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INSELgold

(INSELfarbe 5)

von Stina Jensen (Autor:in)
320 Seiten
Reihe: INSELfarben-Reihe, Band 5

Zusammenfassung

Ein Roman, geheimnisvoll wie ein Wintertag an der See.

Als eine Einladung aus Rügen ins Haus flattert, reist Amanda kurzerhand von San Diego an die Ostsee, um den Vater ihrer Tochter wiederzusehen, dessen Verbleib sie ihr immer verschwiegen hat. Eine Versöhnung mit Andy wäre doch sicher das schönste Geschenk für Claire? Doch als Amanda auf Rügen eintrifft, stößt sie am winterlichen Strand von Binz auf Ben, zu dem sie sich sofort hingezogen fühlt. Soll sie ihre Suche nach Claires Vater aufgeben und die wenigen Tage ihres Urlaubs mit dem geheimnisvollen Fremden genießen? Aber Ben scheint irgendetwas vor ihr zu verbergen. Weiß er mehr über Andy, als er vorgibt? Voll Herzklopfen folgt sie Bens Einladung zu einem Inseltrip in seinem Wohnmobil – und findet beim Bernsteinsammeln bald mehr als nur das Gold der Insel ...

Die Romane der INSELfarben- und GIPFELfarben-Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Die chronologische Reihenfolge der Romane: Inselblau (Svea, Langeoog und Mallorca), Inselgrün (Wiebke, Irland), Inselgelb (Claire, Island), Inselpink (Ida, Mallorca), Inselgold (Amanda, Rügen), Gipfelblau (Annika, Zermatt), Gipfelgold (Mona, Bad Gastein), Gipfelrot (Valerie, Schottland), Inseltürkis (Terry, Sardinien), Inselrot (Sandra, Sylt), Gipfelpink (Susa, Teneriffa), Inselhimmelblau (Svea, Langeoog), Gipfelglühen (Sebastian, Allgäu)

Außerdem: »Plätzchen, Tee und Winterwünsche«, »Misteln, Schnee und Winterwunder«, »Sterne, Zimt und Winterträume«, »Muscheln, Gold und Winterglück«, »Vanille, Punsch und Winterzauber«, »Mondschein, Flan und Winterherzen«, »Engel, Blues und Winterfunkeln« »Sommertraum mit Happy End«

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


DAS BUCH

Als eine Weihnachtseinladung aus Rügen ins Haus flattert, reist Amanda kurzerhand von San Diego an die Ostsee, um den Vater ihrer Tochter wiederzusehen, dessen Verbleib sie ihr immer verschwiegen hat. Eine Versöhnung mit Andy wäre doch sicher das schönste Geschenk für Claire?

Doch als Amanda auf Rügen eintrifft, stößt sie am winterlichen Strand von Binz stattdessen auf Ben, zu dem sie sich sofort hingezogen fühlt. Soll sie ihre Suche nach Claires Vater aufgeben und die wenigen Tage ihres Urlaubs mit dem geheimnisvollen Fremden genießen? Aber Ben scheint irgendetwas vor ihr zu verbergen. Weiß er mehr über Andy, als er vorgibt?

Voll Herzklopfen folgt sie Bens Einladung zu einem Inseltrip in seinem Wohnmobil – und findet beim Bernsteinsammeln bald mehr als nur das Gold der Insel ...


Ein Roman, geheimnisvoll wie ein Wintertag an der See.

VORWORT

Liebe LeserInnen,

für jeden meiner Romane reise ich an die Orte, an denen meine Geschichten spielen. Ich bin daher nach Rügen gereist, um nach Schauplätzen für die Geschichte von Amanda zu suchen. Obwohl ich mir Mühe gebe, bei den Ortsbeschreibungen so exakt wie möglich zu bleiben, komme ich nicht darum herum, die örtlichen Gegebenheiten teilweise den Erfordernissen der Handlung anzupassen. So habe ich das Hotel, in dem Amanda sich in Binz einmietet, sowie die Örtlichkeiten auf Hiddensee frei erfunden. Natürlich auch die Hotelführung sowie alle anderen im Roman vorkommenden Personen. Ein Thema meines Romans ist darüber hinaus Bernstein. Dazu nur für Sie die Erklärung, dass das englische Wort für Bernstein »Amber« lautet. Gleichzeitig ist Amber ein amerikanischer Vorname und der Zweitname von Amandas Tochter Claire.

1

Es war einer jener seltenen Morgen, an denen ich zuversichtlich in den Tag blickte.

Ich summte leise vor mich hin, als ich nach einem späten Frühstück zum Briefkasten ging. Mit einem Stapel Werbeprospekte und Rechnungen unter dem Arm kehrte ich auf unsere schattige Terrasse zurück und ließ mich auf einen der verwitterten Korbstühle nieder. Ich schlug die Beine übereinander und legte die Post auf den Tisch, genau neben die Liste der Dinge, die ich mir seit deinem Auszug vor sechs Monaten vorgenommen hatte. Dass du im fast sechstausend Kilometer entfernten Island wohnst, schmerzte noch immer, Claire.

Natürlich freute es mich, dich bei Kristján und seinem kleinen Sohn Mikki glücklich zu wissen, aber es tat weh, dass Kristjáns Mutter dich – im Gegensatz zu mir – fast täglich sah. Das Ganze nagte an mir wie eine nicht heilen wollende Wunde. Aber immerhin hatte ich schon viel von den Dingen auf meiner Liste erreicht, die ich ewig hatte tun wollen und nie tat, weil immer etwas dazwischen gekommen war. Meistens du.

Beispielsweise hatte ich im Oktober bei einer Autowerkstatt gelernt, den Ölstand meines Toyota zu messen und das Öl aufzufüllen, den Luftdruck zu prüfen. Und ich hatte gelernt, Autoreifen zu wechseln. Mit fast 48!

Außerdem hatte ich einen Aquarell- und einen Salsakurs besucht. Lee-Ann neckt mich immer wieder damit. »Amanda«, sagt sie, »das sind alles typische Dinge, die verzweifelte Endvierzigerinnen tun. Willst du vielleicht demnächst auch noch lernen, wie man Blumensträuße bindet?«

»Wieso nicht?«, antworte ich ihr dann. »Hauptsache, ich sitze nicht zu Hause rum und trauere um meine Tochter.«

Glücklicherweise stehe ich noch voll im Berufsleben – so viel Zeit zum Trauern bleibt mir ja gar nicht, mach dir keine Sorgen. Und den Rest der Zeit versuche ich eben auszufüllen.

Aber zurück zu jenem Morgen: Ich nippte an meiner Tasse Kaffee und begann, die Post in zwei kleine Haufen aufzuteilen. Die Werbeprospekte und Kreditangebote gingen wie immer direkt in den Müll. Die übrigen Umschläge öffnete ich, indem ich den Daumen unter die Falz schob, dann zog ich einen Papierbogen nach dem anderen heraus und glättete sie mit streichenden Bewegungen. Währenddessen dachte ich weiter über die Dinge nach, die ich noch erledigen wollte. Das mit den Kursen ist ja längst nicht alles, Claire.

Auf meiner Liste befand sich noch ein anderer Punkt – und dieser betraf dich. Ich wollte dir endlich die ganze Wahrheit über deinen Dad erzählen. Dir den Grund nennen, weshalb ich jeden Kontakt zu Andy abbrach, als du fünf Jahre alt warst. Und warum ich ihm verbot, jemals wieder mit dir in Verbindung zu treten. Außerdem wollte ich in naher Zukunft (aber nicht vor Weihnachten!) mal eine Kurzhaarfrisur ausprobieren. Überhaupt wollte ich mindestens einmal im Jahr etwas Neues wagen, öfter mal spontan sein, so wie früher.

Sogar das Thema Partnersuche war ich angegangen. Auch wenn das bisher gehörig schief gelaufen war – vielleicht waren auch meine Ansprüche zu groß? Einmal sollte dieser potentielle Mann in San Diego leben, weil ich auf keinen Fall eine Fernbeziehung wollte; dann sollte er keinesfalls Hundehalter sein, da ich, wie du weißt, seit meiner Kindheit unter panischer Angst vor Hunden leide. Zwar sagst du mir immer wieder, dass Männer mit Hunden besonders empathisch seien, und wer seinen Hund gut behandle, der tue das auch mit Menschen … aber ich kann einfach nicht aus meiner Haut.

Wie dem auch sei: Außerdem sollte mein zukünftiger Partner noch kein Großvater sein, weil ich den Gedanken unerträglich finde, jemand könnte einen Mann, mit dem ich mich leidenschaftlich verbunden fühle, »Grandpa« nennen. Das passt mit Leidenschaft einfach nicht zusammen, finde ich.

So in mich versunken ließ ich den Blick über unseren kleinen Garten schweifen. Ich hatte den Rasen noch einmal gedüngt und ein paar blühende Pflanzen eingesetzt, da es endlich wieder öfter regnete und ich sie nicht dauernd wässern musste. Anfang Dezember ist es bei uns in San Diego ja noch immer angenehm mild, wie du weißt, man benötigt abends nur eine leichte Jacke. Anders als bei dir, die du zeitgleich bei 1°Celsius und in scheinbar ewiger Dunkelheit lebtest und trotzdem, ohne mit der Wimper zu zucken, Spaziergänge mit Kleinkindern unternahmst.

Ich finde es sehr bewundernswert, dass du dieses Praktikum in einem Hort in Reykjavík absolvierst. Und in diesem Moment auf unserer Terrasse freute ich mich noch mehr über dein Versprechen, über Weihnachten, Neujahr und meinen Geburtstag endlich einmal nach Hause zu kommen. Nur wir beide!, dachte ich. Ich wollte dich mit einem Aufenthalt in einem SPA überraschen. Wir würden es uns so richtig gut gehen lassen. Auch in der Hoffnung, dass dir dies über die Wahrheit bezüglich deines Vaters hinweg helfen könnte. Denn ich hatte nichts Gutes zu erzählen.

Es lagen schon ein paar geglättete Briefe vor mir, als ich innehielt.

Der Umschlag, nach dem ich eben gegriffen hatte, war an Amber Gallagher adressiert. Ich runzelte die Stirn. Amber ist dein zweiter Vorname. Es kommt nur noch selten Post für dich – schon gar nicht an diesen Namen, den kaum jemand kennt. Ich kniff die Augen zusammen und studierte die Adresse des Absenders. Rügen. Germany. Von Sven Sandberg. Wer ist Sven Sandberg?, dachte ich. Es konnte nur ein Verwandter von Andy sein. Und was hatte jetzt dieser Brief zu bedeuten?

Ich schluckte und ließ die Schultern sinken.

2

Ich glaube, ich muss ein wenig ausholen, Claire. Ich bin nicht sicher, was du eigentlich alles von mir weißt. Du denkst immer, dass du so wenig über deinen Daddy im Bilde bist, aber kennst du überhaupt meine Vergangenheit?

Natürlich ist dir bekannt, dass ich in Chandler, Arizona, aufwuchs – aber weißt du auch, dass ich meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch von dem Wunsch beseelt war, am Meer zu leben? Ich mochte mexikanisches Essen und Spanisch, das Toben des Pazifiks, deshalb zog ich nach dem Abschluss an der Highschool mit neunzehn nach San Diego, wohin bereits dein Onkel Robert ein paar Jahre zuvor umgesiedelt war, um bei einem Radiosender zu arbeiten.

Ich kam vorerst bei ihm und deiner Tante Cathy unter – der einzige Grund, aus dem deine Großeltern mir diese »Schnapsidee« überhaupt durchgehen ließen, noch vor einer sicheren beruflichen Zukunft so weit von ihnen weg zu leben.

Ich schrieb mich damals für ein Studium zur Legal Administrative Assistant ein, machte drei Jahre später meinen Abschluss und bezog, nachdem ich die Stelle bei Anderson & Anderson angetreten hatte, die erste eigene Wohnung. Dass ich noch heute bei demselben Arbeitgeber arbeite, grenzt an ein Wunder, aber ich bin wohl einfach zu träge, mir etwas anderes zu suchen. Immerhin habe ich es inzwischen geschafft, mir ein eigenes Häuschen zu finanzieren.

Jedenfalls schloss ich als junge Frau schnell Freundschaften. Es waren die Neunziger, meine Freunde und ich durchstreiften am Wochenende die Clubs des Gaslamp Quarter und tanzten uns die Füße wund. Wir tranken Jack Daniels und rauchten Marihuana, fuhren raus nach Santa Monica und erwachten morgens mit versandeten Haaren und salziger Haut am Strand, neben uns die erkaltete Asche des Lagerfeuers.

Montagmorgens war ich pünktlich in der Kanzlei, trug ein knielanges Kostüm und Schuhe mit dezentem Absatz, pflegte Excel-Listen, schrieb Rechnungen oder Anklagen nach Vorlage, bewirtete hochrangige Kunden, ließ mich »Miss« nennen, besorgte Bleistifte oder Cappuccino für Herren, die mich keines Blickes würdigten, und träumte vom nächsten Wochenende.

Gelegentlich ging ich auch ins Theater, wenn Onkel Robert an kostenlose Karten gekommen war und selbst keine Zeit hatte, hinzugehen. Eines Tages, ich war inzwischen vierundzwanzig, hatte Robert Karten für das Stück »Of Mice and Men« von John Steinbeck übrig. Ich hatte die Geschichte im Literaturunterricht an der Highschool gelesen, und ich war neugierig, wie sie das Drama auf der Bühne umsetzen würden. Und da keiner meiner Bekannten Zeit hatte – einen festen Freund gab es nicht – ging ich trotz eines gerade erst überstandenen Magen-Darm-Infekts hin.

Neben mir saß ein junger Kerl, ich schätzte ihn auf mein Alter. Er hatte blondes, kurzes und leicht gewelltes Haar, das an der Stirn bereits zurückging. Er wäre mir vermutlich nicht einmal aufgefallen, hätte er nicht ein Buch in Händen gehalten, besser gesagt, drehte er es hin und her, ließ mit dem Daumen die Seiten immer wieder wie einen Fächer auseinanderblättern.

Das Buch war voller Notizen. Ich schielte auf den Titel und stellte fest, dass es ein fremdsprachiges Buch war. Der Autor war John Steinbeck, das Buch trug die Aufschrift »Von Mäusen und Menschen«. Es konnte nur Deutsch sein, in der deutschen Sprache kamen Umlaute vor, so viel wusste ich.

Außer dem Buch trug er eine nagelneue Kamera bei sich, mit der er eine Rundumaufnahme des Theaterinnenraums aufzeichnete und dabei ein paar Worte in dieser Sprache murmelte, die bei mir immer den Eindruck hinterließ, als bestünde sie nur aus Zischlauten.

Als unsere Blicke sich trafen, lächelte er mir zu, seine Augen hatten ein warmes Braun und blitzten eifrig. »John Steinbeck is se best« sagte er mit einem herben Akzent.

Ich fragte ihn, ob er ein Fan sei, und er nickte nachdrücklich. »Se biggest fan ever«.

So lernte ich deinen Dad Andreas Sandberg kennen. Er bat mich, ihn Andy zu nennen. Er war tatsächlich Deutscher, genauer gesagt kam er aus dem ehemals sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, wie er mir in der Pause erzählte. Sein Englisch war nicht das beste, auf Russisch hätte er sich flüssiger mit mir unterhalten können, erklärte er zwinkernd. Die German Democratic Republic gab es bereits seit fünf Jahren nicht mehr, doch dies war die erste Reise »over se sea«, die Andy unternahm. Auf den Spuren John Steinbecks und Ernest Hemingways.

Ich fragte ihn, was er sonst so täte, und er erwiderte, er sammele mit seinem Bruder sehr erfolgreich Bernstein an der Ostsee, verkaufe die Fundstücke an Juweliere oder Sammler. Die Suche sei mühsam und käme der Arbeit von Trüffelschweinen gleich – aber Andy und sein Bruder seien geduldige Typen, sie liebten das tägliche, stundenlange Herumsuchen im Seetang nach einem Herbststurm, der den Boden der Ostsee aufwühlte und die schönsten Schätze zutage förderte.

Als er dies sagte, tippte er sich an die Stirn und ergänzte »Sis kind of work is good for se brain.«

Das Geld, das er dabei verdiente, würde er zukünftig fürs Reisen ausgeben. Einmal im Jahr wollte er für sechs Wochen unterwegs sein. Sein Bruder war bereits in festen Händen und nicht mehr so flexibel.

Im Laufe des Abends, nachdem die Theatervorstellung zu Ende war, Andy sich die Hände wund geklatscht und die sich verbeugenden Schauspieler auf der Bühne mit der Kamera aufgenommen hatte, verriet ich ihm meinen Namen.

»Amanda«, sagte Andy andächtig und meinte dann: »Andy und Mandy. Sat sounds good.«

Es brachte mich zum Lachen, da ich nur von deinen Großeltern Mandy genannt wurde. Doch Andy nannte mich fortan nicht anders.

Wir verbrachten ein paar Tage und Nächte zusammen; dass wir miteinander schliefen, ergab sich wie von selbst. Andys lustiger Akzent erheiterte mich und machte mich auch irgendwie an, wusste der Teufel warum. Die Art, wie er mir in seinem gebrochenen Englisch Geschichten erzählte, die er von John Steinbeck oder Ernest Hemingway kannte, die Weise, wie er deutsche Dichter mit ernsthaftem Gesichtsausdruck rezitierte, amüsierte mich köstlich. Es war, als parodiere er einen Klischee-Deutschen. Die harte Aussprache, die korrekte Haltung, der betont humorlose Blick.

Dein Daddy knackte meine Schale. Dazu die permanenten Filmaufnahmen, die er nicht nur von seiner Umgebung, sondern auch von mir anfertigte – sie gaben mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Nach fünf Jahren, die ich nie zu spät zur Arbeit gekommen war, geschah dies nun regelmäßig. Andy ließ mich nicht gehen, wenn ich zum Dienst musste, er fand immer einen Grund, mich aufzuhalten, las mir noch etwas vor, unterhielt mich mit einem Witz.

Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, ihn deinen Großeltern oder auch nur Robert vorzustellen. Andy war auf der Durchreise, sein Koffer stand drei Wochen lang bei mir, das war alles. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm das Geld ausgehen würde, er hatte für genau sechs Wochen gespart, und die waren bald vorbei.

Eines Morgens weckte mich ein Geräusch, das ich zuerst nicht einordnen konnte. Ein Keuchen, begleitet von einem Quieken. Zuerst dachte ich, Andy bekäme keine Luft, und ich richtete mich erschrocken auf. Er lag neben mir, die Hände vor dem Gesicht verschränkt, sodass ich zuerst nicht sehen konnte, dass er dahinter seine verweinten Züge verbarg. Die Augenlider waren geschwollen, die Nase verrotzt.

»Was hast du?«, fragte ich bestürzt und klaubte nach einem Kleenex, reichte es ihm, doch er griff nicht einmal danach. Stattdessen sprach er auf Deutsch – lange verzweifelte Sätze, unterbrochen von Schluchzern. Erhobene Hände, mit denen er – Gott? – anzuklagen schien. Kopfschütteln, zusammengepresste Augen, ein zitterndes Kinn, die Mundwinkel glänzten feucht vom Speichel.

Was ihn quälte – darüber sprach er nicht mit mir. Wenn ich fragte, ob er traurig sei, weil wir uns bald trennen mussten, schüttelte er den Kopf, hob die Schultern, hauchte: »I don’t know.« Drei Tage lang hing er apathisch bei mir herum, aß kaum etwas, dafür trank er umso mehr – dann war der Spuk vorbei. Er brachte mir Blumen, entschuldigte sich, sagte, jetzt sei alles wieder gut.

Was er damit meinte, war mir nicht klar, denn er reiste ja bald ab. Sein Ticket war fällig, Andy und Mandy waren bald Geschichte – dachte ich. Irgendwie war ich auch erleichtert darüber, ich wollte ganz gern mein geordnetes Leben zurück.

Und dann, eine halbe Woche vor seiner geplanten Abreise zurück nach Deutschland, blieb meine Regel aus. Das war insofern ungewöhnlich, als ich die Pille genommen hatte und nach deren Absetzen normalerweise die Periode einsetzte.

Diesmal nicht. Und da fiel mir der Magen-Darm-Infekt von Anfang des Monats ein.

Ich ging sofort zum Arzt. Manche Leute warten tagelang ab, wenn etwas sie zwickt, ich nicht. Ich will Klarheit, damit komme ich am besten zurecht.

Andy erzählte ich nichts von diesem Termin, ich wollte ihn nicht beunruhigen, außerdem wollte ich in meinen Entscheidungen flexibel sein.

Mein Herz raste, als ich auf den Untersuchungsstuhl des Frauenarztes kletterte. Kurz darauf deutete dieser auf einen schwarzen, fingerkuppengroßen Kreis inmitten einer dunkelgrauen Blase und erklärte, dies sei die Eihülle. Er riet mir, in vierzehn Tagen wiederzukommen, dann könnte man vermutlich schon das Herz schlagen sehen.

Heute, wo ich weiß, dass am Ende du, Claire, für deren Existenz ich unendlich dankbar bin, herauskamst, denke ich natürlich mit Freude an diesen Moment zurück. Damals aber bekam ich eine Panikattacke.

Ich verharrte luftschnappend auf dem Untersuchungsstuhl und sah meine Zukunft in Scherben. Ich hatte doch noch so viel vor. Mich weiterbilden, aufsteigen, auf ein Haus sparen, einen Mann kennenlernen, heiraten. Dann Kinder kriegen.

Natürlich hätte ich über eine Abtreibung nachdenken können, doch für mich kam das nicht in Frage.

Andy ahnte von all dem nichts, er stand wenige Tage vor seiner Rückreise nach Deutschland, und nachdem seine gute Laune zurückgekehrt war, unternahm er noch so viel wie möglich in der Stadt. Sein Interesse an mir schien befriedigt.

Ich beschloss, ihm nichts zu sagen.

3

Nachdem ich also den Umschlag aus Deutschland einige Minuten lang reglos angestarrt hatte, legte ich ihn im Flur auf dem Beistelltischchen ab, wo ich Schlüsselbund, Sonnenbrille, Papiertaschentücher und solche Dinge aufbewahre. Wenn Post für dich kommt, lege ich sie ebenfalls dorthin, damit ich sie dir gebündelt schicken kann.

Bei wichtigen Dingen informiere ich dich natürlich immer sofort. Und möglicherweise war das hier wichtig, dachte ich. Aber dich darüber informieren, dass dir jemand aus Deutschland geschrieben hatte – das brachte ich in diesem Moment nicht fertig. Ehrlich gesagt wollte ich zuerst wissen, was darin stand. Doch der Brief war natürlich verschlossen.

Ich meine, dir ging es endlich wieder gut. Wir hatten eine fürchterlich schwere Phase hinter uns, Claire, und sahen nun entspannten Zeiten entgegen. Ich hatte zwar vor, dir zu erzählen, weshalb ich mich damals wirklich von Andy trennte, aber das hieß nicht, dass ich ihn wieder in unser Leben lassen wollte. Und warum hatte er sich in all den Jahren nie gemeldet und sich widerspruchslos an mein Verbot gehalten? Ehrlich gesagt hatte ich fast vermutet, er sei tot, denn die Suche nach seinem Namen im Netz – ich googelte schon hin und wieder nach ihm – ergab keine brauchbaren Ergebnisse.

Um nicht mehr ununterbrochen an diesen Brief zu denken, surfte ich nach weihnachtlichen Rezepten. Ich wollte dir eine reichlich gedeckte Tafel bieten. Du hattest schon durchblicken lassen, dass du dich auf Truthahn freutest, auch, wenn der unser klassisches Thanksgiving-Gericht ist. Als Vorspeise plante ich ein Lachs-Chowder – diese leichte Suppe liebst du doch so. Zum Hauptgang hatte ich einen Roast Turkey mit Stuffing im Auge, dazu Apfelmus, Cranberry-Relish, glasierte Karotten, Rosenkohl, Kartoffel- oder Süßkartoffelpüree … ach, ich freute mich so sehr darauf. Vielleicht würden wir uns einen der Weihnachtsfilme mit Chevy Chase ansehen, bei denen du als Kind immer so gelacht hattest, und ich überlegte, ob ich nicht sogar einen Weihnachtsbaum besorgen sollte.

Meine Freude, dich bald wieder zu sehen, wuchs täglich mehr. Ich hoffte so sehr, eine ganz neue Beziehung zu dir aufzubauen. Eine, die auf gegenseitigem Vertrauen und einer Begegnung auf Augenhöhe beruht.

Nicht wie damals mit Andy.

Ich sagte ihm kein Wort von meiner Schwangerschaft, und er reiste wieder zurück nach Deutschland.

Er schrieb lange Briefe aus Rügen. E-Mails waren noch nicht im Alltag etabliert, ich besaß nicht einmal einen Computer zu Hause, er ebenso wenig.

Außerdem schickte er Fotos. Von seiner Reise nach Kalifornien, von uns. Er bat mich um aktuelle Aufnahmen von mir – doch wie hätte ich ihm welche schicken können? Ich hatte einen dicken Bauch, zerbrach mir Tag und Nacht den Kopf darüber, wie ich dieses Wesen durchbringen sollte, wenn es erst da war – mein Gehalt reichte gerade für mich selbst.

Meine Freunde, die von der Schwangerschaft genauso überrascht waren wie ich, verstanden nicht, warum ich diesen »German Lover« nicht darüber informierte, dass ich ein Kind von ihm erwartete. Sie fanden meine Entscheidung herzlos gegenüber Vater und Kind. Und auch dumm. »Du könntest nicht nur einen Vater für dein Kind haben, du könntest auch Unterhalt einfordern«, sagte eine Freundin.

Meine Familie und Freunde verlangten Gründe für mein Verhalten, doch ich konnte ihnen keinen stichhaltigen Anlass nennen. Andere wären vor Angst, ein Kind allein großzuziehen, wie gelähmt gewesen. Ich war es bei dem Gedanken an Andy.

Sein Benehmen in diesen letzten Tagen unseres Beisammenseins hatte mich verstört. Wie war es zu seinem Stimmungswechsel gekommen? Ich hatte nie zuvor einen Menschen so verzweifelt gesehen. Aber auch nicht so unbeschwert. Dieser Ausbruch hatte mich zutiefst verunsichert. Und ein Kind brauchte doch vor allem Sicherheit.

Weder meine Freunde noch Robert oder deine Großeltern hatten deinen Dad jemals kennengelernt, ich hatte ihn gewissermaßen vor ihnen versteckt, während er bei mir hauste. Eigentlich war Andy mir ein wenig peinlich gewesen, Claire. Er sprach wie der Bösewicht aus einem Nazifilm.

Jedenfalls erschien es mir damals das Klügste – vor allem wegen der Vorkommnisse zuvor – dich allein großzuziehen. Irgendwann würde Andy schon keine Briefe mehr schreiben. Rügen, diese deutsche Insel in der Ostsee, war weit genug weg. Dachte ich.

Doch ein Jahr später kam er zurück.

4

Ach, Claire.

Weißt du, was mich in diesen letzten Monaten seit deinem Auszug hat durchhalten lassen? Die Vorfreude auf unser wöchentliches Skypen. Vermutlich war ich an diesem Morgen deshalb so gut drauf, weil ich wusste, dass wir bald miteinander reden würden.

Allerdings verging mir die Vorfreude in dem Moment, in dem ich den Brief von Sven Sandberg in Händen hielt und nicht wagte, ihn zu öffnen.

Um Viertel nach elf sah ich das vertraute Blinken auf meinem Rechner, und kurz darauf lächeltest du mir gequält entgegen. Ich hatte nicht vor, dir von dem Brief zu erzählen.

»Ist etwas passiert?«, fragte ich stattdessen. »Irgendwas mit dem Praktikum? Mit Kristján?«

Du schütteltest den Kopf. »Nein, Mom, hier ist soweit … alles bestens.« Dass es eine Lüge war, sah ich sofort, auch wenn du dich an einem Lächeln versuchtest und mich für mein frisches Aussehen lobtest.

Ich freute mich über dein Kompliment, manchmal fühle ich mich nämlich ganz und gar nicht frisch. Wenn ich das Handy mal versehentlich auf den Selfie-Modus stelle, ohne darauf gefasst zu sein, und dann sehe, wie meine Mundwinkel nach unten zeigen …

Etwas an dir wirkte jedenfalls aufgesetzt, und eine altbekannte Angst kroch mir den Nacken hoch. Gab es etwa wieder Probleme?, fragte ich mich. Wo doch endlich einmal alles gut zu sein schien. Allerdings, mir war klar, dass – wie sehr ich auch nachbohren würde – du nichts preisgeben würdest, es sei denn aus freien Stücken.

Im folgenden Gespräch erzähltest du mir ausgiebig von den neuesten Ereignissen in deinem Praktikum im Hort.

Ich hätte niemals vermutet, dass du ein gutes Händchen für Kinder haben könntest und war daher von deiner Idee, beruflich etwas mit Dreikäsehochs zu machen, sehr überrascht. Inzwischen bin ich natürlich überglücklich, dass du endlich weißt, was du willst. Eine Zeit lang hatte ich wirklich Sorge, Claire, du könntest deinem Vater mehr ähneln, als mir lieb war.

Nachdem ich dir den neuesten Klatsch von der Arbeit berichtet hatte, kamst du auf meine beiden bevorstehenden Verabredungen in der kommenden Woche zu sprechen, die ich den ganzen Morgen erfolgreich aus meinen Gedanken verbannt hatte.

Die Partnersuche angehen zu wollen, war eine Sache, es auch zu tun eine ganz andere. Ein Date hatte ich sogar schon hinter mir, doch der Herr besaß drei Hunde. Drei!

»Also, Mom«, mit diesen Worten sahst du mich beschwörend an, »nutze diese Chance. Stell dir vor, wie schön es wäre, mit einem interessanten Mann die Feiertage zu verbringen. Ihr könntet lange Strandspaziergänge unternehmen und …«

»An den Feiertagen kommst doch du«, unterbrach ich dich, »da werde ich jede freie Minute mit dir verbringen.« Ich tippte mir belustigt an die Stirn. »Denk doch mal nach.«

Du verzogst das Gesicht, als hättest du auf eine Zitrone gebissen. »Stimmt natürlich«, flüstertest du, dann sahst du auf deine Uhr und hauchtest: »Oops, ich muss Schluss machen, wir müssen gleich los. Es ist Schnee angekündigt, und wir wollen noch rechtzeitig in Reykjavík eintreffen.«

»Wir könnten ja nachher noch mal skypen«, schlug ich vor – doch du fuhrst dir mit beiden Händen durchs Haar.

»Wir bekommen vielleicht noch Besuch, ein paar Freunde wollten vorbeikommen. Wir hören uns in einer Woche wieder, Mom, ja? Bis dann!«

Dein Konterfei verschwand von der Bildfläche, und ich war wieder allein.

Du entferntest dich von mir, es war eindeutig. Es sollte mich freuen, jede Mutter sollte sich freuen, wenn das Kind – besonders eines wie du – auf eigenen Beinen steht. Doch die Freude darüber wollte sich nicht so recht einstellen. Stattdessen wuchs das Gefühl, dass du mir eigentlich etwas sagen wolltest, das mich nicht gefreut hätte.


Aber zurück zu deinem Vater. Es war wie in einem Film, in dem die Drehbuchautoren das gern genommene Klischee verwenden, die männliche Hauptfigur damit zu überraschen, dass sie ein Kind hat. Der Held klingelt an der Wohnungstür, und die Verflossene öffnet ihm mit einem Baby auf dem Arm.

Genauso war es bei uns.

Das Baby warst du, mit zweitem Namen hatte ich dich Amber genannt. In einem unserer vielen Gespräche während unseres Zusammenseins hatte dein Vater mir erzählt, dass er – sollte er jemals Kinder haben – seine Tochter unbedingt so nennen wollte. Nach den wertvollen Steinen, die er in seiner Heimat so erfolgreich gesammelt hatte.

Nun, zumindest das war ich ihm doch schuldig gewesen. Damals warst du noch blond wie er. Um den Hals trugst du in jenem Augenblick ein mit Karottenbrei verschmiertes Lätzchen. Das Spucktuch zeigte Big Bird, den riesigen Kanarienvogel aus der Sesamstraße.

Als du Andy sahst, sagtest du »De«.

Andy hielt eine Kamera im Anschlag, um meinen Gesichtsausdruck zu filmen, wenn ich ihn vor der Wohnungstür erblickte.

Ich hingegen werde nie Andys Mienenspiel vergessen.

Wir starrten uns, nachdem er den Camcorder hatte sinken lassen, minutenlang an. Minuten, in denen er sich vermutlich Verschiedenes fragte. Zum Beispiel, ob ich so schnell einen anderen gefunden hatte. Vielleicht sogar, ob ich bereits schwanger gewesen war, als ich ihn traf. Oder ob dies sein Kind sein könnte. So genau konnte er dein Alter sicher nicht auf Anhieb einschätzen.

Niemals hätte ich mit einem Überraschungsbesuch gerechnet. Ich hatte damit kalkuliert, dass er mir in einem seiner Briefe mitteilen könnte, er wolle mich besuchen – das hätte ich schon irgendwie abgewehrt, und wäre es nur gewesen, ihm zu berichten, dass ich einen Freund hatte. Doch er war einfach gekommen. Mit einem Reiserucksack auf dem Rücken, vermutlich auf der Durchreise zu seinem nächsten Trip an der Küste entlang.

Durch unsere Begegnung hatte er sich weniger angesehen als ursprünglich geplant. Dies wollte er nachholen. Das erfuhr ich später.

Nach diesen endlos anmutenden Minuten des Anstarrens fragte Andy schließlich: »Ist das meins?«

Ich konnte nicht lügen. Mein unmissverständlicher Blick genügte als Antwort.

Ohne ein weiteres Wort wandte Andy sich ab und ging.

Ich blieb mit rasendem Herzen und zittrigen Knien an der Haustür stehen und schloss sie schließlich leise hinter mir, kehrte mit dir im Arm zurück in meine Wohnung.

Du sperrtest weiter hungrig den Schnabel auf, als wäre nicht die größte Veränderung in unseren Alltag getreten, wie ein Steinschlag in die unberührte Fläche frisch gefallenen Schnees.


Nach drei Tagen kam er zurück. Er war betrunken. Diesmal war keine Kamera in seinen Händen. Nur ein stiller Vorwurf in den Augen. Den ich sogar verstand. Ich selbst hatte seit drei Nächten nicht geschlafen, mich bei jedem Klingeln gefragt, ob er zurückkehrte. Und was er sagen würde. Ich fühlte mich schuldig. Jemandem ein Kind vorzuenthalten ist kein Klacks. Dich nahm ich nicht mehr mit an die Tür.

Andy öffnete seinen Rucksack und zerrte einen kleinkindgroßen Teddybären hervor, den er mir mit ausgestreckter Hand entgegenhielt. Um den Hals des Teddys baumelte ein Glöckchen. Du hast ihn noch immer, er sitzt auf dem Regal in deinem alten Zimmer.

Ich bat Andy herein. Jetzt, wo er schon mal hier war, konnte ich ihn nicht abweisen. Er hatte nichts Schlimmes getan.

Er stieg die Treppe hinauf wie ein geprügelter Hund, schlich auf Zehenspitzen zu dem Laufstall im Wohnzimmer, in dem du mit dem Daumen im Mund lagst. Ein Speicheltropfen rann an deiner Hand vorbei, deine Wangen zitterten beim Saugen.

Über Andys Gesicht flossen stille Tränen, die mir die Kehle eng werden ließen.

»Ich wollte dich nicht damit belasten«, sagte ich. »Du lebst so weit weg, wolltest reisen …«

Er wischte sich über die Augen und sah mich fragend an. »Darum ging es?«, fragte er. »Es ist nicht, weil du mich nicht wolltest?«

»Natürlich nicht«, log ich.

Wie sollte ich ihm erklären, dass ich mit Problemen besser allein zurechtkam; dass es mich eher belastete, wenn ich sie mit anderen teilte. Ich stimmte mich nicht gern ab, besonders dann nicht, wenn ich selbst hochgradig verunsichert war. Ich hatte ja nicht gewusst, wie es mit Baby werden würde. Und geahnt, dass es sich bei Andy um einen Mann handelte, um den man sich bald ebenso intensiv kümmern müsste wie um ein Kind.

Wie sehr, habe ich damals allerdings nicht ahnen können.

Nachdem er Stunden damit verbracht hatte, dir vor sich hin weinend beim Schlummern zuzusehen, wechselte er vom Weinen ins Lachen und wieder zum Tränenvergießen. Schließlich packte er die Kamera aus und filmte dich beim Schlafen, dabei, wie du aufwachtest, und dabei, wie du ihn zum ersten Mal ansahst.

Er schlief auf der Couch. Machte mir keine Vorwürfe, stellte mir keine Fragen. Er hob tausend Dollar von seinem Konto ab und legte sie mir auf den Tisch. Sein Beitrag zum Baby und zur Miete, sagte er. Er würde gern bleiben.

Ich wollte sagen, er könne nicht bleiben, allenfalls ein Besuchsrecht bekommen … doch mir fehlten die Worte.

Und so kam es, dass ich wieder arbeiten konnte, während dein Vater auf dich achtgab. Finanziell hätte mir nichts Günstigeres passieren können. Und dir nichts Besseres als dein Daddy.

Zunächst.


An jenem Tag, als dieser Brief aus Deutschland eintraf, hielt ich es nachmittags nicht mehr aus und nahm den cremefarbenen Umschlag zur Hand, roch daran. Er duftete nach Papier – etwas anderes war auch nicht zu erwarten gewesen.

Ich trug das Kuvert in die Küche, schaltete die Neonröhre über der Spüle an und hielt den Umschlag darunter, versuchte die Schatten blauer Schrift, die durch das Pergament schimmerten, zu entziffern. Doch wie ich es auch wendete, es war nichts zu erkennen. Auch nicht, als ich mit einer Taschenlampe hinter den Brief leuchtete.

Ich wollte ja gar nicht alles lesen, nur ein Wort erhaschen. Irgendetwas, das mir Aufschluss darüber geben würde, worum es ging. Dabei lag das ja auf der Hand. Vermutlich verhieß diese Post nichts Gutes – meine Befürchtung, Andy sei verstorben, erhärtete sich. Sonst hätte doch er selbst geschrieben, oder etwa nicht?

War der Absender Sven Sandberg Andys Bruder?, fragte ich mich. Der Bernsteinsammler? Dein Dad hatte den Namen nie erwähnt. Oder ein anderer Verwandter? Sein Vater vielleicht?

Dann kam mir ein anderer Gedanke. Hattest du versucht, Kontakt zu Andy aufzunehmen? Immerhin hatte ich dir bei deinem Besuch mit Kristján im Sommer erzählt, dass dein Dad Deutscher war, der früher an der Küste Bernstein sammelte. Auf die Insel Rügen hättest du kommen können.

Hattest du ihn aufgespürt? Schrieb dieser Sven deshalb? Aber dann hättest du ihm doch erzählt, dass du in Island lebst? Und du hättest mir davon berichtet. Zumindest hätte ich es dir an der Nasenspitze angesehen.

Oder wusstest du, dass ein Brief für dich kommen würde und hattest dich beim Skypen deswegen so merkwürdig verhalten?

Ich wusste nicht, was ich denken sollte.

Angenommen, du hattest nichts damit zu tun – wie hatte er meine Adresse finden können? Ich stand nicht im Telefonbuch.

Wenigstens konnte ich versuchen, etwas über diesen Sven herauszufinden, wo ich doch schon nichts über Andy hatte entdecken können.

Eilig öffnete ich meinen Laptop und suchte im Netz nach Sven Sandberg auf Rügen. Ich fand heraus, dass er Inhaber eines »Hotel Sandberg« in einem Ort namens »Ostseebad Binz« war. Das Hotel war ein Fünf-Sterne-Haus direkt am Strand.

Es gab Bilder von großzügigen, hellen Zimmern, einem Frühstücksraum, einer Bar und einem Strand mit Strandkörben. Zwei Kinder auf den Fotos ließen Drachen steigen. Sofort fühlte ich mich an deine Kindheit zurückerinnert, in der wir auch am Strand Drachen hatten fliegen lassen. Auch dein Daddy hatte das mit dir gemacht.

Leider fand ich kein Foto von Sven Sandberg, es hätte mich interessiert, ob er Andy ähnelte.

Was wollte dieser Mann von dir? Ich ahnte nichts Gutes.

5

Die folgenden Tage versuchte ich, diesen Brief auszublenden, was mir nur kläglich gelang. Ich wollte unbedingt wissen, was darin stand – und auf der anderen Seite fürchtete ich mich davor. Würde dieser Brief unser Leben abermals auf den Kopf stellen?, fragte ich mich. Ich wollte doch einfach nur Normalität!

Jede andere Mutter hätte dich angerufen, vielleicht den Brief gemeinsam beim Skypen geöffnet. Oder abgewartet, bis du kommen würdest und es eben dann getan.

Aber andere Mütter haben auch nicht solche Sorgen um ihre Töchter durchgemacht wie ich.

Apropos Sorgen: Bevor du kommen wolltest, stand ja noch etwas ganz anderes an. Ein Date, von dem du noch gar nichts wusstest. Gott, war ich aufgeregt.

Der Mann hieß Brad Newman, er besaß keine Hunde oder sonstiges Getier (ich hatte sicherheitshalber noch einmal nachgehakt) und war Chefeinkäufer bei GARPS, dieser bekannten Sportmarke. Ich gab mir viel Mühe mit meinem Outfit, debattierte mit Lee-Ann, ob ich das Haar offen oder hochgesteckt tragen sollte, und ob ein Kleid oder ein Hosenanzug angemessen sei. Ich entschied mich für ein Kleid: das mit dem großzügigen Blumenmuster.

Brad roch gut, er war frisch rasiert, die dunklen Haare leicht verstrubbelt, als hätte er sie nach der Dusche nur einmal kurz mit dem Handtuch getrocknet. Er trug Jeans und Hemd, dazu ein paar Segelschuhe. Seine Zähne waren echt, was auch nicht selbstverständlich ist. Er hatte ein angenehmes Lächeln, auf der linken Wange bildete sich ein Grübchen, wenn er lachte.

Wir trafen uns am Hafen, er lud mich ein, das hatte er bereits bei unserer Terminabsprache betont. Er bestellte Lobster, das teuerste Gericht auf der Karte. Eigentlich mag ich Hummer nicht besonders – was nicht am Geschmack liegt, sondern an der Art der Zubereitung. Und ich mag auch deswegen nicht so gerne Lobster, weil es nicht unkompliziert ist, das Schalentier zu verzehren. Doch auch diesen Gedanken blendete ich aus, und es klappte alles irgendwie.

Brad plauderte mit mir, es kamen keine unangenehmen Momente des Schweigens auf. Er mochte seinen Job, berichtete ausgiebig von der Marktlage, gab eine Analyse des amerikanischen Binnenmarktes seit der Wahl Trumps. Wir taten kurz unsere politische Meinung kund, die glücklicherweise übereinstimmte, er erkundigte sich nach meinem Job. Wir hatten, so kann man sagen, einen schönen Abend.

Bis zu jenem Moment, in dem Brad um die Rechnung bat und feststellte, dass er sein Portemonnaie – und damit seine Kreditkarte – zu Hause vergessen hatte.

Er bot an, sie zu holen, doch natürlich winkte ich ab. Ich hätte sagen können, dass ich es ihm auslegen würde, doch wie knauserig klang das denn? Ich war eine erwachsene Frau, stand beruflich auf eigenen Füßen – diese Blöße wollte ich mir nicht geben.

Ich blätterte ein Vermögen für diesen Hummer hin, von dem ich kaum etwas verzehrt hatte, genauso wie für die exquisite Flasche Wein aus Südfrankreich.

Zuhause angekommen, stellte ich binnen weniger Minuten fest, dass bei GARPS niemand mit dem Namen Brad Newman arbeitete. Und auch die Telefonnummer, über die wir zuvor miteinander kommuniziert hatten, war abgemeldet. Du kannst dir vorstellen, dass ich innerlich kochte!

Allerdings war ich nicht bereit, so schnell mit dem Dating wieder aufzuhören. Ich war wild entschlossen, dir etwas Positives berichten zu können!

Vorsichtshalber überprüfte ich die Kontaktdaten und auch das Facebook-Profil meiner nächsten Verabredung. Diese sollte am Freitag darauf stattfinden – einen Tag vor unserer nächsten Skype-Sitzung.

Sam Cooper war Inhaber einer Tankstelle am Harbor Drive, sie gehörte ihm seit zweiundzwanzig Jahren. Foto und Name stimmten mit den Angaben auf den Internet-Seiten überein.

Blieb nur zu hoffen, dass der, der am Freitag zu meiner Verabredung kommen würde, auch genauso aussah. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Und gnade ihm Gott, wenn er mich nicht einlud.

»Ich hoffe, er riecht nicht nach Benzin«, sagte ich noch zu Lee-Ann, doch sie gackerte nur. »Dann wirst du von seinem Geruch high, ist doch auch nicht schlecht.«

Ich zeigte ihr einen Vogel.


Für die Verabredung mit Sam gab ich mir überhaupt keine Mühe. Ich behielt die Sachen an, in denen ich zuvor die Wochenendeinkäufe erledigt hatte, zog nur den Lippenstift nach – das war’s.

Erleichtert nahm ich zur Kenntnis, dass Sam genauso aussah wie auf seinem Foto. Er war fünf Jahre jünger als ich, geschieden, hatte zwei Söhne, die beide bei ihm arbeiteten, und er spielte mittwochs Squash, um sich fit zu halten.

Er war sexy. Es umgab ihn etwas Jungenhaftes, Verspieltes, und ich begann unvermittelt, mit ihm zu flirten.

Nach dem ersten Wein griff er wie zufällig nach meiner Hand und strich darüber. Mir jagte ein Schauer über den Rücken, unsere Blicke trafen sich, Sam sah mich unverwandt an, das Kinn angehoben. Herausfordernd.

Aha. Er wollte Sex. Heute noch.

Ich schluckte und führte ein Gespräch mit meinem inneren Schweinehund, der mich mahnte, nicht so leicht zu haben zu sein, aber dann: So what.

Ich trank eindeutig zu viel. Viel zu viel. Von dem Risotto bekam ich kaum etwas hinunter. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, Sam in die Augen zu sehen, der mich dazu brachte, mir alles Mögliche mit ihm vorzustellen.

In diesem Moment klingelte mein Handy. Entschuldigend sah ich Sam an und angelte danach. Du warst es, die mich da anrief.

Ich war sofort alarmiert, unser wöchentliches Skypen war ja schon für den nächsten Tag geplant. Mit einer Handbewegung gab ich Sam zu verstehen, dass es dringend sei, und hielt das Smartphone ans Ohr. Noch einmal warf ich meinem Gegenüber einen entschuldigenden Blick zu, während du mir im selben Moment ins Ohr flüstertest, du müsstest dringend mit mir reden.

»Ich fühle mich schrecklich«, sagtest du.

Ich wusste nicht, was ich mit deinen Worten anfangen sollte.

»Ich … wir …« Mehr bekamst du nicht raus. Ich glaube, du hast geweint.

»Bitte sag mir endlich, was los ist«, hauchte ich in den Hörer. Eine egoistische Hoffnung keimte in mir auf, du würdest mir sagen, dass deine Beziehung gescheitert sei und du zurückkommen wolltest. Dann hätte ich mir künftig diese dummen Dates sparen können und mein Leben wäre wieder ausgefüllt gewesen. Furchtbare Gedanken, ich weiß.

Du sagtest mitten in diese Überlegungen hinein, dass du zu Weihnachten, Silvester und Neujahr nicht kommen könntest. Auch nicht zu meinem Geburtstag. Und dann stießt du ein zittriges Schnauben aus, als hätte es dich viel Kraft gekostet, mir das zu gestehen. »Es tut mir so leid, Mom«, ergänztest du noch, als sei es höhere Gewalt. Dabei war es dein Entschluss!

Ich starrte den Hörer an. Dass du Weihnachten kommen würdest, war schon seit Monaten vereinbart gewesen. Ich hatte deine Flugtickets gebucht. Wie konntest du das kippen, mich hier allein lassen, wo ich mich so auf dich gefreut hatte?

Ich vergaß völlig, etwas zu sagen, saß nur mit meinem Telefon am Ohr da, bis du mich fragtest, ob ich noch dran sei. Und dass du und Kristján von Ida und ihrem Vater, die beide in Spanien lebten, eine Einladung bekommen hättest. Du hattest mir schon von Kristjáns Onkel und dessen Tochter erzählt, aber was gingen die mich an? Und weshalb bedeuteten diese zwei Fremden dir mehr als ich?

Ich blieb stumm. Sam beobachtete mich, vermutlich sah er mir an, dass ich kurz davor stand, loszuheulen.

Ich blinzelte die Tränen fort und hörte mich sagen: »Ist schon gut. Machen wir so. Kein Problem.«

Mein Herz brannte. Vor Enttäuschung. Vor Verlustangst. Vor Einsamkeit. Ich war Ende Vierzig und hatte niemanden, Claire.

Aber du hörtest nicht auf zu reden. »Mom, bitte sei nicht böse«, sagtest du. »Du hast schon seit Jahrzehnten kein Weihnachten mit deinen Eltern verbracht. Es ist nur das eine Mal, ich wünsche mir so sehr, dieses erste gemeinsame Fest mit Kristján zu verbringen. Ich liebe ihn so sehr, Mom.«

»Ich verstehe das«, presste ich hervor. »Wirklich.«

Niedergeschlagen legte ich mein Smartphone ab und versuchte mich an einem Lächeln in Sams Richtung. Die Lust auf ein Abenteuer war verpufft. Ich wollte nach Hause auf meine ausgelegene Couch und mich in meinen bequemen Hausanzug kuscheln, einen romantischen Film mit Happy-End schauen, das mein eigenes Leben niemals finden würde.

»Alles okay?«, fragte Sam und legte den Kopf schräg.

»Leider nicht«, seufzte ich und umriss ihm das Telefonat mit dir, hob ratlos die Schultern. »Sieht so aus, als würde ich die Feiertage allein verbringen.«

Sam sah nachdenklich auf mein Handy, das ich neben mir auf dem Tisch abgelegt hatte.

Plötzlich schnaubte er belustigt. »War das ein inszenierter Anruf?«, fragte er mich.

Aufmerksam sah ich ihn an und wollte wissen, wie er das meinte.

Die Antwort hatte es in sich. »Na ja«, bemerkte er, »um mich irgendwie in die Pflicht zu nehmen für deine weihnachtliche Einsamkeit.«

Ich fragte ihn, ob er noch ganz bei Trost sei und griff nach dem Apparat, zeigte ihm die Nummer mit isländischer Vorwahl.

»Das kann man sicher alles faken«, meinte er trocken.

»Fake News meinst du?«, blaffte ich. »Hältst du mich für so verzweifelt?« Ich war kurz davor gewesen, mit diesem Typen in die Kiste zu gehen. Gott im Himmel. Ein komplett Fremder. Ein Mann mit Bindungsangst.

Eilig schob ich meinen Stuhl zurück und tupfte mir an einer Serviette die Lippen, dabei hatte ich noch kaum einen Bissen gegessen.

Sam griff nach meiner Hand, doch jetzt fühlte sie sich feucht und kalt an. Das Grübchen, dass mir vorher noch gefallen hatte, wirkte jetzt wie das falsche Lächeln eines Autoverkäufers, der mir für viel Geld eine Schrottlaube andrehen wollte.

Stand ich kurz vorm Eisprung oder wie hatte er mich so blenden können? In diesem Moment war ich dir sogar dankbar, dass du mich vor einem großen Fehler bewahrt hattest!

Ich kramte aus meinem Portemonnaie eine zerfledderte Zwanzigdollarnote und legte sie auf den Tisch. Noch ehe dieser Idiot etwas entgegnen konnte, war ich aus der Tür.

6

Als ich zu Hause eintraf, rief ich Lee-Ann an und klagte ihr mein Leid. Mein immerwährendes Pech mit den Männern, noch dazu deine Absage und dann dieser Brief, der wie eine Handgranate auf dem Flurtischchen lag und jeden Moment explodieren zu wollen schien.

Lee-Ann war wie immer praktisch veranlagt. Sie wiederholte ihre Weihnachtseinladung, meinte, zur Not brächte sie ihren Mann bei seinen Eltern unter, und wir Mädels könnten es uns gemütlich machen.

Dann riet sie mir: »Diesen Brief würde ich an deiner Stelle öffnen.«

»Aber wie könnte ich sowas tun?«, wandte ich ein. »Er ist an Claire adressiert.«

»Genau genommen ist er an eine Amber und deine Adresse adressiert. Hätte dieser Sven mal nach deinem Mädchen unter ihren richtigen Namen gegoogelt, wäre er auf ihren Facebookaccount gestoßen und hätte sofort festgestellt, dass sie nicht in Kalifornien ist, sondern in Ice-Land

Ihre Worte erheiterten mich. Sie hatte so recht. Auf Facebook gab es nur wenige Claire Gallaghers. Eine davon eine Irin aus Wicklow, die älter ist als ich. Und als einzige junge Frau du. Es wäre ein Leichtes gewesen, dich ausfindig zu machen. Aber den Brief an dich als Amber zu adressieren … kannte Sven Sandberg vielleicht gar nicht deinen richtigen Namen?

Während ich die Brieffalz öffnete – genau wissend, dass ich Unrecht tat – bekam ich einen Schweißausbruch.

Bei der Hälfte des Umschlags starrte ich auf die ausgefranste Stelle, die ich dir – sollte ich jetzt in meinem Unternehmen stoppen? – schwerlich hätte erklären können. Oder doch – ich könnte dir sagen, dass ich gar nicht realisiert hatte, dass der Brief an dich adressiert war, resümierte ich. Einfach so tun, als sei es ein Versehen gewesen.

Oder ich würde dir die Wahrheit sagen, nämlich, dass ich dich schützen wollte. Dass ich Angst um dich hatte. Denn – was auch immer in diesem Brief stand – es würde unser Leben verändern. Da war ich mir sicher. Und schau, ich hatte recht. Wie sehr – das konnte ich natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

Ich fuhr mit dem Öffnen fort und holte beim Herausziehen des zusammengefalteten Papiers tief Luft. Dann las ich folgende Worte:


Liebe Amber,

ich hoffe von Herzen, dass meine Zeilen dich erreichen.

Ich weiß, es ist viele Jahre her, dass du zuletzt von deinem Vater gehört hast – vielleicht hast du ihn trotzdem nicht vergessen.

Ich möchte ihm gern einen Wunsch erfüllen, weil er selbst dazu nicht in der Lage ist.

Und obwohl er nicht dabei sein kann, würde ich mich freuen, wenn du dafür Weihnachten nach Rügen kämst. Zu deiner Familie.

Auf eine positive Antwort hoffend,

Dein Onkel Sven


Darunter eine E-Mail-Adresse und eine Telefonnummer.

Also doch Andys Bruder.

Ich ließ den Brief sinken und starrte auf die geschwungenen Buchstaben. Was war mit deinem Dad geschehen? Lag er im Sterben? Wie war das hier zu verstehen?

Ich öffnete wieder die Webseite des »Hotel Sandberg«, betrachtete noch einmal die Fotos, den verschneiten Strand und stellte mir vor, in einer dicken Jacke und mit Mütze, Schal und Handschuhen in dieser Einöde spazieren zu gehen. Der kalte Wind würde mir um die Nase wehen und all die miesen Gedanken vertreiben, die mich seit deiner Absage zerfraßen.

Die Zimmer von Sven Sandbergs Hotel sahen wirklich einladend aus. Er gehörte zu deiner Familie, er lud dich ein.

Benommen suchte ich im Internet nach weiteren Bildern der Insel, wollte auf der Weltkarte sehen, wohin dieser Mann dich so freundlich zu kommen bat.

Die Insel lag in der baltischen See, auf Deutsch »Ostsee«. Knapp daneben lag Polen, dann kamen auch schon die Ukraine und Russland. Wie man hörte, kriselte es in Europa, sie hatten dort mit vielen Problemen zu kämpfen, und mir wollte kein vernünftiger Grund einfallen, dich freiwillig in dieses Krisengebiet zu entsenden.

Ich betrachtete wieder den Brief und schüttelte den Kopf.

Dann hatte ich eine Idee. Eine verrückte, zugegeben. Aber sie ließ meine Laune zumindest um eine Nuance ansteigen.

7

Wie du dir vorstellen kannst, erklärte Lee-Ann mich für verrückt, als ich ihr am Telefon von meinen Plänen erzählte.

»Ich könnte verstehen, wenn du in die Karibik reisen wolltest«, ließ sie einen Redeschwall auf mich nieder, »nach Kuba meinetwegen, eine selbstgedrehte Zigarre rauchen und dir einen dieser bunten Schlitten mieten, oder mal wieder nach Mexico günstig Ferien machen – aber nach Deutschland? Man hört doch, dass dort der halbe Orient Unterschlupf gefunden hat. Dort willst du allen Ernstes hin?«

Alles, was außerhalb der USA liegt, ist für Lee-Ann Niemandsland. Sie ist eine liebe Seele, ist immer für mich da, aber manchmal bringt sie mich zur Verzweiflung. Weihnachten wollte ich jedenfalls nicht mit ihr verbringen.

Nachdem ich ihr einen Link zu Sandbergs Hotel geschickt hatte, plapperte sie weiter: »Hübsch, zugegeben. Aber ein bisschen einsam, meinst du nicht? Dort herrschen eisige Temperaturen, das ist dir klar?«

Vermutlich klang ich genauso, als ich dich im Frühjahr davon überzeugen wollte, nicht nach Island zu fliegen, Claire.

Aber so wie meine Bemühungen damals, prallten auch Lee-Anns Einwände an mir ab.

Nachdem wir aufgelegt hatten, ging ich noch einmal auf die Seite des Hotels und betrachtete mir die Angebote, überlegte, wie lange ich bleiben könnte, um Sven Sandberg und seiner Familie auf den Zahn zu fühlen. Denn das musste ich doch? Ich konnte sie doch nicht einfach auf dich loslassen. Außerdem warst du ja über Weihnachten ohnehin auf Mallorca.

Ich hingegen hatte vom 17. Dezember bis zum 4. Januar frei. Drei Wochen, die ich mit dir hatte verbringen wollen.

Zum Jahresausklang bot das Hotel eine Gala mit Feuerwerk. Vielleicht gab es weitere Alleinreisende und ich lernte jemand Interessantes kennen?

Innerlich tippte ich mir an die Stirn. Konnte ich noch an etwas anderes denken als daran, dass ich alleinstehend war? Mir ging es doch gut! Auf diese kaputten männlichen Singles, wie ich sie in den letzten Wochen kennengelernt hatte, konnte ich verzichten. Es ging doch darum, deinen Onkel, der dich so selbstlos eingeladen hatte, kennenzulernen. Und seine Familie.

Ich straffte die Schultern und zählte den Preis für drei Wochen Halbpension zuzüglich Einzelzimmerzuschlag zusammen. Mit zweitausendfünfhundert Euro war ich dabei. Eilig tippte ich in einen Währungsrechner ein, wie viel Dollar das waren und schluckte. Mit dem Flug verschlang das einen Großteil meiner Ersparnisse.

Doch wenn ich für einen kürzeren Zeitraum flog, würde ich aus dem Jetlag ja gar nicht mehr herauskommen, dachte ich. Und ablenken würde es mich. Ich würde einmal in meinem Leben Winter erleben. Einsamkeit. Kein Sirenengeheul, das ständig vom Highway herüberschallt. Keine Menschenmassen wie in Downtown oder am Hafen. Einmal auf andere Gedanken kommen. Und vielleicht dich glücklich machen.

Bekümmert schloss ich die Augen. Wie nett der deutsche Teil deiner Familie auch sein mochte: Wenn es um deinen Vater so schlecht stand, wie ich befürchtete, würdest du nur schwer darüber hinwegkommen.

Hätte ich dir in diesem Moment davon erzählen sollen, dass diese Einladung gekommen war? Dich aus deinem Glück mit Kristján und seiner Familie herausreißen?

Es hätte sogar sein können, dass du gar nichts mehr von deinem Dad wissen wolltest, oder dass du längst damit rechnetest, dass er nicht mehr am Leben war.

Doch was auch immer du dachtest oder nicht, ich stellte in diesem Augenblick fest: Hier ging es auch um mich. Dein Vater war auch ein unabgeschlossener Teil meiner Vergangenheit. Und wenn ich erst einmal wissen würde, was mit ihm geschehen war, wäre ich gewappnet und könnte es dir – was auch immer es war – schonend beibringen. Der Brief klang immerhin so, als sei etwas mit ihm nicht in Ordnung.

Kurzentschlossen klickte ich auf dem Flugportal und auf der Seite des »Hotel Sandberg« auf »buchen«, gab meine Kreditkartendaten ein und faltete die Hände.

Tatsächlich erfasste mich ein angenehmes, aufgeregtes Kribbeln.


Die nächsten Tage verbrachte ich mit den Vorbereitungen für meine Reise. Überraschend fand ich heraus, dass ich nicht einmal ein Visum benötigte – allein mein Reisepass erlaubte es mir, mich neunzig Tage lang im Schengenraum aufzuhalten.

Lee-Ann begleitete mich bei den Einkäufen für die kalte Jahreszeit – sie fand meine Pläne, nach Deutschland zu reisen, nach wie vor irrwitzig. Für sehr bedenklich hielt sie außerdem mein Vorhaben, Sven Sandberg über meine Identität zunächst im Unklaren zu lassen und ihm inkognito zu begegnen.

»Findest du das nicht etwas kindisch?«, fragte sie, als wir uns auf einen Cappuccino in der Central Mall hinsetzten, um die schmerzenden Füße zu entlasten. »Ich meine, du bist keine fünfzehn mehr, wo man an solchen Spielchen vielleicht noch Gefallen findet, du hast doch außerdem gar nichts zu verbergen.«

»Schon, aber an mich ist der Brief nun mal nicht adressiert. Außerdem möchte ich mir die Situation von Andy erst einmal vor Augen führen, ohne mich gleich zu irgendetwas zu verpflichten. Vielleicht ist man auch sauer auf mich. Immerhin habe ich ihn damals vor die Tür gesetzt«, entgegnete ich und spürte, wie mir die Röte in die Wangen stieg. »Vielleicht hätte ich ihm helfen sollen.«

»Du hast genau das Richtige getan, nach allem, was passiert ist. Er hat sich nicht helfen lassen wollen!«, wandte sie ein, doch ich hielt dagegen.

»Er wollte, dass Claire und ich mit ihm nach Deutschland gehen. Er hätte dort zum Arzt gehen können, wir hätten zusammenbleiben können.«

»Aber –?«, fragte sie.

»… aber ich wollte hier einfach nicht weg. Ich liebe Kalifornien, das weißt du doch. Die Wärme.« Ja, die Wärme ist mir wichtig.

»Du hast ihn übrigens auch nicht geliebt«, stellte sie trocken fest, und damit traf sie natürlich ins Schwarze. »Aber jetzt willst du für drei Wochen an die Deutsche See, mitten im Winter?«, stichelte sie weiter.

Ich hob nur die Schultern.

»Ich verstehe dein schlechtes Gewissen sogar«, beschwichtigte Lee-Ann. »Umso mehr solltest du mit offenen Karten spielen. Wenn du dich nicht zu erkennen gibst, könnte es zu Verwicklungen kommen, über die du vielleicht die Kontrolle verlierst.«

Ich schüttelte lächelnd den Kopf. »Es wird zu keinen Verwicklungen kommen, und ich werde nicht die Kontrolle verlieren.«

Ich war noch nie besonders gut darin gewesen, in die Zukunft zu schauen.

Aber wenigstens wollte ich mich klamottenmäßig optimal auf meinen Aufenthalt im winterlichen Deutschland vorbereiten.


Als ich einen halben Tag später mit meinen Einkäufen nach Hause kam, begutachtete ich zufrieden meine Errungenschaften. Im Koffer stapelten sich Kleidungsstücke für kältere Regionen: Mantel, Mütze, Schal, Handschuhe, alles in Brauntönen, das harmonierte gut mit meinem kastanienfarbenen Haar.

Dir erzählte ich nichts von meinen Reiseplänen. Wie hätte ich das tun sollen, hm? Du hättest mir niemals abgenommen, dass ich in Deutschland nur »Urlaub« mache. Ich hätte dir also beichten müssen, dass ich den an dich adressierten Brief geöffnet hatte und nun statt deiner dorthin fahren würde. Von beidem wärst du unendlich enttäuscht gewesen – verständlich. Aber ich hoffte, es dir nach meiner Reise erklären zu können. Dann, wenn sich herausgestellt haben würde, dass ich mit dem Öffnen des Briefs und der Reise dorthin eine kluge Entscheidung getroffen hatte.

Bei unserer nächsten Skype-Sitzung beantwortete ich dir deine besorgte Nachfrage, ob ich denn schon ein paar schöne Pläne für die Feiertage hätte, mit einem vagen: »Vielleicht gehe ich in ein SPA oder so«.

Und du? Du schicktest mir zum Trost per Express ein Päckchen, das dich ein Vermögen gekostet haben musste und ich erst Weihnachten öffnen sollte.

Ich brachte es gerade noch im Koffer unter.

Als ich die Schnallen des Gepäckstücks schloss, holte ich tief Luft. Was würde mich erwarten?

Lehn dich zurück, Claire. Ich will dir alles genau erzählen.

Als wärst du dabei.

8

Mein Flug dauerte sechzehn Stunden und ging über Paris nach Hamburg. Ich hatte mir für den Flug einen Multimedia-Deutschkurs mit Wörterbuch gekauft, lauschte den Weisungen über Kopfhörer und versuchte mich an der Aussprache der kehligen Klänge und Umlaute, bis mein Sitznachbar mich anstieß und mich fragte, ob mir nicht gut sei. Schließlich schlief ich ein.

Als ich nach der Fahrt mit der S-Bahn vom Flughafen zum Bahnhof endlich im Zug in Richtung Binz saß, atmete ich erleichtert auf.

Ich sah aus dem Fenster und betrachtete diese fremde Stadt mit ihren zierlichen Brücken über einen Fluss, dessen Namen ich nicht kannte. Rot geklinkerte Gebäude, die uralt aussahen, säumten das Gewässer – Warenspeicher vielleicht, dachte ich.

Dann passierten wir unzählige Baustellen mit orangefarbenen Baufahrzeugen, mit Wellblech verkleidete und mit Graffiti besprühte Industriegebäude, rauchende Schornsteine. Dazwischen Wohnhäuser inmitten von blattlosen Bäumen. Und schon vermisste ich die Palmen entlang der Boulevards in San Diego.

Hier war alles so klein. Selbst die Lärmschutzwände. Parkplätze voller kleiner Autos, die meisten davon silberfarben. Ein Spielplatz, auf dem ein Mann und eine Frau nebeneinander schaukelten.

Ich machte ein Foto, loggte mich ins WLAN des Zuges ein und schickte es Lee-Ann, schrieb ihr, dass ich gut angekommen sei und nicht wüsste, wann ich mich das nächste Mal melden konnte.

Dann folgten karge Felder, soweit das Auge reichte. Pferdehöfe. Am Horizont Wald. Bestimmt kommen bald die Berge, dachte ich. Doch zunächst Kleinstädte. Mit verschnörkelten Gebäuden, grün oder rot oder rosafarben, die Fensterrahmen weiß abgesetzt. Daneben modernere Bauten mit Balkonen. Einige weihnachtlich geschmückt – doch nicht zu vergleichen mit dem, wie wir unsere Häuser verzieren. Fast so, als schäme man sich für die Deko und wolle niemandem auf die Nerven gehen.

Wann immer ich verreise, was ja nicht allzu oft vorkommt, philosophiere ich darüber, wie unterschiedlich Menschen leben. In einer Villa am Strand, in Städten wie diesen, in den Slums Indiens. Und keiner weiß vom anderen. Man begegnet in seiner kurzen Zeit auf diesem Planeten einem Bruchteil von Menschen, Claire, einige wenige werden enge Freunde oder Liebespartner. Ist das nicht eine Vergeudung angesichts dessen, wie viele Erdenbürger es auf der Welt gibt?

An einer Haltestelle stieg eine Frau zu, deren Geruch nach Waschmittel mich fast high machte. Und es war so leise in der Bahn. Kaum einer sprach miteinander. Man lächelte sich zu, trat beiseite, bewegte lautlos die Lippen zum Gruß.

Andy war anders gewesen. Zumindest in San Diego. Vielleicht hatte er sich dort angepasst.

Ich war ja noch nie – mit Ausnahme von Mexiko natürlich – außerhalb der Staaten gewesen und war überwältigt von der zurückhaltenden Art der Deutschen. Und alle sprechen Englisch, ist das nicht verrückt? Was sind wir Amerikaner in dieser Hinsicht doch furchtbar bequem.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt lagen nur noch einzelne Gehöfte wie zufällig in der mit sanften Hügeln durchzogenen Landschaft. Von Schnee keine Spur. Es wirkte, als hätte es seit Tagen geregnet. Tief hängende Wolken hüllten Windräderparks auf nass glänzenden Wiesen in Nebel.

Wie kann man in einer solchen Trostlosigkeit leben wollen?, fragte ich mich. In diesem Moment wurde mir ein wenig bange bei dem Gedanken, dort die nächsten drei Wochen zu verbringen. Ich hätte mich erkundigen sollen, was das für ein Städtchen war, in dem Sven Sandbergs Hotel lag – ich hatte mit etwas anderem gerechnet. War Deutschland nicht bekannt für seine Fachwerkhäuser und Burgen? Für Berge?

Je weiter wir fuhren, desto mehr klarte das Wetter auf. Schließlich überquerten wir eine Brücke; auf der parallel verlaufenden Straße verkündeten die Verkehrsschilder, dass wir die Insel Rügen erreichten.


Als ich ausstieg und meine Handschuhe überstreifte, klopfte mir das Herz bis zum Hals. Das nüchtern aussehende, weiß getünchte Bahnhofsgebäude war so unbefleckt wie seine Umgebung: Nichts lag herum, alles schien gefegt, ordentlich und unaufgeregt wie in einem Fünfzigerjahrefilm. Vor dem Bahnhof standen eine Reihe Taxis, doch zu Fuß war es gar nicht weit. Laut Plan nur ein paar Ecken weiter in Richtung Meer.

Entschlossen zog ich den Koffer über die regennassen Straßen. Der Himmel war grau, der Asphalt ebenfalls, die Gebäude zu meinen Seiten überwiegend mehrstöckige Wohnhäuser, teilweise mit hübschen weißen Holzbalkonen, andere schäbig. Es gab auch Ladengeschäfte, Hotels und Fischlokale, aus denen der Duft von Bratfett nach draußen waberte. Mich fröstelte, und ich schlug den Schal enger um mich. Der Weg war beschwerlicher als gedacht, mein Rucksack schwer. Doch ich lief weiter. Immerhin öffnete die kalte Seeluft meine Lungen, und ich atmete durch.

Als ich an einem Buchladen vorüberkam, kaufte ich mir ein paar Post-its und einen englischsprachigen Reiseführer.

Schließlich gelangte ich an eine Uferpromenade. Die Promenade war zum Meer hin durch eine mit Bäumen bewachsene Düne begrenzt, sodass ich die See nicht sehen konnte. Es roch nach Tang. Möwen kreischten in der Luft und ließen sich vom Wind über die Bäume hinwegtragen.

Das »Hotel Sandberg« fügte sich perfekt in die Zeile der anderen Gästehäuser ein, deren Fronten zum Strand zeigten.

Die Fassade hellgelb, viergeschossig. Die Balkone weiß überdacht.

Gegenüber führte ein Pfad durch die Düne, an seinem Zugang befand sich ein Schild mit durchgestrichenem Hund. Ich überlegte nicht lange, wollte einen Blick aufs Wasser riskieren.

Nach wenigen Schritten über das rutschige Holz lag es vor mir. Graue See vor silbrigem Himmel. Der Sand weiß. Keiner dieser Strandkörbe zu sehen, die ich auf den Bildern im Internet entdeckt hatte. Nur ein paar Spaziergänger.

Ich ließ meinen Koffer stehen und ging ein paar Meter weiter, bis ich den Sand erreichte. In der Ferne erspähte ich eine Seebrücke ins Meer. Nur der Wind und mein Atem waren zu hören. Wenn ich an die Seebrücke bei uns denke, Claire, die Wellenreiter und Schwimmer, die den Sand bevölkern wie Robben – ich konnte nicht glauben, dass es Orte mit so wenigen Menschen gab, wie auf Rügen.

Ich zog einen Handschuh aus und nahm den Sand zwischen die Finger. Eine Brise trieb ihn mir aus der Hand. Ich strich meine Hand an der Hose ab, ging über den Holzpfad zurück zu meinem Koffer und betrat kurz darauf das Hotel.

In der hell gestrichenen Halle herrschte angenehm gedämpftes Licht. In der Mitte stand ein geschmückter Weihnachtsbaum, es roch nach Tannennadeln, aber auch nach Hotel: Sauber, trocken, mit einem Hauch Zitrus, der vermutlich aus dem Wellnessbereich herüberwehte.

Eben trat ein Paar in Bademänteln aus dem Fahrstuhl und ging durch eine Glastür mit der Aufschrift SPA.

Als mich eine junge Rezeptionistin ansprach, reichte ich ihr meinen Reisepass und die Anmeldebestätigung, lauschte ihrem interessant klingenden Englisch und spürte Vorfreude in mir aufsteigen.

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, erklärte mir die junge Frau, ab wann es Frühstück und Abendessen geben würde und beschrieb mir den Weg zu meinem Zimmer.

Nach kurzer Fahrt mit dem Fahrstuhl betrat ich ein Doppelzimmer im dritten Stock. Es war genau so, wie ich es mir erhofft hatte. Aus dieser Höhe sah ich über die Promenade und Düne hinweg und zwischen den Bäumen hindurch den Strand. Ich hätte auch die nächsten drei Wochen genau hier stehen bleiben können, so schön war die Aussicht – und das, obwohl der Himmel wolkenverhangen war.

Während ich den Mantel auszog und auf einem der beiden Sessel ablegte, inspizierte ich das einladende Kingsize-Bett, die elegante Schreibkommode.

Im Flur vor dem Badezimmer schlüpfte ich aus den Stiefeln, wackelte mit den schmerzenden Zehen, wippte ein paarmal auf und ab und ging auf Toilette. Ich warf einen Blick auf meine Handyuhr, die sich automatisch der Ortszeit angepasst hatte, und ließ mich kurz darauf aufs Bett fallen. Es war vier Uhr nachmittags. Nur mal kurz die Augen schließen vorm Abendessen. Ich war total erledigt. Eine zwanzigstündige Reise lag hinter mir, während der ich wenig geschlafen hatte.

Ich streifte die Jeans von den Hüften und kletterte unter die Bettdecke. Gähnend reckte ich mich, strich mit den Fingern über die frisch gestärkte Hotelbettwäsche und seufzte erschöpft.

9

Ich erwachte am anderen Morgen um vier.

Draußen war es stockfinster. Keine Straßenlaterne, kein vorbeifahrendes Auto, kein Martinshorn. Es war, als sei ich am Ende der Welt angekommen.

Das Zimmer verfügte über einen Wasserkocher und Tee, auch Instantpulver für einen schnellen Kaffee war vorhanden.

Ich entschied mich für einen Teebeutel mit dem Titel »Ostseeglanz«, was immer das bedeutete, aber er roch gut.

Während der Tee durchzog, stieg ich unter die Dusche und genoss den frischen Geruch des hoteleigenen Duschgels. Danach kleidete ich mich an und trat kurz darauf mit der dampfenden Tasse auf den Balkon, setzte mich auf einen der beiden Stühle und starrte in die Dunkelheit. In diesem Augenblick mogelte sich der Mond durch die Wolken und beleuchtete das aufgewühlte Meer.

Dass ich in Deutschland war, erstaunte mich noch immer. Wenn ich früher an Fernreisen gedacht hatte, dann an Asien oder Indien, irgendetwas Exotisches, eine Schiffsreise vielleicht.

Der Tee war schmackhaft. Eine kräftige Mischung mit fruchtiger Nuance.

Am Strand bewegte sich etwas. Ein Schatten huschte an der Wasserlinie entlang, hüpfte auf und ab. Ich kniff die Augen zusammen, doch es war nichts zu erkennen. Langsam wurde mir kalt. Hunger hatte ich auch.

Ich trat zurück ins Zimmer und schaltete den Fernseher ein, zog meine Sachen aus und kuschelte mich mit einer Viererpackung Kekse, die neben dem Wasserkocher lag, ins Bett.

Der Kanal zeigte eine Hotelpräsentation. Ich schaltete die Sprache auf Englisch und bekam einen Einblick über meine Residenz, während ich die Plätzchen knabberte. Der Film verriet außerdem verschiedene Sehenswürdigkeiten Rügens, unter anderem eine Dampflokomotive für Touristen.

Ich zappte durch die Programme – diesmal alle auf Deutsch – lauschte dieser seltsamen Sprache und versuchte zu deuten, worum es ging. Politik. Das Gesicht der Kanzlerin kannte ich aus der Presse. Zu schade, dass es bei uns nicht geklappt hat mit der weiblichen Besetzung, dachte ich und schaltete weiter, landete bei einem Zombiefilm und drückte auf »Aus«.

Lag in der Dunkelheit.

Nach einer Weile griff ich nach meinem Smartphone, loggte mich ins hoteleigene WLAN ein.

Prompt kam eine Nachricht von dir. Du schriebst, dass ihr auf Mallorca angekommen wärt und es so mild sei, dass ihr nur eine dünne Jacke brauchtet. Dass Mikki, Kristjáns Sohn, dauernd »Sí und No« rief, und dass ihm das Askja, Kristjáns Mutter, beigebracht hatte. Du sagtest, dass du mich vermisstest, und hofftest, dass es mir gutginge. Und dass du dich am Wochenende melden würdest.

Ich schickte dir ein Smiley als Antwort, mehr nicht. Ich war noch immer enttäuscht. Eigentlich wärst du an diesem Tag bei mir in San Diego angekommen.

Ein lästiger Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich konnte hier nicht so herumliegen, und zum Lesen hatte ich auch keine Lust. Stattdessen zog es mich nach draußen in die Dunkelheit, zum Meer.

»Wo werde ich in zehn Jahren stehen?«, wollte ich es fragen. Wenn ich fast sechzig sein würde, was erwartete mich denn dann noch?

Ich hatte in eine private Rentenversicherung eingezahlt, aber ob die reichen würde? Würdest du mir Enkelkinder mit gelben Haaren wie Mikki schenken? Oder auch keine. Vielleicht würde deine Beziehung scheitern und du würdest zu mir zurückkehren.

Damals, vor fünfundzwanzig Jahren, hätte ich niemals für möglich gehalten, dass du, dieses ungeplante Kind unter meinem Herzen, einmal das Einzige sein würdest, das mir blieb, Claire.

Ich schluckte das Selbstmitleid hinunter und schwang die Beine aus dem Bett, lief zur Balkontür und starrte wieder nach draußen an den Himmel, als läge dort die Antwort auf meine Fragen. Ein paar Sterne waren zu sehen. Kein Regen.

Ein Spaziergang in den Sonnenaufgang würde mir guttun, beschloss ich.

10

Ich bemühte mich um eine schnelle Gangart, damit die Kälte, die in jede Pore meines Körpers einzudringen schien, mir nicht so zusetzte. Mit in den Manteltaschen vergrabenen Händen lief ich erneut den Pfad zum Strand hinunter, leuchtete mir mit der Taschenlampenfunktion des Smartphones den Weg.

Wenn ich mich auch vor vielen Dingen fürchte – vor Hunden zum Beispiel, oder vor Kurzschlüssen, Verkehrsunfällen – Dunkelheit gehört nicht dazu. Ich wandte mich nach rechts in Richtung der etwas dreihundert Meter entfernten Seebrücke, wollte sie mir näher ansehen. Ich schien die einzige Spaziergängerin sein – weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Der Gedanke, der letzte Mensch auf der Welt zu sein, gefiel mir.

Als ich bei der Brücke ankam, die sich von der Promenade über den Sand hinweg ins Meer hinein erstreckte, entschied ich mich, am Strand weiterzugehen, bis zum Ende, dort, wo ein Wald anzufangen schien.

Ich hatte noch keine lange Strecke zurückgelegt, als ich hinter mir einen schrillen Pfiff hörte. Dann vernahm ich den aufgebrachten Ruf eines Mannes und bekam plötzlich einen solchen Stoß in den Rücken, dass ich ins Stolpern geriet. Mein Versuch, mich mit den Händen abzustützen, misslang, da ich sie in den Manteltaschen versenkt hatte.

Ich landete unsanft auf der Schulter und dann mit dem Gesicht im Sand. Keuchend blieb ich liegen. In diesem Moment berührte etwas meinen Kopf. Ein schnaubender Stupser. Ein Geräusch, Claire, wie von einem Hund. Mir stellten sich die Nackenhaare auf.

Du kannst dir vorstellen, was in mir vorging. Wenn er mir in den Kopf beißt, ist alles vorbei, dachte ich und kniff wimmernd die Augen zusammen. Es war ein großer Hund, ich hörte es an seinem Atem. Wieder stieß er mich mit der Schnauze an, und dann … leckte er mir über die Wange. Ich kämpfte gegen die Panik, die sich in meiner Brust breit machte wie ein Flächenbrand. Da vernahm ich wieder das Pfeifen und jetzt auch das Rufen des Mannes, der nach mir endlos erscheinenden Augenblicken keuchend neben mir zum Stehen kam.

Aus dem Augenwinkel machte ich gefütterte Schnürschuhe und den Rand einer Jeans aus. Endlich zog er den Hund weg, sprach streng klingende Worte und einen Befehl. Der Hund setzte sich. Der Mann berührte mich an der Schulter und fragte, ob ich okay sei.

Zumindest das letzte Wort verstand ich. Ich stöhnte und schüttelte den Kopf, presste »Damn« hervor und ließ den Kopf auf meinen linken Arm sinken, den ich endlich unter meinem Körper befreit hatte. Der andere schmerzte zu sehr. Die Mütze war mir ein Stück übers Gesicht gerutscht, und ich schob sie mit dem Finger nach oben.

Der Mann sprach noch einmal mit dem Hund. Seine Worte klangen bestimmt – doch er erhob nicht die Stimme.

»Please go away«, bettelte ich und hoffte, dass der Mann Englisch verstand. Zwischen meinen Zähnen knirschte es. Vorsichtig spuckte ich Sand aus. Am schlimmsten war allerdings der Schmerz in der Schulter. Mir kamen die Tränen.

In diesem Augenblick hörte ich ein Scharnier klicken, offenbar eine Hundeleine. Ich hob den Kopf und sah den Mann davongehen. Das schwarze Tier an seiner Seite schien ein Labrador zu sein. Der Hund hielt den Schädel so tief auf den Sand gesenkt, als wollte er daran lecken. Dazu lief er so langsam, dass es aussah, als bewege er sich in Zeitlupe. Den Schwanz hielt er zwischen den Hinterbeinen eingeklemmt. Schämte er sich?

Ich legte wieder den Kopf ab; langsam beruhigte sich mein Herzschlag. Dann nahm ich alle Kraft beisammen und richtete mich mit meinem linken Arm auf, der rechte tat zu weh. Anschließend kniete ich auf allen Vieren. Es war erbärmlich.

Dann kehrte der Mann zurück, allerdings ohne Hund. Er hatte ihn an einem Schild festgebunden. Als er bei mir eintraf, ging er in die Hocke und beugte den Kopf soweit nach unten, dass er mich ansehen konnte.

»Sind Sie Amerikanerin?«, fragte er auf Englisch.

Ich nickte und spürte, dass meine Mütze noch immer schief auf meinem Kopf saß.

»Meine Schulter«, sagte ich gequält und biss die Zähne zusammen, versuchte, mich aufzurichten.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, sagte der Mann, reichte mir die Hand und zog mich mit sich auf die Füße, bot mir seine Schulter, als er sah, dass ich wankte.

Meine Finger krampften sich in den Stoff seiner gefütterten Jacke, bis sie Halt fanden, doch dann gaben einfach meine Beine nach. Mein Gegenüber fing mich auf und hielt mich aufrecht.

»Hoppla«, sagte er und sah mich aus grauen Augen besorgt an. Ich schätzte ihn etwas älter als mich. Wenigstens das, wäre es ein junger Mann gewesen, hätte er mich vielleicht zu allem Überfluss Ma’am genannt. Das Ganze war ja so schon erniedrigend genug.

Er sagte nun auf Englisch, dass es ihm furchtbar leidtäte, offenbar hätte seine »Bella« mich mit jemandem verwechselt. Wie zur Bestätigung bellte der Hund in unsere Richtung.

»Wirft sie sonst nur Leute um, die sie kennt?«, fragte ich und suchte im Sand nach festem Stand, bedeutete meinem Retter dann, dass der Schwindel vorbei war. Der Schmerz in der Schulter hingegen nicht. Ich sah noch einmal nach dem Hund, sein Schwanz schlug hin und her. Wenn mich nicht alles täuschte, drückte das Freude aus.

Ich hoffte, dass es im Hotel einen Physiotherapeuten gab, der nach meiner Schulter sehen konnte.

Da fiel mir das Schild am Eingang zum Strand ein. »Sind wir hier etwa am Hundestrand?«, fragte ich.

Er verzog wie ertappt die Mundwinkel und verneinte. »Normalerweise ist hier um diese Zeit im Winter kein Mensch«, sagte er.

»Nur eine Touristin mit Jetlag«, bemerkte ich trocken. Dann nickte ich ihm zu. »Also«, sagte ich, »dann will ich mal weiter.« Ich wollte vor allem so schnell und so weit wie möglich fort von diesem Tier.

Der Mann deutete auf meine Mütze und den Mantel. »Sie sind total derangiert und voller Sand. Wenn Sie mögen, spendiere ich Ihnen beim Frühbäcker auf diesen Schrecken einen Kaffee und helfe Ihnen, sich zu säubern.«

»Nein danke«, entgegnete ich und klopfte mich ab, so gut es ging, fuhr mir an die Mütze, der Sand rieselte mir in die Augen. Blinzelnd deutete ich in Richtung meines Hotels, das inzwischen weit entfernt lag. »Ich werde mir gleich einen Kaffee beim Frühstück gönnen, also noch einmal danke.«

Ich machte eine unbedachte Bewegung und verzog das Gesicht.

»Tut Ihnen etwas weh?«, fragte er.

»Ist nicht der Rede wert.« Es entsprach nicht der Wahrheit, das Gelenk tat verdammt weh.

Der Mann sah zu seinem Hund, der aufmerksam den Kopf in unsere Richtung reckte, die Zunge hing ihm hechelnd aus dem Maul.

»Ich würde Sie gern zu einem Arzt bringen, der sich das ansieht«, sagte mein Gegenüber. »Ich kann Sie doch jetzt nicht einfach so allein zurücklassen.«

»Doch, das können Sie«, versicherte ich und lachte dann: »Da ich panische Angst vor Hunden habe, wird Ihnen auch gar nichts anderes übrig bleiben, es sei denn, Sie wollen Ihre Bella hier zurücklassen.«

Er hob verlegen die Schultern. »Dafür hätte sie vermutlich kein Verständnis.«

»Sehen Sie.«

»Wir machen es so: Ich gehe mit Bella an der Promenade entlang, Sie am Strand. Dann sehe ich wenigstens, dass Sie gut angekommen sind. In welchem Hotel sind Sie?«

»Im Sandberg«, erwiderte ich.

Der Mann nickte bedächtig. »Ich weiß, wo das ist.« Dann legte er den Kopf schräg. »Was verschlägt Sie nach Deutschland, wenn ich fragen darf? Die typische Reisezeit ist eigentlich vorbei, zumindest von Touristen aus Übersee – und von denen haben wir hier ohnehin sehr wenige.«

Ich suchte nach einer Antwort. Meine Lebensgeschichte wollte ich nicht vor ihm ausbreiten.

»Ich kannte jemanden, der von hier stammt, und war neugierig«, antwortete ich vage und tat, als kramte ich in meiner Tasche nach etwas. »Außerdem hatte ich Weihnachten noch nichts vor.« Autsch. Das klang nach einsamer Singlefrau ohne Freunde. Schnell sagte ich: »Ihr Englisch ist gut.«

»Ich schaue viele amerikanische und englische Serien, daher vielleicht«, antwortete er schmunzelnd.

Ich wedelte mit meiner Linken in Richtung Hotel und murmelte: »Ich gehe mal zurück, Sie brauchen mich wirklich nicht zu begleiten. War nett, Sie kennenzulernen.«

Er bestand nicht auf seinem Vorschlag. »Ganz meinerseits«, entgegnete er. »Und das mit Bella tut mir aufrichtig leid. Sie hielt Sie vermutlich für meine Tochter.«

»Das ist wirklich nett gesagt«, lachte ich. »Danke. Damit haben Sie mir den Tag gerettet.«


Während ich zum Hotel zurückging, lächelte ich in mich hinein. Für seine Tochter. Der Mann war kaum älter als ich gewesen. Mit sportlicher, jungenhafter Ausstrahlung trotz der grauen Bartstoppel. Eher ein Werbetyp »kerniger Naturbursche, der das Leben in vollen Zügen genießt«. Er hätte Werbung für Bier oder für eine Versicherung machen können. Und dieser Hund. Der hatte ja fast nett ausgesehen. So beschämt hatte der zu uns hinübergeschaut, als täte ihm sein Angriff tatsächlich leid. Können Tiere solche Gefühle hegen?

Als ich im Hotel eintraf, war noch immer alles ruhig. Frühstück gab es erst in einer Stunde, die Zeit würde ich mit einem heißen Bad und einer zweiten Tasse Tee verbringen. Danach ging es meiner Schulter hoffentlich besser.

Eigentlich hätte ich doch auf das Kaffee-Angebot des Hundebesitzers eingehen können, dachte ich in diesem Moment. Ein leises Bedauern, es nicht getan zu haben, beschlich mich. Wäre nicht dieser Hund gewesen, hätte ich es wahrscheinlich sogar getan.

11

Eine Stunde später betrat ich frisch gebadet, jedoch mit unverändert schmerzender Schulter, die Empfangshalle und wandte mich an der Rezeption an einen jungen Mann, der mir offenbar ansah, dass etwas nicht stimmte. Glücklicherweise verstand er, dass ich einen Arzt, oder noch besser, einen Chiropraktiker brauchte. Weil ich gestürzt sei.

Tatsächlich gab es einen Fachmann ein paar Hotels weiter, in dem auch Kurgäste abstiegen. Der Rezeptionist vereinbarte einen Termin für mich um elf Uhr.

Erleichtert betrat ich den Frühstücksraum. Ich war die Erste, wie ich bei einem Rundumblick feststellte, und inzwischen hatte ich Bauchweh vor Hunger. Es duftete köstlich nach Kaffee, frischem Gebäck und gebratenem Bacon. Aus den Lautsprechern tönte dezente Musik, die mir bekannt vorkam. Wer hätte gedacht, dass sie in einem Hotel an der baltischen See amerikanische Folksongs der Gardiner Sisters spielen, Claire? Ich hätte viel eher mit etwas Deutschem gerechnet.

Aufmerksam schlenderte ich am Buffet entlang, bewunderte die Brötchensorten mit Körnern und ohne, dunkel und hell – am liebsten hätte ich von jedem eines probiert, doch dazu hatte ich ja in den nächsten Tagen noch genügend Gelegenheit.

Es gab auch Eier mit Speck, Bratwürstchen und Baked Beans. Obstsalate, verschiedene Müslisorten, Wurst, Käse, Fisch. Alles, was das Herz begehrt.

Ich suchte mir einen Platz am Fenster des Wintergartens, der zum Frühstücksraum zählte, und sah nach draußen. Es hatte zu regnen begonnen.

Eine junge Bedienung, die ein Tablett mit Tomaten- und Paprikascheiben hielt, begrüßte mich. »Darf ich Ihnen Kaffee bringen?«

Ich nickte dankend und fragte, einer Eingebung folgend: »Arbeiten Sie gern hier?«

Sie sah mich erstaunt an, dann sagte sie zögernd: »Natürlich arbeite ich gern hier. Hatten Sie den Eindruck, dass …«

»Nein, nein«, wehrte ich ab, »ich fragte mich nur, ob die Mitarbeiter hier zufrieden sind. Mit der Hotelführung meine ich. Mit ihrem Chef.«

Ich biss mir beschämt auf die Zunge, doch die junge Frau lachte. »Sie meinen Herrn Sandberg? Hat er sie gestern Abend beim Dinner begrüßt? Das macht er immer, er ist wirklich nett.«

Ich sah sie mit großen Augen an. »Er begrüßt die Gäste persönlich? Ich war leider …« Ich verzog entschuldigend den Mund. »Ich habe das Abendessen nach meiner Ankunft verschlafen.«

»Dann werden Sie ihn heute Abend sehen, er macht das täglich. Er isst auch selbst hier, daher dreht er immer eine kurze Runde und fragt die Gäste, ob alles in Ordnung ist.«

Wow. »Na«, sagte ich und nickte ihr zu, »dann werde ich ihn ja heute Abend kennenlernen.«

Vielleicht würde ich schon bald herausfinden, was aus Andy geworden war. War er krank, hatte er gar im Sterben gelegen, als Sven Sandberg den Brief verfasste? Oder wie waren seine Worte zu verstehen? Falls dein Daddy inzwischen verstorben wäre – wie sollte ich dir das beibringen? Würdest du mir dann die Schuld dafür geben, dass du ihn nie wieder gesehen hattest?

Die Behandlung beim Chiropraktiker war schmerzhaft. Tatsächlich war das Schultergelenk ausgerenkt, und als es durch einen Ruck aus der Hand des Therapeuten zurück in Position sprang, atmete ich zwar nach einem kurzen Schrei erleichtert auf – doch dann kehrte der Schmerz wieder.

»Die ist geprellt«, sagte mein Gegenüber, »das wird ein paar Tage dauern. Am besten, Sie halten den Arm ruhig. Ansonsten helfen eine Salbe und Schmerztabletten.« Er sah mich fragend an. »Hat der Hundebesitzer Ihnen seine Kontaktdaten dagelassen? Erstens hätte er dort, wo es passiert ist, gar nicht seinen Hund laufen lassen dürfen, der Hundestrand ist nämlich viel weiter hinten. Außerdem müsste er den Unfall seiner Versicherung melden, damit diese für den Schaden aufkommt.«

»Ach du meine Güte«, sagte ich. »Ich habe nicht vor, den Mann zu verklagen.«

»Das hat nichts mit verklagen zu tun, sondern mit Verantwortung.« Der Arzt wies mir die Tür, andere Patienten warteten.

Zurück im Flur schloss ich die Augen und atmete tief durch. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Den Arm ruhig halten? Wie denn? Ich würde nicht einmal den Rucksack tragen können, dabei brauchte ich den auf meinen geplanten Ausflügen doch unbedingt – ich musste Fleecejacke, Schirm und Getränke verstauen.

Entmutigt beglich ich die Rechnung für die Behandlung, hoffte, dass meine Krankenkasse mir zu Hause die Kosten erstatten würde, und trat zurück auf die Promenade. Den Rucksack hängte ich mir über die linke Schulter, so ging es eigentlich. Der Arzt hatte mir ein Rezept gegeben, das ich in einer Apotheke einlösen konnte. Medikamente gab es hier nicht im Supermarkt.


Diesmal lief ich auf der Promenade entlang in Richtung der Seebrücke, von dort ging es rechts ab in die Fußgängerzone. Der Regen hatte nachgelassen, ich benötigte nicht einmal einen Schirm. Überraschend viele Menschen waren hier unterwegs, ich war doch nicht die einzige Urlauberin. In der Apotheke erstand ich die verschriebenen Arzneien und ging dann zurück zur Seebrücke, dort gab es eine Touristeninformation.

Die Insel hatte zahlreiche Sehenswürdigkeiten zu bieten, die ich mir in den nächsten drei Wochen ansehen wollte.

Bevor ich die Information betrat, setzte ich mich auf eine Bank am Eingang zur Seebrücke – dort gab es ein Rondell mit einem Brunnen in der Mitte.

Ich betrachtete die warm gekleideten Menschen, die in Richtung Meer unterwegs waren. Paare, die einander unterhakten oder Händchen hielten. Dass ich zuletzt mit einem Mann einen Spaziergang gemacht hatte, war sieben Jahre her.

Nicholas war ein Klient unserer Firma gewesen, hatte mich auf meinem Nachhauseweg, als ich das Bürogebäude verließ, angesprochen, weil ich ihm während einer Sitzung aufgefallen war. Er fragte mich, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken gehen wolle, und ich willigte ein.

Wir gingen fast ein Jahr miteinander aus – dir gegenüber erwähnte ich ihn mit keinem Wort. Du warst damals in einer besonders rebellischen Phase, wir stritten uns ständig, meist darüber, dass du deinen Körper mit Tattoos verschandeltest. Du warst gerade achtzehn geworden und ließt dir diesen Schmetterling ins Dekolleté tätowieren – aber das war erst der Anfang.

Jedenfalls hatte Nicholas keine Kinder, er konnte meine Sorgen nicht nachvollziehen, reagierte genervt, sobald ich von dir anfing und ihm mein Leid klagte. Aber gehört es nicht zu einer Partnerschaft, dass man dem anderen von seinen Problemen erzählt? Ich musste mir ja auch die ganze Zeit anhören, welche Schwierigkeiten er mit seinen Geschäftspartnern hatte.

Nun, er lernte eine Frau kennen, die, wie er sagte, besser zu ihm passte. Und das war’s dann. Er war mein letzter Freund, Claire.

Als sich jemand auf der Bank neben mir niederließ, sah ich nicht einmal auf, spürte dem Schmerz in meiner Schulter und meinem Herzen nach, und schreckte erst auf, als mein Sitznachbar mich ansprach: »Wie geht es Ihrer Schulter?«, fragte er.

Es war der Hundebesitzer.

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«, stellte ich verblüfft die Gegenfrage.

»Zumindest wohne ich nicht weit von hier, im Neubaugebiet«, entgegnete er.

Ich fragte mich, wo sein Hund war und ob er keinem Job nachging, wie andere Menschen.

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783739398242
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
Rügen Liebesroman Inselroman Weihnachtsroman Frauenliteratur Winterroman Ostsee Frauenroman Urlaubslektüre Humor

Autor

  • Stina Jensen (Autor:in)

STINA JENSEN schreibt Insel- und Gipfelromane, romantische Komödien und Krimis. Sie liebt das Reisen und saugt neue Umgebungen in sich auf wie ein Schwamm. Meist kommen dabei wie von selbst die Figuren in ihren Kopf und ringen dort um die Hauptrolle in ihrem nächsten Roman. Wenn sie nicht verreist, lebt die Autorin mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt am Main.
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Titel: INSELgold