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Mein Regenbogenschirm

von Amalia Zeichnerin (Autor:in)
24 Seiten

Zusammenfassung

Mein Name ist Adrian und mein Pronomen ist sier. Ich gehe zur High School, aber ich habe mich noch nicht als queer geoutet. Wenn ich mir nur trauen würde! Als ich mit meinem Kumpel Rodrigo eine Drag Tanzperformance von Tom Holland gesehen habe, hat er mit mir gewettet, dass ich es nicht wagen würde, auch so aufzutreten – in der Talentshow der High School. Also stehe ich nun vor zwei Herausforderungen: ein gewagter Auftritt und ein Coming-out …

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


Table of Contents

Titelei

Mein Regenbogenschirm

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Impressum

Mein Regenbogenschirm

 

Kurzgeschichte

 

Amalia Zeichnerin

 

Kalifornien, Mai 2017

 

Mein Freund Rodrigo und ich hatten es uns auf meinem breitem Bett bequem gemacht und sahen die TV-Show Lip Sync Battle. Der Schauspieler Tom Holland war gerade mit einem Auftritt dran; dieser begann mit einer Stepptanz-Hommage an einen alten Film, vor einer gemalten altmodischen Kulisse, auf der eine Häuserfront zu sehen war. Die Bühne war in ein dunkles Blau getaucht.

»Oh, das ist aber sehr old school«, murmelte Rodrigo, während wir beobachteten, wie Tom – in einem Anzug, mit einem Hut und Schirm an aufgespannten Regenschirmen vorbeitanzte und dabei zu Gene Kellys »I‘m singing in the rain« die Lippen synchron bewegte.

Aber plötzlich, nach vielleicht zwanzig Sekunden, verschwand er seitlich hinter der Bühne. Im nächsten Moment wechselte die Musik und sechs Tänzer tauchten auf, die Regenkleidung aus glänzendem schwarzen Material trugen und dazu Regenschirme, während hinter ihnen die bemalte Kulisse hochgezogen wurde. Dahinter war einfach nur eine dunkle Wand mit einigen hellen rechteckigen Flächen.

Ich brauchte zwei, drei Sekunden, bis ich Rihannas Song »Umbrella« erkannte. Was das wohl werden würde? Tom Holland kam in einer selbstbewussten Pose auf die Bühne, als ob sie ihm gehörte, ihm folgten mehrere Tänzerinnen in freizügigen Kostümen, die sich ihren Kollegen anschlossen. Tom trug jetzt eine Korsage, dazu sehr kurze Shorts und eine halb transparente Strumpfhose mit Netzmuster, sowie eine halblange schwarze Perücke, die an eine der Frisuren von Rihanna erinnerte. Außerdem war er deutlich sichtbar geschminkt, mit knallroten Lippen und er trug wieder einen Regenschirm.

Tom nutzte den nun folgenden Teil seines Auftritts nicht als Karikatur einer Frau, nicht für Gelächter aus dem Publikum. Er tanzte mit voller Ernsthaftigkeit – kraftvoll, mit ruckartigen, dynamischen Moves, er ließ die Hüften kreisen, er twerkte, hielt den Regenschirm schwungvoll mit beiden Händen von sich weg. Alles in allem ein verführerischer Anblick. Ich war zwar asexuell und es machte mich nicht direkt an, wie Tom tanzte. Aber ich fand es dennoch auf eine ästhetische Art sehr anziehend.

Als Rihanna von Regen sang, rauschte plötzlich echtes Wasser auf ihn und die Backgroundtänzer*innen herab. Was für ein cooler Effekt! Sie alle tanzten unbeirrt in diesem künstlichen Regen weiter.

Tom hatte wirklich etwas drauf und nötigte mir einigen Respekt ab – vor allem gegen Ende, als er zunehmend schneller tanzte und schließlich in einen halben Salto vorwärts sprang und auf dem Rücken landete.

»Das ist ja geil!«, rief Rodrigo. »Was für Killermoves der drauf hat.« Er knuffte mich in die Seite. »Mein lieber Adrian, ich wette, du würdest dich nicht trauen, so aufzutreten.«

Ich schluckte. »Warum denn nicht?«, brachte ich hervor.

Rodrigo lachte. »Willst du mit mir wetten? Um ein neues Computerspiel? Ein Auftritt bei der Talentshow der Schule?« Er hielt mir die Hand hin.

Ich sah wieder auf den Bildschirm. Tom Holland war mittlerweile von der Bühne verschwunden und das Publikum applaudierte noch immer. Ich blickte meinen Kumpel an … und schlug ein.

Später saß ich allein in meinem Zimmer, meine Playlist wechselte zu Same Love von Macklemore und Ryan Lewis mit Mary Lambert.

Rodrigo war nach Hause abgedampft. Fuck! Wie hatte ich nur auf diese verflixte Wette eingehen können, welcher Teufel hatte mich da bloß geritten? Toms Auftritt war spektakulär gewesen und garantiert würde schon morgen oder so ein Video davon auf Youtube zu finden sein.

Die Talentshow der High School war in vier Wochen. Noch genug Zeit, mich zu bewerben und auf die Performance vorzubereiten. Aber vor der gesamten Schule in solch einem Outfit aufzutreten?! Eine kleine Stimme in mir regte sich. Ach, Ady. Du bist asexuell und genderqueer. Du bist weder Mann noch Frau. Du hast dich noch nicht getraut, es irgendwem zu sagen. Und ein solcher Auftritt … würde es ihnen nicht zeigen, wer du wirklich bist?

Das war der eigentliche Grund, warum ich diese Performance von Tom so grandios fand, dieses Spiel aus männlich und weiblich und irgendwas dazwischen. Aber ich hatte an diesem Abend wieder nicht gewagt, mich gegenüber Rodrigo zu outen. Verflixt, er war mein ältester Freund, wir kannten uns schon seit der Kindergartenzeit. Ich hatte schon oft versucht, es ihm zu sagen, aber dann verhakten sich die Worte jedes Mal in meinem Mund und wollten nicht herauskommen. Verdammt, warum fiel es mir so schwer, mich zu outen? Niemand wusste davon. Meine Schwester nicht, meine Eltern erst recht nicht. Und mein Freundeskreis auch nicht.

Natürlich war es immer eine ganz individuelle Entscheidung, ob, wann und wie man sich – und wem gegenüber – outete. Darüber hatte ich schon mehrfach einiges in den Social Media gelesen und auch auf queeren Webseiten. Ich für meinen Teil hatte es schon so lange wenigstens Hirami und Rodrigo erzählen wollen, aber ich hatte es bisher nicht über mich gebracht.

Manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich in den Kleidergeschäften gern in die Damenabteilung gegangen wäre. Aber ich traute mich nicht, etwas in Pastellfarben, oder Rosa oder etwas Buntbedrucktes zu kaufen. Das farbenprächtigste Kleidungsstück, das ich besaß, war ein Hawaiihemd, das mir meine Tante aus dem Urlaub mitgebracht und zum Geburtstag geschenkt hatte. Aber ich zog es nie zur Schule an. Ich hatte keine Lust, von Typen aus meiner High School gehänselt oder gemobbt zu werden. Also versteckte ich mich seit Jahren, unter weiten Klamotten, Kapuzenhoodies und so weiter, in dunklen oder gedeckten Farben. Schwarz. Grau. Khaki. Nur nicht auffallen. Aber ich hatte das so satt! Meine Seele verdorrte, so kam es mir jedenfalls vor. Vielleicht war diese Performance wirklich keine schlechte Idee …

 

***

 

Nach Unterrichtsschluss am nächsten Tag verabschiedete ich mich wie immer mit einer Umarmung von Rodrigo, der es eilig hatte.

»Hey, Himari«, wandte ich mich an meine Freundin, die gerade ihre Sachen zusammenpackte. Ihre Familie stammte von japanischen Einwanderern ab. »Kann ich kurz mit dir sprechen? Unter vier Augen?«

»Na, du machst es ja spannend. Klar.«

Gemeinsam wanderten wir über den Schulflur und durch den Strom an Jugendlichen, der dem Ausgang entgegenstrebte. Himari verstaute noch etwas in ihrem Spind, dann gingen wir weiter.

»Ich möchte bei der Talentshow mitmachen«, sagte ich zu ihr, als wir schließlich draußen waren. Die Sonne schien und es war angenehm warm.

Himari lächelte. »Mit einer Hip-Hop-Performance, nehme ich an?«

Ich tanzte schon seit drei Jahren Hip-Hop, in einem Kurs, der in einer Tanzschule stattfand. Die Gruppe dort war bunt gemischt und wir waren auch schon mal aufgetreten, allerdings nichts Großes.

»Ja, schon irgendwie. Aber es ist ein bisschen speziell. Und ich bräuchte Hilfe mit dem Kostüm.«

Sie grinste mich von der Seite an. »Ach, und da dachtest du, frag ich halt Himari, sie kann ja nähen. Na los, erzähl mir mehr.«

»Hast du gestern zufällig Lip Sync Battle gesehen?«

»Nein, ich war bei meiner Tante. Aber Alice hat‘s gesehen und war ganz aufgeregt, wegen Tom Holland. Sie fand seinen Auftritt cool. Er hat auch gewonnen. Mehr weiß ich aber noch nicht.«

»Warte mal kurz, ich schaue mal, ob ich das bei Youtube finde.« Ich strich über mein Handy und rief die Youtube-App auf. Wie erwartet war der Auftritt schon als Videoclip verfügbar und hatte bereits eine Menge Likes bekommen.

»Komm, setzen wir uns einen Moment«, sagte Himari und deutete auf eine Bank im Bereich vor dem Schulgebäude.

Gemeinsam sahen wir uns den Auftritt an. Mir sank das Herz in die Hose bei dieser zweiten Betrachtung. Himmel, das waren wirklich Killermoves, wie Rodrigo gesagt hatte. Das würde ich nie schaffen!

»Wow, das ist wirklich cool«, sagte Himari, als das Video endete. »Und was hat das nun mit der Talentshow zu tun?«

»Rodrigo hat gestern Abend mit mir gewettet, dass ich mich nicht trauen würde, so aufzutreten. Und ich bin darauf eingegangen.«

Himari riss die Augen auf. »Boah. Na, dann viel Spaß beim Proben. Da kommt Arbeit auf dich zu, aber so richtig! Aber kein Thema, mit dem Kostüm kann ich dir helfen. Und ich kenne mindestens einen Laden, in dem du so eine Perücke bekommst.«

Ich umarmte sie. »Danke, du bist die Beste.«

»Willst du denn allein auftreten? Vielleicht kannst du Leute aus deiner Hip-Hop-Gruppe fragen, ob sie im Hintergrund tanzen würden?«

Ich schüttelte den Kopf. Nicht auszudenken. »Nein, ich mache das lieber allein. Das ist schon schwer genug. Und die Tanzgruppe … wir arbeiten gerade an einer neuen Choreographie, da will ich nicht auch noch fragen, ob jemand von ihnen mit mir probt. Und ich schätze, bis wir zusammen Termine verabredet haben, an denen alle Zeit haben, wäre die Talentshow schon längst vorüber.«

»Hm. Na ja gut, das kann ich verstehen. Wenn du allein probst, bist du flexibler. Und dann musst du dir auch keinen Kopf machen über die Kostüme von anderen.«

Ich nickte. »Einen Anzug und einen Hut habe ich und wir haben zu Hause auch einen passenden Regenschirm.«

»Sehr gut. Magst du mit zu mir kommen, dann kann ich bei dir Maß nehmen? Oder passt es dir ein anderes Mal besser?«

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783752123098
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
High School queer Comingout Jugendliche Tom Holland Talent Show Tanz Erzählungen Kurzgeschichten

Autor

  • Amalia Zeichnerin (Autor:in)

Amalia Zeichnerin ist das Pseudonym einer Hamburgerin Autorin. Amalia schreibt Phantastik, Historisches, Cosy Krimis und Romance, gern mit queeren Protagonist*innen und Diversität, denn die Welt ist bunt und vielfältig.
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Titel: Mein Regenbogenschirm