah ihnen mit offenem Mund zu. Ein wenig erinnerte mich das Ganze an den Paarungstanz zweier Flamingos – allein wie die Frauen Arme und Hände in grazilen Bewegungen einsetzten. Die Rüschen an den Kleidern unterhalb des Knies spielten eine wichtige Rolle. Sie mussten in einer bestimmten Art und Weise schwingen. Sozusagen in Korrespondenz mit dem Rest des Körpers.

Der Tanz gefiel mir. Sogar der Gedanke, ihn selbst zu tanzen. Es klang ganz leicht: Es waren vier Strophen im Dreivierteltakt, die immer an der gleichen Stelle Grundschritt, Figuren und Platzwechsel beinhalteten. Wesentlich war, dass man zur richtigen Zeit den Platz wechselte und fertig war. Zur richtigen Zeit am rechten Platz sozusagen. Die Melodien der vier »coplas« waren bei gesungenen Sevillanas identisch – nur der Text erzählte eine Geschichte. Wenn man einmal die Struktur durchschaut habe, sagte Lola, könne man die Sevillanas im Schlaf tanzen. Angeblich hörte man heraus, an welcher Stelle die Pasados – die Platzwechsel – oder die Figuren drankamen. Für mich war das allerdings nach einem Mal hören nicht erkennbar.

Man konnte auch nach einer Strophe den Partner wechseln, dazu gab es immer ein musikalisches Zwischenspiel. Wenn der Sänger begann, konnte man das als Auftakt verstehen: Die Damen rafften hier die Röcke, oder man nahm die Arme in Pose.

Für mich klang das alles total verwirrend.

Zunächst machten wir eine Stunde lang Trockenübungen. Die Herausforderung bestand darin, vieles gleichzeitig zu beachten: Armstellung, Beinstellung, Hüftschwung. Wichtig war, sich immer wieder im richtigen Moment tief in die Augen zu schauen. Zwei Mal verlor ich das Gleichgewicht und hielt mich an der anderen fest. Einmal trat ich Asun so fest auf den Fuß, dass sie aufschrie.

Schließlich rief Lola zu einer Pause und warf mir einen verkrampften Blick zu. »Du machst das sehr, sehr gut, Guapa«, lobte sie. »Aber du wirst noch … ein wenig üben müssen.«

Die sechs Frauen betrachteten mich, als seien sie Ärzte und ich eine Patientin mit einer seltenen Krankheit.

»Es gibt Videos. Die kannst du dir ansehen«, bekräftigte Marga, die bisher noch nicht viel gesagt hatte.

»Seit wann übt ihr das Ganze schon?«, fragte ich verzweifelt.

»Ich seit meinem dritten Lebensjahr«, erklärte Pilar.

»Ich seit dem vierten.«

»Ich auch.«

»Drittes.«

»Zweites.«

Ungläubig sah ich die Frauen an und ließ die Schultern sinken. Mir fehlten lediglich vierundzwanzig Jahre Übung.

Obwohl ich bezweifelte, dass diese Zeit ausreichen würde.

* * *

Auf dem Rückweg redete Lola beruhigend auf mich ein: »Das wird schon noch, Bonita. Wir zählen ganz fest auf dich.«

»Ich werde die Lachnummer dieser Hochzeit – ihr könnt das nicht wollen. Ich verderbe euch die ganze Show. Sucht euch eine andere, oder macht es nur mit zwei Paaren statt mit drei.«

Lola schüttelte den Kopf. »Du gehörst dazu, das haben wir so beschlossen. Du springst für mich ein. Etwas anderes kommt nicht in Frage.«

»Aber es könnte auch jemand anderes einspringen. Hat Xavi eine Freundin? Sie könnte es vielleicht machen.«

Lola schnalzte mit der Zunge. »Xavi hat keine Freundin. Und wenn, würde ich sie nicht fragen. Mit Xavi werde ich auf der Hochzeit kein Wort reden.«

»Ach so. Na dann.« Und ich wollte nicht tanzen.

Schweigend liefen wir weiter. Immerhin hatte es auch ein wenig Spaß gemacht. Und das Kleid würde sehr hübsch werden. Allein dafür lohnte sich das Ganze doch schon. Nieves, die Schneiderin, hatte meine Maße genommen (besorgniserregende Maße, wenn ich ehrlich war – eine ganze Körbchengröße mehr als noch vor einem Jahr!). Und ich hätte etwas zu erzählen, wenn ich nach Island zurückkehrte. Ich wäre vermutlich die erste Isländerin, die auf einer spanischen Hochzeit Sevillanas getanzt hätte. Obendrein gefiel mir die Musik. Sie war voller Energie. Es war lange her, dass ich dermaßen außer Atem geraten war.

»Also gut«, sagte ich endlich, »vielleicht gebe ich noch nicht gleich auf. Ich werde üben, einverstanden?«

Das nächste Training war schon übermorgen. Die nicht einmal fünf Wochen bis zu Wiebkes Hochzeit würden rasend schnell vergehen. Eigentlich war das nicht zu schaffen.

»Manchmal passieren Wunder«, raunte Lola und stieß mich mit einem Gipsarm in die Seite.

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783739390277
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
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Autor

  • Stina Jensen (Autor:in)

STINA JENSEN schreibt Insel- und Gipfelromane, romantische Komödien und Krimis. Sie liebt das Reisen und saugt neue Umgebungen in sich auf wie ein Schwamm. Meist kommen dabei wie von selbst die Figuren in ihren Kopf und ringen dort um die Hauptrolle in ihrem nächsten Roman. Wenn sie nicht verreist, lebt die Autorin mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt am Main.
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Titel: INSELpink