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Liebeschaos - Das Universum muss verrückt sein

von Ute Jäckle (Autor:in)
402 Seiten
Reihe: Liebeschaos, Band 2

Zusammenfassung

Die Bild Bestseller-Reihe geht endlich weiter.

Er glaubt, ein paar nette Worte machen alles wieder gut. Sie hasst ihn noch immer abgrundtief.

Einen schwulen Mann für die ganz große Liebe halten – geschafft!
Mir mit dem weltgrößten Mistkerl ein Büro teilen müssen – geschafft!

Besagten Mistkerl auch noch heimlich anhimmeln – geschafft!

Tobi Felten. Sexy wie die Sünde, ein Garant für Katastrophen und seit neuestem Jennys Kollege. Nicht, dass sie nachtragend wäre, aber unverschämte Typen, die bei jeder Gelegenheit Kontra geben, sind das Letzte, was die frisch gebackene Uniabsolventin gerade gebrauchen kann. Als Tobi ihr dann auch noch die Chance ihres Lebens vor der Nase wegschnappen will, platzt Jenny der Kragen. Aus den täglichen Wettkämpfchen wird ein handfester Krieg, und in dem ist ja bekanntlich alles erlaubt. Genau wie in der Liebe. Auch wenn Jenny niemals zugeben würde, dass ihr Herz in Tobis Nähe immer öfter verräterisch klopft …

Dieser Roman erschien 2016 unter dem Titel: Ausgerechnet du im LYX Verlag und ist die Fortsetzung des Bild-Bestsellers Liebeschaos – Mitbewohner gratis abzugeben. Alle Bücher dieser Reihe sind jedoch abgeschlossene Romane und können unabhängig voneinander gelesen werden. Jedes Buch handelt von anderen Paaren!

Reihenfolge:

Liebeschaos – Mitbewohner gratis abzugeben Liebeschaos – Das Universum muss verrückt sein Liebeschaos – Süß wie Cherry Cola (erscheint Mitte Mai 2021) Liebeschaos - Es muss doch nicht gleich Liebe sein (erscheint Ende Mai 2021)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


Über die Autorin

Ute Jäckle wurde in Stuttgart geboren. Sie studierte BWL in Nürnberg und verbrachte einige Jahre in den USA. Nach dem Studium arbeitete sie für die Industrie. Schon immer war ihre ganz große Leidenschaft das Lesen, und mit dem Schreiben von Büchern erfüllte sie sich einen Lebenstraum. Seitdem kann sie nicht mehr davon lassen und widmet sich voll Hingabe dem Verfassen von Liebesromanen. Seit Jahren schreibt sie für verschiedene Verlage und auch im Selfpublishing.

Jenny

Frustriert verließ ich das Jobcenter und gab der unschuldigen Glastür einen Tritt. Es war einfach nicht zu fassen. Schon wieder hatte ich drei Stunden meines Lebens damit zugebracht, mir von einem gelangweilten Sachbearbeiter kurz und knapp sagen zu lassen, er hätte keine passende Stelle für Uniabsolventen wie mich. Wie ich außerdem erfahren musste, setzten sämtliche Arbeitgeber mindestens drei Jahre Berufserfahrung voraus. Wie sollte man die bitteschön jemals bekommen, wenn sie einen nicht einstellten? Es war zum Verrückt werden.

Es dämmerte bereits, aber noch immer war Nürnbergs Fußgängerzone brechend voll. Hätte ich es heute Morgen eher aus den Federn geschafft, wäre mir wenigstens das Gedränge um mich herum erspart geblieben. Seufzend zog ich mein Handy aus der Jackentasche. In der Hoffnung auf einen kleinen Push meiner am Boden liegenden Laune, rief ich YouTube auf. Vielleicht hatte ich den ein oder anderen Klick dazugewonnen? Erst gestern hatte ich ein neues Video hochgeladen, mit einer von mir gesungenen Coverversion von Adele, die mittlerweile sage und schreibe unglaubliche achthundertmal angeklickt worden war. Fassungslos starrte ich auf diese für mich monströse Zahl. Sogar ein paar wohlwollende Kommentare hatten mir Leute dagelassen, und einige outeten sich sogar als meine Fans. Ohhhh, wow! Ich musste mir doch tatsächlich ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischen. Nur ein Idiot schrieb etwas von ‚nette Titten‘ und ‚würde dich gerne mal lecken‘. Vielleicht konnte man diesen unerfreulichen Scheiß irgendwie löschen lassen. Was dachten sich solche Typen eigentlich dabei? Das war ungefähr dasselbe, wie wenn einem irgendwelche Kerle unaufgefordert Fotos ihres Schniedels schickten. Als ob sich irgendeine Frau auf dieser Welt für ihre mickrigen Anhängsel interessieren würde.

Aber die anderen Nachrichten waren klasse. Singen war mein Leben, meine Erfüllung, und eine Karriere als Sängerin mein ganz großer Traum, der leider wahrscheinlich immer einer bleiben würde.

Der Klingelton meines Handys riss mich jäh aus meinem Glücksrausch. Der gerade einsetzende Eisregen nervte mich nicht halb so sehr, wie der Name eben jenes Traumkillers, der just in diesem Augenblick auf meinem Display aufleuchtete.

Mein Vater.

Der hatte mir gerade noch gefehlt. Meine gute Laune sank schlagartig in den Keller. Obwohl sich alles in mir sträubte, ging ich ran.

»Jenny«, hörte ich ihn in seinem üblichen Militärton bellen.

»Hi. Was gibt’s?«

Der Regen wurde stärker, die feuchte Kälte schnitt mir unangenehm in die Hand.

»Wie läuft die Jobsuche?«

Der übliche Kontrollanruf. Was auch sonst?

»Ganz okay. Ich habe mich bei ein paar Firmen beworben, aber die meisten wollen leider keine Berufsanfänger einstellen. Aber ich gebe nicht auf, du kennst mich ja, yey«, fügte ich noch einen motivierenden Laut hinzu, der ihm hoffentlich deutlich machte, wie ernst es mir mit dem Ruinieren all meiner Träume war, nur um ihn nicht zu enttäuschen.

»Ich dachte mir schon, dass das nichts wird«, erwiderte er so überzeugt, dass ich mir prompt wie eine Versagerin vorkam.

Mein Tonfall wurde schärfer. »Ich habe doch gerade erst mit den Bewerbungen angefangen. Das klappt schon noch.«

Er schnaubte. »Du klingst nicht so, als ob dir deine berufliche Zukunft sonderlich wichtig wäre. Immerhin willst du doch mal die Firma übernehmen, oder nicht?«

»Nein. Du willst, dass ich die Firma übernehme.« Ungewollt wurde ich lauter. »Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht mal sicher, ob mir Betriebswirtschaft überhaupt liegt.«

»Du bist was?« Er japste vernehmlich nach Luft. »Nicht sicher? Nachdem ich dir zehn Semester BWL-Studium finanziert habe? Zwei mehr, als ich selbst gebraucht habe.«

»Zu dem du mich gedrängt hast«, schoss ich zurück und strich mir eine feuchte Haarsträhne hinters Ohr. Die ganzen Jahre über hatte er sich kein bisschen für mich interessiert, im Prinzip hatte ich kaum für ihn existiert, denn ich war ja nur ein Mädchen. Erst als sein Nachfolger ausgefallen war, hatte er sich plötzlich daran erinnert, dass er ja noch ein weiteres Kind hatte und mich dann nicht einmal gefragt, ob ich vielleicht andere Pläne gehabt hätte, als die, sein Lebenswerk weiterzuleiten. Dabei wollte ich Musik studieren, aber das war ja in seinen Augen kein richtiges Hauptfach, sondern einfach nur brotlose Kunst, höchstenfalls ein Hobby.

»Jenny«, sein Tonfall nahm einen verärgerten Klang an, ich konnte mir seinen hochroten Kopf bildlich vorstellen. »Du bist nun mal die alleinige Erbin, dafür brauchst du Berufserfahrung, ansonsten kriegst du die Firma mit Sicherheit nicht. Glaubst du, ich weiß nicht, dass du für diese Aufgabe nicht wirklich geeignet bist?«

Das saß. Noch ehe ich antworten konnte, redete er schon weiter.

»Die ganzen Jahre über habe ich Paul für diese Aufgabe vorbereitet, während du machen durftest, was du wolltest. Aber seit dem Tod deines Bruders hat sich nun mal alles geändert. Jetzt musst du eben an seine Stelle treten, und ich zähle auf dich. Enttäusch mich nicht.« Es klang wie eine Drohung und als solche fasste ich es auch auf. »Liebling«, machte er milder weiter. »Du schaffst das. Du musst! Ich gebe mein Lebenswerk in deine Hände. Setz dich einfach auf den Hosenboden und streng dich an, dann kriegst du das schon hin. Auch Frauen können heutzutage in Führungspositionen erfolgreich sein und du bist doch ganz clever.«

Der Name meines Bruders krachte wie ein auf die Erde zurasender Asteroid in meinen Brustkorb und nahm mir die Luft zum Atmen, sodass ich dem Rest seines Gequatsches kaum noch gefolgt war. Ich blieb stehen und musste mich an einer Hauswand abstützen. »Ich bemühe mich, versprochen«, versicherte ich leise, nur damit ich endlich auflegen konnte. Die Erinnerung an Paul tat noch genauso weh wie an dem Tag, als uns die schlimme Nachricht erreicht hatte. Wenigstens brach ich nicht mehr sofort in Tränen aus, wenn jemand über ihn redete. Jedes Mal, wenn die Sprache auf Paul kam, wurden meine eigenen Pläne klein und unwichtig. Denn mein Bruder würde seine Träume niemals verwirklichen, er lag in einem Grab, während ich lebte und nun an seine Stelle treten musste. »Ein paar Antworten stehen noch aus und …«

»Das hat sich erledigt«, sagte mein Vater in seinem typisch autoritären Tonfall. »Mein Freund Hans hat zufällig eine passende Stelle frei. Du kannst Montag anfangen. Näheres dazu schicke ich dir per Mail.«

»Ich wollte mir eigentlich selbst was suchen«, wagte ich dennoch schwachen Protest. Ich verabscheute es, wenn er Entscheidungen über mein Leben fällte, die ich selbst treffen wollte. Aber bei diesem Mann zählte kein nein und ich wollte meine Eltern nicht hängenlassen.

»Dann suchst du nächstes Jahr noch. Hans erwartet dich Montag um acht im Büro.«

»Na gut«, gab ich schließlich nach und versuchte, den Druck wegzuatmen, der sich in meiner Brust aufbaute. Keine Sekunde länger konnte ich seine Stimme mehr ertragen. Ich wollte einfach nur auflegen – und durchatmen. »Ich kann ja mal hingehen und mir die Stelle anschauen.« Pauls Tod hatte auch meine Eltern total aus der Bahn geworfen, aber schon kurze Zeit später hatte mein Vater plötzlich alle Hoffnungen in mich gesetzt – nicht, weil er mich für so begnadet hielt, ich vermutete, er hatte Angst, auch noch die Firma zu verlieren, die er über Jahre hinweg aufgebaut hatte. Ich konnte ihm das nicht antun, auch wenn sich alles in mir sträubte, meine Familie hatte in den letzten Jahren schon viel zu viel durchgemacht. Wir hatten die dunkelsten Gefühle durchlebt, und jeder neue Tag ohne Paul hatte uns innerlich zerrissen. Noch Wochen danach hatte ich es nicht mal aus dem Bett geschafft, so sehr hatte ich gelitten. Damals hatte mein Vater alles am Laufen gehalten, mit eiserner Disziplin hatte er weitergemacht, war in die Firma gegangen, und hatte mir gezeigt, dass das Leben weiterging, auch wenn es unglaublich schwer war. Ich konnte ihn jetzt nicht im Stich lassen.

»Das freut mich. Bis demnächst, Schätzchen.« Er hatte seinen harten Unterton etwas abgemildert.

»Tschüss.« Ich legte auf, alles in immer mir sträubte sich, weil ich schon wieder nachgegeben hatte. Aber manchmal verlangte das Leben nun mal Opfer. Darüber hinaus gab es wahrscheinlich Schlimmeres, als eine gut gehende Firma zu erben, redete ich mir ein, während ich beide Hände zu Fäusten ballte.

Als ich am Steve’s vorbeikam, ging ich ohne zu zögern hinein. Ich brauchte dringend was zu trinken – und zwar etwas Hochprozentiges.


Von einem tiefen Seufzer begleitet, schwang ich mich auf den nächsten Barhocker. Mein Vater schaffte es doch jedes Mal aufs Neue, mir mit einem fünfminütigen Gespräch den kompletten Tag zu versauen. Als wäre Schikane sein Hauptfach in der Uni gewesen und nicht BWL.

Nach einem Blick in das verspiegelte Flaschenregal erschrak ich. Heilige Scheiße! Mein blondes Haar klebte mir triefend und strähnig im Gesicht und hinterließ bereits kleine Pfützen auf dem Holztresen. Ich sah aus, als hätte man mich an einem Haken durch den Kanal gezogen. Dieser jämmerliche Anblick war definitiv nicht öffentlichkeitstauglich, deshalb beschloss ich, mir nur rasch einen Kurzen zur Beruhigung zu genehmigen, bevor ich das Weite suchen würde. Ich wagte einen erneuten raschen Blick in den Spiegel. Scheiße! Mehr fiel mir zu meinem Spiegelbild nicht ein. Zum Glück kannte mich hier keiner. Der Barkeeper schlenderte endlich heran, nachdem er mich gefühlte zehn Minuten konsequent ignoriert und sich stattdessen in Ruhe einen Espresso einverleibt hatte. Das nannte ich mal Arbeitseinstellung. Der wäre bei meinem Vater schon in der ersten Woche hochkant rausgeflogen. Hastig wischte ich den Gedanken an meinen alten Herrn beiseite, denn ich spürte schon wieder dasselbe Brodeln in mir wie vorhin.

»Was darf es sein?« Gelangweilter konnte der Kerl bestimmt nicht mehr klingen, offenbar war er kein Freund üppiger Trinkgelder.

»Einen Wodka - pur. Ohne Eis.« Nichts durfte die reine Seele meines flüssigen Trösters verwässern, ich brauchte ihn stark und hochprozentig.

Er kniff die Augen zusammen und musterte mich mit einem spöttischen Zug um den Mund, bevor er nach der Flasche im Regal griff.

»Harten Tag gehabt, was?«

»Dafür brauche ich keinen ganzen Tag, ein kurzes Telefonat mit meinem Vater reicht völlig aus.«

Er lachte auf, während ich mit abwartendem Blick jeder seiner Zeitlupenbewegungen folgte, mittlerweile hatte ich einen Drink echt bitter nötig.

»Wenn es so ist, kriegst du einen Doppelten aufs Haus.« Er füllte das Glas randvoll, wie ich erfreut feststellte.

»Danke.« Plötzlich stutzte ich, bevor mein Puls steil in die Höhe preschte. Das durfte doch nicht wahr sein. Hatte das Universum überhaupt kein Erbarmen mit mir? Dabei hätte ich eben noch schwören können, dass nichts diesen Tag noch schlimmer machen könnte. Nicht mal der Einschlag eines Asteroiden von der Größe des Mondes. Ich starrte in den Spiegel des Flaschenregals, sah genauer hin, blinzelte, um das unangenehme Trugbild zu vertreiben, aber es löste sich leider nicht in einem erlösenden Nebel auf. Dieses Trugbild war verdammt real! Wie gebannt beobachtete ich im Spiegel diesen Typen, der mit einer wahnsinnig hübschen Frau an einem der Tische saß. Leider kannte ich ihn viel zu gut. Wieso kriegte der auch noch die allerhübschesten Frauen ab? Warum schlugen bei dem keine karmischen Gesetze zu? Die Welt war echt ungerecht, diese Erkenntnis passte hervorragend zu meiner ohnehin miesen Laune. Völlig unvorbereitet brach diese tiefe Wunde in meinem Herzen wieder auf und zog unangenehm in meinem Brustkorb. Ich biss die Zähne zusammen, während die ganzen schmerzhaften Erinnerungen wie eine Fontäne in mir hochschossen, die ich allesamt mit diesem Mann dort verband. Noch nie hatte mich jemand so verletzt, so mies behandelt, so enttäuscht wie er. Obwohl unser letztes Zusammentreffen Jahre her war, fühlte ich jede Sekunde, jedes fiese Wort, das er zu mir gesagt hatte, noch immer genau so heftig wie damals. Ihm war alles scheißegal gewesen – ich war ihm scheißegal gewesen.

Immerhin schienen die beiden zu streiten, es hätte mir ehrlich gesagt den Rest gegeben, die zwei auch noch beim Turteln beobachten zu müssen. Aber er redete aufgebracht auf sie ein, während sie mit verschränkten Armen dasaß und immer wieder theatralisch die Augen rollte. Och, kein Glück bei den Frauen? Normalerweise war ich nicht so, ich gönnte jedem Menschen sein Liebesglück. Aber nicht ihm! Nicht diesem Mistkerl. Was, zum Teufel, machte er ausgerechnet hier? Ich sollte schleunigst abhauen, bevor er mich am Ende noch entdeckte.

Dort saß Tobi. Der Tobi! Der beste Freund meines Bruders, der sich als größtes Arschloch des Universums entpuppt hatte. Das durfte doch nicht wahr sein. Mein ramponiertes Spiegelbild stach mir erneut unangenehm ins Auge, während der Kerl aussah, als wäre er soeben einem Sportmagazin entstiegen. Auf keinen Fall durfte er mich in diesem Zustand entdecken. Hastig senkte ich den Kopf und strich mir panisch noch mehr klebrig-feuchte Haarsträhnen ins Gesicht, obwohl ich Tobi sowieso den Rücken zukehrte. Aber sicher war sicher. Wahrscheinlich sah ich jetzt aus wie einer dieser ungarischen Hirtenhunde, aber egal. Tobi durfte mich auf keinen Fall erkennen. Sieben Jahre war ich ihm erfolgreich aus dem Weg gegangen, hatte ihn aus meinem Leben gestrichen – oder besser gesagt er mich - und jetzt saß er wie Phoenix aus der Asche im selben Laden herum. Eigentlich hatte ich gehofft, er wäre auf die andere Seite der Welt ausgewandert – oder hätte sich irgendwie in Luft aufgelöst. Und verdammt, er sah gut aus.

Ich machte mit den Fingerspitzen etwas Platz vor meinen Augen und linste durch mein wirres Haar in den Spiegel. Ich konnte es nicht abstellen, obwohl ich ihn gar nicht anstarren wollte, aber es war wie ein Zwang. Tobi war mein ganz persönlicher Autounfall, ich konnte nicht wegsehen. Der Mistkerl hatte sich verändert. Leider auch noch zu seinem Besten. Ich ächzte innerlich auf. Die Welt war manchmal so verdammt ungerecht. Ich beugte mich ein bisschen über den Tresen und nahm ihn genauer unter die Lupe, während mein Puls spürbar im Hals pochte. Wie ich es hasste, dass er noch immer dieser Wirkung auf mich hatte und im Sekundenbruchteil mein Inneres auf den Kopf stellte. Sein Gesicht war kantiger geworden, die jungenhaften Züge von damals waren vollständig daraus gewichen. Auch seine Schultern hatte ich nicht so breit in Erinnerung – er war richtig muskulös, nichts erinnerte mehr an den schlaksigen Jungen von damals. Tobi war verdammt heiß geworden, musste ich mir erneut widerwillig eingestehen. Verdammt, langsam geriet ich bei seinem Anblick in Superlative. Der Kerl hatte so viel Attraktivität einfach nicht verdient. Hätte Gott ihn nicht wenigstens mit nässender Akne bestrafen können? War das zu viel verlangt? Eine kleine eitrige Hautkrankheit, was ganz Harmloses, das ihn zum Nachdenken über seine Sünden animieren könnte? Aber nein, nicht bei ihm, zum Dank machte die Schöpfung Tobias Felten auch noch zu einem sexy Halbgott. Wenigstens war ich noch in der Lage hinter seine Fassade zu blicken, ich wusste aus bitterer Erfahrung, wie es im Inneren dieses Blenders aussah und das verhalf mir glücklicherweise wieder zu mehr seelischem Gleichgewicht.

Ich schnappte mein Glas und kippte den Inhalt in einem großen Zug in mich hinein, ehe ich scharf die Luft durch die Zähne einsog. Der Wodka brannte sich seinen Weg durch meine Speiseröhre und verbreitete dort eine wohlige Wärme. »Noch einen«, keuchte ich nach Atem ringend, und auf das leere Glas deutend, worauf der Barkeeper nachgoss.

»Jeder zehnte geht aufs Haus«, ließ er mich spöttisch wissen. Als ich die Reihe der Stammgäste – zumindest ging ich davon aus, dass sie tagtäglich hier saßen – am Tresen überflog, wusste ich auch, warum. Ich beschloss ihn zu ignorieren, denn hinter mir wurden Stimmen lauter, die sofort meine gesamte Aufmerksamkeit verlangten. Sie redeten hektischer, wütender, übertönten sogar Sweet child o‘ mine, das gerade aus den Lautsprechern dröhnte. Ich lehnte einen Ellenbogen auf den Tresen und legte mein Kinn in die Handfläche, während ich in die Schale mit den gesalzenen Erdnüssen langte, die neben mir stand und mir ein paar in den Mund warf. Die zwei zu beobachten, war interessanter als ein Film im Kino. Ich verzog die Lippen, als sich ein ranziger Geschmack auf meiner Zunge breitmachte. Anscheinend standen die Nüsse schon länger hier rum. Egal! Denn offenbar trat Tobis Streit nun in eine heiße Phase, seine schöne Begleitung ging jetzt ebenfalls lautstark auf Konfrontation. Leider verstand ich kein Wort. Ärgerlich. Möglichst unauffällig lehnte ich mich nach hinten, um mit dem Kopf in die Geräuschblase der beiden einzudringen, jedoch leider erfolglos. Worum ging es denn da?

Plötzlich sprang Tobis Tischnachbarin theatralisch von ihrem Stuhl auf wie eine dieser Hollywood-Diven in den 50er-Jahre-Streifen. Wie gebannt verfolgte ich das Geschehen im Spiegel und genehmigte mir nebenbei mein Schnäpschen. Oh, Tobi sah ganz verzweifelt aus, diesen Gesichtsausdruck kannte ich gar nicht von ihm. Bei mir war er damals knallhart gewesen, hatte keine Miene verzogen, selbst meine Tränen hatten ihn nicht interessiert.

Seine Lady ließ ihn stehen und schwebte richtiggehend davon, ein eisiger Engel mit einer raumfüllenden Präsenz, während er einfach nur dastand und ihr nachstarrte, als könnte er nicht fassen, dass ihn jemand stehenließ. Wie cool war das denn? Vielleicht bekam man irgendwann doch alles zurück im Leben.

Wie kippende Dominosteine drehten sich alle männlichen Gäste nach ihr um, stießen sich gegenseitig die Ellenbogen in die Seiten und deuteten auf sie. Das wiederum erinnerte mich an meinen ramponierten Zustand, worauf ich wie zufällig eine Hand vor mein Gesicht hielt und mir meine feuchten Fransen zurechtrückte. Endlich kam Leben in Tobi – den Stehengelassenen – er eilte ihr nach und erwischte sie – wie konnte es auch anders sein – direkt hinter mir. Verdammt. Ich hielt mir eine Hand vor die Stirn, verdeckte so unauffällig wie möglich mein Gesicht und erntete einen Blick vom Barkeeper, als wäre ich ein Fall für die Psychiatrie.

»Das war es jetzt also?«, hörte ich Tobis dunkle Stimme hinter mir ganz verletzt, ganz enttäuscht, die mir wie Sektperlen den Rücken hinunterprickelte. Wenigstens verstand ich endlich, worüber sie redeten. »Du wirfst drei Jahre einfach so weg, wegen dieses drittklassigen Schauspieler-Fuzzis?«

»Herz der Sehnsucht ist ganz bestimmt nicht drittklassig, sondern die gerade angesagteste Daily Soap«, keifte sie.

Herz der Sehnsucht? Mich schüttelte es. Bei Serienstart hatte ich nicht mal die erste Folge zu Ende geschafft, weil sie so nervig und kitschig war. Vor allem die blonde männliche Fehlbesetzung hatte mir die Serie vermiest. Aber warum stritten die beiden sich wegen einer Serie?

»Und? Warst du mit dem blonden Vollpfosten in der Kiste?«, fragte Tobi, was mich aufhorchen ließ. Offenbar gestaltete sich dieser kleine Streit doch noch zu einem Beziehungsdrama. Hatte seine Freundin Tobi am Ende das Herz gebrochen? Ihm einen Dolch ins Herz gestoßen, diesen in der Wunde gedreht und noch mal zugestochen? Tja, Scheiße, wenn man das mal aus der anderen Perspektive erlebte, Herr Felten, was? Eigentlich hätte ich eher vermutet, dass er mal wieder gewissenlos über die Gefühle eines anderen Menschen getrampelt war. Aber wie es aussah, hatte es zur Abwechslung mal ihn erwischt. Ich wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte ohne Vorwarnung kaltgestellt zu werden – dank Tobi.

»Ja«, zischte sie. »Ich habe mit ihm geschlafen. Ich habe mich in Max Henke verliebt, und es ist uns ernst.«

Max Henke? Der talentfreieste Schauspieler, den ich je im TV gesehen hatte? Na ja, der würde ihr wenigstens nichts vorspielen können. Tobi war in puncto Vorgaukeln falscher Tatsachen jedenfalls um einiges versierter.

Dieselbe alte Wut auf ihn stieg in mir hoch. Noch immer hatte ich ihm nicht einen Millimeter verziehen. Wir waren Freunde gewesen. In der dunkelsten Stunde meines Lebens hatte ich ihn gebraucht. Er hingegen hatte die Situation skrupellos ausgenutzt, worauf ich mit ihm geschlafen hatte. Ich war mir sicher, er wusste, wie sehr ich ihn damals liebte. Ich hatte mein erstes Mal mit ihm verbracht, und danach war er aus meinem Leben verschwunden. Bis heute hatte ich ihn nicht mehr wiedergesehen. Er hatte mir eine Seite an sich gezeigt, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Damals wäre ich für ihn durchs Feuer gegangen, aber er hatte mir das Herz herausgerissen und es an die Wand geklatscht. Was er sich geleistet hatte, war unverzeihlich und nichts im Vergleich zu dem, was ihm gerade passierte. Eine kindische Genugtuung stellte sich in mir ein, weil ich live miterleben durfte, wie sie ihn gnadenlos abservierte. Doch trotz allem tat mein Herz plötzlich weh, stach eine lange nicht mehr dagewesene Traurigkeit und Enttäuschung ihre spitzen Nadeln in mich. Wegen meiner eigenen Dummheit. Weil ich diesem Mann einmal so sehr vertraut hatte.

Als die Stimmen hinter mir verklangen, wagte ich einen raschen Blick zur Seite und bekam gerade noch mit, wie Tobis‘ Ex aus der Kneipe stürmte. Wo war Tobi plötzlich abgeblieben? Nach einem vorsichtigen Blick in das verspiegelte Regal setzte mein Herzschlag einen Takt aus.

Oh, nein.

Oh, nein! Oh, nein, oh, nein.

Oh, nein!

Das durfte doch nicht wahr sein.

Tobi sah mir direkt in die Augen.

Fassungslosigkeit lag in seinen Gesichtszügen. Ungläubigkeit. Und ein kurzes Aufblitzen in seinen Pupillen, das ich nicht deuten konnte. Hektisch strich ich mir noch mehr Haarsträhnen ins Gesicht, um zu retten, was zu retten war, und betete für ein Wunder. Vielleicht hatte er mich in seinem Abserviert-worden-sein-Schock gar nicht erkannt und starrte nur ins Leere. Mit etwas Glück bildete ich mir nur ein, dass er mich ansah. Vorsichtshalber machte ich mich auf meinem Barhocker so klein wie möglich, und inspizierte den leeren Grund meines Schnapsgläschens. Mein inneres Zittern schwoll an, stieg mit Sicherheit auf eine zwölf in der Richterskala. Geh weg. Geh weg. Geh endlich, flehte ich im Stillen. Hatte der Kerl in dieser Situation nichts anderes zu tun, als sinnlos in der Gegend herumzustehen? Warum widmete er sich nicht lieber seinem wohlverdienten Herzschmerz?

»Jenny?«

Ich sank in mich zusammen. Dieser Tag konnte echt weg. Hatte er nichts Besseres zu tun, als andere Leute anzuquatschen? Was sollte ich jetzt tun? Nach draußen entfliehen? Eine schwere Demenzerkrankung vortäuschen? In meinem Gehirn ratterte es los, ich ging sämtliche Möglichkeiten durch, fand aber keine brauchbare Lösung, also atmete ich tief durch und drehte mich schließlich um.

Ich tat überrascht. Mehr Spontanität war nicht drin, denn er musterte mich mit seinen grün-braunen Augen und schürte im Sekundenbruchteil eine ganz furchtbare Nervosität in mir, die ich gerade am Allerwenigsten gebrauchen konnte. Warum hatte dieser Mistkerl immer noch diese verheerende Wirkung auf mich? Ich war richtig sauer auf mich selbst, auf meinen Körper, der sich kein bisschen im Griff hatte.

»Tobi?« Ich sprach seinen Namen wie eine Frage aus, während ich ihn mit zusammengekniffenen Augen musterte, als müsste ich sein Erscheinungsbild erst mühsam einsortieren. Scheiße, ich hätte ihn mit einem anderen Namen ansprechen sollen, diese Gelegenheit, ihm zu demonstrieren, wie wenig ich ihn noch auf dem Schirm hatte, war jetzt leider verstrichen.

»Das ist aber eine Überraschung. Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wie lange ist das jetzt her?« Er klang vollkommen normal. Ich fasste es nicht, sogar fast schon erfreut. Als hätte dieser Mensch allen Ernstes keinen blassen Schimmer, wie lange es nun schon her war, dass er sich mir gegenüber wie das monumentalste Arschloch der Weltgeschichte verhalten hatte. Ob Männer solche Dinge wirklich einfach im Vorbeigehen abstreiften wie eine Schlange ihre Haut?

»Nicht lange genug«, säuselte ich, und wandte mich wieder ab, damit er meine verräterisch glühenden Wangen nicht bemerkte. Mein Inneres war ein einziges Chaos und die in mir aufschäumende Wut kaum noch zu bändigen, also drehte ich mich aus einer impulsiven Laune heraus erneut zu ihm um. »Eigentlich hatte ich darauf gehofft, dich nie mehr wiedersehen zu müssen. Aber man kann wohl nicht alles im Leben haben.«

In einer hilflos übertriebenen Geste breitete er die Arme aus, beinahe wäre ich auf sein Getue hereingefallen, aber mittlerweile kannte ich sein schauspielerisches Talent. Warum spielte er nicht in dieser bescheuerten Soap mit? Das Vortäuschen falscher Tatsachen lag ihm schließlich im Blut. »Jenny, es tut mir furchtbar leid, dass …«

»Das muss dir nicht leidtun«, unterbrach ich ihn und lachte eine Spur zu übertrieben auf. »Mir ist so viel erspart geblieben, das wiegt alles wieder auf.« Im Zeitlupentempo verschränkte ich die Arme, mit dem Gefühl, mich an mir selbst festhalten zu müssen. In mir herrschte ein heilloses Durcheinander, irgendwas in mir schlug trotz alledem immer noch für ihn, ein ganz kleiner Funke nur, den ich sofort verdrängte. Ich ließ nur noch Wut zu, etwas anderes hatte der Mistkerl nicht verdient.

»Du bist wütend«, stellte der Blitzmerker fest und ich konnte diese unglaubliche Frechheit nicht fassen. Ich glaubte, ein verräterisches Zittern in seiner Stimme wahrzunehmen. Immerhin hatte ich ihn einmal ziemlich gut gekannt. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, sein schäbiges Verhalten von damals täte ihm ernsthaft leid und er hätte eben nicht nur eine billige Floskel in den Raum geworfen.

»Um ehrlich zu sein, habe ich seit Jahren nicht mehr an dich gedacht.« Was gelogen war, aber er sollte auf keinen Fall den Eindruck bekommen, ich hätte ihm an irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens auch nur eine einzige Träne hinterhergeweint - obwohl es eher ein Tränenmeer gewesen war, das ich wegen dem Scheißkerl vergossen hatte.

Tobi griff sich in den Nacken. Ob ihm unser letztes Zusammentreffen durch den Kopf ging? Ich jedenfalls sah es überdimensional vor mir, als wäre es gestern gewesen. Immerhin waren wir nackt gewesen. Das Mindeste, was er tun könnte, wäre, mich um Verzeihung zu bitten, am besten auf Knien. Noch niemals hatte mich jemand so knallhart abserviert, wie er das getan hatte - und mir hatten nach ihm noch einige Typen den Laufpass gegeben. Somit wusste ich genau, wovon ich sprach. Aber nie hatte das Ende so wehgetan wie bei ihm. Weil ich ihm so viel Schäbigkeit niemals zugetraut hätte. Wir waren Freunde gewesen, an jenem Abend hatte ich nicht nur meine erste große Liebe verloren, sondern auch meinen besten Freund. An jenem Abend war mir bewusst geworden, dass ich ihm nie etwas bedeutet hatte. Prinzipiell konnte ich ihm nicht mal einen Vorwurf machen, ich war ihm nie wichtig gewesen, wahrscheinlich stand er mir deswegen nun so verständnislos gegenüber, während ich mich null im Griff hatte.

Er inspizierte mein Gesicht auffällig. »Deine Haare sind heller. Steht dir gut.«

Ernsthaft?!

Das war alles, was ihm zu unserem Wiedersehen einfiel? Er war und blieb einfach nur ein Mistkerl. Obwohl ich sie in der Tat etwas gebleicht hatte. Allerdings hatte ich gedacht, recht unauffällig vorgegangen zu sein. Wie gut hatte Tobi eigentlich meine Haarfarbe im Gedächtnis behalten?

»Danke«, presste ich hervor. Er musterte mich so durchdringend, dass ich nervös auf dem Hocker herumrutschte. Warum haute er nicht endlich ab und ließ sich volllaufen? Taten Männer das bei Liebeskummer nicht?

Leider machte er keinerlei Anstalten, das Feld zu räumen. Stattdessen deutete er auf den Barhocker neben mir. »Darf ich?«

Der Kerl hatte Nerven.

»Tu dir keinen Zwang an. Ich wollte sowieso gerade gehen.« Mit zittrigen Fingern kramte ich einen Zehn-Euro-Schein aus meiner Handtasche und legte ihn auf den Tresen.

»Jenny.« Er klang so flehentlich, dass ich ihm am liebsten den Hals umgedreht hätte.

»Was?« Ich schluckte. Mit ihm zu reden ging mir mehr an die Nieren, als ich zugeben wollte.

»Können wir nicht über das reden, was damals passiert ist?« Tobi rieb sich den Nacken. »Ich meine, dich nach so langer Zeit zu treffen, kommt mir fast wie ein Wink des Schicksals vor. Heute bin ich etwas durch den Wind, aber vielleicht können wir ja mal einen Kaffee zusammen trinken.«

Mit einem Satz sprang ich vom Hocker. »Klar, ich ruf dich an«, sagte ich überfreundlich und spazierte los, ehe er mir seine Handynummer geben konnte.

Ganz bestimmt würden wir beide uns niemals wiedertreffen, dafür würde ich schon sorgen. Immerhin war Nürnberg groß genug, um sich nicht über den Weg laufen zu müssen. Sicherheitshalber würde ich vorerst einen großen Bogen um das Steve’s machen.

Jenny

Zu Hause schlug ich die Tür hinter mir zu und spürte mein Herz noch immer in meiner Brust trommeln, als würde in Kürze meine Hinrichtung vollstreckt werden. Das unvorhergesehene Aufeinandertreffen mit Tobi arbeitete noch in mir.

Ich setzte mich an den Schreibtisch im Wohnzimmer. Wie von selbst fingen meine Hände an, sämtliche herumliegende Stifte in einer Reihe zu sortieren, lose Blätter der Größe nach aufeinanderzuschichten und den Laptop im rechten Winkel zum Drucker zu positionieren. In schlechten Zeiten konnte ich Stunden damit zubringen, alles in Reih und Glied zu ordnen, da es eine beruhigende Wirkung auf mich entfaltete. Wahrscheinlich ersparte ich mir dadurch sogar das Geld für einen Psychiater.

Zu Ablenkungszwecken schnappte ich mein Smartphone und tippte auf die astrosingles App, um mein heutiges Liebeshoroskop zu lesen.


Sie möchten geliebt werden und hungern nach einem Partner? Ihr Liebesglück bekommt einen Schubs, vielleicht schon schneller, als Sie erwarten. Haben Sie etwas Geduld.


Geduld? Geduld war leider mein knappstes Gut. Obendrein zog das Beziehungspech mich magisch an, verfolgte mich geradezu. Leider war Tobi nicht meine einzige Pleite gewesen. Vor zwei Monaten hatte mich mein Ex Heiko verlassen und seine Ich-verlasse-dich-Darbietung mit der Mitteilung gekrönt, er würde zu Jens ziehen, in den er sich unsterblich verliebt habe. Darüber hinaus besaß Jens offenbar den tollsten Körper der Welt.

In der Hölle sollte der Kerl schmoren – zusammen mit Tobi und meinem schwedischen Ex-Lover Ole. Ole hatte sich nämlich nach sechs heißen Wochen, in denen wir sämtliche Fantasien ausgelebt hatten, die einem diverse Erotikromane und auf Frauen zugeschnittene TV-Serien halt so ins Hirn pflanzten, als Kevin Hartmann entpuppt. Der Kerl war so wenig schwedisch gewesen, wie die berüchtigten Gardinen und hatte sich obendrein auch noch eine Wohnung mit seiner Freundin geteilt. Allen Ernstes meinte Ole dann beim Tribunal zu mir: »Aber der Sex ist doch so klasse gewesen, was spricht denn dagegen, ab und zu mal ein bisschen zu vögeln? Man muss das Leben doch nicht immer gleich so ernst nehmen.« Es war zum Verzweifeln. Ich hatte wirklich keine Ahnung, warum ausgerechnet mir immer solche Typen zuliefen.


Eine Stunde später machte ich es mir mit einer dampfenden Tasse Yogi-Tee und einer Ausgabe der Stars & Romance auf dem Sofa gemütlich und kuschelte mich in meine hellblaue Flauschidecke. Im Bad plätscherte das Wasser. Meine Mitbewohnerin Aida war vorhin nach Hause gekommen. Duschen war Aidas Art, sich Geld für den Psychiater zu sparen. Wahrscheinlich war sie im Krankenhaus, wo sie als Medizinstudentin nebenher jobbte, mal wieder mit ihrem Kollegen und Hassobjekt Nick aneinandergeraten. Seufzend verdrängte ich den unliebsamen Gedanken an die nächste Wasserrechnung und blätterte meine Illustrierte durch. Ein blutjunges Modelsternchen posierte mit ihrem neuen Opa-Millionärs-Boyfriend in freizügigen Posen und schwafelte von großer Liebe. Grusel.

Ein Erstligisten-Torwart hatte bereits zum dritten Mal in den letzten zwölf Monaten seine Freundin durch eine andere Blondine ersetzt, die der jeweiligen Vorgängerin zum Verwechseln ähnlich sah. Warum er sich überhaupt noch die Mühe machte, entzog sich meinem Verständnis.

Ich befeuchtete meinen Zeigefinger mit der Zungenspitze und blätterte gelangweilt weiter. Ich sollte mir das Geld für dieses Blatt sparen und auf die abgespeckte gratis Online-Version ausweichen. Das war völlig ausreichend.

Auf der vorletzten Seite blieb ich hängen.

Max Henke frisch verliebt!, stand dort in großen Lettern und knalligem Rot. Dazu ein Foto, eingerahmt von einem Herz, das ihn mit seiner neuen Flamme zeigte, die in der Tat Tobis Ex darstellte. Ich erkannte sie auf der Stelle wieder. Scheiße, die sah von Nahem noch besser aus. Bekenntnis zur großen Liebe stand da. Endlich hat das Versteckspiel ein Ende. Schon seit drei Monaten ein Paar.

Upsi. Och. Armer Tobi. Wie es aussah, hatte er wohl heute als Letzter vom Teamwechsel erfahren. Beinahe tat er mir leid – aber nur beinahe. Wieder erinnerte ich mich an das Chaos, in dem er mich vor Jahren zurückgelassen hatte und erstickte mein aufkeimendes Mitleid.

Energisch blätterte ich die letzte Seite um und widmete mich den Partnerschaftsannoncen, um mich zu vergewissern, dass es da draußen Leute gab, die genauso arm dran waren wie ich. Gab es. Genügend. Na also. In Gesellschaft litt es sich schon wesentlich besser. Mein Blick fiel auf die Anzeige ganz unten.


Madame Burchard sagt Ihnen die Zukunft voraus,

zu hundert Prozent treffsicher und einfühlsam. Ich stamme aus einer alten Romafamilie, seit Generationen wurde diese Gabe an die Frauen bei uns weitergegeben. Scheuen Sie sich nicht!

Rufen Sie noch heute an und sichern sich Ihre

5 Gratisminuten.


Ich starrte auf die Gratisminuten. Ob ich es wagen sollte? Was hatte ich schon zu verlieren? Nichts, einerseits. Andererseits: Wer glaubte schon an so etwas Dämliches? Wahrsagen. Lachhaft. Aber es kostete immerhin keinen Cent. Ein klitzekleiner Blick in die Zukunft, mehr war sowieso nicht drin.

Mit zittrigen Händen nahm ich mein Handy vom Wohnzimmertisch, als es mich durchzuckte. Hoffentlich las die Gute nichts Schlechtes bei mir. Eine düstere Prognose. Vielleicht blieb ich für immer allein und verlassen. Keine Familie, Kinder, Häuschen mit Garten in Sichtweite. Stattdessen würde ich die Nächte mit den anderen Stammgästen im Steve‘s verbringen und an der Theke mit den bindungsgestörten Restexemplaren meinen Kummer ertränken, von einem Desaster ins Nächste gleitend, während mein Gesicht langsam faltig wurde und die Haut an meinen Oberschenkeln es nicht mehr schaffte, der Schwerkraft zu trotzen. Bis man mich dann irgendwann in meiner klitzekleinen Wohnung mit dem Kopf im Gasbackofen fand.

Falls das Schicksal wirklich ein ähnlich schreckliches Szenario für mich bereithielt, wollte ich es wirklich wissen? Wäre es dann nicht besser, ich würde meine letzten guten Jahre in der Hoffnung verbringen, doch mal meine wertvollen Gene mit denen eines sexy, erfolgreichen und unverschämt attraktiven Ehemanns weiterzuvererben, während besagter Ehemann selbstverständlich nur Augen für mich hatte? Träumen durfte man ja wohl noch.

Nach einmaligem Durchatmen wählte ich dann doch die Nummer – die Neugierde siegte. Ich war nicht stolz auf mich. Mein Atem zitterte, als es im Hörer tutete und tutete und tutete. Schon wollte ich auflegen und Madame Burchards Abwesenheit als Zeichen des Himmels werten, da meldete sich eine kratzige tiefe Stimme. »Burchard.«

Ich räusperte mich. »Ähm, ja, hallo. Ich würde gern Ihre Frau sprechen.«

»Ich bin Madame Burchard.«

Ups.

»Wie schön, dass ich Sie erreiche«, überspielte ich das kleine Malheur. »Ich rufe wegen Ihrer Annonce in der Stars & Romance an.«

»Stars & Romanz«, wiederholte sie in einem eigentümlich harten Dialekt. »Sagt mir nichts.«

Na super. Da rief ich einmal eine Wahrsagerin an, und das Ganze stellte sich als Fake heraus. Die Sterne waren wirklich gegen mich.

»Fünf Gratisminuten?«, half ich ihr vorsichtig auf die Sprünge. »Ihre Annonce fürs Wahrsagen?«

»Ach so, deswegen rufst du an.« Ein unschöner Husten, der längere Zeit anhielt, unterbrach unser Gespräch. Sie atmete röchelnd ein. Das klang nicht gut. Ich hoffte, sie würde nicht schlappmachen, ehe sie einen Blick in die Zukunft für mich gewagt hatte.

»Also gut, deine Zeit läuft jetzt, und nach den fünf Minuten mache ich Stopp. Falls du dann noch mehr wissen willst, kostet das 50 Euro pro halbe Stunde, die du entweder überweisen, per Paypal oder in bar bezahlen kannst. Weitere Voraussagungen erst nach Geldeingang. Verstanden?«

»Verstanden«, hauchte ich, eingeschüchtert von ihrem plötzlich energischen Wesen.

»Also, was willst du wissen? Liebe, Beruf, Allgemeines?«

»Liebe«, sagte ich im Flüsterton, denn Aida schwang soeben die Badezimmertür auf und lief summend durch den Flur. Hoffentlich kam sie jetzt nicht rein, das hätte mir gerade noch gefehlt. Ich hörte Madame Burchard Karten mischen. Sie mischte und mischte, es dauerte eine halbe Ewigkeit, die garantiert von meinen Gratisminuten abging.

»Du hattest einige Enttäuschungen mit Männern zu verkraften in letzter Zeit«, fing sie an, und ich lauschte gebannt ihrer bedeutungsvollen Pause. »Immer die Falschen, immer die Falschen«, erklärte Madame Burchard, als würde ich mir absichtlich die größten Nieten an Land ziehen. Außerdem klang Madame, als würde sie den Kopf schütteln.

Danke fürs Gespräch. Ich brauchte nun wirklich keine Hellseherin, die mir erzählte, wie viele Frösche ich in der Vergangenheit bereits geküsst hatte, ohne jemals meinen Prinzen gefunden zu haben. Zu viele auf jeden Fall.

»Das weiß ich ja alles, aber was wartet auf mich in der Zukunft?«, schob ich sie verbal in die richtige Richtung und warf einen kurzen Blick auf die Uhr am Handy. Schon zwei Minuten vorbei, langsam sollte Madame mal in die Gänge kommen. »Vielleicht könnten Sie sich etwas beeilen?«, trieb ich sie freundlich aber bestimmt an. »Werde ich jemals den Mann meines Lebens finden? Den Mann, mit dem ich eine Familie gründe, Kinder habe, mit dem ich alt werde?«

»Mmmhhh«, machte sie langgezogen, und ich bereute diesen Anruf auf der Stelle. Mein Leben würde im Backofen enden, ich würde einsam und allein sterben. Warum nur hatte ich mich bloß bei Madame Burchard gemeldet? Ich hätte zumindest noch ein paar schöne Jahre in hoffnungsvoller Ungewissheit vor mir gehabt.

»Was heißt mmhh?«, hakte ich mit zittriger Stimme nach, mein Puls pochte schmerzend im Hals. »Heißt das alles aus und vorbei? Nichts mit Glück und Familie?«

»Nicht unbedingt.« Schon wieder unterbrach ihr kratziger Husten unsere Unterhaltung, und meine Nerven flatterten. Sie holte pfeifend Luft, was mich befürchten ließ, dass die Dame das Ende dieses Telefonats nicht mehr erlebte. »Manche Menschen haben mehrmals die Chance, einen neuen Anlauf zu wagen. Sie treffen mehrere kompatible Partner in ihrer Lebenszeit. Es gibt für sie nicht nur den einen, sondern einen wahren Männerschatz, aus dem sie wählen und sich bedienen können, wie sie Lust und Laune haben. Jeder dieser Männer wird sie glücklich machen, sie schöpfen quasi aus der Schüssel voll Gold am Ende des Regenbogens. Andere wiederum, und zu denen zählst leider du, Liebes, haben nur den einen Mann in ihrem Leben, der sie ergänzen könnte. Ihren Seelenverwandten. Für sie gibt es nur eine Chance, aber als kleiner Trost: Dieser eine Partner könnte auch dich zu einem wundervollen Leben führen, nicht nur materiell, sondern genauso reich an einem nie versiegenden Quell der Liebe, Vertrautheit, Leidenschaft und Glück. Also kurz und schmerzlos: Du hast nur einen Stich.«

Wie konnte ein Mensch nur so grausam sein? Meine Hoffnungen zersplitterten in messerscharfe Scherben, die sich in mein Herz bohrten.

»Nur der eine«, wiederholte ich, bevor meine Stimme versagte. Ich versuchte, das eben Gehörte wenigstens ein bisschen sacken zu lassen, aber leider wühlte es mich total auf.

Ich hatte also nur einmal die Chance, meinen Traumpartner zu finden, während andere Frauen hunderte Typen zur Auswahl hatten und nicht wussten, in welches Männermeer sie ihre Angel halten sollten? Wie ungerecht war das denn bitteschön? Welches Universum dachte sich denn so etwas Gemeines aus? Und warum zählte ausgerechnet ich zur Verlierertruppe? Ich schluckte.

»Noch eine Minute«, sagte Madame Burchard gelangweilt und klang, als würde sie am Rädchen eines Feuerzeugs drehen. Sie machte ein pustendes Geräusch durch den Hörer direkt in mein Ohr. »Dann ist die Gratisberatung vorbei und jede weitere Auskunft kostet Geld.«

Eine Minute. Panik. Eine Minute, und ich hatte noch so viele Fragen. Wo würde ich ihn treffen? Wie sah er aus? Wie war sein Name? Meine Gedanken purzelten durcheinander. Schnell, schnell, sag doch irgendwas!

»Wann werde ich ihn treffen?«, fragte ich auf gut Glück und mit rasendem Puls. Adrenalin rauschte durch meine Adern, als würde sich ein Einbrecher an meinem Fenster zu schaffen machen. Mach schon, trieb ich sie in Gedanken an. Oh nein, sie mischte schon wieder.

»Wann? Das ist leicht«, sagte sie endlich. »Am 14. Februar. Und jetzt sind die fünf Minuten auch schon um. Wenn du noch Fragen hast, dann überweise mir erst fünfzig Euro auf folgendes Konto.« Sie ratterte eine Reihe Zahlen herunter. »Oder über Paypal an info@madame_burchard.de.«

Das Tuten im Hörer erklärte unser Gespräch für beendet. Ich saß da wie gelähmt. Valentinstag also. Am 14. Februar würde ich meinen Traummann treffen? Ich winkte ab. Hallo! Vielleicht sollte ich mal mein Gehirn einschalten. Ich hatte eben mit einem Menschen telefoniert, der Gratisminuten für Prophezeiungen annoncierte, um mich dann mit kostspieligen Sessions zu locken. So groß konnte ihr Kundenaufkommen demnach wohl nicht sein. Ich sollte mich von dieser Madame nicht verrückt machen lassen. Immerhin trieben sich genügend Betrüger da draußen und im Internet herum. Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Widerwillig musste ich mir eingestehen, dass Madame Burchards Vorhersage mehr in mir arbeitete, als mir lieb war. Eine leise Stimme meldete sich in meinem Hinterkopf, die sich nicht verstummen ließ. Was, wenn sie doch recht hatte? Wenn doch ein Funken Wahrheit in ihrem Gequatsche steckte? Ich biss die Zähne zusammen. Ein einziger Mann war auf dieser großen weiten Welt für mich bestimmt? Da lag die Trefferquote ja niedriger als bei einem Sechser im Lotto! Sogar der Blitz würde mich eher treffen. Wie ungerecht war das denn bitteschön? Aber einen kleinen Lichtblick hatte die Sache immerhin. Madame Burchards Vorhersage ließ sich leicht überprüfen. Denn der 14. Februar, der war kommenden Samstag.

Tobi

Mit dickem Kopf schwankte ich zum Küchentisch und überlegte, ob ich den letzten Schluck Tequila zum Frühstück direkt aus der Flasche trinken sollte. Die vergangenen beiden Tage hatte ich mich von Hochprozentigem jeglicher Art ernährt und meinen Kummer schlichtweg ertränkt. In meinem Bettzeug hing noch Ellens Geruch, und darin zu liegen, machte mich fast wahnsinnig. Gleichzeitig brachte ich es nicht über mich, meine Decke einfach frisch zu beziehen und ihre Essenz vollends zu verlieren. Dann war sie endgültig weg. Wochenlang hatte Ellen mir über Telefonate und WhatsApp heile Welt vorgespielt, mir Fotos geschickt und geschrieben, wie sehr sie mich vermisste, wenn mal wieder keine Zeit zum Reden war.

Durch all mein Drama drang eine Erkenntnis zu mir hindurch. Verlieben war scheiße.

Plötzlich kam mir Jenny in den Sinn, und was sich damals zwischen uns abgespielt hatte. Darauf war ich nicht stolz. Mit Sicherheit nicht. Sie so unvorbereitet wiedergetroffen zu haben, beschäftigte mich zusätzlich. Und ja! Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Auch Paul kreiste seit ewig langer Zeit wieder unaufhörlich in meinen Gedanken, ihr verstorbener Bruder.

Mein bester Freund, den ich jahrelang verdrängt hatte, um nicht verrückt zu werden. Ich vermisste Paul. In der Schule hatten wir immer zusammen abgehangen und im Freibad die Mädels in der hintersten Umkleidekabine durch das winzige Loch in der Bretterwand beobachtet. Wir hatten die hübschen Mädchen in unserer Klasse geküsst und ein bisschen gefummelt, wenn sie es zuließen.

In unserem letzten gemeinsamen Sommer hatten wir die Welt auf den Kopf gestellt, während unsere schmutzigen pubertären Fantasien wie Turbinen wirkten, obwohl wir sie doch nie in die Tat umsetzten. Während dieser Zeit war Pauls kleine flachbrüstige Schwester zu einem heißen Feger herangewachsen. Ich weiß nicht mal mehr genau, wann das passiert war. Eines Tages kam Jenny ohne Zahnspange, dafür aber in knappen Klamotten an, die immer an den richtigen Stellen verrutschten. Plötzlich war alles an ihr anbetungswürdig. Ihre Figur, ihre langen hellblonden Haare, die beim Gehen auf ihren Hüften wippten. Ich liebte sogar ihren Kaugummi-Atem, wenn sie diese Riesenblasen fabrizierte, die dann mit einem ‚Plopp‘ in ihrem Gesicht platzten. Bis heute wusste Jenny nicht, wie sehr ich damals in sie verschossen war. Und auch nicht, dass ich ihren Bruder auf dem Gewissen hatte.

Tobi

Mein Magen knurrte, und meine Speiseröhre brannte von dem Hochprozentigen, der mir tagelang durch die Kehle gelaufen war. Die Coca-Cola-Uhr an der Wand zeigte bereits sieben an. In einer Stunde musste ich zur Arbeit, obwohl ich nicht wusste, wie ich den Tag überstehen sollte. Seufzend stand ich auf, um mir ein paar Brötchen vom Bäcker nebenan zu holen, denn es war höchste Zeit, meinem Magen mal wieder eine solide Grundlage zu gönnen. Nicht mal die Pizza gestern hatte mir geschmeckt, dafür war das Bier problemlos durch meine Kehle geflossen.

Nachdem ich mir meine Geldbörse geschnappt und Sneakers angezogen hatte, öffnete ich die Tür und wäre beinahe über ein gräuliches Bündel gestolpert.

»Miwiau.«

Ein paar untertassengroße grüne Augen starrten mich an.

»Wer bist du denn?« Ich ging in die Hocke und streichelte das zerzauste Fell, dabei konnte ich jede Rippe spüren. Das Tierchen warf sich auf den Rücken und wälzte sich am Boden. Jetzt sah ich, dass es ein kleiner Kater war, und kraulte ihm den Bauch. Sein leises Schnurren drang an mein Ohr.

»Du siehst nicht gut aus«, stellte ich mit einem Blick auf sein verwahrlostes Gesamtbild fest. Schließlich nahm ich den Kater auf den Arm und ging zurück in die Wohnung. In der Küche setzte ich ihn auf den Tisch und öffnete den ziemlich leeren Kühlschrank. »Mal schauen, ob ich was für dich finde.«

Nach einigem Suchen entdeckte ich eine geöffnete Packung gekochten Schinken und nahm eine Scheibe heraus. Ich hielt ihm ein Stückchen hin, und er roch vorsichtig daran, ehe er mir die Beute aus den Fingern riss und verschlang. Schmunzelnd setzte ich mich, fütterte ihn mit kleinen Happen. »Was mache ich denn jetzt mit dir?«

»Miwiau.«

»Du hast einen Sprachfehler, Kleiner.« Mein Blick fiel auf die fast leere Flasche neben mir. »Weißt du was? Du brauchst einen Namen. Wie wäre es mit Tequila? Damit passt du perfekt zu mir und in diese Wohnung.« Ich gab ihm den letzten Bissen, bevor ich ein Schälchen Wasser auf den Tisch stellte.

Als es an der Haustür klingelte, horchte ich auf. Ellen!, schoss es mir sofort durch den Kopf, während ich von einer inneren Unruhe erfasst wurde. Ich straffte mich, setzte eine, wie ich hoffte, möglichst gleichgültige Miene auf und ging zur Tür, dabei klopfte mein Herz zum Zerspringen. Vielleicht hatte sie es sich anders überlegt? War sie zurückgekommen, um mir zu sagen, dass sie mich noch liebte? Ich würde ihr verzeihen, entschied ich spontan und riss die Tür auf.

Aber stattdessen standen Dominik und Chad davor, die beiden teilten sich ein Stockwerk über mir eine Bude.

Chad musterte mich ausgiebig. »What’s up, dude? You look like a piece of shit.«

»Danke, Mann, genau das brauche ich jetzt«, erwiderte ich genervt und drehte mich um. Ich schlurfte zurück in die Küche, die beiden kamen mir nach.

»Was ist los?«, wollte Dominik wissen und lehnte sich an den Kühlschrank.

»Hast du Kaffee?«, fragte Chad mit seinem breiten amerikanischen Akzent. »Unserer ist alle.«

Mit dem Daumen deutete ich auf den Küchenschrank. »Bedient euch, und dann haut ab.«

»Miwiau«, fiepste es unter dem Tisch, und Dominik warf einen Blick darunter. »Hast du mit der Katze das Wochenende verbracht? Die sieht ja genauso fertig aus wie du.«

»Zugelaufen«, erwiderte ich und setzte mich. Ich griff nach der Tequilaflasche, und betrachtete den Rest, der am Boden schwappte., Genauso gut könnte ich mir den letzten Schluck anstelle eines Brötchens gönnen.

Bevor ich sie an die Lippen setzen konnte, schnappte Chad sich die Flasche. »Ich mache Kaffee, und dann erzähl. What happened?«

»Ellen ist weg.« Ich riss ihm die Flasche aus der Hand und schraubte demonstrativ den Verschluss ab. Mir war es scheißegal, dass ich in einer Dreiviertelstunde im Büro sein musste. Die ganze Welt konnte mich mal. Vor allem die Weiber.

»Wie, weg?« Diesmal nahm Dominik mir den Alkohol ab und goss den guten Stoff in die Spüle, ehe ich protestieren konnte.

»Hey, spinnst du?«

Währenddessen hantierte Chad an der Kaffeemaschine herum, und kurz darauf entfaltete sich mit einem zischenden Geräusch eine Kaffeearomawolke im Raum, von der mir übel wurde.

»Sie hat mich verlassen, Ellen hat einen anderen«, sagte ich und nahm stattdessen den kleinen Tequila auf den Schoß, der versuchte, an meinem Bein hochzuklettern. Er schnurrte leise, sein warmer, atmender Körper wirkte irgendwie beruhigend auf mich.

»Never liked her anyway«, gab Chad ungerührt von sich und goss drei Tassen voll, die er auf den Küchentisch stellte, ehe er sich zu uns setzte.

Erstaunt sah ich auf. Bisher war mir nicht aufgefallen, dass er was gegen Ellen haben könnte. »Wie meinst du das?«

»Sie ist so …« Chad suchte nach dem richtigen Wort und schnippte mit den Fingern.

»So kühl«, half Dominik ihm aus.

Was denn? Mochte er sie etwa auch nicht?

»She is not the right one for you.« Chad nahm einen großen Schluck. »Ahhh, that’s good coffee.«

»Bist du nicht hier, um Deutsch zu lernen?«, fuhr ich ihn an, um meiner schlechten Laune ein wenig Luft zu machen. Zwischenzeitlich war Tequila bis hoch auf meine Brust geklettert und schnurrte an meiner Schulter. Ich kraulte ihm den Rücken.

Chad hob eine Augenbraue. »Sie müsste so sein wie die da.« Er deutete auf den Kater. »Wie ein Kätzchen, sweet and natural, aber Ellen ist ein Vulkan. Oh Mann, ich könnte es keine Stunde mit ihr aushalten ohne durchzudrehen. Wie hast du das gemacht?«

»Ach, halt die Klappe«, fuhr ich ihn an. Zugegeben, Ellen konnte schnell aufbrausend werden, was manchmal anstrengend sein konnte, aber sie hatte auch eine andere Seite … diese lustige Art, die manchmal zum Vorschein kam, wenn wir zusammen waren und der Tag entspannt verlief. Außerdem war sie schlichtweg schön – und es war heiß mit ihr im Bett zugegangen.

»Ellen ist heiß«, sagte Dominik, der zwischenzeitlich bei uns am Tisch Platz genommen hatte. »Und du hast nicht bemerkt, dass sie zweigleisig gefahren ist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein … Okay, sie hatte oft schlechte Laune in letzter Zeit, und wir haben auch wie verrückt gestritten, aber wir hatten beide Stress. Scheiße, ich habe ihr trotzdem vertraut.«

Chad lehnte sich zurück. »That’s what I’m saying, man. She is not the one.”

»Quatsch endlich deutsch, wenn du was zu sagen hast”, fuhr ich ihn an, um mich abzureagieren und weil ich seine dummen Kommentare nicht mehr ertragen konnte. Ausgerechnet er musste große Reden schwingen. Chad baggerte dauernd irgendwelche Frauen an und ging nicht gerade zimperlich vor. Der Kerl musste nur mit seinem Akzent spielen, und schon hatte er die Mädels an der Angel. Wirklich, der Typ konnte sie alle haben, dennoch zuckte er jedes Mal im letzten Moment zurück und kam nie zum Stich. Chad verbrachte mit keiner Frau die Nacht, obwohl die sich fast vor ihm entblätterten. Ich vermutete irgendeine Art psychischen Knacks dahinter, anders konnte ich mir sein Verhalten nicht erklären. Von diesem Typen brauchte ich nun wirklich keine Beziehungstipps.

»Du brauchst Ablenkung, reiß ein paar Girls auf, nur fürs Ego«, fuhr Chad unbeirrt fort. »Leg dir ein cooles Auto zu, einen Chick-Magnet. Mit einer geilen Karre kriegst du sie alle in die Kiste.«

»Du bist manchmal so bescheuert.« Ich stürzte den Rest Kaffee runter. Ne geile Karre als Seelentröster. So ein hirnverbrannter Mist konnte nur ihm einfallen. Chad hatte seinen Mustang aus den Staaten hierher überführen lassen und dafür eine Stange Dollars gelöhnt, besser gesagt, sein Vater, der anscheinend irgendwas mit Erdöl in Texas zu tun hatte. Und ja, es stimmte, die Mädels standen auf sein Auto.

Tequila sprang auf Chads Schoß und ließ sich von ihm streicheln. Nicht mal er blieb mir treu.

Dominik lehnte sich zurück. »Ich überlege, ob ich diese Kleine aus dem Nanu-Nana mal auf einen Kaffee einlade.«

»Hast du das immer noch nicht gemacht?« Ich schüttelte den Kopf. Vor einem halben Jahr hatte Dominik diese niedliche Verkäuferin entdeckt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Seitdem gab er bestimmt die Hälfte seiner Kohle, die er als Barkeeper in einer kleinen Szenekneipe verdiente, für Dekokerzen, Servietten, Stofftiere und Sand in allen Farben aus. Das Zeug stand oben überall in deren Bude herum, müllte alles zu und gab den Räumen einen leicht femininen Touch. Dennoch schaffte Dominik es nicht, das Mädchen länger als zwei Minuten in ein Gespräch zu verwickeln, obendrein kannte er noch nicht mal ihren Namen.

»Warum fragst du sie nicht einfach?« Ziehende Kopfschmerzen malträtierten meine Schläfen.

Dominik zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht. Jedes Mal, wenn ich in den Laden gehe, schaut sie mich so an.«

»Wie schaut sie dich an?«, fragte Chad.

»Also so geradeaus. Ich komme rein, und sie steht da und sieht aus, als würde sie du schon wieder denken.« Er zuckte mit den Schultern. »Dann gehe ich an die Regale und guck mir die Sachen an. Die haben echt schöne neue Sektgläser reingekriegt.«

Chad prustete verhalten.

»Auf jeden Fall suche ich dann rum, während sie mich irgendwie beobachtet. Weißt du, wie so ein Privatdetektiv, und ich glaube dann immer, sie denkt, ich klau was.« Er seufzte tief und gequält. »Dann gehe ich an die Kasse, meistens ist ja sowieso nicht viel los, also die perfekte Gelegenheit eigentlich für einen Smalltalk, aber wenn ich vor ihr stehe, kriege ich keinen Ton raus.«

»Was macht sie denn?«, wollte Chad wissen.

»Keine Ahnung, sie lächelt.« Er richtete sich auf, ein Strahlen erhellte sein Gesicht. »Ja, sie lächelt jedes Mal und streicht sich mit einer Hand an ihrem Hals entlang, und manchmal, da steckt sie ihre Haare hoch, dann sieht sie richtig heiß aus, und dann denke ich, was sie von einem wie mir wollen könnte.« Er ließ den Kopf hängen und sah aus wie ein getretener Welpe. Seine wuscheligen braunen Haare hingen ihm in die Stirn. »Bei der habe ich sowieso keine Chance. Also lass ich es, kaufe irgendwas und gehe wieder heim.«

»Du solltest sie fragen«, sagte ich. »Was hast du schon zu verlieren? Mehr als Nein sagen kann sie nicht.«

»Aber wenn sie Nein sagt, kann ich da nicht mehr reingehen, und das war es dann.«

Chad setzte Tequila auf den Boden, der sein T-Shirt schnurrend mit den Krallen bearbeitet hatte. »Warte das nächste Mal, bis sie im Laden herumläuft oder Ware ins Regal einräumt. Dann gehst du an ihr vorbei, ganz dicht, sodass du ihren Body mit deinem spürst, und wenn sie ausweicht, dann … Forget about it.« Er stand auf. »I gotta go.«

Ich warf einen Blick auf die Wanduhr. Verdammt, ich war spät dran. »Ich muss auch los. Um neun habe ich ein Meeting mit meinem Chef wegen Barcelona.«

»Ich will sie auf einen Drink einladen und mir keine Anzeige wegen sexueller Nötigung einhandeln.« Auch Dominik erhob sich seufzend. »Ich warte mal ab, Montag kommen neue Servietten rein, hat sie gemeint. Wir haben sowieso kaum noch welche, also kann ich ja mal vorbeischauen.«

»Wenn du so weitermachst, müssen wir den ganzen Müll aus diesem Shop noch mit einem Gabelstapler aus der Wohnung schaffen.« Chad schüttelte den Kopf und wandte sich mir zu. »Barcelona?«

Ich nickte. »Ja, die Firma will mich für zwei Jahre dorthin versetzen. Ich glaube, ich habe da echt Bock drauf. Mal hier rauskommen und ganz neu anfangen.«

»Sounds great«, stimmte Chad mir zu.

Als die beiden endlich abgezogen waren, ging ich kurz unter die Dusche. Barcelona klang plötzlich wie der Garten Eden für mich. Die vergangenen Wochen hatte ich wegen Ellen mit einer verbindlichen Antwort gezögert, obwohl mein Chef mich mehr als einmal zu dem Umzug gedrängt hatte, was auch meiner Karriere zu einem Riesensprung verhelfen würde. Doch Ellen wollte auf keinen Fall in Spanien wohnen, obwohl sie als Modell sowieso überall in der Welt herumgondelte. Zumindest dieses Problem hatte sich nun von selbst erledigt. Mein Entschluss stand fest. Ich würde eine Zeitlang von hier abhauen, und nichts konnte mich von meinem Plan abhalten.

Jenny

Gähnend ging ich in die Küche, sechs Uhr war eine unmenschliche Zeit zum Aufstehen. Aida saß bereits am Tisch und hackte mit verbissener Miene und beiden Zeigefingern auf ihren Laptop ein, neben ihr stand eine halb geleerte Flasche Cherry Cola. Aus einem mir unerfindlichen Grund war sie süchtig nach dieser Chemiebrühe. Wie es aussah, war sie erst vor ein paar Minuten von der Nachtschicht aus dem Krankenhaus gekommen, und normalerweise verkrümelte sie sich dann immer schnurstracks ins Bett.

»Guten Morgen.« Ich nahm eine Müslischüssel aus dem Schrank, ließ Cornflakes hineinrieseln und gab einen Schwall Milch dazu. »Noch wach?«

Sie hob nur kurz die Hand, ohne aufzusehen. Chinesische Schriftzeichen in allen Farben und Größen rauschten über ihren Bildschirm.

»Was machst du da? Suchst du ein neues Tattoo?« Ich deutete auf ihren tiefen Ausschnitt, der genug Raum bot, um das dort tätowierte chinesische Schriftzeichen gekonnt in Szene zu setzen.

Ein wütendes Schnauben schraubte sich aus ihrer Kehle, weshalb ich unwillkürlich mit dem Kopf zurückwich. Sie hielt in ihrem Getippe inne. »Stell dir vor, was Nick heute zu mir gesagt hat.«

Nur mit Mühe verkniff ich mir ein Grinsen und war ganz Ohr. Die Storys über ihren Kommilitonen, der mit ihr im selben Semester Medizin studierte, entwickelten sich unterhaltsamer als die Stars & Romance das je gekonnt hätte. »Was hat er denn heute schon wieder gemacht?«

»Er hat mein Tattoo gesehen.«

»Nein, dieses Schwein«, erwiderte ich so empört wie möglich, während ich mir mein Grinsen verbiss. »Man sollte den impertinenten Kerl für dieses Verbrechen öffentlich an den Pranger stellen. Sag bloß, du hast ihn immer noch nicht so weit, dass er die Augen schließt, wenn er mit dir redet.«

»Er hat gesagt, mein Tattoo bedeutet Ente süßsauer. Angeblich hat er mal in China gelebt und spricht Mandarin.«

Sie scrollte weiter, und ich beugte mich zu ihr. »Was machst du, wenn es stimmt?«

»Dann verklage ich zuerst den Tätowierer und gehe nie wieder chinesisch essen«, drohte sie in einem Abwasch auch der unschuldigen chinesischen Bevölkerung. Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann mich ja in keinem Asia Imbiss mehr blicken lassen, die denken dann, ich habe sie nicht mehr alle. Es war so peinlich. Nick hat es durch die ganze Cafeteria gebrüllt. Alle haben sein dummes Gequatsche mitbekommen, jeder hat mir in den Ausschnitt gespannt. Er ist so ein Arsch.«

»Ach was, dein Tattoo sieht super aus, egal, was es bedeutet, lass dir nichts einreden. Außerdem ist Ente süßsauer total lecker. Behaupte einfach, es wäre eine Hommage an die chinesische Küche.«

Ihr skeptischer Blick traf mich auf der Stelle. »Aufmunterungsversuch misslungen.« Sie verharrte mitten in den Suchergebnissen und deutete auf ein Schriftzeichen, das ohne Zweifel dem ihrigen entsprach. Ein Klick auf Bedeutung brachte die Wahrheit ans Licht. Innerer Einklang stand dort gerahmt von exotischen Blüten neben einem winzigen Buddha.

»Er ist so ein Arsch. Ich hasse ihn.« Mit einer energischen Handbewegung klappte sie den Laptopdeckel zu. »Dafür kann er was erleben, Rache ist süß.«

Kichernd schob ich mir einen Löffel Flakes in den Mund. »Da bin ich ja mal auf die Fortsetzung gespannt.«

Aida stand auf und streckte sich gähnend. »Ich bin hundemüde. Was machst du eigentlich so früh auf den Beinen?«

»Erster Arbeitstag.«

»Oje, ich dachte, du wolltest dich mehr auf deine Musik konzentrieren.«

Ich nickte. »Will ich eigentlich auch, aber mein Vater hat mir diese dämliche Stelle besorgt und mir am Telefon noch hundertmal erklärt, wie wichtig sie für uns alle ist. Eine Riesenchance, bla bla.« Meine Stimme klang bitterer, als sie sollte. Ich wollte diesen verdammten Job nicht haben.

»Dann lass es doch sein, wenn du dich damit nicht wohlfühlst. Es ist immerhin dein Leben, du musst die nächsten vierzig Jahre in diesem Job verbringen.«

»Und wie soll ich das meinem Vater klarmachen? Er rechnet fest damit, dass ich die Firma übernehme, und für diese Aufgabe brauche ich einfach ein bisschen Erfahrung, da hat er schon recht.«

»Aber was ist mit deiner Musik? Du hast so eine außergewöhnliche Stimme. Dein Talent solltest du nicht einfach verschwenden.«

Wie in Zeitlupe ließ ich den Löffel sinken. Ihre Mahnung traf mich heftiger, als ich mir eingestehen wollte. Ich wusste selbst, dass sich ein Fulltime-Job und eine Gesangskarriere nur schwer miteinander vereinbaren ließen. Aber was sollte ich machen? »Ich werde trotzdem noch auftreten, keine Sorge.« Hin und wieder sang ich in Bars oder Kneipen, allerdings immer getarnt mit einer schwarzen Perücke und viel Make-Up, damit mich keiner erkannte und meinem Vater verraten konnte, was ich so trieb, während ich auf seine Kosten BWL studierte. Schon als Kind hatte ich die Bühne geliebt, durfte bei Schulveranstaltungen singen und meine Musiklehrerin hatte mir sogar gratis Gesangsunterricht gegeben, weil sie an mein Talent glaubte. Mein Vater hatte damals nie eine Aufführung von mir besucht, er war immer zu beschäftigt mit der Firma gewesen. Einmal hatte ich bei einem Gesangswettbewerb in der Schule den ersten Preis gewonnen. Ich hatte gewonnen! Eine Medaille bekommen, zusammen mit Standing Ovation, aber nicht Mal an diesem Tag hatte er sich blicken lassen. Es tat weh, dass fremde Menschen mehr an mein Talent glaubten, als meine eigene Familie. Mein Vater hatte mich nie wirklich singen hören, aber ich konnte mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen.

Ich stand auf und stellte die Schüssel scheppernd in die Spüle, bevor ich mich auf den Weg zu meinem neuen Job machte, der mich für die nächsten Jahrzehnte in ein staubiges Büro fesseln würde.


Zaghaft klopfte ich an die Tür, im ganzen Gebäude roch es nach heiß gelaufenen Computern, schwitzenden Menschen und irgendeinem chemischen Putzmittel. Die freundliche Dame unten am Empfang hatte mir meinen Betriebsausweis ausgehändigt und mich dann in den dritten Stock geschickt, wo ich mich bei der Assistentin meines neuen Chefs melden sollte.

»Herein«, sagte eine glockenhelle Stimme, und ich öffnete die Tür. Eine Frau in meinem Alter mit einer Haut wie Milchschokolade und wilden hellbraunen Locken saß an einem Schreibtisch und sah mir lächelnd entgegen.

Schon das zweite freundliche Gesicht heute, wenigstens etwas.

»Guten Morgen, mein Name ist Jenny Riema. Ich soll mich bei der Assistentin von Herrn Lehmann melden.«

Sie winkte mich zu sich. »Hallo, hier bist du richtig. Ich bin Jemailla. Wir duzen uns in dieser Firma alle bis hoch zum Chef. Firmenphilosophie.«

»Oh, ja klar.« Ich mochte diese amerikanisch-adaptierte Lockerheit. Da fühlte sich der Job gleich halb so schlimm an - nein das stimmte nicht.

»Der Chef erwartet dich schon, ich gebe ihm gleich Bescheid.« Sie drückte einen Knopf an ihrem Telefon.

»Was gibt’s?«, schnauzte eine barsche Stimme im Militärjargon durch den Lautsprecher. Der Tonfall erinnerte mich an den meines Vaters, kein Wunder, dass die zwei sich blendend verstanden.

»Jenny Riema wäre dann hier.«

»Soll reinkommen.«

Jemailla deutete auf eine gepolsterte Tür mit Messingbeschlägen. »Du darfst in die heilige Stätte eintreten.«

Ein Hauch von Ironie umspielte ihre Lippen.

»Danke.« Ich stand auf. »Muss ich mich dort drinnen auf den Boden werfen und darauf achten, den Dalai-Lama nicht zu überragen?«

Mir war egal, ob sie ihrem Boss meine kleine Respektlosigkeit verraten würde. Ich wollte diesen Job sowieso nicht haben.

Aber sie lachte amüsiert auf. »Du solltest ihm auf jeden Fall nie den Rücken zuwenden«, erwiderte sie mit einem Augenzwinkern.


Eine geschlagene dreiviertel Stunde später stand ich wieder bei Jemailla auf der Matte. Ich war fix und fertig und verfluchte diesen unglückseligen Job jetzt schon. Meine Hauptaufgabe würde vorerst darin bestehen, Listen fürs Controlling auszuwerten und vorzubereiten. Zu allem Übel hatte Hans Lehmann mir auch noch klargemacht, dass es üblicherweise ein No-Go war, die Firma vor halb acht Uhr abends zu verlassen. Dies sei natürlich jedem Mitarbeiter freigestellt, also nicht verpflichtend, aber sämtliche Angestellten mussten an der geöffneten Tür des Abteilungsleiters vorbei, was mich jedoch nicht abschrecken sollte, mir meine Arbeitszeit frei einzuteilen - vor allem in der Probezeit. Dazwischen hatte er Jemailla dreimal antanzen lassen, ihr Befehle zugebellt oder sie zur Schnecke gemacht, weil sie angeblich zu langsam wäre oder unfähig. Zu meiner Überraschung hatte die Chefassistentin jeden Anpfiff an sich abperlen lassen wie eine Scheibe die Regentropfen.

Jemailla hielt in ihrer Arbeit inne. »Du lebst ja noch.«

Ich ließ mich auf den freien Stuhl vor ihrem Schreibtisch fallen und fächerte mir mit einer Hand Luft zu. »Puh. Hans hat ein sehr energisches Wesen.«

»Zähne zusammenbeißen und ans Gehalt denken.« Sie heftete einen Stapel loser Blätter zusammen. »Ich höre einfach nur halb hin, wenn er redet.«

»Er hatte also nicht nur einen schlechten Tag?« Meine Hoffnungen schwanden, ihn lediglich in unpässlicher Tagesform erwischt zu haben.

»Oh, heute hat er extrem gute Laune.« Jemailla klang spöttisch. Die Gute schien seine chronischen Degradierungsallüren nicht sonderlich tragisch zu nehmen. An ihrer Stelle würde ich wahrscheinlich jeden Tag heulend aus der Firma rennen und meine Unfähigkeit in Eimern gefüllt mit Margaritas ertränken.

Ich strich mir die verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht, Hans hatte mich erschöpft. »Du sollst mich zu meinem Arbeitsplatz bringen, und zwar zack, zack«, imitierte ich seinen Kasernenhofton. »Offenbar wartet mein neuer Kollege bereits sehnsüchtig mit einem Stapel Arbeit auf mich, der so hoch ist wie der Eiffelturm.«

Sie stand auf. »Mit dem größten Vergnügen. Du teilst dir übrigens das Büro mit dem heißesten Kollegen der ganzen Firma, ich will nichts mehr hören.«

Ui, das klang vielversprechend. Gegen ein knackiges Kerlchen in unmittelbarer Sichtweite hatte ich nichts einzuwenden. Auf einmal wurde ich hellwach. Mein Job wirkte plötzlich gar nicht mehr so düster und schrecklich. Ich würde den Großteil des Tages mit einem heißen Typen verbringen – es gab Schlimmeres im Leben. Vielleicht erinnerte sich das Universum endlich an meine Existenz und er war noch solo. Dabei war heute nicht mal der 14. Februar. Ob ich meiner Zeit voraus war?

Tobi

Geschlagene zehn Minuten starrte ich nun schon auf den Bildschirm und konnte mich nicht aufraffen, endlich diese verfluchte Analyse fertigzustellen. Ich hätte heute nicht ins Büro kommen sollen. Warum hatte ich mich nicht einfach krankgemeldet? Ich fühlte mich immer noch richtig beschissen. Die Filmmelodie von Darth Vader düdelte aus meinem Handy. Luca. Meine ehemalige Mitbewohnerin im Studentenwohnheim. Was wollte die denn? Ich hatte schon ewig nichts mehr von ihr gehört. Genauer gesagt, seit sie vor Wochen mit meinem Kumpel Ben zusammengezogen war, der damals auch zu unserer WG gehört hatte.

»Hast du Sehnsucht nach mir, Baby?«, säuselte ich mit tiefer Verführerstimme.

»Nein, dein Arsch ist mir zu haarig«, erwiderte eine männliche Stimme. Ben. »Außerdem sind deine Möpse winzig.«

»Was machst du an Lucas Handy? Nicht mal ungestört flirten kann man mit deiner Freundin.«

»Als ob du bei Luca Chancen hättest, solange sie mich haben kann.«

Ich lachte. »Was geht ab, Mann?«

»Mein Akku ist alle, deswegen ruf ich von Lucas Handy an. Ich wollte was mit dir besprechen, hast du irgendwann die nächsten Tage Zeit?«

»Und worum geht’s? Sag bloß, ihr wollt heiraten oder so was Verrücktes. Hast du sie etwa geschwängert?«

Ein kleiner Hustenanfall blockierte Bens Antwort. »Nichts dergleichen«, brachte er schließlich über die Lippen. »Und was ist mit dir? Hast du Ellen noch keine Fingerfessel angelegt?«

»Mit Ellen ist Schluss.«

»Was?« Ben klang entgeistert.

»Ja, sie hat mich verlassen – für einen anderen. Aber reden wir nicht darüber. Worum geht es?«

»Das tut mir echt leid.«

»Was tut dir leid?«, fragte eine helle Stimme im Hintergrund. Luca. Die auch noch. Bestimmt würde sie mich gleich trösten wollen, oder mir gut zureden, was ich gerade gar nicht gebrauchen konnte. Obwohl ich Luca wirklich mochte, wollte ich lieber meine Ruhe haben. Ich hörte Ben murmeln, wahrscheinlich hielt er eine Hand über das Handy.

»Luca sagt, wenn du reden willst, kannst du jederzeit vorbeikommen, aber wenn du lieber saufen willst, bin ich sofort dabei. Aua.« Eine kleine Pause trat ein. »War doch nur ein Witz.«

»Richte Luca danke aus, und auf dein Angebot komme ich bestimmt noch zurück, aber jetzt sag endlich, was Sache ist.«

»Es ist was Geschäftliches, aber ich muss dir das zeigen. Also?«

»Was denn?«

»Du musst es sehen.«

Ich überlegte, gerade hatte ich null Energie für Überraschungen. Aber wenn mich einer ablenken konnte, dann Ben. »Wie wäre es Sonntagnachmittag? Samstagabend werde ich wohl ein bisschen um die Häuser ziehen.«

»Bist du dann schon wieder nüchtern?«

»Haha.«

Ben lachte. »Dann komme ich gegen drei vorbei.«

»Alles klar, mach’s gut.«

»Du auch … Ach, Tobi.«

»Ja?«

»Sei froh, dass du sie los bist.« Ben legte auf, bevor ich nachhaken konnte. Es klang, als wüsste er etwas, das er mir nicht sagen wollte. Zwar war es nie ein Geheimnis gewesen, dass er und Ellen sich nicht leiden konnten, aber bisher hatte er unsere Beziehung noch nie laut kritisiert. Warum hatte er das gesagt? Ich beschloss, ihn Sonntag darauf anzusprechen.


Mein Energiepegel sank drastisch, dabei war es noch nicht mal neun. Gerade wollte ich mir einen doppelten Espresso an diesem neuen chromglänzenden Schickimicki-Kaffeeautomaten holen, da klopfte es an der Tür. Jemailla kam rein, hatte jemanden im Schlepptau, und ich traute meinen Augen nicht.

»Hallo Tobi.« Jemailla lächelte mich an. »Ich bringe dir deine neue Kollegin, Jenny Riema.« Sie musterte mich eindringlich, ich wusste, dass ihrem Adlerblick mein desolater Zustand nicht entging. »Na, so wie du heute aussiehst, kannst du Verstärkung wohl gut gebrauchen.«

»Du verstehst es einfach, einen aufzubauen.«

Ihr Lachen klang amüsiert. »Immer zu Diensten.«

Ich wagte es kaum, die beiden anzusehen. Was zum Teufel hatte Jenny hier verloren? Schmorte ich bereits in der Hölle für all meine Sünden? Ausgerechnet Jenny war meine neue Kollegin? Mein Leben glich mittlerweile einem dieser schlechten Katherine-Heigl Filme.

Meine Schläfen pochten, während ich möglichst unauffällig die Lage sondierte. Jennys Blick verriet nicht, was in ihr vorging, aber Freude oder wenigstens neutrale Freundlichkeit sah definitiv anders aus.

»Jenny, das ist Tobi.« Jemailla stupste ihr mit dem Ellenbogen in die Seite. »Ich kann dir versichern, er sieht sonst nicht so fertig aus. Normalerweise ist er unser Firmen-Hottie.«

»Jemailla, heute ist kein guter Tag für blöde Scherze.« Mein Blick klebte förmlich an Jenny, ich konnte nicht fassen, dass sie wahrhaftig in der Tür stand.

Jemaillas Miene wurde ernst. »Ist irgendwas?«

Jennys Mund stand so weit offen, dass es schon witzig aussah. Als wären ihre Gesichtszüge eingefroren, starrte sie mich an. Offensichtlich verarbeitete sie meine Anwesenheit noch schlechter als ich die ihrige. Autsch.

»Ist was?«, wiederholte Jemailla, ihr Blick wechselte zwischen uns beiden hin und her.

Noch immer rührte Jenny sich nicht, aber jetzt bekam sie wenigstens ihre starre Mimik wieder in den Griff, denn ihre Miene verdüsterte sich mit jeder Sekunde, bis sie mir mit Blicken wütende Blitze entgegenschoss. Diese Frau wusste definitiv wie man sich kommunikationslos mitteilte. Unser kurzes Gespräch vor ein paar Tagen hatte wohl nicht zur Auflockerung unserer angespannten Gesamtsituation beigetragen. Eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt, ihr nie wieder zu begegnen.

Schließlich stand ich auf und ging zu ihnen. Was sollte ich machen? Sitzenbleiben und sie ignorieren? »Wir kennen uns von früher.« Nach kurzem Zögern streckte ich Jenny die Hand entgegen. »Hallo Kollegin.«

Ihr Blick schweifte durch den Raum, sie inspizierte jeden Zentimeter, nur meine Hand beachtete sie nicht. Stattdessen deutete sie auf den Schreibtisch, der meinem direkt gegenüberstand. Wir würden Auge in Auge sitzen. »Das ist dann wohl mein Platz, nehme ich an«, sagte sie, während sie an mir vorbeischlenderte.

Wie in Zeitlupe ließ ich die Hand sinken. Zu meinem schlechten Gewissen, das sich erneut in ihrer Nähe einstellte, gesellte sich eine unterschwellige Wut über ihr patziges Verhalten. »Ja, wir arbeiten sozusagen Hand in Hand, ist das nicht großartig?«

»Traumhafte Arbeitsbedingungen«, konterte sie und öffnete die Schubladen.

»Also, ich lasse euch Turteltauben dann mal allein«, zwitscherte Jemailla. »Soll ich vorsichtshalber alle spitzen Gegenstände konfiszieren?«

Ich lachte demonstrativ auf. Jenny hatte sich zu einer arroganten Oberschnepfe gemausert. Da sollte noch einmal jemand ein schlechtes Wort über Ellens Charaktereigenschaften verlieren. Neben Jenny wirkte selbst Ellen wie ein sanftmütiger Engel.

»Wie sieht’s aus, Jenny? Rammst du mir den Brieföffner in den Rücken, wenn ich nicht aufpasse?«

»Die meisten Unfälle passieren nun mal am Arbeitsplatz«, erwiderte sie mit freundlicher Stimme.

»Dachte, im Haushalt.« Jemailla winkte im Weggehen. »Ich hole dich zur Mittagspause ab und zeige dir die Kantine. Oder willst du die Firmentour übernehmen, Tobi?«

»Ich will Jenny nicht den Appetit verderben.«

»Ich habe auch einen sehr empfindlichen Magen.« Jenny schnitt eine Grimasse.

Nachdem ich mich wieder hingesetzt hatte, beschloss ich, Jenny zu ignorieren, was gar nicht so einfach war. Ein leichter Duft von Honig und Vanille wehte mir entgegen, und mir stockte der Atem. Sie roch noch genauso gut wie früher. Ich glaube, ich hätte sie auch nach Jahren in einer stockfinsteren Nacht allein an ihrem Duft erkannt.

»Also«, begann ich, nachdem Jemailla die Tür geschlossen hatte und lehnte mich zurück. »Wir beide in einem Büro, wer hätte das gedacht?« Obwohl Jenny noch nie der Fraktion der Diplomaten angehört hatte, versuchte ich es im Guten.

»Offenbar hatte ich noch nicht genügend Schicksalsschläge im Leben«, konterte sie trocken und ohne eine Miene zu verziehen.

»Vielleicht können wir es ja auf einer kollegialen Ebene versuchen.«

Sie lachte einen Tick zu schrill auf. »Ich will gar nichts mit dir versuchen, kapiert? Du hast dich damals wie das allerletzte Arschloch benommen, und jetzt kommst du allen Ernstes daher und machst einen auf Kollegen? Du hast vielleicht Nerven.«

Ihre Worte fühlten sich an wie verspritztes Gift. »Was passiert ist, ist Jahre her, verdammt.«

»Echt?« Für einen Moment sah ich Schmerz in ihren Augen aufblitzen. »Mir kommt es vor wie gestern.«

Ich atmete tief durch. »Es tut mir wirklich leid, wie die Sache damals zwischen uns gelaufen ist.«

»Ein paar Jahre zu spät, findest du nicht?« Sie lachte spöttisch auf. »Bisher schien sich dein schlechtes Gewissen in Grenzen zu halten, oder weshalb hast du es all die Jahre nicht für nötig gehalten, dich zu entschuldigen?«

»Weil …« Ich stockte, fühlte mich in die Enge getrieben. Warum hatte ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet? Wenn ich ihr darauf eine Antwort gab, musste ich zwangsläufig auch gestehen, warum ich sie so mies behandelt hatte, und das konnte ich nicht. Ich wünschte, ich hätte sie damals nicht verletzen müssen, aber es ging nicht anders. Jenny war mir wichtig gewesen, viel zu wichtig. Würde ich ihr meine Gründe erklären, ihr beichten, was passiert war, würde ihr die Wahrheit noch viel mehr wehtun. Es war zu ihrem Besten, zu ihrem eigenen Schutz, auch wenn sie das bis heute nicht verstand. Wie auch?

»Weil ich dir scheißegal war«, beendete sie den Satz für mich mit abfälliger Stimme. Sie sah mich kampflustig an, ihre blauen Augen blitzten, als würde sich das Licht in einem Diamanten brechen. Ich hatte ganz vergessen, wie schön ihre Augen waren.

»Warum machen wir nicht einfach einen Schnitt?« Ich schaffte ein gezwungenes Lächeln. Obwohl ich wusste, dass ich keine Vergebung von ihr zu erwarten hatte, sollte doch wenigstens ein einigermaßen professionelles Verhältnis zwischen uns drin sein. »Immerhin sind wir jetzt Kollegen. Können wir uns nicht einfach professionell verhalten?«

»Okay«, lenkte sie eine Spur zu schnell ein und machte ihren PC an. »Wie war dein Wochenende?« Grinsend sah sie hoch. »Trennung schon verkraftet? Ist schon ein blödes Gefühl, wenn man so knallhart verarscht wird, nicht wahr?«

Ich spürte eine dunkle Welle von Schadenfreude, die über den Tisch zu mir herüberschwappte. Ihr Gerede machte mich langsam stinksauer. Sie wollte Krieg? Nun, gut.

Betont langsam stand ich auf und ging zum Regal. Dort holte ich den Ordner mit den Protokollen, die wir so lange abhefteten, bis ein Azubi unserer Abteilung zugeteilt wurde, der dann Tage damit beschäftigt war, die Zahlen ins System einzupflegen.

Mit einer übertrieben langsamen Geste legte ich den Ordner vor ihre Nase und öffnete den Deckel. »Diese Listen, es sind mittlerweile 175 Seiten, müssen ins System eingepflegt werden.«

Entgeistert sah sie mich an. »Das ist Arbeit für einen Praktikanten oder Azubi im ersten Jahr, so was dauert Wochen.«

Mein Grinsen wurde breiter. »Da ich hier weder noch sehe, ist das wohl jetzt deine Aufgabe.«

Jenny

Jemailla steckte den Kopf zur Tür herein. »Lebt ihr noch?«, gluckste sie.

»Er nicht mehr lange.« Mit dem Daumen deutete ich über den Tisch, während ich den verdammten Ordner zuschlug. Vier Seiten hatte ich in drei Stunden ins System eingepflegt, zwischendurch war ich einmal kurz auf der Toilette verschwunden. Vor meinen Augen schwirrten nur noch Zahlen.

Tobi beugte sich über den Tisch. »Jeder fängt mal klein an. Wenn du schön brav bist, darfst du morgen vielleicht die Adressliste der Kunden aktualisieren.«

Okay, er spielte nicht länger den reuigen Sünder, sondern zeigte mal wieder sein wahres Wesen. Eine klare Ansage.

Eine Sekunde zu lange sah ich ihm in die Augen, bevor ich es endlich schaffte, mich abzuwenden und den viel zu intensiven Blickkontakt zu unterbrechen. Tobi machte mich so rasend, dass mir keine passende Beleidigung einfiel. Was mich zusätzlich aufregte. Er konnte froh sein, dass ich ihm körperlich unterlegen war …

Jemailla kicherte, sie schien unsere absurde Situation auch noch witzig zu finden. »Wenn sie dann auch noch die Kopien für dich übernehmen darf, gibst du aber zu viele anspruchsvolle Aufgaben auf einmal aus der Hand.«

»Jenny soll sich bei mir wohlfühlen.« Gemächlich lehnte sich Tobi zurück. Sein dunkelgraues Hemd spannte leicht und betonte seinen muskulösen Brustkorb und seine gut geformten Oberarme.

Verdammt, warum fiel mir das auf? Warum starrte ich ihn überhaupt an? Ich war eine Idiotin.

»Du bist zu gut zu mir …«, überspielte ich meinen kurzen Moment der Schwäche und legte theatralisch eine Hand auf die Brust. » …und hast dich kein bisschen geändert«, schoss ich hinterher.

Er setzte sich aufrecht hin. »Ich bin jetzt vierundzwanzig«, fing er überflüssigerweise an, als ob ich nicht zählen könnte. Er war nämlich derselbe Jahrgang wie mein toter Bruder. »Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, war ich siebzehn und du sechzehn. Können wir die Vergangenheit nicht einfach abhaken? Ja, ich weiß, ich habe Mist gebaut, böse Sachen gesagt und mein Verhalten tut mir unendlich leid. Aber ich kann es nicht mehr ändern, so gern ich das auch täte.«

»Steht dir gut, die Samariterpose«, sprang Jemailla mir bei. Am liebsten hätte ich sie dafür abgeknutscht, denn mir fiel schon wieder keine gute Antwort ein. Sie hatte ja so recht. Außerdem war es unglaublich, dass er vor Jemailla so tat, als würde ich über ein paar harmlose Teenager-Fiesheiten nicht hinwegkommen. Dem war nicht so, ganz und gar nicht. Und das wusste er.

Tobi wandte sich ihr zu. »Was?«

»Na, wie du die ganze Last eurer kaputten Teenagerbeziehung auf dich nimmst, hat schon was Wohltätiges an sich. Du bist ein wahrer Held.«

»Zwischen uns gab es nie eine Beziehung«, stellte ich sofort klar. Dieser feine Unterschied war wichtig, so viel Zeit musste sein.

»Und wo liegt dann dein Problem?« Jemailla klang ehrlich erstaunt. »So wie ihr euch aufführt, könnte man meinen, Tobi hätte dir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen deine Jungfräulichkeit geraubt.«

»Das könnte so gewesen sein«, erwiderte ich kryptisch, weil ich eigentlich nicht vorgehabt hatte, meine Bettgeschichten im Büro herauszuposaunen.

Jemailla wich mit dem Kopf zurück. »Oh, ihr habt tatsächlich miteinander …«

»Was er danach getan hat, war das Fiese«, unterbrach ich sie.

»Ich kann nur tausend Mal wiederholen, wie leid mir das tut, Jenny. Aber du gibst mir ja nicht mal eine Chance.«

»Weil du keine verdient hast«, gab ich giftig zurück, obwohl ich wusste, wie zickig ich auf Jemailla wirken musste. Aber sie hatte ja keine Ahnung. Ich war ganz allein am offenen Grab meines Bruders gestanden, niemand war in dieser Stunde für mich da gewesen, vor allem Tobi nicht. Er war nicht einmal zur Beerdigung erschienen, war zum Begräbnis seines besten Freundes nicht aufgetaucht! Dieses Gefühl wünschte ich niemandem, nicht mal meinem schlimmsten Feind und das heftigste: Er hatte ganz bewusst provoziert, dass es mir schlecht ging, er hatte mich absichtlich im Stich gelassen. Ich würde Tobi nie wieder vertrauen, so dumm war ich kein zweites Mal. Auch wenn es nach außen hin nicht so aussah, war ich nicht einfach nur nachtragend, sondern hier ging es mehr. Um Selbstschutz. Ich war damals fast verreckt, so schlecht war es mir gegangen, und zum großen Teil war Tobi schuld daran gewesen. Ich wollte ihn nicht mehr in meinem Leben haben. Diesen Schmerz stand ich kein zweites Mal mehr durch.

Als ich Jemaillas verständnislose Miene bemerkte, hätte ich Tobi am liebsten den Locher an den Kopf geworfen.

Toll. Jetzt hatte der Kerl es sogar geschafft, meinen ersten guten Eindruck zu schrotten. Er war wirklich noch ganz der Alte. Er saß mit mitleidserregendem Büßerblick da und wirkte wie die Unschuld in Person.

Das war einfach zu viel. Spontan beschloss ich, ihn zu ignorieren, und stand auf. Mein Magen knurrte. »Gehen wir essen.« Mit großen Schritten durchquerte ich den Raum.

»Ähm, Jenny«, hielt Tobi mich auf, als ich schon bei der Tür angelangt war.

Herrgott, was denn noch? Meine Hände ballten sich zu Fäusten.

Nur widerwillig drehte ich mich um, ich brauchte dringend eine Pause von ihm – eine sehr, sehr lange. Der Kerl schaffte es wirklich, einem den letzten Lebenswillen aus dem Körper zu saugen. »Gibt’s ein Problem?«, ging ich schnippisch auf Konfrontation. »Darf der Azubi erst dann Mittagessen, wenn du es gestattest?«

»Nein, natürlich nicht.« Er winkte ab. »Ich wollte dich nur auf …«

Ich stöhnte theatralisch. »Erspar mir gute Ratschläge, okay?«, schnitt ich ihm das Wort ab, damit er endlich mal seine Klappe hielt.

Wider Erwarten zuckte Tobi einfach nur mit den Achseln. »Vergiss es. Wollte dir nicht zu nahetreten.«

Jemailla legte eine Hand an die Klinke. »Schade, dass ich nicht bei euch im Büro arbeite. Ich bräuchte nur noch Popcorn. Ihr seid unterhaltsamer als jede Soap.«

»Wirklich?« Tobi hob eine Augenbraue. »Ich glaube langsam, ich bin im falschen Film.«

»Gehen wir«, sagte ich im Weggehen und bog in den weitläufigen Gang.

Jemailla stöckelte neben mir her. »Der arme Tobi kann einem richtig leidtun.«

»Er kann einem leidtun?« Ich verstand die Welt nicht mehr. Tapfer widerstand ich dem Drang, der Sache auf den Grund zu gehen. Selbst vorsichtiges Nachfragen hätte wahrscheinlich nur unnötige Erklärungen meinerseits nachgezogen, und ich hatte keine Lust, diesen dunklen Teil meiner Vergangenheit am ersten Arbeitstag vor einer Fremden auszubreiten. Dass ich ihr von meiner Kissenschlacht mit Tobi erzählt hatte, waren schon zu viele unnötige Informationen gewesen. Außerdem war nicht ich die Böse – diesen Gedanken wiederholte ich immer wieder.

»Er ist ein Netter.«

»Da habe ich andere Erfahrungen gemacht.« Keiner sollte Tobi in Schutz nehmen, für eine Ladung Mitleid gab es mit Sicherheit keinen Grund.

Zwei Männer überholten uns, die mich im Vorbeigehen lachend musterten. Was war denn mit denen los?

»Er ist so was von fake, das kannst du mir glauben«, sprudelte es aus mir heraus.

»Tatsächlich?« Jemailla warf mir einen irritierten Seitenblick zu. »Aber er ist heiß.« Sie machte ein Geräusch, als hätte sie sich verbrannt. Genau das hatte ich bei ihm getan: Mir ganz gehörig die Finger verbrannt.

»Ist mir gar nicht aufgefallen«, log ich und zuckte die Schultern. Sein zugegeben blendendes Aussehen war das Letzte, was mich an ihm noch beeindrucken konnte. In dieser Hinsicht war ich geheilt. »Er ist wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde,«, startete ich einen letzten Versuch, der von Jemailla müde belächelt wurde. Sie war mir sympathisch, genau aus diesem Grund erzählte ich ihr das alles. Ich wollte sie vor Tobi beschützen, dem egoistischsten Mann, den ich kannte.

Eine Gruppe Frauen kam an uns vorbei, die sich kichernd anstießen, wie ich irritiert feststellte.

Wir betraten die Kantine und gingen die Treppe nach oben zur Essensausgabe. Hinter mir erklang schon wieder Gelächter. Ein wirklich lustiger Haufen.

Jemailla deutete auf ein Schild. »Zwei normale Gerichte und ein vegetarisches zur Auswahl.« Ihre vollen Lippen verzogen sich. »Curry-Hirsebällchen. Die schmecken richtig fies.«

»Danke für die Warnung.«

Wir liefen in Richtung der Schlange, die sich dort gebildet hatte, als mir jemand auf die Schulter tippte.

»Entschuldigung.«

Ich drehte mich um. »Ja?«

Ein älterer Herr mit grauem Schnauzer sah mich schmunzelnd an. »Ihnen hängt da was aus der Hose.«

Hastig drehte ich mich nach beiden Seiten, während ich versuchte, einen Blick auf meinen Hintern zu erhaschen. Meine Wangen heizten sich auf. Ein langer Streifen Klopapier flatterte aus meinem Hosenbund, den ich wie eine Fahne durch die ganze Firma hinter mir hergezogen hatte.

Oh, shit. Das kleine Malheur musste mir schon vor einer Stunde auf der Toilette passiert sein. Hastig riss ich das Papier ab und entsorgte es mit spitzen Fingern im Mülleimer.

»Ich hab’s auch nicht gesehen, sorry«, kam es von Jemailla, als ich zurückkam, sie verbiss sich ein Grinsen. Ich nahm mir ein Tablet vom Stapel und konnte mir ein Prusten nicht verkneifen. Gott, ich war so ein Tollpatsch. »Scheiße«, kicherte ich, auch Jemailla begann zu lachen. »Als hätte ich die Olympischen Toilettenspiele eröffnet«, gluckste ich.

»Oder die weiße Fahne für alle Klogänger geschwenkt. Freiheit für alle besetzten Toiletten im Land«, verkündete sie gespielt wichtig, worauf wir beide losprusteten.

»Ich war die Klofrau von Orleans«, machte ich weiter, während ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn klatschte.

»Du wolltest bloß ein bisschen Klopapier für schlechte Zeiten bunkern, gib es zu.« Jemailla stupste mich mit dem Ellenbogen an.

»Wundert dich das bei meinem mickrigen Gehalt?«

Ein Stück weiter neben uns stand Tobi inmitten einer Gruppe Männer. Er grinste breit. Das hatte er mir wohl vorhin mitteilen wollen, um mich vor einem blamablen Auftritt zu bewahren. Als ich ergeben beide Hände hob und mit den Achseln zuckte, tat er dasselbe, als wollte er mir sagen: Halb so wild. Meine Wut auf ihn milderte sich etwas ab, es fühlte sich an, wie eine kurze Feuergefechtspause. Unwillkürlich machte mein Herz einen kleinen Satz, als ich realisierte, dass wir uns immer noch ansahen und die Welt für einen Moment stehengeblieben war. Eine Art nostalgische Wehmut zog plötzlich in meiner Brust, als würde dort drüben ein anderer Mann stehen: mein Seelenverwandter.

Jenny

Ich saß mit Jemailla am Tisch und futterte meinen Salat, der ein wirklich leckeres Dressing hatte, haute richtig rein, um mich für die nächste Schlacht mit Tobi zu stärken.

»Bist du eigentlich Single?«, fragte sie und löste ein Stückchen Pute von einem Holzspieß.

»Ja, ich habe mir eine Männerauszeit genommen«, formulierte ich es positiv.

»Schlechte Erfahrung gemacht?«, durchschaute mich Jemailla sofort.

Ich nahm einen Schluck von meinem Mineralwasser, das mir bis in den Rachen prickelte. »Ach weißt du«, winkte ich ab. »Ich brauche keinen Mann, um glücklich zu sein. Eine Frau sollte erst mit sich selbst im Reinen sein, bevor sie auf Partnersuche geht. Ein Partner sollte nämlich eine Bereicherung im Leben sein und nicht der Eckpfeiler, auf dem man sein eigenes Glück aufbaut.«

Jemailla hob eine Augenbraue. »Wo hast du denn das gelesen?«

»Zu dieser Erkenntnis bin ich ganz allein gekommen.« Und zwar aus bitterer Erfahrung.

»Du bist sehr weise«, ließ sie mich wissen, worauf wir beide kicherten, bevor Jemailla ein tiefer Seufzer entwich. »Ich hätte schon gern mal wieder einen Freund. Meine letzte Beziehung ist neun Monate her, in der Zeit tragen andere Frauen ein ganzes Kind aus … Die Tussi zum Beispiel, mit der mein Letzter mich betrogen hat. Aber ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto schwieriger wird es, einen normalen Mann ohne Macken oder Beziehungsschaden kennenzulernen, den ich dann ausbaden darf.«

Ich nickte, da konnte ich nur zustimmen. Mein letztes Exemplar war sogar schwul gewesen, und nie wirklich auf mich gestanden. »Ich habe mal gelesen, dass sich Männer seit der Steinzeit nicht mehr großartig weiterentwickelt haben. Ihr Hauptziel ist es immer noch zu jagen und ihre – wie sie glauben - wertvollen Gene im weiten Umkreis zu verstreuen. Rein evolutionstechnisch gesehen, bleibt ihnen schon deshalb nichts anderes übrig, als sich zu Polygamisten zu entwickeln. Die heutige Gesellschaft ächtet diese Form der Partnerschaft zwar, aber das bedeutet nicht, dass Männer nicht doch ihrer Jahrtausende langen genetischen Prägung folgen und versuchen, mehrere Frauen gleichzeitig zu begatten.« Ich holte Luft. Jetzt war ich ganz in meinem Element. »Die hormongesteuerten Triebe ihrer Männer ermöglichten es nämlich den Steinzeitfrauen, wichtige Dinge zum Überleben, wie Fleisch oder Felle, für sich und ihre Kinder auch von fremden Männern zu ergattern. Untreue war damals quasi überlebenswichtig.« Nur dass viele Männer das heutzutage leider noch genau so sahen.

Jemailla hatte ihr Kinn auf eine Hand aufgestützt und lauschte meinem Vortrag. »Du meinst so eine Art Prostitution im Neandertal?«

»Tja.« Ich zuckte mit den Schultern, meine eben aufgestellte gewagte Theorie gefiel mir irgendwie. »Sieht wohl ganz so aus. Heute sind Frauen aber wählerischer geworden. Wir legen uns nicht mehr für ein einziges Steak hin, sondern wollen, dass uns ein Mann regelmäßig seinen Anteil am Fleisch für die Sippe beschafft. Während viele Männer leider immer noch gern einzelne Scheiben an mehrere Frauen verteilen würden.«

»Also sind die Gene schuld.« Jemailla steckte sich ein Stück Karotte in den Mund. »Daraus schließe ich jetzt, dass sich die Menschheit somit keinen Schritt weiterentwickelt hat, seit die Neandertalerin ihren Steinzeit-Boyfriend mit einer anderen auf dem Höhlenbärenfell erwischt hat.«

»Nein, eigentlich nicht«, stimmte ich ihr zu. »Warum auch? Immerhin tun es die Leute heutzutage auch nicht anders, als damals in der Steinzeit.«

Ein Seufzer entwich Jemaillas vollen Lippen. »Ich hätte trotzdem gern mal wieder einen Typen, auch wenn er ein Höhlenmensch ist.«

»Für die Partnersuche musst du nur ein paar simple Regeln einhalten.« Theoretisch wusste ich echt Bescheid.

»Und die wären?« Jemailla richtete sich auf, sie hing an meinen Lippen.

»Nun, Männer mögen Frauen mit Humor, sie wünschen sich eine Frau, mit der sie lachen können.«

»Na, dann müsstest du bei Tobi ja ganz weit oben auf der Traumfrauenskala stehen«, unterbrach sie mich kichernd und zwinkerte mir zu.

»Tobi steht nicht zur Debatte«, knurrte ich. »Lieber bleibe ich für alle Zeiten Single.«

»Und was möchten Männer noch? Außer eine Frau, die gute Witze erzählen kann?«

»Sie sollte tierlieb sein«, zählte ich auf.

»Das bin ich.« Jemailla nickte. »Ich mag Tiere. Sogar die Nachbarskatze, die ständig einbricht und Chaos anrichtet.«

Ich lachte. »Männer wollen umsorgt werden, sie wollen eine Frau, die ihnen ein Nest baut und sich um sie kümmert.«

»Das widerspricht aber deiner Theorie der selbstbestimmten Frau und ist ganz und gar unfeministisch.«

»Mmhh«, überlegte ich. Irgendwie hatte sie recht. Merkwürdigerweise hatte diese Weisheit kürzlich erst in der Stars & Romance gestanden.

»Bei mir steigt am Samstag eine Anti-Valentinstagsparty nur für Singles«, unterbrach sie meine Gedanken, bevor ich meine voreiligen Theorien einer zweiten Prüfung unterziehen konnte. »Wenn du Lust hast, kannst du gern vorbeikommen.« Jemailla legte ihr Besteck auf den Teller. »Das ist feministisch. Nieder mit dem Pärchenzwang an diesem Tag, wir haben genauso das Recht zu feiern, wie die.«

»Cool, ich komme gern.« Mein Herz wummerte in meiner Brust, als mir die Prophezeiung der Wahrsagerin einfiel. Vielleicht würde mir der Mann meines Lebens auf dieser Party über den Weg laufen? Irgendwo da draußen spazierte mein passendes Puzzleteil auf der Straße herum und ahnte noch gar nichts von seinem Glück.


Gegen halb sieben stieß ich erschöpft die Glastür unserer Firma auf und entfloh ins Freie. Endlich Feierabend. Nichts wie weg von dieser Brutstätte des Wahnsinns. Bestimmt hatte ich in einem früheren Leben etwas ganz Schlimmes verbrochen – anders konnte ich mir dieses Desaster, in dem ich nun steckte, nicht erklären. Ich musste eine Massenmörderin gewesen sein, oder einer dieser fiesen Diktatoren, die Millionen Menschen das Leben schwergemacht hatten. Weshalb sonst bestrafte mich das Schicksal dermaßen, indem es mich ausgerechnet vor Tobi absetzte? Und verdammt, er sah heiß aus. Wieso fiel mir das andauernd auf?

Ich hasste ihn. Ich hasste ihn. Ich hasste ihn. Nach all den Jahren reagierte mein dummer Körper immer noch auf diesen Kerl, obwohl mein Verstand mir wieder und wieder einhämmerte, dass er nicht gut für mich war. Weshalb also ging er mir immer noch dermaßen unter die Haut?

»Jenny«, rief jemand hinter mir, aber ich drehte mich nicht um, denn selbstverständlich erkannte ich die tiefe Stimme auf der Stelle. Er. Aufdringlichkeit, dein Name ist Tobi.

»Jetzt warte doch mal.« Eine Hand legte sich auf meine Schulter und zwang mich zum Stehenbleiben. Ich schüttelte sie wirkungsvoll ab, worauf Tobi mir frecherweise den Weg versperrte.

»Was gibt’s?«, fragte ich und wich einen Schritt zurück. Nicht zu viel Nähe zulassen, mahnte ich mich in Gedanken.

»Gehen wir einen Kaffee trinken?«

Sein bittender Blick ging mir durch und durch, ich hatte wirklich Mühe, cool zu bleiben. Zum ersten Mal seit Jahren betrachtete ich ganz bewusst seine grün-braunen Augen und hätte aus einem dummen Impuls heraus beinahe seine Wange berührt. Ein leichter Bartschatten stand ihm im Gesicht, er musste sich zwei, drei Tage nicht rasiert haben, und leider sah das sehr sexy an ihm aus. Kurz machte er Anstalten, mich am Arm festzuhalten, aber er rief sich mitten in der Bewegung zur Besinnung.

»Eine halbe Stunde«, bat er mich leise. Seine Stimme war tief und rauchig wie guter Whisky und sorgte für eine Gänsehaut an meinem Rücken.

Schließlich stimmte ich achselzuckend zu. »Meinetwegen.«

Vielleicht war es wirklich am besten, außerhalb des Büros die Fronten zu klären. Ob ich wollte oder nicht, wie es aussah, würden wir viel Zeit auf engstem Raum miteinander verbringen und ich hatte keine Energie für weitere Bürokämpfe. Allein die fiesen Arbeitszeiten schlauchten mich schon genug, einen weiteren Energieräuber konnte ich gerade nicht in meinem Leben gebrauchen.

Ich hörte ihn tief durchatmen.

Demonstrativ deutete ich auf das Starbucks neben dem wir standen, denn ich wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen. »Hier geht es fix.«

Ich wusste, dass er Starbucks nicht leiden konnte, genauso wenig wie ich. Wir beide hatten noch nie viel für diesen Coffee to go-Laden übriggehabt, wir mochten gemütliche Cafés, in denen wir früher stundenlang gemeinsam abgehangen hatten. Früher, in einem anderen Leben.

Er ignorierte meinen Vorschlag, zuckte nicht mal mit der Wimper und deutete stattdessen die Straße entlang. »Ich gehe nie zu Starbucks – immer noch nicht. Seit wann gehst du da rein? Gleich da vorn ist ein echt gemütliches Café.«


Das Café war auf den ersten Blick wirklich nett, ein kleiner Laden mit weißen Holzstühlen und einer Glastheke, in der selbstgebackene Kuchen standen, die sehr lecker aussahen. Mein Magen knurrte bei dem Anblick. Wir setzten uns einander gegenüber, und ich hatte alle Mühe, unter dem winzigen Tisch nicht aus Versehen sein Bein mit meinem zu berühren. Wir bestellten beide Milchkaffee. Er trank seinen Kaffee immer noch mit viel Milch, genau wie ich. Zumindest das hatte sich nicht geändert. Mir behagte der winzige Funke von Vertrautheit nicht, der sich zwischen uns aufbaute, weil er mir deutlich machte, dass ich ihn immer noch viel zu gut kannte. Würde er sich einen Kuchen bestellen, wäre es mit Sicherheit Apfelkuchen.

Wir sahen uns in die Augen, und mein anfängliches Selbstvertrauen löste sich in Luft aus. Unwillkürlich fing ich an, die Zuckerpäckchen in der Schale gerade zu richten, eins nach dem anderen. Wer sortierte die eigentlich so kreuz und quer ein? Tobi beobachtete mich wortlos. Unser Schweigen dehnte sich, ich suchte krampfhaft nach einem unverfänglichen Gesprächsthema, aber Tobi kam mir glücklicherweise zuvor.

»Das war echt eine Überraschung, das muss ich zugeben. Dich heute Morgen so unvorbereitet im Büro zu treffen.«

»Mmhh.« Was wollte er von mir? Ich überlegte ernsthaft, ob ich nicht doch kündigen und alles hinschmeißen sollte. Irgendwo würde sich bestimmt ein vergleichbarer Job finden lassen, selbst wenn mein Vater ausrasten würde. Alles war besser, als ständig in Tobis Nähe zu sein. Ihn jeden Tag vor Augen haben zu müssen, während ich mich eisern im Griff behielt, das würde an Schwerstarbeit grenzen. Eigentlich müsste Hans mir eine Erschwerniszulage bezahlen.

Die Bedienung stellte zwei Tassen Kaffee vor uns ab. Tobi nippte vorsichtig, sein Kehlkopf bewegte sich beim Schlucken. Wie unter Zwang beobachtete ich jede seiner Bewegungen. Als er mich wieder ansah, setzte ich mich aufrechter hin, nahm meine Tasse in beide Hände und tat so, als wäre es nicht das schlimmste Gefühl auf der Welt, ihm so nahe zu sein. Mein Herz klopfte mir bis hoch in den Hals, während ich versuchte, meine Nervosität zu unterdrücken.

Es klirrte leise, als Tobi seine Tasse zurück auf den Unterteller stellte und mich erneut dieser eindringlichen Musterung unterzog. »Es ist so viel Zeit vergangen«, sagte er, Wehmut schwang in seiner Stimme mit. »Ich frage mich, ob wir es nicht schaffen könnten, miteinander auszukommen. Immerhin sind wir jetzt Kollegen.«

Sein letzter Satz verpasste mir einen krassen Stich ins Herz, der mich so unvorbereitet traf, dass ich tief durchatmen musste. Immer wieder überkam mich das Gefühl, der alte Tobi säße vor mir. Es waren zwar nur kurze Momente, aber die reichten völlig aus, um mich in ein unglaubliches Gefühlschaos zu stürzen, auch wenn ich rein äußerlich völlig unbeteiligt dasaß. Nun begriff ich, warum wir hier saßen. Er wollte keinen Stress am Arbeitsplatz – das war okay. Und vernünftig.

»Sehe ich genauso, wir sollten uns im Büro wie zwei erwachsene Menschen verhalten. Kein Ding.« Ich zuckte mit den Schultern, um ihm zu zeigen, wie weit er mir mittlerweile am Allerwertesten vorbeiging, dabei rauschte mir das Blut in den Ohren.

Tobi nickte. »Ich bin froh, dass du das auch so siehst. Immerhin waren wir mal gut befreundet, und es wäre doch schade, wenn wir das nicht wieder sein könnten.«

»Wir werden keine Freunde mehr«, erwiderte ich kopfschüttelnd und verschränkte die Arme vor der Brust.

Einen Moment lang flackerten seine Lider.

»Nicht nach allem, was passiert ist. Das kannst du nicht ernsthaft glauben.« So dumm, ihm noch mal zu vertrauen, war ich bestimmt nicht mehr. »Wir waren mal Freunde, zumindest dachte ich das. Ich habe dich verehrt, dich vergöttert und später habe ich mich sogar in dich verliebt – und du hast mich ausgenutzt, nur um mir hinterher zu erzählen, wie sehr ich dich ankotze. Ja, das hast du gesagt, erinnerst du dich noch? Du meintest, ich soll aufhören, dir wie eine läufige Hündin hinterherzurennen, ich hätte keinerlei Stolz, und du würdest mich nicht mal zum Ficken anfassen.« Und ich Idiotin hatte trotzdem mit ihm kurz nach Pauls Tod geschlafen, weil ich mich so allein gefühlt hatte und ich ihn trotz allem, was gewesen war, immer noch geliebt hatte.

Sein Seufzer klang so gequält, dass die Wut in meinem Magen förmlich überbrodelte.

»Es tut mir leid, wie das damals gelaufen ist. Als Paul so plötzlich gestorben ist, stand ich vollkommen unter Schock. Ich dachte immer, solche Dinge passieren nur anderen, irgendwo auf der Welt, ganz weit weg. Aber dann passierte es ihm, und ich war total durch den Wind.« Seine Unterlippe zitterte.

Oh, wow. Er hatte also mit mir geschlafen, weil er durcheinander gewesen war? Ein Ausrutscher sozusagen. Konnte ja mal passieren, dass man nach dem Tod des besten Freundes mit dessen Schwester im Bett landete. Ich konnte seine Ausreden nicht mehr ertragen, und er sollte auch kein Wort mehr über Paul verlieren.

»Du hast mir diese Gemeinheiten lange vor Pauls Tod erzählt und nachdem er gestorben ist, bist du nicht einmal auf seiner Beerdigung erschienen. Du bist ein Charakterschwein Tobi und das wirst du auch immer bleiben.«

Er rieb sich die Stirn, verteidigte sich nicht mal, während ich seinen beschissenen durchtrainierten Brustkorb am liebsten mit beiden Fäusten bearbeitet hätte.

»Ich vermisse Paul«, sagte er schließlich allen Ernstes und griff nach meiner Hand, aber ich entzog mich ihm.

»Rede nicht über Paul«, fuhr ich ihn an. »Nicht du.«

»Er war mein bester Freund, ich …«

»Hör auf«, ging ich dazwischen und ignorierte mein hämmerndes Herz so gut es ging. »Du warst damals nicht da, als ich dich gebraucht habe. Mein großer Bruder ist tot, und nichts auf der Welt bringt ihn mir zurück.«

»Ich kann heute für dich da sein.« Tobi betrachtete meine zitternden Hände, schon wieder sortierte ich diese gottverdammten Zuckerpäckchen, bekam diesen Drang nicht unter Kontrolle, lehnte jedes Briefchen penibel Ecke an Ecke. Dieses Mal hielt er meine Hand fest, hinderte mich daran, weiterzumachen. Seine Berührung fühlte sich an wie ein Stromschlag vom Kaliber einer Zehntausend-Volt-Leitung. Ich entriss mich, aber er musste meine Reaktion bereits einkalkuliert haben, denn er machte eine beschwichtigende Geste.

»Ich brauche dich nicht.« Meine Stimme klang erstickt, der Schmerz über den Verlust meines Bruders brach wieder in mir auf. Die ersten Monate nach Pauls Unfall hatte ich keinen einzigen Tag verbracht, ohne um ihn zu weinen, und meinen Eltern war es nicht viel besser ergangen. Heute weinte ich nur noch, wenn sich sein Todestag jährte. Mir ging es gut.

»Ich weiß, dass du mich nicht brauchst, aber trotzdem …« Er lehnte sich zurück, schuf eine erlösende Distanz zwischen uns, die ich gerade bitter nötig hatte, um nicht vor ihm in Tränen auszubrechen.

»Du hast mir nie erzählt, was eigentlich genau an dem Tag passiert ist, als Paul gestorben ist«, sagte ich, um ihn an seine Kaltherzigkeit zu erinnern. »Du hast dich vorher aus dem Staub gemacht.«

Er wich meinem Blick aus und heftete ihn stattdessen auf den gottverdammten Zucker.

»Die Polizei hat euch doch bestimmt damals alles berichtet.«

»Aber du hast ihn als Letzter gesehen.«

Tobi trank einen Schluck Kaffee, während ich mit klopfendem Herzen auf die seit sieben Jahren fällige Erklärung von ihm wartete.

»Paul hat sich ganz normal verhalten an diesem Tag. Hätte ich irgendetwas geahnt, hätte ich ihn zurückgehalten, das musst du mir glauben.«

Ich sah einen Schmerz in Tobis Augen, den ich selbst in meiner Brust fühlte. Da saßen wir nun, zwei Menschen, die sich nichts mehr zu sagen hatten und die dennoch in einer gemeinsamen Vergangenheit feststeckten, die sie wohl auf ewig zusammenschmiedete.

Aus meiner Hosentasche kramte ich einen zerknüllten Fünfer heraus und warf ihn auf den Tisch. Keine Sekunde länger würde ich dieses Gespräch durchhalten. Ein Panikanfall rollte mit der Wucht eines Tsunamis auf mich zu, und das machte mir eine Scheißangst. Schon lange war ich keinem so extrem heftigen Gefühlstumult mehr ausgesetzt gewesen. Ich brauchte dringend frische Luft. »Ich muss gehen.«

Ohne auf eine Reaktion von ihm zu warten, stürmte ich aus dem Café.

»Jenny«, hörte ich Tobi hinter mir rufen, aber ich achtete nicht auf ihn. Ich wollte nur weg. Erst draußen wurde ich langsamer, denn die Welt um mich herum verschwamm in meinen Tränen.

»Jenny.« Als Tobi mich am Arm festhielt, schrak ich mit allen Fasern meines Körpers zusammen.

»Lass mich los, verschwinde.« Ich wollte mich losreißen, wandte das Gesicht ab, damit er mich nicht weinen sah.

»Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.« Er schob eine Hand in meine Haare und zog mich trotz meiner Gegenwehr an seine Brust. »Dieses Mal bin ich für dich da«, flüsterte er.

Die Vibration seiner Stimme ging mir durch den ganzen Körper. Erschöpft lehnte ich mich an ihn und spürte seinen festen Brustkorb sogar durch die Jacke hindurch. Mit beiden Händen streichelte er meinen Rücken und erinnerte mich mit dieser Geste an seine Umarmung von damals. Bevor er diese ganzen üblen Dinge zu mir gesagt hatte. Und daran, wie glücklich ich gewesen war, als er mich das erste Mal geküsst hatte.

»Lass mich los«, schniefte ich an seiner Brust, während ich mich von ihm halten ließ.

Er legte die Arme fester um mich, hörte nicht auf, mich zu streicheln. »Ich bin für dich da, ob du willst oder nicht. Du bist mir wichtig.«

Ein Funke wärmte mein Herz, und ich war versucht, ihm zu glauben. Aber ich hatte auch den anderen Tobi kennengelernt, den egoistischen Tobi, der seine Versprechen nicht hielt und mich in die Hölle gestoßen hatte. Hatte er überhaupt eine Ahnung, wie schlimm es sich angefühlt hatte, nach Paul auch noch ihn zu verlieren? Die Haut an seinem Hals duftete nach einem Hauch von Zimt und nach … Tobi. Ein vertrauter Geruch, der mir weiche Knie bescherte. Er hatte sich nicht verändert, und genau das war das Schlimme.

Schließlich entriss ich mich ihm doch. Er kam mir schon wieder viel zu nah, mehr als für mich gut war. »Vergiss es, Tobi. Mehr als Kollegen sein; das ist für mich nicht drin.« Ich machte, dass ich davonkam. Dieses Mal folgte er mir nicht.

Tobi

Ich saß mit Chad in der Kneipe, in der Dominik ein paar Mal die Woche aushalf. Der Laden war brechend voll. Um elf war seine Schicht zu Ende, dann wollten wir gemeinsam zu Jemaillas Party gehen, zu der sie mich vor ein paar Tagen eingeladen hatte – mit dem Hinweis, ich dürfte ruhig noch ein paar Kumpels mitbringen, solange sie Singles wären, denn bei ihr herrsche Frauenüberschuss. Das ließen wir uns natürlich nicht zwei Mal sagen. Dominik stellte uns im Vorbeigehen zwei Gläser Bier auf den Tisch.

»Sie heißt Sarah«, ließ Dominik uns wissen.

Chad nahm sein Bier und sah sich um. »Who?«

»Die Verkäuferin aus dem Nanu-Nana.«

Ich stieß mit Chad an. »Hast du sie endlich gefragt?«

Dominik schüttelte den Kopf. »Nein, ein Typ im Laden hat sie so genannt.«

Der Ärmste ließ den Kopf hängen, weshalb ich ihm einen aufmunternden Klaps aufs Schulterblatt verpasste. Wir hatten es mit den Frauen wirklich nicht leicht.

»Vergiss sie, Mann. Look at all those beautiful girls.” Chad machte eine ausschweifende Armbewegung, woraufhin ich mich tatsächlich geneigt sah, den Raum zu scannen. Er hatte recht, es waren wirklich viele Frauen anwesend. Warum war mir das nicht eher aufgefallen? Aber irgendwie hatte ich keine Lust, eine von ihnen kennenzulernen. Ellen fehlte mir – immer noch und trotz allem. Ich riss mich zusammen und verbannte sie aus meinen Gedanken, was mir die vergangenen Tage nur schlecht geglückt war.

»Ich weiß nicht mal, ob es ihr Freund war«, sagte Dominik. »Sie haben gequatscht, dabei hat er den Arm um ihre Hüfte gelegt, aber wirklich nur ganz kurz.« Sein betrübter Blick wanderte zu mir. »Was könnte das bedeuten?«

Ich zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, echt nicht. Sie kennen sich halt – irgendwie.«

Chad grinste breit. »Ich persönlich gehe immer auf – wie sagt ihr …?« Er starrte an die Decke, bis sich sein Gesicht erhellte. »Ah, ja, Tuchfühlung. Stupid word by the way. Also ich gehe immer auf Tuchfühlung, wenn ich mit einer beautiful Lady rede und check out, wie sie reagiert. Ich lege einen Arm um ihre Hüften oder streife versehentlich mit der Hand ihren Hintern.« Sein Lachen klang dreckig.

Dominiks Ohren wurden rot. »Das machst du echt? Und hat dir noch keine eine geklebt?«

Chad leerte den Rest seines Biers. »Sometimes.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber egal. Take a walk on the wild side, Dominik. Live fast, die young«, erzählte er uns seine beiden Lieblingssprüche zum wohl tausendsten Mal.

»Aber ich kann doch nicht im Nanu-Nana den Arm um sie legen, das bringe ich nicht.« Dominik schüttelte den Kopf, seine wuscheligen Haare standen nach allen Seiten ab, als hätte er sie sich gerauft.

Ein tiefer Seufzer kam von Chad, während er sich vom Barhocker erhob. »Here dude, check this out.« Er ging auf zwei Frauen zu, die gelangweilt am Nebentisch herumstanden, und sagte etwas zu ihnen. Die beiden lächelten ihn ganz gierig an. Chad stellte sich neben die Brünette, die Hübschere von beiden, und deutete auf ihren Drink. Sie antwortete ihm nickend, woraufhin Chad sich im Raum umsah. Wie zufällig legte er einen Arm um ihre Hüften, bevor er Dominik mit einem Finger zu sich winkte. Die Dunkelhaarige schmiegte sich an ihn. Seufzend trollte sich Dominik zu den dreien, während ich mein Bier anstarrte. Vor Ellen hatte mich noch keine verlassen. Sonst war immer ich als erster gegangen, irgendwann, wenn die Gefühle nachgelassen hatten, war ich derjenige gewesen, der weitergezogen war, voll Tatendrang zur Nächsten, wie ein Abenteurer, der die Welt entdeckte. Nach dem Desaster mit Jenny hatte ich mich emotional nie wieder festlegen wollen – bis Ellen meinen Weg kreuzte und mich die Hoffnung streifte, ich könnte vielleicht doch noch einmal ganz neu anfangen. Aber nun hatte sie mich verlassen und ich fragte mich, an welchem Punkt wir uns so krass auseinandergelebt hatten. Mir hatte sie erzählt, wir würden nicht mehr so viel lachen wie früher und genau das würde ihr fehlen. Die Vorstellung machte mich fertig, also dass Ellen nun mit diesem Schauspieler so viel lachte. Dass sie nun ohne mich andauernd lachte, so frei und frisch verliebt, während ich einfach nur schreien wollte, oder mich umbringen, oder ihr texten, dass es mir ohne sie nun viel besser ging, obwohl das absolute Gegenteil der Fall war.

Ich sah mich in der Kneipe um, spürte das Schwirren und hörte die Leute reden und lachen. Sie lachten, genauso wie Ellen das nun wohl ununterbrochen tat und plötzlich traute ich keiner Frau in dieser Kneipe mehr über den Weg. Vielleicht waren sie genauso verlogen wie Ellen? Sie flirteten mit uns Typen, setzten ihre Reize ein, spielten mit uns und wickelten uns mit ihrem verführerischen Lächeln ein. Auch wenn ich mich nicht ganz fair verhielt, weil ich sie alle über einen Kamm scherte. Als aus den Lautsprechern auch noch Lady Bitches erklang, könnte ich schwören, das Universum wollte mir damit etwas mitteilen.

Ellen konnte mich mal kreuzweise. Nachher würde ich mich auf Jemaillas Party amüsieren, und vielleicht eine Frau für eine Nacht treffen.

Jenny

Ich musste zugeben, ich war ziemlich nervös, als ich auf die Klingel drückte, von drinnen wummerte mir lautstark Musik entgegen. Was mich heute wohl erwartete? Obwohl es bescheuert war, hatte ich vorhin noch kurz mein Tageshoroskop gelesen.


Venus eilt zur Hilfe und verleiht Ihnen Anmut, Liebreiz und Charme. Sie wirken betörend auf Ihr Umfeld. Es sieht ganz nach aufregenden Begegnungen aus.


Was auch immer das bedeutete.

Eigentlich hatte Aida mitkommen wollen, doch sie hatte ihren Dienst in letzter Minute mit einer bettelnden Kommilitonin getauscht – nicht wissend, dass sie im Gegenzug Nicks Wochenendschichten übernommen hatte. Bisher hatte ich nicht gewusst, wie viele Arten von Verwünschungen Aida in diversen Sprachen draufhatte - bis sie hinter das von Nick eingefädelte Komplott gekommen war.

Als sich die Tür endlich öffnete, kam Jemaillas Lockenkopf zum Vorschein. Ihr Lächeln wurde breit, als sie mich sah. »Hey, schön, dass du es hergeschafft hast.« Schwungvoll trat sie beiseite. »Komm rein.«

Jemaillas Wohnung entpuppte sich als sehr gemütlich, sie war ganz in Weiß gehalten, überall hingen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Landschaften, Portraits von Leuten oder Tieren. »Hast du die alle gemacht?«

Sie nickte. »Ja, Fotografieren ist mein Hobby, aber ich mache meine Bilder noch ganz klassisch mit der alten Leica meines Vaters und Filmrolle. Das bringt erst die richtige Atmosphäre in die Fotos.«

»Die sind echt toll«, schwärmte ich. Schon immer hatte ich eine Schwäche für künstlerisch begabte Menschen gehabt. Leider zeichnete ich wie eine Dreijährige, und selbst im Werkunterricht hatte ich es nicht mal geschafft, einen anständigen Aschenbecher zu töpfern, aber singen konnte ich immerhin.

Jemailla führte mich am Arm in die Küche. »Komm mit, besorgen wir dir erst mal was zu trinken.« Sie deutete auf ein paar Flaschen, die auf der Arbeitsfläche herumstanden. Sechs Leute drängten sich in der winzigen Küche zusammen und unterhielten sich, im Hintergrund lief ein bekannter House-Song, auf dessen Titel ich gerade nicht kam.

»Hey Jemailla, was geht ab?« Ein schwarzhaariger Typ mit zurückgegelten Haaren legte jeweils einen Arm um meine und um Jemaillas Schulter. Er musterte mich grinsend und mit glasigen Augen. »Hi, Engel. Endlich mal ein geiles Schnittchen hier.«

Ich brachte ein gezwungenes Lächeln zustande. »Hey.« So unauffällig wie möglich befreite ich mich aus seiner Umklammerung.

»Hör auf damit, jede Frau hier anzubaggern, Zoran«, fuhr Jemailla ihn an. Offensichtlich war seine mir gewidmete Aufmerksamkeit nicht an Exklusivität gebunden. Puh, Glück gehabt.

»Ach, komm schon. Ist doch ‘ne Singleparty, weshalb sind die Schnitten denn sonst hier? Ihr wollt doch abgeschleppt werden.« Er zwinkerte mir zu.

Wieder einmal staunte ich über die absolute Selbstüberschätzung mancher Kerle.

»Was willst’n trinken, Süße? Soll ich dir einen Fuck me up wichsen, äh, mixen?«

Ich unterdrückte ein gequältes Ächzen. »Ähm, ein Bier tut es fürs Erste.«

»Komm mit.« Jemailla gönnte Zoran einen bitterbösen Blick. »Im Kühlschrank stehen noch ein paar gekühlte Getränke.« Dann wandte sie sich wieder Zoran zu. »Und du pass auf, wie du mit meinen Gästen redest, sonst fliegst du raus.«

»Was?« Er hob beide Hände. »Hast du dich noch nie versprochen?«

Währenddessen betete ich zu Gott, dass dieser Zoran nicht dieser einzig kompatible Mann für mich war, von dem Madame Burchard geschwafelt hatte. Nein. Ich schüttelte vehement den Kopf. So grausam konnte selbst das Schicksal nicht sein, nicht nach allem, was ich bereits durchgemacht hatte. Mein Soll an Reinfällen hatte ich für zehn Leben erfüllt.

»Verzieh dich.« Jemailla wedelte mit einer Hand in Richtung Zoran, als wäre er eine streunende Katze. Nebenher öffnete sie den Kühlschrank und reichte mir ein Pils.

»Danke.« Ich öffnete es mit dem Flaschenöffner, der an einer Schnur am Kühlschrank baumelte. »Also ist Zoran nicht dein Stargast?« Ich zwinkerte ihr zu, woraufhin sie ächzte, als wäre eine Presswehe im Anrollen. »Zoran kenne ich schon ewig, er ist eigentlich ganz nett. Aber wenn er was getrunken hat, wird er unausstehlich.«

»Ist mir gar nicht aufgefallen.«

Sie lachte. »Ach, Engel, wenn das so ist. Ich wollte eurem Glück nicht im Weg stehen.«

»Ist schon okay«, versicherte ich abwehrend. Ich sah mich um. »Sind ganz schön viele Singles da.« Ich nippte an meinem Bier. »Vor allem Frauen.«

»Nachher kommen noch ein paar Jungs.« Ihre Lider senkten sich für einen Moment. »Äh, vielleicht sollte ich dich vorwarnen.«

Vorwarnen? »Was denn?«

»Tobi kommt auch vorbei.«

»Was?«, keuchte ich. »Du hast ihn eingeladen?«

»Er bringt Singlefreunde mit, hat er versprochen. Ich musste doch auch ein paar Männer einladen«, verteidigte sie sich.

»Schon gut«, lenkte ich ein. Immerhin war es ihre Party, sie konnte einladen wen sie wollte. Sobald Tobi aufkreuzte, konnte ich ja abhauen. Ich beschloss, eine Art imaginäre Liste aller potenziellen Märchenprinzen zu führen, auf der ich Zoran prophylaktisch schon mal rot durchstrich.

»Jemailla«, rief jemand. »Gibt es noch Chips?«

»Ich hole gleich welche.« Sie wandte sich mir zu und wirkte leicht gestresst. »Memo an mich selbst: Keine Partys mehr schmeißen, nur noch welche besuchen.«

Ich kicherte. »Ich schau mich mal um, bis nachher.«

»Tu das.« Sie winkte im Weggehen. »Wenn du was brauchst, bedien dich einfach.«

»Okay.« Über den schmalen Flur gelangte ich ins Wohnzimmer. Dort waren sämtliche Möbel, sowie der Couchtisch an die Wand gerückt worden, sodass sich nun in der Mitte eine freie Fläche ausdehnte. Noch mehr Leute unterhielten sich, überwiegend Frauen, einige ließen ihre Hüften im Takt der Musik kreisen. Unwillkürlich schweifte mein Blick auf der Suche nach hübschen Jungs durch den Raum. Gucken konnte man ja mal. Zwei Typen standen gegen den Schrank gelehnt und nippten an ihrem Bier. Zwei weitere saßen auf der Couch, einer knutschte wild mit einem Mädchen – den konnte ich getrost von der Liste streichen. Puh, dieses Scannen nervte jetzt schon. Normalerweise ließ ich die Dinge – oder besser gesagt die Männer – lieber auf mich zukommen. Ja, ich mochte es, erobert zu werden, auch wenn das altmodisch war, aber ich fand es schon gut, wenn ein Mann um mich kämpfte, wie der Höhlenmensch mit dem Säbelzahntiger.

Jemailla gesellte sich wieder zu mir. »Und, amüsierst du dich gut?«

»Ja, tolle Party.« Ich trank einen großen Schluck Bier. Irgendwie kam ich mir fehl am Platz vor. Außer Jemailla kannte ich hier niemanden, die anderen hingegen wirkten alle sehr vertraut miteinander. Während meiner Studienzeit in Würzburg hatte ich viele Freunde gehabt. Aber hier in Nürnberg fiel es mir schwer, neue Leute kennenzulernen. Heiko war der Erste, der mir nach meinem Umzug über den Weg gelaufen war, und genau aus diesem Grund hatte ich mich vielleicht auch so an ihn geklammert. Anfangs hatten wir alles zusammen unternommen, waren überall gemeinsam aufgekreuzt. Wir waren total aufeinander fixiert gewesen. Umso heftiger hatte mich dann sein Geständnis getroffen, dass er auf Jungs stand.

Plötzlich dröhnte Cordula Grün aus den Lautsprechern und alle jubelten los.

Jemailla nahm mich an die Hand und zerrte mich zu dem freien Spot in der Mitte. »Komm, lass uns tanzen!«

Sie reckte die Arme in die Höhe und räkelte sich wie eine Bauchtänzerin, bis sie mich mit der Hüfte anstieß und wir zum Takt der Musik tanzten. Auch die anderen gesellten sich zu uns, während wir lauthals mitgrölten.


»Cordula Grün, ich hab dich tanzen gesehen!«


Zum Teufel mit den Kerlen, wir konnte auch ohne Männer Spaß haben. Wir amüsierten uns zu einer ganzen Reihe weiterer peinlicher Lieder, die ich zu Hause höchstens unter der Dusche trällerte. Aber scheiß drauf. Wir hatten unseren Spaß und nur das zählte.

Erst bei Ein Bett im Kornfeld war meine Schmerzgrenze erreicht und ich blieb japsend stehen. »Ich brauche eine Pause und was zu trinken.«

Auch Jemailla hörte auf zu tanzen und wir verzogen uns ein Stück an die Seite, um den Hartgesottenen Platz zum Feiern zu machen. Unauffällig deutete Jemailla auf einen Typen mit schulterlangen braunen Haaren, der in der Ecke lehnte und an einer Cola nuckelte.

»Das ist Lutz«, sagte Jamailla, »seine Freundin hat sich eine Bulldogge angeschafft, und er hat sie vor die Wahl gestellt: der Hund oder er.« Sie kicherte in ihre Hand. »Die Gute hat sich für den Hund entschieden.«

Lautes Gejohle ließ uns herumfahren, eine ganze Horde gut gelaunter Kerle stürmte das Wohnzimmer, von denen glücklicherweise kein einziger mein nerviger Kollege war.

Tobi

Mittlerweile war der Laden proppenvoll. Ich hatte mich zu Chad gesellt, da Dominik immer noch arbeitete. Die beiden Mädels waren ganz nett. Die Hübschere, also Chads Eroberung, hing inzwischen an ihm, als hätte man sie mit Superkleber an dem Kerl fixiert.

Chad bestellte ihr einen Drink nach dem anderen, bequatschte sie mit seinem amerikanischen Akzent, während er seine Hand immer wieder wie zufällig über ihren gut geformten Hintern gleiten ließ, um Dominik zu demonstrieren, wie es man richtig machte. Sie kicherte jedes Mal wie blöd, wenn er sie betatschte, ließ sich von ihm einen Drink nach dem anderen ausgeben. Die andere hingegen riss Papierfetzen von ihrem Bierdeckel und redete nur, wenn ich sie etwas fragte, was die Unterhaltung recht zäh gestaltete. Dominik kam an unserem Tisch vorbei und stellte Chads Begleiterin den bestimmt schon fünften Whisky-Sour hin. Er nickte mir zu. »Gleich gibt es eine Versteigerung.«

»Was wird denn versteigert?«

Dominiks Grinsen wurde breiter. »Werdet ihr gleich sehen, ist für einen guten Zweck.«

»Bringst du mir noch ein Bier?« Ich riss mich zusammen und wandte mich an das eingeschüchterte Häschen neben mir. »Möchtest du was trinken?«

Sie errötete. »Nein, danke.«

Ich war drauf und dran, Chad mitzuteilen, dass ich zu Jemaillas Party abhauen würde. Er und Dominik konnten ja nachkommen, wenn sie wollten.

Nachdem Dominik wieder abgezogen war, stellte sich Frank, der Inhaber der Kneipe und dazu sein eigener bester Kunde, auf das schmale Podest in der Ecke, wo normalerweise ein paar Sitzkissen lagen. Die Musik wurde leiser gestellt.

»Alle mal herhören«, rief er durch das Stimmengewirr, das nach und nach abebbte. Alle Gesichter wandten sich ihm zu. »Da heute Valentinstag ist und die Pärchen unter euch offenbar total unromantisch sind, sonst wären sie heute nicht hier …«

Leise Buhrufe unterbrachen seine Rede. Frank räusperte sich. »Also, und weil die Singles hier allein nichts auf die Reihe kriegen …«

Sollte ich mich angesprochen fühlen? Immerhin war ich so ein Zwischending, denn meine Trennung war noch gar nicht lange genug her, um in Sachen Frauen nichts auf die Reihe zu kriegen. Schon wieder wurde gebuht, nun allerdings von denen, die vorher ruhig gewesen waren. Frank leerte das Schnapsglas in seiner Hand.

»Deswegen wollte ich euch etwas unter die Arme greifen. Für einen guten Zweck veranstalten wir jetzt eine kleine Kussversteigerung.«

Tosendes Gelächter unterbrach ihn. Ich schüttelte den Kopf. Eine Kussversteigerung? Anscheinend war Frank schon wieder stockvoll. Ich stützte mich mit dem Ellenbogen am Stehtisch auf und wartete gespannt die Versteigerung ab. Drei Leute am Tisch neben uns legten ein paar Scheine auf die Tischplatte und verzogen sich unauffällig. Der tapfere Rest blieb jedoch.

»Hey, Frank«, rief eine rothaarige Frau schon sichtlich angeheitert. »Was zahlst du mir, wenn ich dich küsse?«

Franks Kopf wurde rot. »Du raffst wieder nichts, Lisa. Erstens würde ich dich niemals küssen, für kein Geld der Welt. Und zweitens geht es um eine wichtige Sache. Wie manche hier vielleicht wissen, hat es bei Tom letzte Woche gebrannt.« Er deutete auf einen Typen in einem verwaschenen ACDC-Shirt, der an der Bar saß und mit trauriger Miene nickte. Tom hatte sich vergangene Woche nach einem langen feuchtfröhlichen Abend nachts noch Fischstäbchen gebraten und war währenddessen am Küchentisch eingeschlafen. In seinem Delirium hatte er nichts bemerkt, bis die Feuerwehr die Haustür mit einer Axt eingeschlagen und die halbe Wohnung unter Wasser gesetzt hatte. Erst dann war er aufgewacht.

»Wir wollen ein bisschen Geld für ihn sammeln und das Ganze mit ein wenig Spaß für euch verknüpfen.« Frank sah sich um. »Also, wer will als Erstes?« Er machte eine einladende Handbewegung. »Traut euch.«

»Ich mach’s«, rief Lisa und torkelte zu Frank. Er half ihr hoch aufs Podest, sah allerdings nicht glücklich aus. In Ermangelung weiterer Kandidatinnen fügte er sich allerdings wohl oder übel dem Schicksal.

»Also, dann fangen wir mal an. Fünf Euro für einen Kuss von Lisa, wer von euch bietet fünf Euro?«

Indessen schwankte Lisa auf ihrer Empore, sodass Frank einen Arm um ihre Hüfte legen musste, um ihren Sturz abzuwenden. »Fünf Euro, jetzt habt euch doch nicht so. Es geht alles an Tom, jeder Cent«, drückte er auf die Tränendrüse.

Die Gäste lachten, sahen sich immer wieder nach Freiwilligen um.

»Zwei Euro«, drückte Frank schließlich sein Angebot und handelte sich einen empörten Blick von Lisa ein.

»Hey, ich dachte, bei einer Versteigerung erhöht man sein Angebot«, widersprach sie mit schwerer Zunge.

»Es hat noch keiner geboten«, raunte Frank ihr zu. Erste Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, denn offenbar wurde ihm gerade bewusst, dass seine Idee doch nicht so glorreich gewesen war.

»Jetzt kommt schon.« Frank klang sauer. »Ihr seid solche Spielverderber.«

»Also gut«, kam es von weiter hinten. »Zwei Euro.« Ein blonder Typ mit Hornbrille bahnte sich seinen Weg nach vorne und zückte im Gehen seine Geldbörse.

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783752143119
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
romantisch romance Bad Boy sinnlich Leidenschaft erotisch Studenten New Adult Humor Erotik Erotischer Liebesroman Liebesroman

Autor

  • Ute Jäckle (Autor:in)

Ute Jäckle wurde in Stuttgart geboren. Sie studierte BWL in Nürnberg und verbrachte einige Jahre in den USA. Nach dem Studium arbeitete sie für die Industrie. Schon immer war ihre ganz große Leidenschaft das Lesen, aber mit dem Schreiben begann sie erst vor ein paar Jahren. Seitdem kann sie aber nicht mehr davon lassen und widmet sich voll Hingabe dem Verfassen von Liebesromanen. Ute Jäckle ist Mitglied bei DELIA, dem Verein deutschsprachiger Liebesromanautoren.
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Titel: Liebeschaos - Das Universum muss verrückt sein