Lade Inhalt...

Konfetti im Winter

Ein Sylt-Roman

von Katharina Mosel (Autor:in)
229 Seiten

Zusammenfassung

„Du musst Konfetti in dein Leben bringen, es bunt und lebenswert gestalten.“ Nach dem Tod ihres Mannes flieht die fünfzigjährige Zoey nach Sylt. Alles scheint ohne Sinn. Doch dann trifft sie am Strand auf die Künstlerin Marlene, die mit ihrem Hund mitten im Nordsee-Idyll wohnt. Marlene macht sie mit dem Witwer Moritz bekannt und führt sie nicht nur damit in Versuchung … Wird Zoey in ihr Leben zurückfinden? Oder doch ein ganz anderes entdecken? Ein liebevoller und mutmachender Frauenroman – ein Plädoyer für das Leben!

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


Über dieses Buch

„Du musst Konfetti in dein Leben bringen, es bunt und lebenswert gestalten.“


Nach dem Tod ihres Mannes flieht die fünfzigjährige Zoey nach Sylt. Alles scheint ohne Sinn. Doch dann trifft sie am Strand auf die Künstlerin Marlene, die mit ihrem Hund mitten im Nordsee-Idyll wohnt. Marlene macht sie mit dem Witwer Moritz bekannt und führt sie nicht nur damit in Versuchung …

Wird Zoey in ihr Leben zurückfinden? Oder doch ein ganz anderes entdecken?


Ein liebevoller und mutmachender Frauenroman – ein Plädoyer für das Leben!

1

Zoey spürte den Sand zwischen den Zehen und eine kindliche Aufregung packte sie, als sie mit langen Schritten zum Ufer lief. Wie viele Stunden hatte sie hier verbracht? Sie wusste es nicht. Die Sehnsucht führte sie immer wieder auf die Insel. Das kreischende Geräusch der Möwen, die salzige Nordseeluft und das Meer, das heute glatt wie ein See lag. Ostwind.


Ihre Füße berührten den nassen Sand und sie erschauderte für einen Moment, als das Wasser ihre Zehen erreichte. An diesem grauen Novembermorgen war außer ihr niemand an dem Strandabschnitt zu sehen. Umso besser. Sie rückte ihre an den Schnürsenkeln zusammengebundenen Wanderschuhe über den Schultern zurecht und wandte sich nach Norden, Richtung Ellenbogen.

Mal sehen, wie lange sie es ohne Schuhe und Strümpfe aushalten würde. Der Sand war hart, das Wasser lief ab. Zum Laufen ideal. Möwen durchkämmten den Wasserrand auf der Suche nach Beute und wichen nur widerwillig aus, wenn Zoey ihnen zu nahe kam. Sie schritt zügig aus, den Blick auf den Strand gerichtet, um Muscheln oder anderen Kostbarkeiten, die das Meer hergegeben hatte, ausweichen zu können. Hier am Wasser fühlte sie sich frei.


Nach einer Weile fingen ihre Füße an zu schmerzen und sie bückte sich, um Strümpfe und Schuhe anzuziehen. Leander hatte sie immer geneckt, wenn sie beim Anblick der Nordsee als Erstes ihre Schuhe ausgezogen hatte. Du bist wie ein Kind, das sich in die Sandkiste stürzt. Zoey verzog das Gesicht. Warum musste sie schon wieder an Leander denken?

Von hinten fegte etwas an ihr vorbei, fast wäre sie hingefallen. Ein Golden Retriever preschte ins Meer zu den Möwen, die kreischend die Flucht ergriffen. Laut bellend sprang der Hund am Ufer entlang und verfolgte die Vögel.

„Entschuldigen Sie bitte. Max ist nicht zu bremsen, wenn er Möwen sieht.“

Zoey sah auf. Vor ihr stand eine Frau, dick eingepackt mit Mütze und Schal. Ihre blauen Augen lächelten sie freundlich an.

„Kein Problem.“

„Sie sind ganz schön abgehärtet. Bei der Kälte barfuß laufen. Auf die Idee würde ich in tausend Jahren nicht kommen, obwohl ich hier lebe.“

Zoey hatte keine Lust, sich zu unterhalten. „Mir war es auch zu kalt, aber ich mag das Gefühl des Sandes unter den Füßen.“ Warum hatte sie das jetzt gesagt?

Die Frau pfiff nach ihrem Hund, der sofort gehorchte und schwanzwedelnd herantrabte. Unmittelbar vor ihnen schüttelte er sich und Zoey bekam Wasserspritzer ins Gesicht.

„Also Max, wirklich. War das nötig?“ Die Frau kraulte den Hund hinter den Ohren. „Ich entschuldige mich noch einmal für das Benehmen meines Hundes. Eigentlich ist er ordentlich erzogen.“

„Schon gut.“ Zoey hatte ihre Schuhe angezogen. Max trottete näher und beschnüffelte sie behutsam. Sie sah in seine braunen Hundeaugen und konnte nicht widerstehen. Vorsichtig strich sie mit der Hand über das seidenweiche Fell. So flauschig. Max schien die Berührung zu genießen und lehnte sich gegen sie.

„Er mag Sie. Wenn es Ihnen zu viel wird, schubsen Sie ihn einfach weg.“

Zoey sagte nichts und streichelte gedankenverloren das Tier. Nach ein paar Sekunden spannte sich sein Körper an und er schoss in Richtung Meer, wo sich erneut Möwen niedergelassen hatten.

Die Frau lachte laut scheppernd auf. „So ist er, mein Mäxchen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Sie stapfte hinter dem Hund her und Zoey beobachtete, wie sie ein Stück Treibholz vom Stand aufhob und es ins Meer warf. Max stürzte sich sofort in die Wellen und schnappte nach dem Stock. Zoey drehte sich weg und nahm ihren Weg wieder auf. Mäxchen. Das klang niedlich.


Zwei Stunden später erreichte sie ihr Auto, das allein auf dem weitläufigen Parkplatz stand. Der Wind blies immer noch kalt, aber es hatte nicht geregnet. Glück gehabt. Ungelenk ließ sie sich auf den Fahrersitz fallen und überlegte, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollte. Nicht mehr lange und es würde dunkel sein.


Zoey hatte in Wenningstedt ein kleines Appartement gemietet. Gestern war sie von Hamburg hochgefahren, ihren Golf vollgepackt mit dicken Anziehsachen, Büchern und zwei Kisten Rotwein. Lebensmittel hatte sie nicht mitgenommen, der Kühlschrank war leer. Wenn sie heute etwas Warmes zu sich nehmen wollte, musste sie einkaufen. Die meisten Restaurants auf der Insel schlossen um diese Jahreszeit, abgesehen davon hatte sie keine Lust, allein in einem Lokal zu sitzen. Spaghetti mit Tomatensauce wären ausreichend. In Wenningstedt gab es am Ortseingang einen Supermarkt, wo sie alles Nötige bekommen würde. Das war doch ein Plan. Sie ließ den Motor an und fuhr langsam in Richtung Kampen.


Wenige Stunden später saß sie vor ein paar brennenden Teelichtern am Tisch, ein halbleeres Rotweinglas vor sich, daneben ein aufgeschlagenes Buch. Der erste Tag auf der Insel war geschafft. Obwohl Zoey ohne Probleme allein zu sein vermochte, fürchtete sie vor jeder Reise, Gesellschaft zu vermissen. Ihr fiel die Begegnung mit Max und seinem Frauchen ein. Sollte sie sich einen Hund anschaffen? Zoey, rief sie sich zur Ordnung. Du hast andere Probleme, da musst du dich nicht mit einem Tier belasten. Sie seufzte tief, ließ den letzten Rest Rotwein auf ihrer Zunge vergehen und löschte die Kerzen. Ab ins Bett, die frische Seeluft, gepaart mit Alkohol, forderte ihren Tribut.


Am nächsten Morgen schien die Sonne. Zoey wachte früh auf. Das Buch hatte sie im Bett zu Ende gelesen. Ein spannender amerikanischer Thriller. Genau die richtige Ablenkung. Wenn sie in diesem Tempo las, würde ihr schnell der Lesestoff ausgehen. Ein Luxusproblem, beruhigte sie sich. Auf Sylt gab es Buchhandlungen, kein Grund zur Sorge. Leander hatte immer geflucht, wenn sie zu zweit verreisten und die Tasche sich unter der Last der Bücher bog. Wann willst du die alle lesen?, hatte er jedes Mal gefragt. Kannst du nicht einen Tag ohne Buch auskommen? Sie wischte die Erinnerung weg und stand schwerfällig auf. Leander hatte nie verstanden, dass aufgeschriebene Geschichten für sie so lebensnotwendig waren wie Essen und Trinken. Ihr Magen knurrte. Zoey schlüpfte in ihre Jeans, die sie am Vorabend achtlos neben dem Bett abgestreift hatte. Zum Bäcker war es nicht weit, eine übergeworfene Jacke mit Schal würde reichen. Das komplette Anziehprogramm mit Strumpfhose, Angorahemdchen, dickem Pullover und Weste absolvierte sie bei der Kälte erst bei längerem Aufenthalt im Freien.


Ein eisiger Windstoß empfing Zoey und schleuderte ihr fast die Tür aus der Hand. Sie überquerte im Laufschritt die Hauptstraße und versuchte, ihren Schal um den Kopf zu wickeln. Vor der Tür des Ladens saß ein Retriever und wartete, um den Hals ein blaues Nickytuch. Das war doch Max, oder?

Sie sprach den Hund leise an. Er drehte den Kopf und wedelte freundschaftlich. Zoey ging näher heran und kraulte ihn am Hals. Wie weich sein Winterfell sich anfühlte!

„Na, das ist aber eine Überraschung am frühen Morgen.“ Ihre Strandbekanntschaft von gestern, die heute einen dunkelblauen Regenmantel mit einem hellblauen Wollschal trug, trat aus dem Laden, Brottüte und Zeitung unter dem Arm. „Noch ein Treffen und ich gebe einen aus.“ Sie lachte herzhaft.

Zoey wusste für einen Augenblick nicht, was sie sagen sollte. Sie streichelte weiter den Hund, der beim Anblick seines Frauchens stärker wedelte. „Wohnen Sie hier?“

„Ja, gleich um die Ecke? Und Sie?“

„Ich habe für vierzehn Tage ein Appartement gegenüber gemietet.“

„Dann laufen wir uns bestimmt häufiger über den Weg. Um diese Jahreszeit sind hier nicht so viele Menschen unterwegs.“ Sie runzelte die Stirn „Ungewöhnliche Zeit für einen Urlaub.“

„Ja, vielleicht. Aber ich mag das.“ Zoey zog die Hand vom flauschigen Fell zurück.

„Viel Spaß noch.“ Die Frau pfiff nach dem Hund, der sich sofort erhob. Sie liefen im Gleichschritt nebeneinander, die Hundeschnauze am Bein des Frauchens. Zoey öffnete die Tür zur Bäckerei.

Im Laden roch es nach frischem Brot. In der gläsernen Vitrine lagen verschiedene Brötchensorten, allesamt appetitlich aussehend. Hinter der Theke stand eine ältere Dame in einem braunen Kittel, die sie neugierig musterte.

„Moin. Was darf es sein?“

„Moin, ich brauche einen kurzen Moment bitte.“ Wie so oft konnte Zoey nicht sofort entscheiden, was sie wollte. Roggenbrötchen, Mehrkorn oder doch ein Kieler? Die Frau wartete und sagte nichts. Das mochte sie. Leander hatte sich über diese fehlende Entschlossenheit von ihr immer amüsiert. Du buchst in wenigen Sekunden eine Reise oder kaufst ein Auto. Wenn es aber darum geht, ein Essen in einem Restaurant zu bestellen, bist du eine Schnecke. Stimmt. Die Verkäuferin räusperte sich vernehmlich. Offenbar war ihr Geduldpotential erschöpft.

„Ach Entschuldigung. Ich nehme ein Roggenbrötchen und ein Kieler. Außerdem das Schwarzbrot da.“ Zoey zeigte auf ein rundes Brot mit Nüssen, das auf dem Ladentisch lag. „Und die Sylter Rundschau.“

„Gerne.“

Sie zahlte und verließ das Geschäft mit dem Gefühl, die erste Hürde des Tages genommen zu haben.

Wieder im Appartement angekommen, kochte sie sich eine Kanne schwarzen Tee und blätterte die Zeitung durch. Die üblichen politischen Katastrophen aus Deutschland, eine neue Regierung war nicht in Sicht. Im lokalen Teil fiel ihr ein Foto auf. Das war doch die Dame, die sie eben gesehen hatte. „Marlene Hurst, unsere bekannte Inselkünstlerin, eröffnet am Samstag um 15 Uhr ihre neue Ausstellung im Kurhaus in Wenningstedt.“ Die Kamera hatte die Künstlerin mit einem ironischen Zwinkern eingefangen. Warum eröffnete man im November auf Sylt eine Ausstellung? Jetzt befanden sich garantiert nicht so viele Menschen auf der Insel. Merkwürdig. Sollte sie hingehen?

2

Man konnte es problemlos im Freien aushalten. Es war weiterhin kalt und windig, regnete aber nicht. Zoey hatte inzwischen einen Tagesrhythmus gefunden: Morgens holte sie sich bei der Bäckereifrau Brötchen und die Zeitung, dabei plauderten sie kurz miteinander über das Wetter. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit vielen Bechern Tee wanderte sie stundenlang am Strand. Angenehm erschöpft fuhr sie zum Einkaufen in den Supermarkt, wo sie die Zutaten für ihr tägliches Abendessen besorgte. Nichts Kompliziertes, meistens Nudeln mit irgendeiner Sauce, ab und zu Salat. Abends bereitete sie sich die schnelle Mahlzeit zu und schlüpfte, müde von der frischen Luft, mit einem Glas Rotwein und einem Buch ins Bett. Zoey hatte weder Max noch die Künstlerin wiedergesehen, was sie bedauerte. War sie wieder reif für die Gesellschaft von anderen?


Heute war Samstag und Zoey hatte nicht vergessen, dass im Kurhaus die Ausstellung eröffnet wurde. Vorbeizugehen und zu sehen, wie viele Menschen gekommen waren, schadete sicher nicht. Vielleicht gefielen ihr sogar die Bilder? Sei doch mal ehrlich, Zoey, schimpfte sie laut. Du bist neugierig auf die Frau und hast Lust auf eine Unterhaltung, nach fünf Tagen mit Selbstgesprächen.


Sie kürzte den Strandspaziergang: einmal Westerland und zurück. Gegen zwei Uhr kam sie durchgepustet wieder im Appartement an und musterte sich im Spiegel. Blaugrüne Augen blickten sie fragend an. Die Haut zeigte eine gesunde Gesichtsfarbe und ihr kurz geschnittenes Haar stand in allen Richtungen vom Kopf ab. Kein Wunder, bis eben hatte sie es unter einer dicken Wollmütze versteckt. So konnte sie sich nicht zur Ausstellungseröffnung wagen. Duschen war angesagt. Schnell entkleidete sie sich im engen Badezimmer und ließ das heiße Wasser für ein paar Minuten auf die Haut prasseln, bis die rot und schrumpelig schimmerte. Sie wusch sich die Haare und benutze das erste Mal, seit sie auf Sylt war, einen Föhn. Unschlüssig verharrte sie vor dem Kleiderhaufen im Schlafzimmer. Die letzten Tage hatte sie immer nur Strumpfhosen, darüber Blue Jeans und einen dicken schwarzen Pullover getragen. Das wäre nicht das Richtige. Im Stapel fand sich unter einem Berg von Unterwäsche und Socken ein rotes langärmliges T-Shirt mit violetter Strickjacke. Zusammen mit ihrer schwarzen Jeans eine passende Kombination. Seit langer Zeit einmal wieder farbenfroh. Zoey schlüpfte in Hose und Oberteil. Ein Blick in den Spiegel, zur Abwechslung in den länglichen vom Kleiderschrank. Im Gesicht fehlte Make-up. Du bist immer noch eitel, Zoey, sagte sie laut, und fing an, in ihrer Tasche zu wühlen. Irgendwo musste ihr Schminktäschchen sein. Sie entdeckte es schließlich, ein geblümtes Teil, das sie schon viele Jahre besaß. Kajalstift, Wimperntusche, Concealer und ein Lippenstift. Besser als gar nichts. Sie zog sich die Lippen mit roter Farbe nach. Maskerade.


Vor dem Kurhaus standen ein paar Leute in dicken Anoraks, die rauchten und mit den Füßen auf der Stelle stapften. Immer, wenn sie Menschen sah, die in der Kälte vor irgendwelchen Gebäuden mit ihren brennenden Zigaretten froren, freute sich Zoey, dass sie sich dieses Laster abgewöhnt hatte. Sie schlenderte an den Rauchern vorbei durch eine Glastür, hinter der auf der linken Seite die Kurverwaltung ihren Sitz hatte. Der Gang erweiterte sich im rückwärtigen Teil des Gebäudes zu einem hellen, geräumigen Saal, in dem die Vernissage stattfand. Auf einem Plakat strahlte die Künstlerin, darunter der Name der Ausstellung: „Sylter Impressionen“. Nichts Ausgefallenes.

Zoey trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen. Sollte sie es wagen? Nach ihrer Schätzung hatten sich mindestens zwanzig Personen versammelt, die meisten hielten ein Glas Sekt in der Hand und plauderten angeregt. Alle schienen sich zu kennen. Von Frau Hurst war nichts zu sehen. Jetzt geh doch und schaue dir die Bilder an, dafür sind Vernissagen erfunden worden. Warum bist du so schüchtern?

„Immer nur rein in die gute Stube“, ertönte hinter ihr eine kräftige Männerstimme. „Hier beißt Sie keiner.“

Ertappt! Zoey drehte sich um. Ein Mann mit schneeweißen Haaren und einem dunkelblauen Troyer, unter dem ein blau-weiß gestreiftes Hemd hervorsah, musterte sie belustigt. Fehlte nur das Nickyhalstuch und er hätte genau in das Klischee des Shanty-singenden-Seemanns gepasst. Sie unterdrückte ein Kichern.

„Sehen Sie, Sie lächeln und sind gleich ein ganz anderer Mensch.“ Er steckte seinen Arm aus und machte eine einladende Geste. „Nach Ihnen.“

Zoey trat an dem Ausstellerplakat vorbei in den Raum, in dem großflächige Acrylbilder an den Wänden hingen. In der Mitte stand ein runder Holztisch mit Sekt- und Wasserflaschen, Gläsern und etwas zum Knabbern. Zwei blondhaarige Mädchen in friesischer Tracht sahen sie erwartungsvoll an.

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte die eine sie mit piepsiger Stimme. Ihre Partnerin füllte vorsichtig Sekt in ein Glas. Angesichts des Eifers der beiden blieb ihr gar nichts anderes übrig, als das Getränk zu nehmen. So hatte sie etwas zum Festhalten.

Zoey prostete den Mädchen zu, die anfingen zu kichern. „Vielen Dank ihr beiden.“

Mit dem Glas in der Hand sah sie sich um. Der Herr mit dem Troyer hatte einen Bogen um den Getränketisch geschlagen und unterhielt sich angeregt mit etwas betagteren Herrschaften. Zoey schlenderte auf das erste Werk zu, eine Komposition aus unterschiedlichen Blautönen. Gedankenverloren nippte sie am Sekt und musterte das Bild. Schemenhaft vermochte sie Frauengestalten zu erkennen, die über einem Ozean zu schweben schienen. Ihr Blick wanderte nach unten. „Frauen am Meer“ stand auf einem kleinen Schild an der Seite. Sogar mit ihrem laienhaften Kunstverständnis erkannte Zoey, dass das Bild technisch perfekt gemalt war. Es sprach sie auf irgendeine Art und Weise an, obwohl ihr die Farben nicht zusagten. Zu blau. Langsam wandte sie sich dem nächsten Objekt zu. Das füllte über einen Meter im Quadrat und war ebenfalls in Blautönen gehalten. Im Hintergrund Möwen und ein Schiffskutter. Sie trat näher an die Leinwand und entdeckte einen angedeuteten Leuchtturm.

„Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Ich hätte Sie gern persönlich eingeladen, wir haben uns aber nicht mehr gesehen. Erinnern Sie sich: Beim dritten Male gebe ich einen aus.“

Zoey drehte sich um und fand sich Auge in Auge mit der Künstlerin wieder, die lächelnd ihr Glas erhoben hatte. Sie trug ein Strickkleid in verschiedenen Blautönen, dazu passend hohe dunkelblaue Stiefel über einer helleren blauen Strumpfhose. Frau Hurst bemerkte Zoeys prüfenden Blick und sagte: „Wie Sie sehen, bevorzuge ich die Farbe Blau. Nicht nur auf meinen Bildern.“

„Ich, äh …“, stotterte Zoey etwas unbeholfen und ärgerte sich sofort über sich. Sie zog bewusst ihre Schulterblätter nach hinten und setzte ein Lächeln auf. „Noch einmal von vorn. Blau ist nicht meine Farbe, außer bei Jeans, aber Ihnen steht es auf jeden Fall. Sie sehen fantastisch aus.“

„Danke schön, hervorragend gelöst. Kommen Sie, ich stelle Sie ein paar Leuten von der Insel vor. Natürlich wäre es hilfreich, wenn Sie mir vorher Ihren Namen verraten.“

Zoey trippelte von einem Fuß auf den anderen. „Ach bitte, ich möchte erst einmal Ihre Bilder in Ruhe ansehen. Und sorry, dass ich mich nicht vorgestellt habe: Ich heiße Zoey Lieberman.“

„Angenehm, ich bin Marlene Hurst und wenn Sie nichts dagegen haben, können wir uns gern duzen.“

„Ja klar.“

„Ich finde es klasse, dass du an meinen Bildern interessiert bist. Die meisten hier kommen nur zum Klönen und Sekttrinken.“ Sie lachte laut auf. „Nein, Spaß beiseite, der eine oder andere kauft tatsächlich immer mal wieder eins.“

„Ich habe mich gefragt, warum Sie, äh, du eine Vernissage im November veranstaltest. Ich meine, äh …“

„Weil um diese Jahreszeit nicht so viele Touristen auf der Insel sind. Ich weiß, dass das nicht logisch ist, trotzdem. Für mich ist es wichtig, dass ich meine Bilder als erstes Freunden und Nachbarn vorstelle. Und natürlich netten Touristinnen.“ Sie blinzelte Zoey zu. „Die Teile hängen hier außerdem bis Ostern, sodass der eine oder andere Tourist durchaus die Möglichkeit hat, sie zu kaufen.“

„Marlene, meine Liebe, da hast du dich ja wieder übertroffen.“ Eine korpulente Frau mit hennaroten Haaren drängte sich an Zoey vorbei und begrüßte die Künstlerin mit zwei Küsschen auf die Wangen. „Ich habe gerade noch zu Hans-Dieter gesagt, dass wir unbedingt ein Werk von dir für unsere neue Ferienwohnung kaufen müssen. Du machst uns doch bestimmt einen guten Preis, oder?“

„Wie immer, meine liebe Vera.“ Marlene zwinkerte Zoey über den Kopf der Frau hinweg verschwörerisch zu. „An welches Bild hattest du denn gedacht?“

Mit dem inzwischen lauwarmen Sekt wanderte Zoey langsam zum nächsten Objekt. Wieder eine Komposition aus Blautönen, garniert mit ein paar grauen und grünen Farbtupfern. Insgesamt zählte sie zehn größere und genauso viele geringfügig kleinere Ausstellungsstücke, einige komplett abstrakt, bei anderen waren im Hintergrund vereinzelt Nordseemotive zu erkennen. Rötliche Farbtöne tauchten in den Bildern nicht auf. Die Farben, die Zoey bevorzugte.

Nachdem sie alle Werke gebührend gewürdigt hatte, war das Sektglas leer. Die Mädchen standen noch immer in der Mitte und bedienten mit kindlichem Ernst die kleckerweise eintreffenden Gäste. Im Raum drängelten sich die Gäste, der Geräuschpegel stieg. Zoey entschied, sich unauffällig zu entfernen. Sie hatte nach wie vor keine Lust, vorgestellt zu werden, und für heute genug von der Gegenwart anderer Menschen. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg durch die plaudernden Besucher in Richtung Ausgang. Dort stellte sie ihr Glas auf einem an die Wand geschobenen Tisch ab. Sie warf einen letzten kurzen Blick auf die Menge, konnte aber die Künstlerin im Gedränge nicht finden und hastete mit schnellen Schritten ins Foyer, wo sie Jacke und Schal an einer in den Gang geschobenen Garderobe aufgehängt hatte.

Draußen atmete sie tief ein. Dunkelheit hüllte sie ein, trotzdem lief sie die paar Schritte in Richtung Meer. Auf der Strandpromenade, die ein Stück weit durch ein Lichtkunstwerk bestrahlt wurde, konnte sie niemand sehen. Im hell erleuchteten Kursaal drängten sich die Menschen. Marlene musste auf der Insel bekannt sein, sonst wären nicht so viele Leute gekommen.

3

Zwei Tage später las Zoey in der Sylter Inselzeitung den Bericht über die Ausstellung. Die Künstlerin wurde in den höchsten Tönen gelobt und als eine echte Sylter Deern bezeichnet. Offenbar stammte sie von der Insel. Beneidenswert. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie auch hier geboren wäre? Vielleicht würde sie alle Ferien mit ihren Kindern in einem abgeschiedenen Haus am Meer verbringen? Oder sie wäre längst geschieden und hätte einen Inselkoller. Hör endlich auf, dir diese Fragen zu stellen. Du lebst und bist gezwungen, dein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Zornig schnürte sie ihre Wanderschuhe und riss die dicke Jacke vom Haken. Sie musste raus, hier drinnen hielt sie es auf einmal nicht mehr aus. Wo war der Schlüssel? Sie durchwühlte hektisch die Jackentasche, bis ihr einfiel, dass sie den auf die Küchentheke geworfen hatte. Dort lag er neben der Mütze. Die stülpte sie über die Haare. Jetzt noch Portemonnaie und Schal. Draußen empfingen sie die ersten Schneeflocken. Eine leichte Schneeschicht hatte sich auf dem Boden gebildet. Nicht unbedingt das richtige Wetter für eine Wanderung. Egal. Sie stapfte los und wäre fast ausgerutscht. Zoey Lieberman, schimpfte sie leise. Du drehst eine schnelle Runde durch den Ort, bis du dich wieder abgekühlt hast. Und zwar, ohne zu fallen.


Der Wind trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie lief in Richtung Nordsee los. Schon nach wenigen Metern merkte sie, dass Jeans nicht die richtige Kleidung für dieses Wetter waren. Bereits am Kurzentrum klebte die Hose an ihren Beinen und sie beschloss, sich unterzustellen. Vielleicht hörte es gleich auf zu schneien. Im Eingangsbereich schüttelte sie sich den Schnee von ihren Sachen.

„So ein Schietwetter heute.“ Hinter dem Tresen der Kurverwaltung lächelte eine jüngere Frau sie an. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein danke, ich suche nur ein wenig Schutz und wärme mich auf.“

„Ja klar. Nutzen Sie die Zeit und sehen Sie sich die Ausstellung unserer Inselkünstlerin an.“ Sie deutete zum Kursaal. Zoey mochte ihr nicht sagen, dass sie die Vernissage besucht hatte, nickte ihr zu und schlenderte langsam in Richtung der Bilder. Ohne Leute wirkte der Raum nüchterner und kühler. Am Eingang lagen ein paar Preislisten, die Zoey am Eröffnungstag nicht aufgefallen waren. Neugierig griff sie nach einer. Alle Achtung. Unter tausend Euro gab es kein einziges Bild. Das hätte sie nicht gedacht.

„Beabsichtigst du, eines meiner Werke zu kaufen?“

Zoey zuckte zusammen. Hinter ihr stand Marlene, neben ihr der angeleinte Max.

„Jetzt habe ich dich erschreckt, sorry. Warum bist du neulich so schnell verschwunden? Ich hätte mich gern mit dir unterhalten.“

„Ach …“

„Entschuldigung, ich benehme mich manchmal wirklich unmöglich. Moin erst mal.“ Sie steckte ihre Hand hin, die Zoey automatisch ergriff und schüttelte. Max fing an zu wedeln.

„Moin.“ Zoey überlegte krampfhaft, was sie sagen sollte, und entschied sich für die Wahrheit. „Eigentlich wollte ich an den Strand, aber schon nach ein paar Minuten bin ich so nass geworden, da habe ich hier Schutz gesucht. Hoffentlich hört es gleich wieder auf.“

„Ach so. Und ich dachte, meine Bilder hätten dich hierhergelockt.“ Marlene lachte laut auf.

„Wie ist denn die Eröffnung gelaufen? Hast du etwas verkauft?“

„Ein Bild für die Ferienwohnung. Das ist mehr als erhofft. Wie du sicher weißt, ist Kunst eine eher brotlose Angelegenheit.“

„Malst du hauptberuflich?“

„Nö, dann wäre ich inzwischen verhungert. Im wahren Leben habe ich als Lehrerin gearbeitet. Ich bin früh pensioniert worden.“

„Okay.“ Insgeheim fand Zoey, dass Marlene total fit aussah. Wie alt sie wohl war?

„Du denkst bestimmt, dass ich quietschgesund aussehe, und fragst dich, wieso ich nicht mehr arbeite. Richtig?“

Zoey fühlte sich ertappt. „Ja, genau. Warum bist du schon in Rente?“

„Weil ich letztes Jahr ein Burn-out hatte und nicht mehr unterrichten konnte.“

„Oh.“

„Ja, das war eine schwere Zeit.“ Marlene runzelte die Stirn und Zoey fiel auf, dass sie das erste Mal seit ihrer Bekanntschaft nicht lächelte. „Nach über dreißig Jahren im Schuldienst konnte ich von einem auf den anderen Tag morgens nicht mehr aufstehen und habe ganze Tage fast bewegungslos im Bett verbracht. Erst die Intervention von guten Freunden, ein Besuch beim Psychologen und die Einnahme einiger Tabletten haben mich wieder auf die Beine gebracht. Kaum zu glauben, wenn man mich heute so sieht.“ Sie streichelte Max, der sich neben ihren Füßen hingesetzt hatte.

Zoey bewunderte die Ehrlichkeit von Marlene. Sie hätte einer wildfremden Person niemals derartige Interna aus ihrem Leben erzählt.

„Aber genug von diesen traurigen Geschichten. Hast du Lust auf einen echten ostfriesischen Tee? Ich würde dich gern einladen.“

„Jetzt?“ In dem Moment, wo sie das Wort ausgesprochen hatte, kam sie sich dämlich vor. Natürlich jetzt. Marlene schien ihre Antwort nicht merkwürdig zu finden.

„Ja, wenn du Zeit hast. Ich war nur kurz hier, um ein paar Fotos zu schießen“. Sie deutete auf eine Kamera über ihrer Schulter, die Zoey gar nicht bemerkt hatte. „Und außerdem musste Mäxchen vor die Tür.“ Der so Angesprochene klopfte mit seinem Schwanz auf den Boden.

Zoey verspürte auf einmal Lust, sich das Zuhause von Marlene anzusehen. Ob da überall ihre Bilder hingen? „Gern. Wenn ich den Tee ohne Sahne trinken darf.“ Echter ostfriesischer Tee wurde mit Sahne getrunken, ein No-Go für Zoey.

„Klar. Ich hole nur meine Jacke.“ Sie reichte Zoey die Leine und kam ein paar Augenblicke später mit einer dunkelblauen dicken Segeltuchjacke zurück. Der Hund hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Marlene zog die Jacke an und schnalzte leicht mit der Zunge. Max stand sofort auf und blickte sein Frauchen gespannt an.

„Wow, der ist aber gut erzogen.“

„Wenn keine Möwen in der Nähe sind.“


Draußen schneite es und Marlene ließ den Hund frei laufen. Sie legte ein schnelles Tempo vor. Zoey beeilte sich, ihr zu folgen. Nach wenigen Minuten bogen sie in eine ruhige Seitenstraße ab, wo der Schnee eine feste Decke auf Fahrbahn und Bürgersteig gebildet hatte. Die Reetdachhäuser wirkten dadurch einladender als ohnehin schon. Ob Marlene in einem solchen Haus lebte? Der Wind wirbelte die Flocken durcheinander und blies so heftig, dass ein Gespräch nicht möglich war. Man hätte sich anschreien müssen. Max stürmte schneller voran und blieb vor einem weißen Gartentürchen stehen, welches in eine Hagebuttenhecke eingelassen war. Hinter einem mit Natursteinen gefliesten Weg stand ein altes Friesenhaus mit reetgedecktem Dach, Sprossenfenstern und einer blauen Haustür. Marlene öffnete das Türchen und Max sprang in Richtung Eingang. Dort blieb er stehen. Marlene schloss auf und gab Zoey mit einem Handzeichen zu verstehen, ihr zu folgen. Die Tür fiel zu.

„Puh, was für ein Sturm“, sagte Marlene und lachte kurz auf. Im Flur war es dunkel. Marlene tastete sich zum Lichtschalter. Zügig zog sie ihre Stiefel aus und schlüpfte in ein Paar Hausschuhe, die neben dem Eingang auf einem Holzregal lagen. „Zieh dir die nassen Schuhe aus. Ich hole dir Filzpantoffeln und ein Handtuch für Mäxchen.“ Marlene verschwand im hinteren Teil des Hauses und kehrte nach kurzer Zeit mit grauen Pantoletten und einem großen bunten Badelaken zurück.

„Du bist ein braver Hund“, lobte sie Max, der vor der Tür geduldig gewartet hatte. Sie rieb ihm mit dem Handtuch Pfoten und Fell sorgfältig ab und gab ihm einen leichten Klaps auf das Hinterteil. Der Retriever rannte an ihnen vorbei.

„Mäxchen schaut wie immer erst in der Küche nach, ob sich in seinem Hundenapf etwas Erfreuliches getan hat. Danach legt er sich vor den Ofen und bewegt sich nicht mehr. So was Ähnliches veranstalten wir zwei jetzt ebenfalls. Zieh dir doch bitte deine feuchten Sachen im Badezimmer aus, ich lege sie über den Kachelofen zum Trocknen. Ich bringe dir gleich warme Socken und eine Jogginghose.“

Zoey wollte protestieren, überlege es sich aber anders. Die nasse Jeans klebte an ihren Beinen und bei dem hektischen Aufbruch hatte sie vergessen, eine Strumpfhose anzuziehen. Erkälten wollte sie sich nicht.

„Vielen Dank, das Angebot nehme ich gern an.“

Sie folgte ihrer Gastgeberin durch den schmalen, mit hellbraunen Fliesen ausgelegten Flur. Marlene öffnete eine Tür und drehte am Lichtschalter.

„Hier bitte. Fühl dich wie zu Hause, ich suche dir gleich die Sachen heraus.“


Das Badezimmer war neu renoviert und strahlte Behaglichkeit aus: Eine riesige Badewanne thronte auf vier Klauenfüßen unter einem Sprossenfenster. An der Seite befand sich über einem Waschbecken ein moderner Spiegelschrank, daneben ein Regal aus Plexiglas, auf dem sich Handtücher stapelten. Zoey zog sich die Hose aus, auch die Strümpfe darunter klebten feucht an ihren Füßen. Sie trocknete sich Haare und Gesicht und versuchte, mit den Händen ihre Frisur in Form zu bringen. Es klopfte und Marlene reichte ihr durch den Türspalt eine hellblau-weiß gestreifte Jogginghose mit dicken dunkelblauen Socken.

„Danke, ich komme gleich.“

„Lass dir ruhig Zeit, ich setze schon einmal Teewasser in der Küche auf.“


Ein mit blau-weißen Fliesen gekachelter Ofen beherrschte die geräumige Küche, eine Eckbank mit Tisch und Stühlen aus hellem Holz stand vor einem Sprossenfenster. Max lag, alle viere von sich gestreckt, vor der Wärmequelle und bewegte nur müde den Schwanz, als Zoey in den zu großen Filzpantoffeln hereinschlurfte. Marlene goss Wasser in eine dunkelrote Teekanne.

„Ist Max in seinem Napf fündig geworden?“

„Nö, er hat heute Morgen ausreichend gefrühstückt. Aber er gibt niemals die Hoffnung auf. Darin sind wir uns ähnlich.“ Sie lachte scheppernd.

Zoey kniete sich vor den Rüden und fing an, ihn am unteren Rücken zu kraulen. Max wälzte sich genießerisch hin und her, dabei stieß er grunzende Laute aus.

„Du weißt, was ihm gefällt. Hattest du mal einen Hund?“

„Nein.“

Marlene stellte die Kanne zusammen mit zwei Bechern auf den Tisch und holte aus einem der Hängeschränke eine Packung Kekse hervor.

„Komm, setz dich und gieß uns ein. Es fehlen noch Sahne und Kandis.“

Der Tee schmeckte bitter, Zoey tat ein paar Klumpen Kandis hinein und rührte langsam um.

„Probiere doch mal mit Sahne“, sagte Marlene, die sie beobachtet hatte.

„Nee, auf keinen Fall. Süß ist okay.“

Beide Frauen schwiegen und genossen das heiße Getränk. Zoey hatte die Hände um den Becher gelegt und spürte die Wärme, die langsam durch ihre immer noch klammen Finger strömte.

„Möchtest du …“

„Vielen Dank …“, fingen beide gleichzeitig an zu sprechen.

Zoey stoppte und sah ihre Gastgeberin an. „Du zuerst.“

„Meine Frage war, ob ich dir etwas anderes als Kekse anbieten darf.“

„Nein danke. Ich habe heute Morgen ausgiebig gefrühstückt.“

„Was hattest du im Sinn?“

„Äh …“ Zoey stockte für einen Moment. „Ich möchte mich für deine Gastfreundschaft bedanken. Ich meine, ich bin eine total Fremde für dich und du nimmst mich mit zu dir nach Hause. Das ist ungewöhnlich.“

„Stimmt“, erwiderte Marlene. „Ich kenne dich nicht, würde das aber gern ändern. Abgesehen davon habe ich keine Angst, dass du mich ausraubst oder so.“

Zoey wusste zum wiederholten Male nicht, was sie dazu sagen sollte. „Wieso möchtest du mich kennenlernen?“, brach es nach einer Weile aus ihr hervor.

„Du bist mir am Strand aufgefallen. Bei der Kälte barfuß. Und außerdem bewundere ich Frauen, die allein wegfahren. Ich weiß gar nicht, ob ich mir das zutrauen würde.“ Marlene starrte versonnen in ihren Teebecher.

„Lebst du allein?“

„Ja, wenn du Max nicht mitzählst.“ Sie sah zu dem Hund, der alle Gliedmaßen von sich gestreckt hatte und schlief. „Und du?“

„Ich auch.“

„Womit beschäftigst du dich, wenn du nicht im Urlaub bist?“

Eigentlich wollte Zoey nicht über sich reden. In ihrer jetzigen Situation sowieso nicht. Marlene schien aber wirklich interessiert und schließlich war sie ihr etwas schuldig. Außerdem war es besser, über berufliche Dinge zu sprechen als über private.

„Ich bin selbstständig, Unternehmensberaterin. In Hamburg.“

Nun sah Marlene verblüfft aus. Das hatte sie offenbar nicht erwartet. Sie fing sich aber bemerkenswert schnell.

„Unternehmensberaterin? Das hört sich interessant an. Wen berätst du denn so? Bist du auf eine bestimmte Berufsgruppe spezialisiert?“

„Meine Kunden sind hauptsächlich Frauen, die überlegen, sich selbstständig zu machen. Praktisch Existenzgründerinnen. Die kommen aus allen Branchen, viele beabsichtigen zum Beispiel, ein Einzelhandelsgeschäft zu gründen. Ich erstelle Businesspläne und berate sie hinsichtlich der erforderlichen Bankkredite, der Werbung und so weiter.“

„Hhm. Sagst du den Frauen, wenn du von einer Geschäftsidee nicht überzeugt bist?“

„Ganz so einfach ist es nicht. Ich höre mir die Pläne an und erarbeite mit ihnen das Konzept. Ist das nicht tragfähig, weise ich darauf hin. Manche gründen trotzdem und gehen pleite.“ Zoey merkte, dass sie recht unmotiviert klang. Von einer Unternehmensberaterin konnte man differenzierte Aussagen erwarten. „Wenn es okay ist, möchte ich nicht so gern über meinen Job reden. Ich denke darüber nach, mich zu verändern.“ Warum hatte sie das gesagt? Und wenn sie nicht über den Beruf sprechen wollte, worüber sonst?

„Ach, das verstehe ich gut. Außerdem bist du im Urlaub.“

Zoey atmete auf, dass Marlene nicht auf ihre letzte Bemerkung eingegangen war. „Ich beneide dich, dass du hier leben darfst.“

Marlene prustete los. „Ja, das sagen alle. Aber du vergisst den Inselkoller, der mich ab und zu überfällt. Und im Sommer die vielen Touristen, das ist nicht immer lustig, kann ich dir sagen. Das ist die Zeit, wo ich froh bin, dass ich noch eine Bleibe in Hamburg habe.“

„Du lebst auch in Hamburg?“

„Ja, wenn ich Lust habe. Mir gehört ein kleines Appartement in Eppendorf. Das ist nicht vermietet, eine Freundin kümmert sich in meiner Abwesenheit um die Wohnung.“

Der Neid nagte tatsächlich an ihr. Ein Haus auf Sylt und ein Appartement in Eppendorf. Was wollte frau mehr?

„Mir ist klar, was gerade in deinem Gehirn vorgeht“, sagte Marlene und hob eine Augenbraue. „Wieso hat die Alte ein Haus auf Sylt und eine Wohnung in einem der schönsten Stadtteile der Hansestadt. Das ist megaungerecht.“

Zoey musste gegen ihren Willen lachen. „Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber ‚die Alte‘ habe ich nicht gedacht. Für mich siehst du überhaupt nicht alt aus.“

„Ich habe vor drei Jahren die sechzig erreicht und über einen Monat gebraucht, um mich von diesem Schock zu erholen. Dann habe ich beschlossen, nicht mehr über das Alter nachzudenken. Die Alternative ist schließlich auch nicht so toll.“

„Alternative?“

„Na, der Tod. Da werde ich doch lieber uralt.“

„Stimmt.“ Zoey wollte sofort das Thema wechseln. „Hast du groß gefeiert?“

„Klar. Ich habe die halbe Insel hier ins Haus eingeladen. Und meine Freunde aus Hamburg. Es war ein rauschendes Fest.“ Marlenes Blick verlor sich und Zoey nahm an, dass sie über die Geburtstagsparty nachdachte.

„Das war bestimmt klasse. Ich bin nicht so der Feiertyp.“

„Man muss sich vergnügen, so lange man es kann. Außerdem ist es eine Leistung, so alt geworden zu sein. Das habe ich mir jedenfalls eingeredet und dabei bleibe ich. Du als junges Küken vermagst das gar nicht nachzuvollziehen. Wie alt bist du eigentlich?“

„Ich bin in diesem Jahr fünfzig geworden.“

„Und du hast nicht gefeiert? Das glaube ich nicht.“

„Ich …“, zu ihrem Entsetzen fing Zoey an zu weinen. Sie versuchte, sich zusammenzureißen, es klappte nicht. Die Tränen flossen ihr über die Wangen. Marlene erhob sich, der Schrecken stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Habe ich etwas Blödes gesagt? Das tut mir leid.“

Zoey wollte ihr zu verstehen geben, dass es nicht an ihr lag. Sie konnte es nicht, vergrub das Gesicht in ihren Armen auf der Tischplatte und heulte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

Als sie sich langsam aufrichtete, war Marlene nicht mehr da. Max schlief immer noch vor dem Ofen und sie stand schwerfällig auf und kniete vor ihm nieder. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, strich sie über sein Fell. Er zuckte zusammen und hob kurz den Kopf, bevor er sich mit einem wohligen Laut wieder hinlegte.

„Ein Hund hat so etwas Beruhigendes, findest du nicht.“ Marlene stand in der Tür, in der Hand eine Flasche und zwei Cognacgläser. „Magst du einen Brandy? Ich brauche jedenfalls einen.“ Sie stellte die Flasche auf den Tisch und goss sich ein.

Zoey fühlte sich seltsam befreit und ein wenig schwerelos. Nicht, dass sie sich schon jemals in einem solchen Zustand befunden hatte. Normalerweise hätte sie sich ein schwarzes Loch herbeigewünscht.

„Ja bitte.“ Sie stieß sich ab und tapste zurück zum Tisch, wo Marlene inzwischen das zweite Glas gefüllt hatte.

„Wenn du reden willst, ich höre zu. Wenn nicht, ist das auch okay. Dann trinken wir nur.“ Sie hob das Glas und sie stießen an.

Der Brandy erwärmte ihren Magen. Und auf einmal wollte sie reden. Sie, die seit Monaten nicht über ihre Gefühle gesprochen hatte, weil sie es nicht ertragen konnte.

„Ich habe den fünfzigsten Geburtstag nicht gefeiert, weil mein Lebensgefährte kurz vorher verstorben ist. Einen Tag nach meinem Geburtstag war seine Beerdigung.“

Marlene sagte nichts, wofür Zoey dankbar war. Irgendwelche Floskeln hätte sie nicht ertragen können.

„Er ist einfach tot umgefallen. Bei einer Routineuntersuchung beim Hausarzt auf dem Fahrrad. Tod mit dreiundfünfzig Jahren.“ Zoey nippte an dem Brandy, weil sich ihre Kehle so trocken anfühlte. „Er hatte eine verschleppte Grippe, die auf den Herzmuskel geschlagen ist. Leander ist immer den Hanse-Marathon gelaufen. Und auf einmal war er nicht mehr da.“ Zoey stiegen Tränen in die Augen. Genug jetzt. Sie zwang sich zu sprechen. „Das ist fast acht Monate her und ich kann es immer noch nicht so richtig fassen. Ich habe mich bemüht, weiterzumachen. Aber es funktionierte nicht. Selbst arbeiten half nicht. Deshalb bin ich nach Sylt gekommen.“ Du liebst die Insel mehr als mich.

„Und die Nordsee hilft, das ist auch meine Erfahrung.“ Marlene sah nachdenklich auf das halbleere Brandyglas.

„Es scheint so“, flüsterte Zoey unter Tränen. „Es ist das erste Mal, dass ich über den Tod von Leander sprechen kann. Du hast etwas mit mir gemacht.“

„Es tut mir so leid, darf ich das sagen? Ich habe dich angesprochen, weil du so traurig aussahst. Und mich gefreut, dass du zu meiner Ausstellung gekommen bist. Es war Schicksal, dass wir uns über den Weg gelaufen sind.“

Zoey wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. „Glaubst du an so etwas?“

„Auf jeden Fall. Nichts passiert umsonst, das habe ich gelernt. Und ich bin viel älter als du und weiß Bescheid.“

Zoey musste gegen ihren Willen lachen. „Ja, Frau Lehrerin.“

„Mach dich nur lustig. Es geht dir besser, wie schön. Das liegt bestimmt auch am Brandy. Soll ich dein Glas noch einmal füllen?“

„Bloß nicht, sonst torkele ich nach Hause.“

„Es gibt Schlimmeres.“

„Stimmt.“

Beide schwiegen einvernehmlich und das Schweigen fühlte sich dieses Mal anders an. Unbelastet. Max jaulte im Traum.

„Was er wohl träumt?“

„Ach, das Übliche: vom Fressen und läufigen Hündinnen.“ Marlene lachte laut. Zoey fing an, sich an das scheppernde Geräusch, was sie dabei produzierte, zu gewöhnen. „Wie lange bleibst du auf Sylt?“

„Ich habe das Appartement bis Sonntag. Dann muss ich wieder nach Hause. Obwohl …“ Zoey stockte und überlegte, wie sie sich ausdrücken sollte. Marlene beugte sich leicht vor und sagte: „Du willst nicht zurück, das kann ich gut verstehen.“

„Das ist es nicht allein. Tatsache ist, ich habe kein Zuhause mehr.“ So, nun hatte sie diese Wahrheit laut ausgesprochen.

„Was ist passiert?“

„Die Wohnung in Hamburg gehörte Leander und nach seinem Tode erbt alles Helga. Die Schwester. Die konnte mich noch nie leiden.“

„Ach, du lieber Himmel.“ Marlene goss sich erneut Brandy ein und hielt Zoey die Flasche hin.

„Darauf kommt es nun vermutlich auch nicht mehr an.“ Zoey füllte ihr Glas auf. Beide prosteten sich zu.

„Was willst du denn unternehmen? Oder bin ich zu neugierig?“

„Du bist die Einzige, die das überhaupt weiß. Ich habe mich nach dem Tod von Leander eingeigelt und wie verrückt gearbeitet. Meine Freunde haben versucht, mich zu kontaktieren, ich habe sie alle vor den Kopf gestoßen.“

„Wenn es gute Freunde sind, geben sie so schnell nicht auf und werden dich verstehen.“

„Hhm, ja“, Zoey drehte den Stil des Glases in der Hand. Die goldbraune Flüssigkeit schaukelte hin und her. „Genau genommen habe ich in meinem ganzen Leben nie gute Freunde gehabt, die letzten zwanzig Jahre waren es eher die von Leander. Keine Ahnung, wie es weitergeht. Ich muss bis Ende Dezember die Wohnung verlassen. So viel Zeit hat sie mir gelassen.“

„Hast du denn überhaupt schon nach Wohnungen gesucht?“

„Ein bisschen. Aber in diesen Zeiten ist es schwierig, eine passende Unterkunft in der Stadt zu finden. Abgesehen davon, dass man es als Selbstständige doppelt schwer hat. Im Grunde gelingt das nur über Kontakte und …“ Sie stockte.

„Deine Kontakte wolltest du nicht anzapfen, weil du dich sonst hättest outen müssen.“

„Genau.“ Wie dämlich sie sich verhalten hatte. „Das war nicht besonders geschickt von mir, schon klar. Aber …“

„Du brauchst dich nicht vor mir zu rechtfertigen“, unterbrach Marlene sie. „Ich kann mir genau vorstellen, wie dir zumute ist.“

Zoeys Herzschlag beschleunigte sich. „Dein Mann?“, fragte sie mit heiserer Stimme.

„Mein Mann“, antwortete Marlene und sah ihr in die Augen. „Er starb vor drei Jahren, kurz nach meinem Geburtstag und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Aber er hätte gesagt: Das Leben geht weiter, auch wenn es dir noch so floskelhaft erscheint. Und es kommen wieder gute Zeiten, wenn du es willst.“

„Kommen wirklich wieder gute Zeiten?“

„Wenn du bereit dafür bist, ja. Und jetzt koche ich uns beiden Hübschen erst einmal etwas Leckeres. Das Wetter sieht nicht so aus, als würde es heute noch aufklaren. Und Essen hält Leib und Seele zusammen. Noch so ein blöder Spruch von mir.“ Sie stand auf und öffnete den Kühlschrank, der bis an den Rand gefüllt war. Anders als der von Zoey.

„Magst du Rührei mit Krabben auf Schwarzbrot? Dazu einen Salat? Die Krabben hat mir ein Bekannter heute Morgen mitgebracht. Ich habe sie schon gepult.“

„Ich liebe Krabben.“

Marlene stellte eine Schale mit Krabben auf die Anrichte. Sie nahm vier Eier und schlug sie in eine Schüssel, die neben dem Herd stand. Überhaupt lagerte in der Küche einiges offen an Geschirr: verschiedene Öl- und Essigflaschen, Gewürze in Gläsern, Kräuter in Töpfen, daneben Becher und bunte Schalen. Das Ganze wirkte wie ein farbenfrohes Kunstwerk und strahlte Gemütlichkeit aus.

„Gern. Kann ich dir helfen?“ Tatsächlich verspürte Zoey einen ungeheuren Appetit. Ob das mit ihrer Offenheit gegenüber Marlene zusammenhing? Sie war froh, dass sie ihr die Wahrheit erzählt hatte.

„Nö, brauchst du nicht. Das dauert nicht lange.“ Marlene wusch den Salat in der Spüle. „Du darfst mir zuschauen und dich entspannen.“

„Okay. Ich bleibe hier sitzen und mache nichts. Oder doch, ich möchte dir zuhören. Erzähl mir doch von deinem Mann, wenn du magst.“

„Klaus war Anwalt.“

„Echt, das glaub ich nicht. Leander auch.“ Zoey rutschte aufgeregt auf ihrem Stuhl herum.

„Das ist ja ein Zufall. Oder auch nicht. Klaus hat immer gesagt, dass es zu viele Anwälte in der Stadt gäbe. Er war Seniorpartner in einer großen Wirtschaftskanzlei in der City und hat rund um die Uhr gearbeitet. Du kennst das bestimmt, immer war etwas wichtiger, dringlicher, eiliger. Nur mit mir zusammen konnte er abschalten. Sonst hätte ich ihm sein Handy weggenommen. Wir haben wunderbare Reisen unternommen und unser Leben genossen.“ Marlene schlug energisch mit einer Gabel die Eier. „Kurz bevor er aufhören wollte zu arbeiten, hatte er einen Herzanfall. Daran ist er ein paar Tage später gestorben. Wir konnten uns voneinander verabschieden, dafür werde ich immer dankbar sein.“ Sie füllte die Eimasse in die Pfanne zu den Krabben und gab Salz und Pfeffer dazu. Mit einer Schere schnitt sie Schnittlauch in Stücke und streute es über die Rühreier.

Es duftete nach Krabben und Zoey lief das Wasser im Munde zusammen.

„Klaus und ich haben keine Kinder. Ich konnte keine bekommen. Dafür hatte ich berufsbedingt viel mit Kindern zu tun.“ Marlene stellte zwei Teller auf den Tisch und strahlte Zoey an. „Wenn ich nachmittags aus der Schule kam, hab ich aufgeatmet, dass ich keinen Kinderlärm mehr hören musste. Zumindest habe ich mir das immer eingeredet. Hast du Kinder?“

„Nein. Wir haben beide viel gearbeitet, da hätten Kinder nicht gepasst.“

„Noch etwas, was wir gemeinsam haben.“

„Stimmt.“

Marlene kam mit der Pfanne an den Tisch und verteilte das Krabben-Rührei-Gemisch auf die Teller. „Schwarzbrot kommt sofort. Nimmst du Butter?“

„Nein danke.“

„Gut. Ich hole noch den Salat. Und Wasser. Oder möchtest du Wein trinken?“

Zoey machte eine abwehrende Geste und schnitt sich eine Scheibe von dem Schwarzbrot ab. Genau die Sorte hatte sie sich in der Bäckerei gekauft.

„Guten Appetit. Ich freue mich wirklich sehr, dass wir uns getroffen haben.“ Marlene prostete ihr mit dem Wasserglas zu.

Zoey lächelte sie an und probierte eine Gabelspitze von dem Rührei. Es schmeckte köstlich. Sie schaufelte etwas von der Masse auf das Schwarzbrot und schnitt sich ein Stück ab. „Lecker“, murmelte sie und nahm sich nach.

„Sehr gut. Du siehst so aus, als müsstest du dringend aufgepäppelt werden.“

„Mhm“, antwortete Zoey mit vollem Mund. Ein paar Minuten aßen sie schweigend.

„Hast du zusammen mit deinem Mann in Hamburg gelebt?“

„Ja. Wir hatten ein Einfamilienhaus in Winterhude. Nach seinem Tode habe ich alles verkauft und bin zurück auf die Insel gezogen. Das hier ist das Haus meiner Eltern. Es hat lange leer gestanden und vieles musste erneuert werden. Ich habe mich bemüht, den Charakter der Immobilie zu erhalten. Danach konnte ich mir noch das kleine Appartement in Eppendorf leisten. Ich lebe von meiner Pension und der Lebensversicherung meines Mannes. Und dem Verkauf der Bilder natürlich.“ Marlene gestikulierte mit der Gabel in der Hand.

Zoey war eigentlich kein Mensch, der anderen nichts gönnte, jedenfalls hatte sie das bisher immer angenommen. Dennoch verspürte sie erneut einen heftigen Anflug von Neid. Wie gern wäre sie in der Situation von Marlene gewesen. Sie schüttelte den Kopf.

„Alles in Ordnung? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein. Ich habe mich gerade dabei ertappt, dass ich total neidisch auf dich bin.“

„Ach, das wäre ich an deiner Stelle vermutlich auch. Mach dir keinen Kopf darum. Mir ist bewusst, wie gut es mir hier geht und wie privilegiert ich bin.“

Zoey fiel ein Stein vom Herzen. Sie fühlte sich ausgesprochen wohl in der Gesellschaft von Marlene und hätte eine Unstimmigkeit nicht ertragen.

„Du bist ein Schatz. Danke.“

4

Der Wind hatte die Wolken vertrieben, der Himmel leuchtete in tiefem Blau. Der Schnee funkelte in der Sonne. Zoey erwachte in dem Bewusstsein, dass etwas Außergewöhnliches passiert war: Marlene. Sie hatte Marlene kennengelernt. Sie hatten den Rest des gestrigen Tages miteinander verbracht und waren erst spät in der Nacht auseinandergegangen. Ihre neue Freundin hatte sie zusammen mit Max bis vor die Tür des Appartementhauses begleitet. Heute Abend hatten sie sich wieder verabredet. Zoey wollte sich revanchieren und Marlene zum Essen einladen, die hatte jedoch abgewunken. Ich koche uns etwas Leckeres. Die guten Lokale haben im Moment alle zu. Halte dein schlechtes Gewissen im Zaum, es findet sich bestimmt noch eine Gelegenheit. Wenn nicht hier, dann in Hamburg.


Zoey summte leise und zog sich an. Zum ersten Mal seit vielen Monaten freute sie sich auf etwas: auf den Abend mit Marlene. Heute wollte sie am Strand bis nach Kampen laufen, in der „Kupferkanne“ einen Kaffee trinken und durch den mondänen Ort und auf dem Dünenwanderweg wieder zurück nach Wenningstedt gehen. Sie überlegte, was sie Marlene mitbringen konnte. Eine Flasche von ihrem Rotwein? Gestern waren sie nach Brandy und Ostfriesentee zum Kräutertee gewechselt. Doch bestimmt trank Marlene auch Wein. Zoey hatte aus Hamburg ein paar Flaschen mitgenommen, die Leander gekauft hatte. Sehr teurer und unglaublich leckerer Wein aus Italien. Den wollte sie Helga nicht überlassen. Die hatte Zoey über einen Anwalt zu verstehen gegeben, dass sie nur ihre eigenen Gegenstände aus der Wohnung mitnehmen dürfe. Alles andere müsse dableiben. Persönlicher Kontakt zu Helga bestand nicht, auf der Beerdigung hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Nachdem sie den Anwaltsbrief gelesen hatte, wollte Zoey in einem Anfall von Resignation ihr Heim der letzten Jahre tatsächlich nur mit ihren Klamotten verlassen. Ein paar Minuten später hatte sie kampfbereit überlegt, alles Inventar kaputt zu schlagen. Inzwischen sah sie das Ganze realistischer: Sie würde die Sachen mitnehmen, die sie gebrauchen konnte. Sollte Helga sie doch verklagen. Ja, schrie sie lauthals los, so mache ich es und denke nicht mehr daran.


Das Meer glitzerte im Sonnenlicht. Der Sand war an der Oberfläche gefroren und knackte leicht, wenn man drauftrat. Eine dünne Schneeschicht bedeckte den Boden und Zoey jubilierte innerlich. Was für ein Traumwetter.

Sie setzte ihre Sonnenbrille auf und wandte sich nach Norden, immer an der Wasserkante entlang. Auf das Barfußlaufen würde sie heute verzichten. Bei den Minusgraden war es dazu auch für sie zu kalt.


An der Wasserlinie lagen viele Seesterne, auf die sich die Möwen begierig stürzten. Sie musste Marlene fragen, ob das mit dem Wetterwechsel zu tun hatte. Vor ihr schlenderte ein Paar, Händchen haltend. Zoey schluckte. Wie lange würde es dauern, bis sie wieder in der Lage wäre, ohne Trauer Liebe wahrzunehmen? Vielleicht nie mehr. Themenwechsel. Sie überholte die beiden mit schnellen Schritten, den Kopf zum Boden gesenkt. Nächste Woche ging es zurück nach Hamburg. Irgendwie musste sie weitermachen. Und wenn sie einfach auf der Insel bliebe? Sie hatte Geld gespart und konnte sicher ein günstiges Pensionszimmer finden. In sechs Wochen ging das Jahr zu Ende, bis dahin sollte sie wissen, wie es für sie weitergehen würde. Hoffentlich. Froh über diesen Entschluss wich sie ein paar Möwen aus, die am Strand mit zusammengesteckten Köpfen schliefen. Max hätte Spaß daran, die Vögel auseinanderzutreiben. Marlene kannte bestimmt eine preiswerte Pension auf der Insel. Neue Aufträge erwarteten sie in Hamburg nicht und um laufende Anfragen kümmerte sich Jürgen, ihr Bürokollege. Zoey brauchte ihn nur anzurufen. Für ihre Möbel fände sich ein vorübergehendes Lager. Vielleicht hatte Jürgen sogar eine Idee, er war in solchen Sachen patent. Eventuell musste sie ein paar Tage in die Stadt fahren, um sich selbst zu kümmern. Zoey kickte mit dem Fuß einen Seestern zurück ins Wasser. Komm schon, Junge, du schaffst das.


Pünktlich um sieben wartete sie, bewaffnet mit einer Flasche Rotwein, vor dem Friesenhaus. Drinnen bellte Max, er hatte ihr Klingeln gehört. Einen kurzen Moment später stand Marlene in der geöffneten Tür und strahlte sie an, den Hund hielt sie am Halsband fest.

„Guten Abend, meine Liebe, immer hinein in die gute Stube.“ Max begrüßte sie mit einem heftigen Schwanzwedeln und Zoey beugte sich zu ihm nieder, um ihn an seiner bevorzugten Stelle am unteren Rücken zu kratzen. Er fing sofort an, mit dem Hinterteil zu wackeln.

„Und was ist mit mir?“, fragte Marlene und lachte leise.

Zoey richtete sich wieder auf und gab Marlene einen leichten Kuss auf die Wange. „Moin. Möchtest du auch gekrabbelt werden? Oder lieber Rotwein?“ Sie hielt ihr das Geschenk hin.

„Warum nicht beides? Rotwein trinken und an den Füßen gekrault werden. Klingt paradiesisch.“ Marlene nahm ihr Jacke und Flasche ab. „Vielen Dank für den Wein. Geh bitte vor, du kennst dich ja aus. Ich habe den Tisch in der Küche gedeckt. Da ist es mit dem Kachelofen gemütlicher.“


In der Küche duftete es nach frischen Kräutern und Knoblauch. Auf dem Herd blubberte eine Tomatensauce im Topf, auf der Anrichte wartete ein Teller mit rohen Scampi und einer geschälten Knoblauchzehe. Typische italienische Vorspeisen waren auf einer länglichen bunten Platte liebevoll dekoriert: Tomaten mit Mozzarella, Oliven, Vitello tonnato, eingelegte Zwiebeln, Paprika, Champignons, Schinken mit Melone und verschiedene Wurstsorten. Zoey lief das Wasser im Munde zusammen und sie musste sich beherrschen, nicht nach einem Stück Weißbrot zu greifen, das geschnitten in einem Brotkorb lag. Ihr Blick fiel auf den Tisch und sie stutzte. Wieso lagen da drei Gedecke? Ihr Magen verknotete sich und der Appetit verschwand schlagartig. Wen hatte Marlene noch eingeladen?


„Komm, lass uns etwas trinken“, sagte Marlene, die mit der Weinflasche in der Hand die Küche betrat. „Was möchtest du? Einen Sekt oder lieber ein Glas Wein? Du kannst zwischen rotem und weißem wählen. Ich habe alles da. Deinen Rotwein sollten wir nicht öffnen.“ Sie stellte den von Zoey mitgebrachten Wein neben dem Herd ab und rührte die Tomatensauce um.

„Äh …, wer kommt denn noch?“ Zoey deutete auf den Tisch.

„Ach so, das habe ich total vergessen. Gestern Morgen rief mich ein alter Freund aus Hamburg an, ein Kollege meines Mannes. Er kümmert sich um meine Steuerangelegenheiten und hilft mir bei der Organisation von Ausstellungen. Moritz hatte einen Geschäftstermin in Westerland und bleibt bis morgen. Er ist schon viele Jahre Witwer und ich habe ihn spontan zum Essen eingeladen.“

„Aber da störe ich euch doch bestimmt.“ Zoey wandte sich zur Tür.

„Nix da, du bleibst. Moritz ist ein wirklich netter Mann, nett klingt irgendwie immer blöd, egal, du wirst ihn mögen.“

Zoey zögerte. Einerseits mochte sie Marlene nicht verärgern, andererseits hatte sie überhaupt keine Lust, einen Mann kennenzulernen. Egal, wie nett. Marlene schien ihr Zögern zu bemerken und sprach in einem beruhigenden Tonfall weiter.

„Na komm, setz dich. Ich bringe uns beiden erst einmal ein Glas Sekt.“ Sie holte eine Flasche aus dem Kühlschrank, öffnete sie gekonnt über dem Abfluss und goss die prickelnde Flüssigkeit in zwei Kelche. Sie stellte ein Glas vor Zoey auf den Tisch.

„Auf uns.“ Marlene sah Zoey unvermittelt an, in ihren Augen glaubte sie, Mitgefühl und Zuneigung zu erkennen.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als mit ihr anzustoßen. Sie nippte am Sekt und stellte das Glas zurück. Keiner sagte etwas. Es klingelte und Max stürzte bellend zu Tür. Jetzt konnte sie sich nicht mehr verabschieden. Kurz sah sie an sich hinunter: Jeans, T-Shirt und Strickjacke. Geschminkt war sie nicht. Na und, Zoey? Hast du auf einmal akute Eitelkeitsanfälle? Wegen eines Mannes?


Vom Flur hörte sie gedämpfte Stimmen. Sie setzte ein Lächeln auf und hoffte, dass es nicht zu gekünstelt wirkte. Am liebsten hätte sie sich in ihrem Appartement unter der Bettdecke verkrochen.

„Moritz, darf ich vorstellen: Das ist meine neue Freundin Zoey Lieberman aus Hamburg. Wir haben uns am Strand kennengelernt. Zoey, das ist mein alter Freund Moritz Löwe.“

Zoey sah in ein Paar blaue Augen. Der Mann hatte kurz geschnittene graue Haare, trug eine Nickelbrille und hatte, genau wie sie, Jeans und Strickjacke an. Er streckte den Arm aus und Zoey erwiderte seinen kräftigen Händedruck.

„Hallo“, sagte sie lahm und gab sich sofort mehr Mühe. Unhöflich wollte sie schließlich auch nicht sein. „Schön, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits“, erwiderte er.

„Bitte seid nicht so förmlich. Zoey und Moritz, das reicht doch, oder?“ Marlene stand zwischen ihnen und wirkte aufgedreht.

„Ja klar. Zoey, das ist ein bezaubernder Name.“

„Danke“, murmelte Zoey. „Er kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Leben. Eigentlich ist es eine Abwandlung von Zoé. Meine Mutter mochte die englische Aussprache und hat sich deshalb für Zoey entschieden. Sie war ihrer Zeit weit voraus. Heutzutage heißen viele junge Mädchen so. In meiner Altersklasse eher nicht.“ Sie verstummte abrupt. Du liebe Güte, warum hatte sie diesen Monolog gehalten? Das interessierte doch nun wirklich niemanden.

„Leben. Das wusste ich gar nicht. Wunderschön.“

„Das finde ich auch“, sagte Moritz. „Erinnert mich sofort an das Lied von Lenny Kravitz.“

Das hatte Leander bei ihrer ersten Begegnung ebenfalls gesagt. Sie schluckte.

„Kommt, Kinder, setzt euch. Moritz, was darf ich dir zu trinken anbieten? Wahrscheinlich eher keinen Sekt, oder?“

Marlene warf Zoey einen kurzen Blick des Einverständnisses zu, sie hatte ihr Unbehagen bemerkt. Schnell rutschte sie in die Ecke der Sitzbank.

„Bitte keinen Sekt. Lieber ein Glas Wein oder ein Bier.“ Moritz grinste entspannt.

„Bier habe ich nicht. Rot oder weiß?“

„Rot.“

Marlene nahm eine Rotweinflasche von der Anrichte und reichte sie Moritz. „Hier, bediene dich bitte. Ein Glas steht auf dem Tisch.“ Sie wühlte in einer der vielen Schubladen neben dem Herd und förderte einen knallblauen Korkenzieher hervor, den sie ihm in die Hand drückte. „Und gieß Zoey auch gleich ein. Oder möchtest du beim Sekt bleiben?“

„Ich muss erst einmal das hier austrinken. So schnell bin ich nicht.“ Sie musterte die Holzmaserung des Tisches und überlegte, wie sie es anstellen konnte, sich so bald wie möglich zu verabschieden.

Moritz setzte sich neben sie auf die Bank und öffnete die Flasche mit einem leisen „Plopp“. Er goss sich ein und prostete Zoey zu. „Auf einen schönen Abend.“

Sie rückte ein Stück von ihm ab und hob ebenfalls ihr Glas. „Ja.“

Moritz roch leicht nach herbem Aftershave. Er hob belustigend seine Augenbrauen, hatte ihr Abrücken also bemerkt. Egal. Zoey trank erneut vom Sekt. Das Getränk erreichte ihren Magen, sie entspannte sich. Oh Gott, vermutlich entwickelte sie schon Potential zur Alkoholikerin. Marlene stand mit dem Rücken zu ihnen und füllte einen Topf mit Wasser. Sie schaltete die Herdplatte ein und griff zu der Vorspeisenplatte, die sie auf dem Tisch platzierte.

„Das sieht lecker aus. Ich habe extra heute Mittag nur ein Brötchen gegessen.“ Moritz beugte sich zu Zoey: „Marlene ist eine begnadete Köchin.“

„Übertreib mal nicht.“ Marlene stellte den Korb mit geschnittenem Baguette in die Mitte und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von ihren Gästen. „Kommt, lasst uns anstoßen und auf einen schönen Abend trinken.“ Alle drei Gläser berührten sich. Zoey blickte in Marlenes liebevoll lächelnden Augen und wich dem forschenden Blick von Moritz aus. Marlene fixierte sie. „Die alte Regel gilt immer noch: Wenn man sich nicht anschaut, hat man sieben Jahre schlechten Sex, hihi. Ich wäre schon froh, wenn ich überhaupt welchen hätte.“ Sie lachte scheppernd los. „Und jetzt bedient euch.“

Zoey, deren Appetit auf wundersame Weise zurückgekehrt war, nahm sich von den Tomaten und dem Vitello tonnato.

„Erzähl doch mal, wie geht es dir? Du hast dich lange nicht gemeldet.“ Marlene biss von einem Stück Brot ab und sah Moritz, der sich Schinken mit Melone auf den Teller lud, aufmerksam an.

„Ach, du weißt doch, wie das ist. Ich arbeite von morgens bis abends und komme zu nichts. Gerade um diese Jahreszeit ist immer so viel zu tun. Die Leute wollen bis zum Jahresende all das erledigen, was sie sich das ganze Jahr über vorgenommen haben.“ Moritz spießte ein Stück Melone mit der Gabel auf.

„Keiner von uns kommt hier lebend raus.“

„Wie bitte?“ Moritz hatte aufgehört zu kauen und sah Marlene, die sich eine Olive in den Mund schob, fragend an.

„Habe ich heute bei Facebook gelesen. Keiner kommt hier lebend raus. Also esst leckeres Essen, spaziert in der Sonne, seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit. Das ist angeblich von Anthony Hopkins, wenn man dem Internet trauen darf. Das Zitat ist nicht vollständig, ich konnte mir nicht alles merken. Der Sinn ist jedenfalls klar, lieber Moritz.“

„Na ja. Das sagt sich so leicht und ist nicht immer so einfach.“

„Wieso nicht? Das ist das Einfachste der Welt. Carpe diem.“

„Ich wusste gar nicht, dass du bei Facebook bist.“

„Guter Ablenkungsversuch. Ich bin bei Facebook, weil meine Kunden dort sind. Außerdem macht es ab und zu tatsächlich Spaß, mit den Menschen zu chatten. Auch wenn vieles natürlich total dämlich ist. Bist du bei Facebook?“ Sie sah Zoey an, die dem Gespräch mit offenem Mund gelauscht hatte.

„Äh …, ich habe dort einen Account, den ich nur beruflich nutze. Allerdings war ich schon lange nicht mehr online.“

„Zoey ist Unternehmensberaterin.“

„Ach ja? Bei welchem Unternehmen arbeitest du?“ Moritz drehte sich zu ihr und musterte sie gespannt. Vermutlich war er über den Themenwechsel hoch erfreut.

„Ich bin selbstständig. Allerdings mit anderen in einer Bürogemeinschaft, in der wir uns bei Bedarf gegenseitig vertreten.“

„Ja, das ist clever. Sonst wäre es schwierig, in Urlaub zu fahren.“

„Da spricht der Richtige“, mischte sich Marlene ein. „Glaub nicht, dass ich dein Manöver nicht durchschaut hätte. Wann hast du denn das letzte Mal Urlaub gemacht?“

„Ich war im Sommer ein paar Tage in Frankreich, am Atlantik, und habe dort Anne und die Kinder besucht. Anne ist meine Tochter“, führte er erklärend in Zoeys Richtung aus.

„Wie geht es ihr? Arbeitet sie wieder?“

„Ja, Gott sei Dank. Beide Kinder besuchen inzwischen den Kindergarten und sie geht halbtags ins Büro. Anne ist Architektin“, sagte er zu Zoey. Wie aufmerksam, dass er sie immer wieder ins Gespräch mit einbezog. Ohne Zweifel war Moritz ein höflicher Mann.

Aus dem Topf stieg Wasserdampf und Marlene sprang auf. „Es gibt übrigens als Hauptgang Spaghetti mit Scampi in Tomatensauce.“ Sie öffnete die Nudelpackung und ließ die Spaghetti ins Wasser gleiten. Unter dem Ofen zog sie eine Pfanne hervor und gab ein wenig Olivenöl zusammen mit der Knoblauchzehe hinein. Kurze Zeit später folgten die Scampi und ein Knoblauchgeruch strömte durch den Raum.

„So lecker, nachher muss man mich ins Hotel rollen“, stöhnte Moritz genussvoll und nahm sich vom Parmaschinken, den er um ein Stück Brot wickelte.

„Das könnte dir so passen“, sagte Marlene. Sie wendete mit einem Kochlöffel die Scampi.

Ob Marlene etwas mit Moritz hatte? Hatte sie deshalb vorhin die Bemerkung mit dem Sex gemacht? Und wenn schon, das geht dich gar nichts an.

„Keine Angst, ich rufe mir nachher ein Taxi“, konterte Moritz und füllte sich erneut das Glas mit Rotwein. „Wie praktisch, dass mein Auto auf dem Festland steht.“

„Ist ja auch ein teures Vergnügen: mit dem Autozug für eine Nacht.“

„Stimmt natürlich, hätte aber mein Mandant zahlen müssen.“

„Wo lässt du denn deinen Wagen stehen?“, mischte sich Zoey ein, die irgendwie erleichtert war, dass der Mann nicht bei Marlene übernachten würde.

„In Klanxbüll neben dem Bahnhof. Ich nutze von dort ab und zu den Regio.“

Zoey schwieg verblüfft. Ein Anwalt, der sein Auto stehen ließ und mit dem Zug fuhr, obwohl sein Klient die Kosten getragen hätte. Das wäre Leander nie eingefallen.

„Du schaust verwundert. Nicht alle Rechtsanwälte fahren immer nur mit ihren Luxusschlitten in der Gegend herum.“

Zoey zuckte zusammen, der Typ konnte Gedanken lesen. „Ertappt“, antwortete sie. „Was hast du denn für ein Auto?“

„Einen soliden Saab. Da er leider ziemlich alt ist, muss ich ihn schonen.“ Er lachte auf und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Nein, Spaß beiseite. Hier auf der Insel brauche ich für die zwei Tage wirklich kein Auto.“

„Ich wünschte, die Urlauber würden auch so denken. Viele kommen aus Hamburg übers Wochenende hoch und brausen mit ihren SUVs durch den Ort. Im Sommer gibt es hier sogar Staus. Furchtbar.“ Marlene schüttete die Scampi in den Topf mit der Tomatensauce. „Das ist die Zeit, in der ich Reißaus nehme.“

„Jetzt habe ich ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich mit meinem Wagen hier bin.“ Zoey betrachtete nachdenklich ihren leeren Teller.

„Ach was, du bist doch länger als übers Wochenende hier.“ Marlene goss die Spaghetti ab und füllte sie in eine Schüssel. Die Tomatensauce mischte sie vorsichtig darunter. „So, der Hauptgang ist fertig. Ich bin ein Fan der schnellen Küche.“ Sie stellte die Nudeln neben die halbwegs geplünderte Vorspeisenplatte und setzte sich wieder. „Guten Appetit, ihr bedient euch bitte.“


„Sag mal, Moritz“, fragte Marlene, nachdem sie ihre Teller gefüllt hatten, „du kennst doch berufsbedingt viele Leute.“

„Oh oh“, antwortete der und runzelte leicht die Stirn. „Nun bin ich aber gespannt, was kommt. Was soll ich tun?“

„Nur eine Kleinigkeit. Zoey sucht eine Wohnung in Hamburg und vielleicht kannst du ihr dabei helfen.“

„Äh, Marlene, das ist doch nicht nötig. Ich finde bestimmt etwas.“ Wie peinlich, sie wollte nicht im Mittelpunkt des Gesprächs stehen.

„Eine Wohnung in Hamburg finden ist mehr als eine Kleinigkeit, aber ich helfe gern. Unter den Mandanten unseres Büros sind einige Makler und Immobilieneigentümer. Wie groß soll sie sein und vor allem in welcher Lage?“

Und jetzt? So genau hatte Zoey gar nicht darüber nachgedacht, wo sie in Hamburg zukünftig leben wollte. Bisher hatte sie nur sporadisch und lustlos gesucht. War die Stadt überhaupt das Richtige? Hilfesuchend sah sie Marlene an.

„Vielleicht bin ich wieder einmal zu vorschnell“, antwortete Marlene hastig, „Moritz wird bestimmt etwas für dich tun, wenn du klarer siehst.“

„Wenigstens könnte ich es versuchen. Marlene hat meine Kontaktdaten für den Fall, dass du Hilfe brauchst.“ Er widmete sich wieder seinem Essen, hatte gemerkt, dass Zoey das Thema umgehen wollte.

„Mir gefällt es auf der Insel gerade so gut und ich habe mir überlegt, bis zum Ende des Jahres hierzubleiben. Kennst du eine Pension, die geöffnet hat? Auf Dauer ist mir das Appartement doch zu teuer“, hörte sich Zoey zu ihrer eigenen Überraschung sagen.

Marlene legte die Gabel mit den Nudeln wieder auf den Teller, ihre Augenbrauen waren hochgezogen. „Das ist eine fabelhafte Idee. Du kannst zu mir ziehen, wenn du magst. Hier ist Platz genug.“ Ihre Augen strahlten.

„Äh, nein, das möchte ich auf gar keinen Fall. So war das nicht gemeint.“ Zoey hätte sich am liebsten unter dem Tisch verkrochen.

„Aber klar. Mäxchen und ich freuen uns über Gesellschaft. Wir werden viel Spaß miteinander haben, nicht wahr?“ Der Hund hatte seinen Namen gehört und kam schwanzwedelnd zum Tisch gelaufen. Marlene strich ihm über den Kopf. „Jetzt denkt er, dass er etwas bekommt. Falsch geraten, Nudeln mit Scampi bekommen dir nicht. Nimm Platz.“

Moritz sagte nichts, führte sein Glas zum Mund und musterte Marlene mit wachen Augen. Bestimmt fand er ihre spontane Idee nicht so toll. Hätte sie an seiner Stelle auch nicht. Schließlich kannten sie sich praktisch überhaupt nicht. Gingen Anwälte immer vom Schlimmsten aus? Vermutlich überlegte er, ob sie Marlene ausrauben würde. Zoey, deine Fantasie geht mit dir durch.

Wohl überlegt formulierte sie die nächsten Worte: „Das ist total lieb von dir, Marlene, aber wir kennen uns erst ein paar Tage. Du kannst nicht einfach eine fremde Frau in dein Haus aufnehmen. Wenn du eine günstige Pension weißt, wäre das schon mehr als hilfreich.“

„Kommt gar nicht infrage. Du kommst zu uns. Mäxchen mag dich und Hunde haben eine ausgezeichnete Menschenkenntnis.“

Was sollte sie darauf antworten? Marlene meinte es gut, aber wollte sie wirklich in den nächsten Wochen regelmäßige Gesellschaft haben? „Es sind noch ein paar Tage, bis ich das Appartement verlassen muss. Wir schlafen beide einfach darüber.“

„Das ist eine hervorragende Idee“, schaltete sich Moritz in das Gespräch ein. „Das beherzige ich vor komplizierten Entscheidungen auch immer.“

„Das ist überhaupt nicht kompliziert“, widersprach Marlene und gestikulierte dabei mit ihrer Gabel. Max war aufgestanden und starrte mit erwartungsvollem Hundeblick auf den Teller vor ihr. „Du musst dir auch keine Sorgen machen, dass ich dauernd um dich herum wuseln werde. Das ist nicht meine Art, ich bin in der Lage, mich gut allein zu beschäftigen. Du kannst kommen und gehen, wie du willst.“ Sie lachte lauthals auf die scheppernde Art und Weise, die Zoey inzwischen vertraut war.

Marlene hatte ihre Ängste erahnt. Dafür mochte sie sie umso mehr. Trotzdem lief das für Zoey alles zu schnell. „Was soll ich sagen? Du bist ein Schatz, aber ich brauche ein wenig Bedenkzeit. Außerdem muss ich erst meine Vertretung in Hamburg fragen, ob das überhaupt funktioniert.“ Das war eine entschuldbare Notlüge. Sie hatte schon mit Jürgen telefoniert, er würde sie bis zum Ende des Jahres weiter vertreten.

„Okay, aber mein Angebot steht und Max und ich wären begeistert, wenn du zusagst.“ Marlene hob ihr Glas und prostete Zoey zu. „Themenwechsel. Seid ihr satt oder möchtet ihr noch Nachtisch?“

„Falsche Frage.“ Moritz schob den Teller zur Seite und klopfte sich auf seinen Bauch. „Was gibt es denn?“

Marlene zwinkerte ihm zu. „Du bist ein Mann nach meinem Geschmack und hast die Wahl zwischen Vanilleeis mit roter Grütze oder einer winzigen Käseplatte.“

„Ich entscheide mich für das Eis.“

„Keine Überraschung. Alle Männer, die ich kenne, essen gern Süßes. Und du?“ Sie sah Zoey an.

„Ich bin auch pappsatt und nehme nur ganz wenig von dem Eis.“

„Gut, den Käse können wir ja immer noch essen.“ Marlene räumte die Teller zusammen und wies Zoey, die ihr helfen wollte, mit einer Handbewegung zurück. „Ich mach das schon, bleib bitte sitzen. Und du“, sagte sie zu Max, der ihr zum Kühlschrank folgte, „bekommst heute nichts mehr. Erst wieder morgen früh, mein Freund.“

„Du bist wirklich konsequent“, bemerkte Moritz.

„Das sieht nur so aus“, antwortete Marlene und lachte erneut.

5

Zoey stand mit Zeitung und Brötchentüte vor der Tür, als ihr Handy in der Wohnung klingelte. Sie beeilte sich mit dem Aufschließen und griff nach dem Teil. Unbekannte Nummer. Vermutlich irgendein Werbeanruf. Letztlich siegte ihre Neugier. „Lieberman, hallo.“

„Guten Morgen, Zoey, hier spricht Moritz.“

Moritz? Woher hatte der denn ihre Nummer?

„Ja?“

„Ich hoffe, ich störe nicht, aber wenn du heute Mittag kurz Zeit hast, würde ich dich gern treffen. Mein Zug fährt um zwei Uhr, passt es gegen zwölf.“

Das hörte sich nicht nach einer Frage an. „Stimmt irgendetwas nicht?“

„Nein, es ist alles in bester Ordnung. Dauert auch nicht lange.“

Jetzt war sie erst recht neugierig. „Okay. Wo wollen wir uns treffen?“

„Da ich kein Auto habe, schlage ich das Café Wien in der Strandstraße vor. Weißt du, wo das ist?“

„Ja klar. Bis zwölf. Tschüss.“

Zoey wartete, bis das Teewasser kochte, und überlegte, warum Moritz sie sehen wollte. Nach dem Essen gestern hatten sie in der Küche zusammen zwei Flaschen Rotwein geleert. Moritz unterhielt sie mit amüsanten Geschichten aus seinem Anwaltsleben und Marlene hatte den neuesten Inselklatsch beigesteuert. Zoey war vor ihm aufgebrochen. Die beiden alten Freunde, die sich lange nicht gesehen hatten, wollten bestimmt ein paar persönliche Dinge miteinander besprechen. Vielleicht hatte Moritz eine Wohnung für sie in Hamburg in Aussicht? Zoey goss das heiße Wasser in die Teekanne und beobachtete, wie die Teeblätter ihre dunkle Farbe abgaben. Schluss mit müßigen Spekulationen. In drei Stunden würde sie mehr wissen.


Ohne Probleme gelang es Zoey, einen Parkplatz vor der Sylter Welle zu finden, und so schlenderte sie, da sie noch ein paar Minuten Zeit hatte, zur Kurpromenade, um einen Blick auf das Meer zu werfen. Tatsächlich konnte sie von der Nordsee nie genug bekommen. Am Eingang zum Strand saß im Tickethäuschen ein älterer Herr hinter dem Tresen, der ihre Kurkarte sehen wollte. Erstaunlich. In Wenningstedt war sie bislang nicht kontrolliert worden. Sie wühlte in ihrem Portemonnaie und fand schließlich den zerknitterten Beleg, den sie dem Mann reichte. Er winkte sie wortlos durch und Zoey stürmte über die asphaltierte Fläche zum hellen Zaun, der die Promenade begrenzte. Hohe Wellen mit weißen Schaumkronen erreichten fast die Begrenzung. Flut. Sie atmete tief durch. Salzige Luft strömte in ihre Lungen und belebte sie augenblicklich. Die leichten Kopfschmerzen, die sie beim Erwachen verspürt hatte, hatten sich verflüchtigt. Früher hätte sie solche Alkoholmengen nicht so ohne Weiteres wegstecken können. Wenn sie weiter, wie die letzten Tage, jeden Abend Wein trinken würde, wäre sie auf dem besten Wege zur Alkoholikerin. Vermutlich war sie das bereits. Sei ehrlich zu dir. Sie sollte ab heute ernsthaft versuchen, nicht zu trinken. Das Problem waren die Nächte. In den ersten Wochen nach Leanders Tod hatte sie nur mit Schlafmitteln Ruhe finden können. Aus Angst, süchtig zu werden, hatte sie die schnell abgesetzt und sich dem Rotwein zugewandt. Als ob das keine Sucht war. Sie atmete erneut bewusst tief ein und aus und verlor sich in der Betrachtung des grauen Himmels über der aufgewühlten Nordsee. Dicht neben ihr landete eine dicke Silbermöwe auf dem Zaun und Zoey fuhr erschrocken zusammen. Die Möwe rührte sich nicht und sie sah in die gelben Augen des Tieres. Ein Schauer durchfuhr sie. Zoey klatschte in die Hände, der Vogel wich nur wenige Zentimeter zurück. Dann eben nicht. Sie drehte sich um und lief mit schnellen Schritten die Strandstraße entlang, bis sie beim Café Wien ankam. Es hatte angefangen zu nieseln und Zoey schob sich, dankbar für die Wärme, an dem Tresen mit den Torten und Schokoladenspezialitäten vorbei. Im Café brauchte sie einen Augenblick, bis sie Moritz an einem Ecktisch entdeckte. Er hatte sie noch nicht gesehen und sie konnte ihn unbeobachtet betrachten. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug mit einer rotgemusterten Krawatte und wirkte im Vergleich zu gestern eher anwaltsmäßig. Die Nickelbrille verlieh ihm zusammen mit den kurzen grauen Haaren etwas Jungenhaftes. Ohne Zweifel war er ein attraktiver Mann. Moritz studierte die Karte. Zoey bahnte sich einen Weg an den Tischen vorbei.

„Hallo, hier bin ich“, sagte sie, als sie vor ihm stand. Sie scheute auf einmal davor zurück, ihn mit seinem Namen anzusprechen.

Moritz hob den Blick von der Karte und ein kurzes Lächeln glitt über sein Gesicht. „Hallo Zoey.“ Er erhob sich und schüttelte ihr die Hand. „Bitte nimm doch Platz. Ich bin erfreut, dass du Zeit hast. Möchtest du etwas essen? Ich glaube, ich entscheide mich für die skandinavische Frühstücksplatte und einen Milchkaffee.“ Suchend blickte er sich nach einem Kellner um.

Zoey zog ihre Jacke aus und legte sie zusammen mit dem Schal auf den Stuhl neben sich. Auf eine Mütze hatte sie verzichtet, weil die Haare nicht so platt anliegen sollten. Dafür waren sie durch den Kurzbesuch auf der Strandpromenade bestimmt zerzaust. Worüber dachte sie eigentlich nach?

„Ich trinke nur einen Milchkaffee, danke. Ich habe gerade gefrühstückt.“

„Das fiel bei mir heute aus, das opulente Mahl gestern Abend reichte zunächst.“ Ein Kellner trat an den Tisch und Moritz orderte die Heißgetränke und die Frühstücksplatte. „Obwohl das nicht so richtig konsequent ist, wenn ich über meine Bestellung nachdenke.“ Wieder lächelte er kurz.

„Ich bin gern in diesem Café. Es ist ein wenig so, als wäre die Zeit stehen geblieben.“ Zoey zerknüllte die vor ihre liegende Stoffserviette. Warum waren ihre Hände auf einmal so feucht?

„Das stimmt auf jeden Fall. Ich komme auch immer wieder hier her. Der Kuchen ist einfach köstlich.“ Moritz räusperte sich. „Du fragst dich bestimmt …“ Er schwieg, als der Kellner die Milchkaffeeschalen auf den Tisch stellte. Zoey griff nach ihrer und legte die Hände um das Gefäß. Moritz führte die Schale vorsichtig zum Mund. „Mhm, das tut jetzt gut. Also“, er richtete sich in seinem Stuhl auf und musterte Zoey aufmerksam, „ich mache es kurz und bündig. Was willst du von Marlene?“

Zoey, die das heiße Getränk hochgehoben hatte, stellte das Teil vorsichtig wieder ab. „Was soll das bedeuten? Ich will nichts von Marlene und überhaupt, was geht Sie das an?“

„Wir können ruhig beim ‚du‘ bleiben.“ Ungerührt sah er ihr in die Augen. „Ich will dir sagen, warum wir uns heute treffen. Ich kenne Marlene seit vielen Jahren und war mit ihrem verstorbenen Mann gut befreundet. Wir haben lange zusammengearbeitet.“ Sein Blick verlor sich in der Ferne.

Zoey hätte gern demonstrativ ruhig von ihrem Milchkaffee getrunken, fürchtete allerdings, den zu verschütten. Ihr Hände zitterten. Von wegen Ruhe.

„Marlene ist ein herzensguter Mensch, leider ist sie oft zu impulsiv. Sie hat nach dem Tode von Klaus ungeheuer gelitten und sich in die Arbeit gestürzt. Später glitt sie in eine schwere Depression. Ich breche hier kein Anwaltsgeheimnis, wenn ich dir das sage. Marlene hat mir gestern Abend verraten, dass sie dir das bereits erzählt hat.“

„Warum muss ich mir das alles anhören?“, fragte Zoey und presste ihre Hände unter dem Tisch zusammen.

„Ich will nicht, dass Marlene ausgenutzt oder enttäuscht wird. Sie hat ein gutes Herz und ist äußerst hilfsbereit. In der Vergangenheit gab es ein paar unerfreuliche Vorgänge, die ich bereinigt habe.“

Eine Zorneswelle überrollte Zoey.

„Du denkst, ich bin ein unerfreulicher Vorgang?“, fragte sie mit mühsam unterdrückter Wut.

„Rege dich nicht auf, das glaube ich nicht. Ich wollte lediglich deine Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ich wachsam bin. Und wie schön, dass du zum ‚Du‘ zurückgekehrt bist.“

Zoey sprang auf. „Na vielen Dank auch.“ Sie griff nach ihrer Jacke und schüttete fast den Kaffee um. Moritz konnte die Schale gerade noch zur Seite ziehen.

„Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt und setz dich bitte wieder.“ Er wirkte völlig ungerührt.

„Ich bin nicht deine Tochter oder sonst irgendein Mandant, den du abkanzeln kannst.“

„In der Regel kanzele ich meine Mandanten nicht ab.“

Hinter Zoey ertönte ein Räuspern. Der Kellner stand mit einem beladenen Tablett in der Hand hinter ihr und schnaufte unwillig. Sie trat zur Seite und ließ ihn durch. Er stellte eine Platte mit Matjes, Lachs und Nordseekrabbenrührei auf den Tisch. Es duftete verheißungsvoll und wider Willen bekam Zoey Appetit. Das konnte nur an der Nordseeluft liegen.

„Lassen Sie es sich schmecken“, wünschte der Kellner und musterte sie abschätzend.

„Bitte nimm wieder Platz. Ich wollte dich nicht beleidigen.“ Moritz lächelte, war keinesfalls zerknirscht, nur hanseatisch höflich.

Sie war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite imponierte ihr die unverblümte Art des Mannes, andererseits hätte sie ihm am liebsten ihren Kaffee in den Schoß gegossen. Wie so oft gewann ihre nachgiebige Ader. Du lässt dir viel zu viel gefallen. Wenn du es hinnimmst, dass dir die Kunden auf der Nase herumtrampeln, musst du dich nicht wundern, wenn sie nachher deine Rechnung nicht begleichen. Denk doch einmal auch an dich. Ein häufiger Streitpunkt zwischen Leander und ihr. Leander war der Meinung gewesen, dass sie zu wenig Geld einnahm, und er hatte recht behalten. Hatte er deshalb kein Testament zu ihren Gunsten verfasst? Eine Art späte Maßregelung? So ein Blödsinn. Hätte sie sich besser um sich gekümmert, wäre sie nicht gezwungen, bis zum Ende des Jahres eine neue Wohnung zu finden. Sie wäre Eigentümerin einer Immobilie. Natürlich gab es ein paar Rücklagen auf der Bank. Aber lächerlich wenig im Vergleich zu dem, was eine Unternehmensberaterin in ihrer Situation angelegt haben müsste. Genug, rief sie sich zur Ordnung. Hier ging es nicht um geschäftliche Beziehungen, sondern um eine Frau, die sie in diesen wenigen Tagen bereits liebgewonnen hatte. Marlene. Moritz sorgte sich um sie und das war doch ehrenhaft, oder? Zoey legte ihre Jacke wieder auf den Stuhl und setzte sich.

„Danke, dass du bleibst.“ Dieses Mal erreichte das Lächeln seine Augen. Er nahm eine Gabel voll Rührei und schob sie sich in den Mund. „Lecker. Möchtest du nicht doch essen?“

Der Mann hatte wirklich Nerven. Erst unterstellte er ihr, Marlene hintergehen zu wollen, und kurze Zeit später lud er sie zum Mittagessen ein. Ambivalent.

„Nein danke.“ Zoey straffte ihre Schultern und richtete sich auf. „Für das Protokoll: Ich habe nicht die Absicht, Marlene auszunutzen oder zu enttäuschen. Ich mag sie nämlich.“

„Du bist doch beleidigt“, erwiderte er etwas undeutlich zwischen zwei Bissen Krabbenrührei. Warum hatte sie eigentlich gesagt, dass sie nichts essen wollte? Es roch köstlich.

„Versetz dich doch einmal in meine Lage. Marlene kennt dich überhaupt nicht und lädt dich ein, wochenlang bei ihr zu wohnen. Da bin ich als Anwalt und Freund sozusagen verpflichtet, herauszufinden, ob sie sich da nicht verrennt.“

„Verrennt?“, fragte Zoey scheinheilig. Sollte er doch ganz deutlich sagen, was ihm nicht passte.

„Na ja“, Moritz hörte auf zu kauen. „Ich glaube, dass Marlene einsam ist. Und da liegt es doch auf der Hand, dass sie …“

„Wildfremde Menschen zu sich nach Hause einlädt, sobald sie die Gelegenheit dazu hat“, unterbrach Zoey ihn hitzig.

„Jetzt reg dich nicht gleich wieder auf. Du verstehst doch genau, was ich sagen will.“

Ein Punkt für ihn. Er machte sich über Marlenes Situation Gedanken und wollte sie beschützen. Trotzdem war sie beleidigt.

„Was genau willst du eigentlich von mir? Ich habe bereits gestern Abend gesagt, dass ich gar nicht zu ihr ziehen möchte. Wo ist also dein Problem?“

„Wenn es so ist, gibt es kein Problem. Ich entschuldige mich, falls ich dir zu nahegetreten bin. Berufsbedingte Vorsicht.“ Er widmete sich dem Matjes und wirkte zufrieden.

Zoey schäumte vor Wut. Sie hatte sich von ihm hereinlegen lassen. Mehr als die Bestätigung, dass sie nicht in Marlenes Haus wohnen würde, wollte er gar nicht haben und genau die hatte sie ihm soeben gegeben. Na super.

„Damit haben wir alles geklärt“, sagte sie mit bewusst würdevoller Stimme und erhob sich. Zum zweiten Mal ergriff sie ihre Jacke, jetzt zog sie sie an. Moritz hörte auf zu essen und wirkte verdutzt. Geschah ihm ganz recht.

„Ich wünsche einen guten Appetit und eine schnelle Rückfahrt. Tschüss.“ Zoey drehte sich um und schritt, bewusst langsam, ohne eine Antwort abzuwarten, aus dem Lokal, vorbei an den gefüllten Tischen. Draußen auf dem Bürgersteig gratulierte sie sich zu diesem glorreichen Abgang und beschloss, auf dem Weg zum Auto einen Umweg über den Fischbrötchenstand zu nehmen. Sie hatte auf einmal einen ungeheuren Appetit auf ein Krabbenbrötchen.

6

Marlene hatte sich seit dem gemeinsamen Abendessen nicht mehr bei Zoey gemeldet. Ob Moritz ihr von dem Treffen im Café berichtet hatte? Übermorgen musste sie ihr Appartement in Wenningstedt räumen. Jürgen hatte in Hamburg einen Lagerplatz gefunden, wo sie ihre Sachen preisgünstig so lange unterstellen konnte, bis sie eine neue Unterkunft gemietet hatte. Auch wenn Jürgen ihr viele Dinge abnahm, musste sie für ein paar Tage nach Hamburg fahren, um in der Wohnung alles zusammenzupacken. Diese Aufgabe konnte sie keinem anderen überlassen. Es fiel ihr schwer, die Insel zu verlassen, trotzdem würde sie sich der Herausforderung jetzt stellen. Die Tage an der Nordsee hatten sie gestärkt.


Heute hatte sie sich vorgenommen, einmal um das Morsum-Kliff zu wandern. Zoey liebte diesen Ort im Osten von Sylt, wo der Hindenburgdamm Insel und Festland miteinander verband. Nach der körperlichen Ertüchtigung würde sie sich im Café Ingwersen ein Stück Friesentorte mit Schlagsahne gönnen. Die ultimative Versuchung, ein vortrefflicher Plan. Ihr Handy läutete, als sie den Motor starten wollte.

„Hallo Zoey, hier Marlene.“ Marlenes Stimme klang hell und aufgeregt. „Habe ich dir genug Zeit zum Überlegen gelassen? Wann sehen wir uns? Oder hast du keine Lust? Ist für mich auch okay. Ich bin nicht beleidigt. Versprochen.“

Zoey räusperte sich überwältigt, ein paar Tränen lösten sich und liefen ihr Gesicht hinunter. Früher war sie nicht so nah am Wasser gebaut gewesen. Früher.

„Hallo Marlene. Ich bin auf dem Weg zum Morsumer Kliff. Hast du heute Abend Zeit?“

„Nach meinem Yogakurs um acht bin ich zu Hause und freue mich auf dich“, ertönte es fröhlich aus dem Handy. „Am liebsten würde ich mitkommen. Mäxchen täte die Bewegung bestimmt auch gut, aber ich habe gleich eine Verabredung mit meinem Galeristen. Klingt super, nicht wahr. Mein Galerist“, wiederholte sie sich.

„Klingt erfolgreich“, bestätigte Zoey, die innerlich schmunzelte. Das hörte sich nicht einsam an, im Gegenteil. Marlene erweckte den Eindruck, als wäre sie ausreichend beschäftigt. „Dann sehen wir uns um kurz nach acht, okay?“

„Ich freue mich und Zoey …“ Marlene stockte. Zoey wartete gespannt. „Falls du noch eine Flasche von dem Rotwein hast, bring sie mit. Der mundet richtig gut.“


„Das ist ein Tignanello. Zehn Jahre alt. Bestimmt nicht billig“, sagte Marlene ehrfurchtsvoll und drehte die Rotweinflasche so, dass sie das hintere Etikett lesen konnte.

„Nö, war er nicht. Deshalb habe ich auch alle Flaschen mitgenommen. Nicht auszudenken, wenn Helga die auch noch in die Hände fallen würden.“ Zoey gluckste und genoss erneut den tiefroten Wein. Sie fühlte sich angenehm beschwingt. Die Hälfte der Flasche hatten sie bereits geleert. So weit zu dem Vorsatz, weniger Alkohol zu trinken.

„Da hast du unbedingt recht.“ Marlene stellte den Rotwein auf den niedrigen Couchtisch. Beide saßen in gemütlichen, bunt geblümten Ohrensesseln im Wohnzimmer, im Kamin flackerte ein Feuer. Max hatte sich vor seinem Frauchen zusammengerollt, die hatte ihre Füße auf dem Hunderücken abgelegt.

„Hat Moritz dich erreicht?“

Zoey schreckte hoch und verschüttete fast ihr Glas. Marlene hatte nichts mitbekommen, sie sah versonnen ins Feuer. „Ja, er hat mich angerufen.“ Von der Verabredung im Café musste sie nicht unbedingt erzählen, sofern Marlene nicht davon anfing.

„Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich ihm deine Nummer gegeben habe. Er hatte eine Frage wegen der Wohnung.“

„Kein Problem.“

„Und?“ Marlene sah sie neugierig an.

„Was und?“ Wusste sie doch von dem Treffen?

„Jetzt spann mich nicht auf die Folter. Hast du über mein Angebot nachgedacht?“

„Es ist dir wirklich ernst.“ Zoey kniff die Augen zusammen. Bloß nicht wieder heulen.

„Natürlich, was glaubst du denn. Ich möchte dir helfen und ich freue mich über Gesellschaft. Zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Sie gestikulierte mit beiden Händen und Zoey fiel auf, dass sie an einer einen breiten Silberring mit Ornamenten trug.

„Zeig doch mal den Ring, der gefällt mir.“

„Du lenkst ab“, antwortete Marlene. „Den hat mir Klaus zu unserem Zehnjährigen geschenkt. Genau genommen habe ich ihn mir gekauft“, sagte sie gedankenverloren. „Klaus war nicht der Schenker. Ich musste ihn immer mit der Nase auf meine Wünsche stoßen.“

„Aber es hat geklappt“, erwiderte Zoey und drehte den schweren Ring zwischen den Fingern, bevor sie ihn ihr zurückgab. „Bei Leander war es ähnlich. Um die Geschenke für Freunde und Verwandte habe ich mich gekümmert und wenn ich mir etwas von ihm gewünscht habe, hat er es mir oft in meiner Gegenwart gekauft. Er hatte es nicht so mit Überraschungen. Schmuck besitze ich nur wenig, von meiner Mutter. Leander hat mir nie welchen geschenkt.“ Sie sah nachdenklich ihre ringlosen Finger an. „Dabei sind Diamonds doch a Girl’s best Friends. Aber ich habe keinen haben wollen.“ Zoey nippte am Rotwein und schmeckte bewusst das volle Aroma. Zum ersten Mal sprach sie von sich aus von Leander. Nicht nur über seinen Tod. „Leander kannte sich hervorragend mit Weinen aus, das war eines seiner Hobbys. Dafür hat er auch verdammt viel Geld ausgegeben.“

„Wie viele Flaschen sind denn noch da?“

„Also sicherlich die eine oder andere Kiste in Hamburg. Es passten schließlich nicht alle in mein Auto, abgesehen davon, dass ich beim besten Willen in zwei Wochen nicht so viel trinken kann. Ich bin sowieso schon auf dem Wege zur Alkoholikerin.“

„Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass ein Glas Rotwein das Fitnesstraining ersetzt.“

„Schön wäre es ja, ungeachtet dessen, dass es meistens nicht bei einem bleibt.“ Zoey zwinkerte Marlene zu und hob ihr Glas leicht an.

„Du hast mir erzählt, dass du aus der Wohnung ausziehen musst und nichts mitnehmen darfst, außer deinen eigenen Sachen. Daran wirst du dich doch hoffentlich nicht halten, oder?“

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783739486581
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
Ältere Frauen Liebesroman Syltroman Tod Partner Nordseeliebe Partnersuche Witwe Liebe im Alter Frauenroman Neuanfang nach Tod

Autor

  • Katharina Mosel (Autor:in)

Katharina Mosel ist in Hamburg geboren. Der Liebe wegen ist sie nach dem Studium ins Rheinland gezogen. Hauptberuflich arbeitet sie als Anwältin im Familienrecht und Erbrecht in einer eigenen Kanzlei in Köln. 2016 schrieb sie zusammen mit Janine Achilles das Buch „Paragrafen und Prosecco – Justitia und das wahre Leben“. 2017 erschien ihr Frauenroman „Vier Mal Frau“. Nach „Paragrafen und Prosecco – Justitia und andere Katastrophen“ ist „Konfetti im Winter“ ihr viertes Buch.
Zurück

Titel: Konfetti im Winter