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Never Really Me

von Katie McLane (Autor:in)
300 Seiten
Reihe: Burning Hearts, Band 1

Zusammenfassung

Mehr als acht Jahre lang und fast dreitausend Meilen weit bin ich vor allem davongelaufen, besonders vor ihr. Nur, um ihr jetzt in meinem eigenen Nachtclub zu begegnen.

ETHAN

Ich bin das erfolgreiche Arschloch, das reihenweise Weiber flachlegt und sich ab und zu einen Adrenalinkick holt. Ein wunderbares Leben, könnte man meinen. Bis meine erste Liebe auftaucht und unsere verkorkste Vergangenheit heraufbeschwört. Und damit auch mein dunkelstes Geheimnis.

LILLIAN

Ich erkenne meinen Jugendfreund kaum wieder, purer Sex und Arroganz auf zwei Beinen. Er ist abscheulich zu mir, provokant ehrlich und ruchlos, will mich damit auf Distanz halten. Doch diesen Fehler werde ich kein zweites Mal begehen. Und davon kann mich auch die Dunkelheit in seinen Augen nicht abschrecken.

Dark Romance - Second Chance

Jeder Teil dieser Reihe ist in sich abgeschlossen (Einzeltitel) und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Burning Hearts - Mal Drama, mal Dark, mal Emotional. Aber immer leidenschaftlich, geheimnisvoll und mitreißend.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


 

 

Never Really Me

 

Von Katie McLane

 

 

 

 

 

 

Playlist

»Inside Out« – Five Finger Death Punch

»Song #3« – Stone Sour

»E.T.« – Katy Perry ft. Kanye West

»Under Grey Skies« – Kamelot

»M.I.N.E. (End This Way)« – Five Finger Death Punch

»I’m Falling« – Rob Moratti

»Battlefield of Love« – One Desire

»Live Like I’m Dying« – Eclipse

»Remember« – Rob Moratti

»Godsend Extasy« – One Desire

Kapitel 1

 

 

Heute ist kein guter Tag für meine Seele. Die Dunkelheit streckt ihre kalten Finger aus den Tiefen meiner Erinnerung hervor und versucht, sie und mich in die Vergangenheit hinabzuziehen.

Normalerweise habe ich das im Griff, manchmal nicht.

Es gibt drei Dinge, die mir dabei helfen können, und ich wäge gerade ab, wie schlimm es ist und auf welcher Stufe ich anfangen muss. Da klopft es an meiner offenstehenden Bürotür und ich schaue vom Bildschirm auf.

»Hey, Barb! Was gibt’s?«

Meine Assistentin steht im Türrahmen und sieht schrecklich aus, ich runzele die Stirn. »Alles in Ordnung?«

Sie ist schon an normalen Tagen der blasse Typ, unterstreicht das mit ihrem wasserstoffblonden Drei-Zentimeter-Pixi-Cut und den dunkel geschminkten Augen, farblich passend zu ihrer Kleidung. In diesem Augenblick wirkt sie eher wie ein fiebriges Gespenst, die Schultern hochgezogen, eine dicke Strickjacke um ihren trainierten Körper gewickelt.

Barb öffnet den Mund, aber statt Worten kommt ein Hustenanfall heraus, den sie in ihre Armbeuge lenkt, gefolgt von einem heftigen Nieser. »Sorry.«

Ich hebe die Brauen und lehne mich im Bürostuhl zurück, ich kann mir nicht leisten, dass sie ausfällt. »Sieh zu, dass du nach Hause kommst! Erkältungsbad und ab ins Bett.«

»Deswegen bin ich hier. Und ich würde gerne auch morgen zu Hause bleiben, für alle Fälle.« Ihre Stimme ist ein einziges Krächzen.

Ich nicke. »Kein Problem, das schaffen wir schon irgendwie. Sag mir nur, was ich wissen muss.«

»Das einzig Wichtige morgen ist das Buchungsgespräch für die Silvesterfeier von Manhattan Marketing, die geschlossene Gesellschaft im hinteren Bereich.«

»Wann?« Hoffentlich hat sie meine Ruhezeiten berücksichtigt.

Meine Assistentin grinst, sie kennt mich zu gut. »Ich habe den Termin extra verschoben, 19 Uhr.«

»Danke, liebe Fee.« Ich erwidere das Grinsen.

»Die bisher vereinbarten Details findest du direkt im Termin, in meinem Outlook-Kalender.«

»Schaue ich mir gleich mal an. Und jetzt ab mit dir.« Ich wedele mit der Hand.

»Danke dir. Bis übermorgen!« Sie wirft mir eine Kusshand zu und verschwindet.

Ich stütze die Ellbogen auf die Armlehnen, lege die Fingerspitzen vor meinem Gesicht aneinander und tippe mir mit den Zeigefingern gegen die Nase. Es macht mir keinen Spaß, Veranstaltungen zu planen, und ich hoffe, dass sich der Termin morgen nicht allzu in die Länge ziehen wird. Bei einem Buchungsgespräch werden die Räumlichkeiten besichtigt, der Kunde äußert seine Wünsche und danach geht es in die Ausarbeitung. Barbara hat dafür das beste Händchen, das ich kriegen konnte.

Ich höre, wie die Eingangstür zu unseren Geschäftsräumen ins Schloss fällt und zum wiederholten Mal spukt mir das Thema Krankenversicherung durch den Kopf. Ich selbst habe mir bereits während des Studiums eine umfangreiche Versorgung gesichert, um im Zweifelsfall keine hunderte von Dollar ausgeben zu müssen. Aber was ist mit meinen Angestellten? Die wenigsten Amerikaner können sich eine private Krankenversicherung leisten, eine staatliche, wie in Europa, gibt es nicht. Deshalb werben viele Unternehmen mit einem solchen Bonus, um sich engagierte Mitarbeiter zu sichern. Ich sollte das Thema endlich angehen und umsetzen.

Auf dem Monitor meines Computers schaltet sich der Bildschirmschoner ein, das Logo des Nachtclubs, den ich vor zwei Jahren eröffnet habe. Nur der erste auf meiner Liste, und mein persönlicher Investmentplan für den zweiten ist fast fertig.

Mit einem Grinsen beuge ich mich vor und bewege die Maus, dann mache ich mich erneut über die Oktoberzahlen her. Analysiere den bisherigen November und die Aussicht auf Dezember. Unter der Woche sind wir fast jeden Abend ausgebucht, für Weihnachtsfeiern und Ähnliches, da werden wir Montag bis Samstag arbeiten und das Personal aufstocken müssen. Aber auch das hat Barb im Griff, sodass ich mich auf anderes konzentrieren kann.

Ein Bild aus der Vergangenheit blitzt in meinem Kopf auf, von dem Club, in dem ich während des Colleges gejobbt habe. War eine echt geile Zeit, stressig und intensiv, in vielerlei Hinsicht, aber ich habe auch verdammt viel gelernt.

Mit einem Mal sind sie zurück, die Ausläufer der Schwärze, und ich atme tief durch. Also gut, fangen wir mit Stufe eins an.

Ich stehe auf und gehe zu meinem Barschrank, schenke mir dreifingerbreit von dem zwölf Jahre gereiften Diplomático aus Venezuela ein. Ein wahres Rum-Juwel mit intensiven Aromen nach getrockneten Früchten, Schokolade und Karamell, einschließlich einem Hauch von kandierten Nüssen. Dazu nehme ich mir nur ein Zigarillo, für eine edle kubanische Zigarre fehlt mir die nötige Muße.

Also rauche und trinke ich, genieße die Wirkung von Tabak und Alkohol, arbeite weiter. Doch das hält nicht lange an. Nein, heute ist wirklich kein guter Tag, aus der Dunkelheit steigt der Dämon empor. Und er giert nach Sex, schnell und hart.

Ich kenne ihn genau, er ist meistens unersättlich. Je eher ich dem gehorche, was er mir einflüstert, desto schneller lässt er mich in Ruhe. Es ist ja nicht zu meinem Nachteil, ich habe verdammt gerne Sex, aber mir wäre lieber, ich könnte zu jedem Zeitpunkt selbst darüber bestimmen, wen ich ficke.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es halb acht ist. Das After-Work-Publikum dürfte bereits im Club abfeiern. Heute und morgen werden sie in Scharen kommen, denn in drei Tagen ist Thanksgiving und viele von ihnen fahren übermorgen zu ihren Familien. Demnach sollte mir die Auswahl auf einem riesigen Büffet von vergnügungssüchtigen jungen Frauen zur Verfügung stehen.

In meinem Privatbad mache ich mich frisch, zupfe das schwarze Hemd zurecht und fahre mir noch einmal durchs Haar. Dann verlasse ich mein Büro und schließe die Tür ab. Ich nehme die Treppe bis ins Kellergeschoss, marschiere hinter den Kulissen bis zur Main-Bar. Ich schlüpfe hinein in die Halle mit den hohen Decken, an deren Flanken kuppelartige Bögen angedeutet sind und die den Main-Floor beherbergt. Unter den gedimmten Kronleuchtern tanz eine ausgelassene Menge, während der andere Teil an den blau beleuchteten Seiten oder vor der violett abgesetzten Theke steht.

Ich schiebe mich durch die Leute und summe einen aktuellen Charthit mit, der Elektrobeat hämmert in meinem Kopf. Mein Blick gleitet über unzählige Gesichter, bis er an zwei aufgetakelten Püppchen hängenbleibt, die sich am Rand der Tanzfläche auf der Stelle bewegen.

Die eine flirtet mit einem Typen, das Glas in der Linken, die Rechte auf seiner Schulter. Sie reden Ohr an Ohr, tänzeln ein wenig, und seine Hand liegt bereits auf ihrer Hüfte. Mein Augenmerk wird jedoch von der Blondine daneben angezogen, deren Locken ihr bis über die Brüste fallen. Sie trägt noch den Kostümrock ihres Bürooutfits, hat die Jacke aber abgelegt und die Satinbluse fast bis zum BH aufgeknöpft. Sie trinkt ihren Cocktail ziemlich schnell, schaut sich immer wieder um oder bedenkt ihre Freundin oder Kollegin mal mit einem neidischen Blick. Kokett wirft sie ihr Haar nach hinten, schwingt die Hüften.

Ein siegessicheres Lächeln zieht meine Mundwinkel auseinander, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Das hier wird ein Kinderspiel.

Von hinten pirsche ich mich an sie heran und bringe meinen Mund an ihr Ohr.

»Lust zu tanzen?«, raune ich mit tiefer Stimme und laut genug, dass sie es hört.

Erschreckt fährt sie herum, doch sie erholt sich schnell, lächelt mich an und nickt. Anscheinend gefällt ihr, was sie sieht. Ich nehme ihr das fast leere Glas ab, zwinge es der anderen auf und lege ihr von hinten die Hände auf die Hüften. Mit sanfter Kraft dirigiere ich sie weiter in die Menge und lasse auch dort nicht von ihr ab. Im Gegenteil, ich intensiviere den Körperkontakt, in dem ich ihre Schenkel mit meinen streife und ihren Hintern mit meinem Schwanz bekannt mache.

Oh ja, das ist genau das richtige Vorspiel. Und sie wehrt sich nicht dagegen.

»Kommst du öfter her? Ich habe dich noch nie gesehen«, rufe ich ihr ins Ohr.

Sie schüttelt den Kopf und dreht sich um, legt die Hände auf meine Oberarme.

»Ich bin erst das zweite Mal hier.« Ihre Finger legen sich um meine Muskeln, gleiten höher. »Und du?«

Ich setze mein sexy selbstgefälliges Grinsen auf, den rechten Mundwinkel höher gezogen, und beuge mich zu ihrem Ohr vor. »Jede Woche.«

Als ich mich zurückziehe und wie zufällig mit der Nase ihre Wange streife, nehme ich ihren Duft wahr. Abtörnend ist er schon mal nicht. Trotzdem muss ich mich zusammenreißen, um es langsamer anzugehen.

Sie erschauert und sieht zu mir auf, beißt sich auf die Lippe und tanzt näher. »Ich bin Celia.«

»Hi, Celia. Ich bin James«, nutze ich meinen Decknamen und ziehe sie ein Stückchen näher. Inzwischen sollte sie bemerkt haben, was da von innen gegen meine Stoffhose drückt. Zeit für Schritt zwei.

Wieder beuge ich mich zu ihrem Ohr. »Gott, du bist so süß! Merkst du, was du mit mir machst? Einfach so?«

»Allerdings!«, gurrt sie zurück und faltet die Hände in meinem Nacken. Im Gegenzug lege ich die Finger um ihren runden Hintern. »Ich habe gehört, bei den hiesigen After-Work-Partys kann man viel Spaß haben.«

Heilige Scheiße, das wird ja noch einfacher, als ich vermutet habe.

»Ist mir auch schon zu Ohren gekommen.« Mit der Zunge ziehe ich ihr Ohrläppchen zwischen meine Zähne und beiße sanft zu. Celia antwortet mit einem verhaltenen Stöhnen. Eigentlich habe ich bereits gewonnen, doch ein kleines Täuschungsmanöver gehört dazu. »Oder möchtest du lieber vorher noch etwas trinken?«

»Das verschiebe ich gerne auf später.« Sie reibt ihren Unterleib an meinem.

»Wenn du das sagst.«

»Kann man denn hier irgendwo allein sein?«

»Da hinten gibt es Separees.«

»Dann lass uns nachschauen, ob eines frei ist.«

Sie löst sich von mir und schiebt die Hand in meine, lässt sich durch den nächsten Durchgang und in einen Flur führen. Von dem gehen nicht nur die Waschräume und zwei weitere Tanzbereiche ab, sondern auch der Gang, der zum privateren Clubbereich führt. Die Lounges sind ebenfalls gut besucht, genauso wie die separaten Räume, wie die vielen roten Lämpchen an den Türen zeigen. Beim nächsten grünen Licht bleibe ich stehen und sehe sie fragend an, sie nickt lächelnd.

Also öffne ich die Tür und führe sie hinein, schließe sie hinter mir ab.

Celia hat meine Hand losgelassen und sieht sich in dem knapp sechzehn Quadratmeter großen Raum um, in dem sich nur zwei tiefe Couchen gegenüberstehen, mit einem niedrigen Tisch dazwischen. An der rechten Wand gibt es einen Schrank, in dem eine Waschgelegenheit und ein paar nützliche Dinge wie eine Box mit Papiertüchern versteckt sind. In die gegenüberliegende Wand ist ein großes rechteckiges Fenster zu einer der Lounges eingelassen, das von der anderen Seite verspiegelt ist, und sie stöckelt direkt darauf zu.

»Wow, das ist cool.«

Ich trete hinter sie und presse mich an ihren Hintern. »Und ein geiler Kick.«

»Wie meinst du das?« Sie will sich umdrehen, doch ich nehme ihre Hände und drücke sie flach gegen die Scheibe.

»Wir vögeln und du kannst sie alle sehen.« Ich zupfe ihr die Bluse aus dem Rock, knöpfe sie auf und knete ihre Brüste durch den BH hindurch. Ziehe den Stoff herab, um ihre Nippel zwicken zu können.

Celia stöhnt auf und presst ihren Arsch gegen meinen harten Schwanz, reibt sich an ihm. Der Dämon lacht auf und lenkt meine Finger, kneift und zwirbelt ihre harten Brustwarzen, bis sie sich vor lustvollem Schmerz windet und jammert. Oh ja, ich will ihr wehtun. Wie allen anderen Frauen auch. Sie sind alle gleich.

Ich lege meine Hände auf die Außenseiten ihrer Schenkel und knülle den Stoff zusammen, bis der Saum bei ihnen ankommt. Schiebe ihr den Rock bis zur Taille hoch und kann ein leises Lachen nicht unterdrücken.

»Hast du sowas hier geplant, als du dich heute Morgen angezogen hast? Oder wolltest du es mit jemandem aus deinem Büro treiben?« Indem gleiten meine Finger über den Spitzenrand ihrer halterlosen Strümpfe und hinauf zu ihrem Tanga.

»Wer weiß«, stößt sie nur hervor, ihre Stimme ist rau vor Erregung, dabei haben wir gerade erst angefangen.

»Ich stehe auf böse Mädchen.« Ich schiebe ihr das knappe Höschen über die Hüften und die Beine hinab, lasse sie aussteigen. »Mach die Beine breit!«

Sie stellt die Füße so weit wie möglich auseinander und wölbt den Rücken ein wenig durch, sodass ich ungehinderten Zugang zu ihrer Muschi habe. Fuck, ich kann riechen, wie geil sie ist.

Ich schiebe eine Hand zwischen ihre Beine und lege die Finger auf ihren Venushügel, gleite von da aus zwischen ihre schlüpfrigen Lippen. Viel zu fest reibe ich über ihre Klit, sie zuckt vor und saugt zischend die Luft ein. Als Antwort stoße ich den Daumen in ihre Muschi und krümme ihn, um sie zu massieren, und sie stemmt sich begierig dagegen. Wusste ich es doch!

Einen Augenblick überlege ich, wie viel Zeit ich ihr widmen will, aber der Dämon treibt mich unerbittlich an. Verdammt, ich muss ihn loswerden. Jetzt.

»Bleib schön so stehen, Süße«, raune ich der Blondine zu und öffne meine Hose, hole das Kondompäckchen aus der Gesäßtasche. Ich mache mir keine großen Umstände, schiebe mir nur die Pants bis unter die Eier und streife mir das Gummi über.

»Mach schon!«, jammert Celia, worauf ich nur mit einem unwilligen Knurren antworte. Keine Frau sagt mir, wo es langgeht, weder beim Sex noch sonst wo.

Ich ergreife ihren Hintern mit der einen Hand, dirigiere meinen Schwanz an ihre Muschi und stoße direkt hinein. Halte nur inne, um ihre Hüften zu packen und mich in Position zu bringen. Dann nehme ich Tempo auf.

Ich ficke sie, so schnell und hart ich kann, den Blick auf ihren Rücken geheftet. Hämmere mit jedem Stoß den Dämon in die Dunkelheit zurück. Die Schwärze wird vom Feuer des nahenden Orgasmus verdrängt, die Gier nach Erlösung wird stärker.

Celias Muschi zieht sich immer mehr um meinen Schwanz zusammen, will ihn melken, deshalb gebe ich ihr, was sie will. Vögele sie fester, bis sie ihren Höhepunkt hinausschreit und ich ihr mit einem kehligen Grollen folge. Zwei Sekunden pumpe ich in sie, dann grabe ich die Finger in ihre Arschbacken und ramme noch ein paarmal in sie, bis auch das letzte befriedigte Lachen des Dämons verhallt.

Erst halb erschlafft ziehe ich mich aus ihr zurück und entsorge das Kondom, bringe meine Klamotten wieder in Ordnung.

»Du meine Güte!«, seufzt sie und lehnt sich rücklings ans Fenster, den Rock weiterhin um die Taille geknüllt. »Geht das bei dir immer so ab?«

»Worauf du einen lassen kannst.« Ich schließe den Gürtel, zupfe das Hemd zurecht.

Sie lächelt. »Gehen wir jetzt etwas trinken?«

»Vergiss es!« Ich lache und sehe noch ihren ungläubigen Gesichtsausdruck, drehe mich um und verschwinde.

Satt und befriedigt schlendere ich den Flur entlang, bis ich einen strategisch geeigneten Durchgang in den betrieblichen Bereich finde, von dem aus ich schnell zu meinem Büro hinauf gelange. Ich schließe die Tür hinter mir und verharre einen Moment, lausche in mich hinein. Es hat funktioniert.

Es ist still in mir und nur mittelgrau, ich habe wieder ein paar Tage Zeit gewonnen.

Was für ein angenehmer Tag!

 

 

Kapitel 2

 

Möglichst unaufdringlich klopfe ich an die Bürotür, warte das »Herein!« ab und stecke den Kopf durch den Türspalt. Damian Ray, mein Chef und Eigentümer der Werbeagentur Manhattan Marketing, blickt von seinen Bildschirmen auf und mich fragend an.

»Ich fahre dann jetzt zur Besprechung bezüglich unserer Silvesterfeier«, informiere ich ihn.

Er lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und grinst mich an. »Ich bin bespannt, was du von dem Laden hältst.«

»Du bist Stammgast, der Club ist total angesagt, es wird schon die richtige Location sein.«

Damian lacht und lässt seine perfekten Zähne aufblitzen. »Darüber reden wir dann morgen, Lillian. Schönen Feierabend!«

»Dir auch.« Ich schließe die Tür wieder und gehe zu meinem Schreibtisch. Der Computer ist bereits aus, also ziehe ich den Wintermantel über meinen Businessanzug, nehme meine Handtasche und schalte die Stehlampe aus, die meinen Arbeitsplatz beleuchtet.

Auf dem Weg zum Ausgang verabschiede ich mich von drei anderen Kollegen, die noch da sind, und nehme den Fahrstuhl nach unten. In der Lobby bitte ich den Portier, mir ein Taxi zu rufen, und trete hinaus vor das Gebäude. Wenigstens übernimmt die Firma die Fahrtkosten zu dem Geschäftstermin und ich muss an diesem nasskalten Novemberabend nicht von einer Subway zur nächsten hetzen.

Kurz darauf sitze ich auf der Rückbank eines angenehm temperierten Yellow Cabs und öffne die obersten Knöpfe des Mantels, während der Fahrer sich wieder in den Verkehr einfädelt. Eine knappe halbe Stunde soll die Fahrt dauern, die Zeit kann ich nutzen und meinen Freund Willard anrufen.

Er geht nach dem zweiten Klingeln ran. »Hallo, Hase! Bist du auf dem Heimweg?«

Seine sanftmütige Stimme bringt mich wie immer zum Schmunzeln. »Nein. Ich habe dir gestern erzählt, dass der Besprechungstermin für unsere Silvesterfeier auf 19 Uhr verschoben wurde. Erinnerst du dich?«

»Ach ja, stimmt.« Willard lacht leise.

»Bist du noch im Büro?«

»Ja, aber fast fertig. Ich wollte wenigstens die letzten Buchungen abschließen.«

Eines seiner Rituale, bei Feierabend muss sein Teil der Finanzbuchhaltung auf dem tagesaktuellen Stand sein.

»Kannst du denn morgen ebenfalls früher Schluss machen?«

»Ja, habe ich alles geregelt, um drei bin ich bei dir.«

»Das ist gut. Und du hast deiner Mutter gesagt, dass ich mein eigenes Bettzeug mitbringe?«

»Ja, habe ich. Sie war zwar etwas pikiert, aber nachdem ich ihr von deiner Allergie erzählt habe, war sie auch wieder beruhigt.«

Ich seufze erleichtert auf. »Dann ist es ja gut. Deine Mutter muss sich zu Thanksgiving nicht noch zusätzliche Arbeit aufhalsen und für das Gästezimmer extra Bettwäsche und Waschmittel besorgen.«

»Ich finde es bemerkenswert, wie umsichtig und rücksichtsvoll du bist. Meine Eltern werden dich lieben.«

»Nur deswegen?« Ich muss lächeln.

»Nein, natürlich nicht.« In seiner Stimme schwingt leichte Panik mit. »Sie werden alles an dir lieben. Weil du mich glücklich machst und ein umwerfender Mensch bist, einfach perfekt.«

Mir wird warm ums Herz. »Danke, mein Schatz!«

Ich gebe zu, es macht mich nervös, morgen Abend seine Eltern kennenzulernen, und dann gleich über das Thanksgiving-Wochenende. Deutlicher kann man nicht sagen, dass es eine ernsthafte Beziehung ist, oder?

»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass wir getrennt schlafen müssen. Meine Eltern sind sehr konservativ, was Sex vor der Ehe angeht.«

Bei dem Gedanken daran, in seinem Elternhaus mit ihm zu schlafen, wird mir unangenehm heiß. »Nein, natürlich nicht.«

»Okay, danke. Na gut, dann wünsche ich dir viel Erfolg bei dem Gespräch, einen schönen Abend und später eine gute Nacht.«

»Ich dir auch, hab dich lieb.«

»Ich dich auch, Hase.« Ein letzter verhaltener Kuss durchs Telefon, dann legen wir auf.

Ich stecke das Smartphone wieder weg und schaue aus dem Fenster. In der Dunkelheit verschwimmen die Autos und Fußgänger zu einer dunkelgrauen Masse, ab und zu unterbrochen von Leuchtreklame oder einem beleuchteten Schaufenster. Die perfekte Metapher für mein Leben.

Eine Sekunde lang sehne ich mich nach meiner Heimat, dem beschaulichen Oxnard an der südkalifornischen Küste. Meine Eltern leben noch immer dort und jammern ständig, dass ich viel zu selten nach Hause komme. Ja, dem ist so. Und dafür gibt es einen Grund.

Dieses Jahr ist der Besuch jedoch unvermeidlich. Wenn ich morgen Willards Eltern kennenlerne, muss ich ihn meiner Familie wenigstens Weihnachten vorstellen. Obwohl mir das alles einerlei ist. Ich lege keinen Wert auf solche Formalitäten, ich will nur ein möglichst friedliches Leben führen. Dafür gehe ich den einfachsten Weg und füge mich Willards Wünschen.

Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. Eigentlich will ich nach sechzehn Monaten Beziehung nicht ans Heiraten denken, aber vermutlich wird Willard mir noch dieses Jahr einen Antrag machen. In seiner Vorstellung findet die Hochzeit dann im kommenden Sommer statt und wir ziehen in einen beschaulichen Randbezirk von New York City, wo wir uns ein kleines Haus leisten können, zwei Kinder bekommen und sie großziehen.

Nun, Letzteres soll offenbar meine Aufgabe werden, denn mein Freund ist da genauso altmodisch wie seine Eltern. Die Frau gibt ihren Job auf und bleibt zu Hause, opfert ihr Leben für den Mann und die Familie.

Offen gesagt ist das nicht meine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft, möglicherweise sträube ich mich deswegen innerlich davor, schon bald zu heiraten. Zum einen liebe ich meinen Job, zum anderen habe ich manchmal das Gefühl, dass es irgendwo mehr für mich geben muss als Blümchensex, bei dem ich auf der Strecke bleibe. Aber gut, vielleicht muss ich mich damit abfinden, dass ich nicht das bekomme, was ich mir tief in meinem Herzen wünsche.

Weil ich es nicht anders verdient habe.

Blinzelnd erwache ich aus meiner Gedankenwelt, als der Taxifahrer vor dem Zielort anhält. Ich tausche Geld gegen Quittung, steige aus und betrachte die Lichtwerbung über dem Eingang, das Logo des Clubs. Nemesis.

Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken und hinterlässt eine unangenehme Gänsehaut. Neben der griechischen Rachegöttin ist das der Begriff für eine »ausgleichende, vergeltende, strafende Gerechtigkeit«.

Mein Karma.

Ich schlucke und schiebe das zur Seite, es geht jetzt nur ums Geschäft. Folglich marschiere ich auf den Eingang zu und drücke die Tür auf, gelange in einen kleinen Vorraum. Er ist dunkel gehalten, die Wände werden in dem gleichen Blau beleuchtet wie das Logo draußen, und es gibt nur einen weiteren Weg hinaus, die lange Treppe ins Untergeschoss.

Hier treffe ich auf eine etwa vierzigjährige Frau, welche die beiden Kassenbereiche rechts und links mit der jeweiligen Garderobe dahinter vorbereitet.

»Guten Abend!«, spreche ich sie an. »Ich habe einen Termin mit Miss Walsh.«

Sie lächelt und deutet hinter sich. »Gehen Sie einfach geradeaus, am Ende des Flurs gelangen sie an die Main-Bar. Dort können Sie sich melden.«

»Vielen Dank!« Ich nicke ihr zu und mache mich auf den Weg, knöpfe den Mantel auf. Als ich den Flur verlasse, sehe ich mich aufmerksam in dem dunklen Saal mit hoher Decke um. Die weißen Gewölbebögen werden blau angestrahlt, genauso wie die Tanzfläche, die Bar leuchtet violett. Dahinter ist ein junger Mann in schwarzer Arbeitskleidung aktiv, nur das weiße Hemd sticht daraus hervor. Die indirekte Beleuchtung der Arbeitsfläche und der Glasregale hinter ihm taucht ihn in mystisches Licht. Tatsächlich wirkt hier alles ziemlich geheimnisvoll, sogar etwas verrucht.

Ich kämpfe das unangenehme Gefühl nieder, nicht hierhin zu gehören, gehe zum Ende des Tresens und lächele den Barkeeper an, lege Mantel und Handtasche auf einem Hocker ab. »Guten Abend! Ich habe einen Termin mit Miss Walsh.«

Der attraktive junge Mann lächelt mich an. »Die ist heute nicht im Haus, den Termin übernimmt der Chef persönlich. Einen Moment, ich sage Mr. Pearce Bescheid.«

Der Name lässt meinen Magen verkrampfen, aber ich zwinge mich zu Gelassenheit, das ist kein seltener Nachname, weder in New York noch in den USA.

Der Barkeeper legt das Geschirrtuch weg und dreht sich um, stutzt und sieht zur Seite. »Oh, da ist er ja schon. Ethan, dein Termin ist hier.«

Und mir bleibt das Herz stehen.

 

 

Kapitel 3

 

Mehr als acht Jahre lang und fast dreitausend Meilen weit bin ich vor allem davongelaufen, insbesondere vor ihr. Nur, um ihr jetzt in meinem eigenen Nachtclub zu begegnen. War etwa alles umsonst?

Sie sieht anders aus als damals und doch erkenne ich sie sofort, registriere innerhalb einer Sekunde sämtliche Details. Trotz der sanften Kurven, die sich unter dem schwarzen Businessanzug abzeichnen und sie als Frau vom Teenager unterscheiden, ist sie zu dünn. Wirkt nicht nur zierlich, sondern regelrecht zerbrechlich. Das sandfarbene Haar hat sie im Nacken zu einem lockeren Knoten zusammengefasst, sie trägt kaum Make-up, wenn ich das bei dem Licht korrekt erkennen kann, und einen schmalen dunklen Damenschlips zur hochgeschlossenen Bluse.

Unerwünschte Bilder wirbeln in meinem Kopf umher, die Schwärze schießt hoch, doch Sonny, mein erster Barmann, reißt mich heraus.

»Ethan, dein Termin ist hier.«

Die Frau an der Bar dreht sich zu mir um, ihr Gesicht zeigt eine Mischung aus Verblüffung und Ungläubigkeit. Wenn ich mich bis hierher hätte irren können, jetzt ist das nicht mehr möglich. Vor mir steht meine beste Freundin aus Jugendtagen und erste Liebe, Lillian Brewster.

Fuck!

»Ethan?«, stößt sie hervor. »Das gibt es doch nicht! Bist du es wirklich?«

Ich hole Luft, verweise Erinnerungen und Schwärze in die Tiefen meiner Seele, und trete näher, lege das Tablet auf die Theke und möglichst viel Zurückhaltung in meine Stimme. »Sieht ganz so aus. Hallo, Lillian!«

Meine ausgestreckte Hand ignoriert sie, stattdessen fällt sie mir direkt um den Hals, presst ihren Körper an meinen. Im ersten Augenblick weiß ich nicht, was ich tun soll, und meine Hände schweben über ihrem Rücken. Ich spüre ihre kleinen, festen Brüste, ihr Haar kitzelt mich am Kinn und ihr Duft steigt mir in die Nase. Extrem weiblich und noch süßer als damals, mein Bauch reagiert sofort. Und auch dieses Knistern von früher ist wieder da, sogar um einiges intensiver.

Der Dämon krümmt sich vor Lachen.

Fuck, fuck, fuck!

Also rufe ich mir in Erinnerung, was sie getan hat, und kühle augenblicklich ab. Meine Finger landen auf ihren Seiten und ich schiebe sie von mir. Wäre ja noch schöner, wenn ich ihr nach so vielen Jahren als erstes meinen harten Schwanz gegen den Bauch presse. Dabei sollte ich ihr lieber ganz langsam die Kehle zudrücken.

»Oh, Gott, Ethan!« Sie legt die Hände um mein Gesicht und schaut zu mir auf, ich kann Tränen in ihren Augen erkennen. »Es ist so schön, dich zu sehen. Nach all der Zeit.«

»Finde ich auch«, erwidere ich, doch meine Stimme straft meine Worte Lügen und sie merkt es. Gut so.

Unvermittelt stutzt sie. »Wo ist deine Brille? Trägst du jetzt Kontaktlinsen?«

»Ich habe mir die Augen lasern lassen.« Ich umfasse ihre Gelenke und ziehe ihre Hände von meinem Gesicht.

»Du möchtest also die Silvesterparty für Manhattan Marketing besprechen?«, lenke ich das Gespräch aufs Geschäftliche und greife nach meinem Tablet.

»Oh, äh, ja.« Sie zupft an ihrem Jackett.

»Gut, dann lass uns nach hinten gehen, damit du dir die Räumlichkeiten ansehen kannst.« Ich warte, bis sie Mantel und Handtasche vom Hocker nimmt, und laufe vorweg. »In den Notizen steht, ihr interessiert euch für die Lounges inklusive der Separees. Was ist mit den Black Booths?«

»Ähm, davon hat Damian nichts gesagt. Was ist das?« Ich höre das Klackern ihrer Absätze hinter mir, hart und dumpf, die robuste Sorte.

»Das, was der Name sagt, im Grunde ein stockdusteres Separee für Blind Dates der intimeren Art.«

»Oh! Das ... so etwas gibt es hier?«

Ich muss lachen, als ich den Flur zum hinteren Bereich betrete. »Diese Räume sind der Renner und jede Nacht ausgebucht. Kennt dein Chef sich im Club aus?«

»Ja, er ist Stammgast.«

»Na, dann wird es wohl einen Grund geben, warum er das ganze Areal für eure Agentur will. Wie viele Mitarbeiter habt ihr?«

»Fast hundert.«

»Okay, dann sollten die hinteren beiden Lounges reichen, die haben auch direkten Zugang zu den Separees. Die vorderen Lounges kann ich dann noch anderweitig vergeben.« Ich biege im Flur zum angesprochenen Bereich ab. »Soll ich dich erst einmal herumführen?«

»Ja, bitte.« Lillian wirkt ein wenig atemlos. »Ist das alles deins? Dein eigener Club?«

»Und ob! Vom Konzept bis zur Einrichtung.« Voller Stolz öffne ich eines der Separees mit Blick in die Lounge, trete zur Seite.

Sie geht hinein, schaut sich um und nickt, entdeckt das Fenster. »Ist das von der anderen Seite verspiegelt?«

»Ja. Die Räume sind alle gleich ausgestattet, zwei Couchen, ein Tisch. Und dort hinten gibt es einen Wandschrank mit Waschgelegenheit und allem, was man sonst noch benötigt, um sich nach einem Rendezvous zu säubern.«

Ich sehe, wie sie rot wird und sich zur Tür wendet, auch meinem Blick weicht sie aus. So so, das ist ihr also peinlich.

Hättest du mir gar nicht zugetraut, was?

Ein boshaftes Grinsen zupft an meinen Mundwinkeln. »Komm, ich zeige dir auch noch eine Booth.« Ich lasse sie zuerst hinaus, schließe die Tür und gehe mit ihr zum Ende des Flurs. Von dort aus führen vier Türen in je eine Black Booth, ich öffne eine davon und schalte das Licht ein.

»Das hier dient als Lichtschleuse und wird nur gedämpft beleuchtet.« Ich zeige auf die schweren Vorhänge, ziehe einen zur Seite. »Dahinter wird es stockdunkel. Die Räume sind nicht besonders groß und werden fast komplett von dem jeweiligen Bett ausgefüllt, zwei mal zwei Meter, bespannt mit einem Schutzlaken aus schmutzabweisender und pflegeleichter Mikrofaser. Möchtest du es sehen?«

»Nein, vielen Dank.« Diesmal wird sie hochrot und flüchtet regelrecht aus dem Vorraum.

»Was ist los mit dir?«, necke ich sie und folge ihr lachend. »Nicht dein Ding?«

»Nein.« Ihre Antwort ist forsch, Rücken und Schultern wirken verkrampft.

»Dein Chef denkt auf jeden Fall mit, das gefällt mir.« Ich ziehe die Tür hinter mir zu und schlendere mit ihr in die nächstgelegene Lounge.

»Was meinst du?«

»Na, du weißt doch, wie viel auf Firmenfeiern in der Belegschaft gevögelt wird.«

»Gevö ...« Sie verstummt und eilt an meine Seite. »Früher hast du nie so geredet.« Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll.

»Doch, aber selten und nicht in deiner Gegenwart. Wieso? Bist du jetzt geschockt?«

Lillian antwortet nicht, sie schaut sich lieber in der Lounge um, in der noch das helle Arbeitslicht eingeschaltet ist. Es ist die größere der beiden. Auf der rechten Seite nimmt eine sternförmige Bar die gesamte Wand ein, an den anderen drei Wänden gibt es nischige Sitzgelegenheiten mit niedrigen Tischen und zusätzlichen Hockern. Darüber sind in regelmäßigen Abständen etwa zwei Meter lange Neonröhren paarweise senkrecht am Mauerwerk angebracht, komplett hinter Acrylglas, sie leuchten fliederfarben.

»Dieser Raum ist auf etwa siebzig Gäste ausgelegt, die andere Lounge auf vierzig. Das passt perfekt zu eurer Unternehmensgröße.« Ich deute auf die nächste Tresenspitze. »Darf ich dir einen Kaffee anbieten? Oder etwas anderes? Ein Mountain Dew?« Das war als Teenager ihr Lieblingsgetränk.

»Ich nehme gerne ein stilles Wasser, danke.« Etwas steif setzt sie sich auf den Hocker und legt ihr Zeug auf den daneben.

Ich betrachte sie mit gehobenen Brauen, beiße die Zähne zusammen. Scheiße, hat sie neuerdings einen Stock im Arsch? Meine Augen wandern zu ihrer Kehrseite, doch sitzend ist kaum etwas davon zu erkennen.

Ich lege mein Tablet auf die andere Seite des dreieckigen Tisches und begebe mich hinter die Bar. Hole zwei Flaschen Wasser aus der Kühlung, öffne sie und schiebe sie zusammen mit Gläsern zu ihr hinüber. Für die Barkeeperin hinterlasse ich eine Notiz für die Inventur, dann gehe ich um die Theke herum und setze mich Lillian gegenüber. Unverhohlen beobachte ich, wie sie sich etwas Wasser einschenkt, einen Schluck trinkt und dann einen Organizer aus ihrer Handtasche zieht. Wie oldschool!

»Okay, dann lass uns die Details durchgehen!« Mit einem Wischen entsperre ich den Bildschirm.

»Ich muss auf jeden Fall Damian fragen, ob er auch die Black Booths buchen will«, entgegnet sie und macht sich eine Notiz.

»Mach das! Welche Wünsche habt ihr für das Buffet? Das würden wir in der kleineren Lounge aufbauen, da gibt es einen Abschnitt ohne fest installiertes Mobiliar.«

»Er hat mir keine Einschränkungen genannt. Welche Preisklassen bietet ihr denn an?«

»Wir liefern, was ihr bestellt. Barbara wird dir nächste Woche gerne ein paar Angebote zukommen lassen. Sollen die Getränke extra gehen oder inklusive sein?«

»Inklusive, bitte. Softdrinks, Longdrinks, Cocktails, Bier, Wein und Sekt. Keine Spirituosen, es soll nicht ausarten.«

Ich nicke und tippe die Infos in den Termin. »Ist notiert. Ihr startet um acht, soll es ein festes Ende geben?«

»Fünf Uhr.«

»Gut.«

»Diese Separees ... kosten die extra?«

Ich schaue auf und bemerke, dass ihre Wangen schon wieder rot werden, muss innerlich grinsen. »Nein, das ist im Preis inbegriffen. Willst du sie ausprobieren?«

Lillians Kopf zuckt nach oben, sie ist entrüstet. »Natürlich nicht! Ich bin sehr glücklich in meiner Beziehung.«

Aha, sie ist also noch nicht verheiratet. Aber ich frage mich trotzdem, wie ihr Freund aussieht, dass sie das extra betont. Ist es jemand wie Julian?

Ohne Vorwarnung greifen die schwarzen Finger nach mir, wollen mich in die Vergangenheit zerren, doch ich kämpfe dagegen an.

Nicht. Jetzt!

»Das heißt gar nichts.« Mit einer lässigen Handbewegung winke ich ab. »Aber lassen wir das. Welche Wünsche können wir euch sonst noch erfüllen?«

»Ich ...« Sie stockt und wirft mir einen verwirrten Blick zu, bevor sie sich wieder ihrem Organizer widmet. »Ist der Champagner um Mitternacht inklusive?«

»Ja.«

»Können wir uns draußen das Feuerwerk anschauen?«

»Erstens seht ihr es von der Straße aus nicht, zweitens könnt ihr nicht rein und raus gehen, drittens spielen wir die Übertragung vom Times Square auf die Monitore.«

»Monitore?« Lillian schaut sich um.

»Die hängen oberhalb der Neonröhren und sind ausgeschaltet unsichtbar.«

»Ah, okay.« Sie macht sich eine Notiz. »Was ist mit den Rauchern?«

»Hinter der anderen Lounge gibt es einen Rauchersalon.«

»Du hast bei dem Konzept wirklich an alles gedacht.« Ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, als sie mich anguckt. »Wo hast du das alles gelernt? Ich weiß gar nicht, was du nach der Highschool getan hast.«

»Das weiß kaum einer, wozu auch?«

»Warst du denn am College?«

»Natürlich.«

»In Kalifornien?«

»Nein.«

Sie neigt den Kopf zur Seite. »Du tust ziemlich geheimnisvoll. Ich bin es doch, deine beste Freundin.«

Ein anderer Dämon schlägt seine Zähne in mein Innerstes, einer, den ich lange nicht mehr ertragen musste. Der, den sie und Julian geschaffen haben.

»Das ist vorbei«, widerspreche ich kalt, greife nach meiner Wasserflasche und leere sie zur Hälfte.

Gelassen bemerke ich, wie sie zusammenzuckt. Und wenn sie noch ein wenig ist wie damals, kaut sie jetzt wie verrückt von innen an ihrer Unterlippe herum. Ich schaue absichtlich nicht hin, es interessiert mich nicht mehr, schon vergessen?

Aber ich will ihr wehtun.

Wie sie mir damals wehgetan hat.

Leider weiß ich aktuell nichts über sie, womit ich ihr das Herz herausreißen könnte.

»Wenn du keine Fragen mehr hast, sind wir für heute fertig.«

»Nein, habe ich nicht«, entgegnet sie leise, nimmt sich eine der Visitenkarten von der Theke und packt ihren Organizer in die Handtasche.

»Gut. Sollten noch welche aufkommen, kannst du dich nächste Woche direkt an Barbara wenden.«

»Mache ich, danke.« Lillian rutscht vom Hocker und zieht ihren Mantel an, schultert die Tasche und wartet, bis ich neben ihr stehe. »Hast du vielleicht Lust, mal was trinken zu gehen? Der alten Zeiten willen?«

»Ich glaube, nicht.«

»Komm schon! Ich möchte so gerne wissen, wie es dir ergangen ist. Nur auf eine Pizza oder ein Glas Wein.«

Alles in mir sträubt sich, auch nur darauf zu reagieren. Kann sie nicht einfach verschwinden?

Meine Rettung kommt in Person von Tracey, der Barkeeperin hier in der Lounge, die ihren Arbeitsplatz bezieht.

Ich hebe den Kopf und rufe: »Trace?«

»Ja, Chef?«

»Kannst du Miss Brewster bitte Richtung Ausgang begleiten? Ich muss hoch ins Büro.«

»Klar.« Sie geht zurück und bleibt an der Ecke der Bar stehen. »Kommen Sie, bitte?«

Lillian drückt kurz meine Schulter. »Bis bald, Ethan.« Dann dreht sie sich um und verlässt mit Tracey die Lounge, ohne sich umzuschauen.

»Träum weiter!«, knurre ich.

Nicht, wenn ich es verhindern kann!

Mühsam ringe ich um Beherrschung, kämpfe den Drang nieder, auf irgendetwas einzuschlagen. Nie hätte ich erwartet, sie wiedersehen zu müssen. Und erst recht nicht, dass es mich dermaßen erschüttert. Erinnerungen lostritt, die ich verbannt habe. Ich kann sie spüren, wie sie in den Schatten lauern, um mich zu quälen.

Mit zusammengebissenen Zähnen eile ich in mein Büro und schnappe mir das Festnetztelefon, rufe meinen Betriebsleiter an. Nebenbei fahre ich meinen PC herunter und warte, bis es endlich knackt.

»Josh?«

»Hey, Ethan, was gibt’s?«

»Du übernimmst, ich muss weg.«

»Sicher, kein Problem. Irgendetwas, das ich wissen müsste?«

»Nein, keine Besonderheiten.«

»Alles klar, dann bis morgen!«

»Bis morgen!«

Mein Magen brennt, als ich den Mantel überwerfe und kontrolliere, ob ich alles habe. Dann schnappe ich mir die Schlüssel, laufe ins Erdgeschoss und nehme die Tür zum Hinterhof. Dort steht mein Wagen, ein aufgemotzter schwarzer Camaro, deren Pferdchen ich zu speziellen Gelegenheiten die Sporen gebe. Aber nicht heute, jetzt brauche ich eine andere Art von Umdrehungen, um das Vergessen heraufzubeschwören.

So schnell, wie es der Verkehr zulässt, lenke ich den Wagen durch die Häuserschluchten Manhattans, rüber in die 10th Avenue. Lasse mich von Hard Rock beschallen, um mein Inneres zu übertönen, und kralle die Finger ums Lenkrad.

Ich habe keine Ahnung, wie es mir gelingt, alles unter Kontrolle zu halten, bis ich mein loftartiges Apartment im 9. Stock erreiche. Doch sobald die Tür hinter mir ins Schloss fällt, werfe ich Mantel und Schlüssel achtlos in die Garderobe und eile zum Barwagen neben der Couch. Fülle eines der exklusiven Rumgläser halb voll und stürze alles hinunter. Der Rum brennt sich durch die Speiseröhre, sodass ich zischend die Luft einsauge. Die Anspannung wird schwächer, sobald die Wärme in meinem Magen explodiert, und ich schenke nach.

Dann lasse ich mich in die Tiefen meiner größeren Couch sinken. Den Ellbogen auf die Lehne gestützt schließe ich die Augen und rolle das Glas über meine Stirn. Ich versuche, die Erinnerungen kontrolliert zuzulassen, doch sie sind überall. Brechen in einem Chaos über mich herein, die Schnappschüsse aus meinen ersten siebzehn Lebensjahren. Bis sie letzten Endes nur noch aus Flashbacks an Lillian und Julian bestehen.

Heißer Zorn brodelt in mir hoch, ich trinke und schenke nach, immer wieder. Kann aber nicht verhindern, dass ich als Zuschauer zum schlimmsten Tag meines Lebens zurückkehre. Und damit in die tiefste Schwärze meiner Seele.

 

Schritt für Schritt schleppt er sich die Stufen zum Dach der Highschool hinauf, dem Ende entgegen. Das klingt vielleicht affig, aber es entspricht der Wahrheit. Und er ist dabei nicht allein. Auf jedem Absatz sieht er seine vermeintlich besten Freunde vor sich, Julian und Lillian. Verräter, alle beide, miese Verräter!

Zwei Jahre lang waren sie das Misfit-Trio der Oxnard High School, der Nerd, der Rebell und die Zugezogene, und jetzt ...

Ethan schiebt sich um die nächste Krümmung des Geländers, nimmt die vorletzte Treppe in Angriff. Das Treppenhaus ist nur spärlich beleuchtet und der feuchte, dunkle Beton scheint einen großen Teil davon zu verschlucken. Außerdem riecht es mehr als muffig, sein Magen reagiert empfindlich darauf.

Julian und er sind seit der ersten Klasse befreundet, nichts konnte sie auseinanderbringen, auch nicht der Wechsel zur Oxnard High. Doch dort begannen die Veränderungen. Er selbst, seit jeher schlau und zurückhaltend, entwickelte sich zum Nerd – Bücherwurm, Genie in Mathe und Wirtschaft. Julian probte mit jedem Jahr mehr den Aufstand – gegen seine Eltern, seine Lehrer, die halbe Stadt. Während Ethan sich in seinen Büchern vergrub, fuhr Julian oft zum Surfers Point am Seaside Park von Ventura.

Ein Jahr später zog Lillian mit ihren Eltern nach Oxnard, ihr Vater gehört zu den United States Naval Construction Forces. Und in ihrer dritten Woche an der Oxnard High tauchte sie mit dem Tablett vor ihrem üblichen Tisch in der Cafeteria auf, um sich ungefragt zu ihnen zu setzen.

Ethan schob seine Brille die Nase hoch und musterte sie interessiert. Logischerweise hatte er sie schon gesehen, schließlich war sie im gleichen Jahrgang und sie besuchten zum Teil dieselben Kurse. Aber sie war ihm noch nie so nah gewesen. Was war da in seinem Magen los? Alles kribbelte und krabbelte.

Julian grinste sie nur herausfordernd an und strich sich das zu lange Haar nach hinten.

Warum sie zu ihnen gekommen war? Nun, Misfit zu Misfits, das war ihre Begründung. Und der Anfang ihrer Freundschaft.

Ethan bleibt vor der Fluchttür zum Dach stehen und schnauft durch. Öffnet die Tür, bückt sich nach dem Ziegelstein, der direkt dahinter liegt. Doch er besinnt sich und richtet sich wieder auf. Warum sollte er ihn zwischen Tür und Rahmen legen? Er hat nicht vor, das Dach auf diesem Weg zu verlassen. Dann tritt er hinaus, lässt die Klinke los und geht langsam auf die Dachkante zu, die zum Parkplatz und dem Außensportbereich zeigt.

Gleich am ersten Tag hat er sich in Lillian verliebt, den süßen, wilden Sonnenschein, der gerne Hippiekleider trägt und Fantasy-Romane verschlingt. Und es dauerte nicht lange, bis Julian ihm das auf den Kopf zusagte. Nein, er konnte es nicht leugnen, doch er nahm seinem besten Freund das Versprechen ab, es für sich zu behalten, denn er wollte ihre Dreierfreundschaft nicht zerstören. Dass er außerdem nicht daran glaubte, dass er eine Chance bei ihr hätte, verschwieg er.

Er genoss schlicht, dass sich zwischen ihnen beiden eine spezielle Nähe entwickelte. Im Laufe der Zeit vertrauten er und Lillian sich manches an, wobei sie auch mal den Kopf an seine Schulter lehnte oder ihn auf seinen Oberschenkel legte, wenn sie alle unter ihrem Lieblingsbaum im Schulpark saßen und lernten. Was selten genug vorkam. Aber Ethan behielt für sich, dass jenes Kribbeln stärker wurde und fast jede Berührung ein Knistern oder einen Stromschlag in ihm auslöste. Vor allem, weil immer öfter sein Schwanz darauf reagierte. Nein, das durfte Lillian auf keinen Fall wissen. Sie hätte ihre gemeinsamen Lernzeiten abgesagt, wäre nicht mehr mit ihnen zum Strand gefahren.

Ethan bleibt am Dachrand stehen, schiebt die Hände in die Jeanstaschen und lässt den Blick schweifen. Früh um halb sieben ist noch nichts los, nicht mal die Schwimmmannschaft trainiert schon im Außenbecken. Aber das war seine Absicht, er wollte nicht durch Zufall von jemandem gefunden und von seinem Vorhaben abgebracht werden. Die Verzweiflung, die Eifersucht und der Herzschmerz sind inzwischen unerträglich. Er hält es nicht mehr aus.

 

 

Kapitel 4

»Vielen Dank für deine Hilfe, Lillian.« Willards Mutter, Sandy, tätschelt mir den Arm.

»Das tue ich doch gerne«, wiegele ich ab und trockne mir die Hände mit dem Geschirrtuch.

»Dann nehmen wir jetzt noch mein Überraschungsdessert und gehen ins Wohnzimmer.« Sie geht zum Kühlschrank und holt sechs Gläser hervor, die mit unterschiedlichen Schichten gefüllt sind.

»Was ist das?« Nach einem neugierigen Blick auf den Nachtisch nehme ich die Löffel aus der Schublade.

»Oh, Cheese Cake mal anders. Creme, zerbröselte Cookies und Cranberry-Kompott.« Mit einem Lächeln nimmt sie vier der Gläser und bedeutet mir, die anderen zwei zu tragen.

Wir gehen ins Wohnzimmer, wo Willard mit Vater Richard, Schwester Nancy und Schwager Mitch in ein Gespräch über die falsche Gesundheitspolitik des Landes vertieft ist. Nichte Stella und Neffe Steven schlafen bereits, zum Glück. Die dreijährigen Zwillinge sind mir diese drei Tage anständig auf die Nerven gegangen, weil sie sich nicht selbst beschäftigen können und ständig nach ihren Eltern oder Aufmerksamkeit schreien.

Überhaupt war dieses Thanksgiving verdammt aufreibend für mich, aber ich weiß nicht, ob ich froh sein soll, dass es morgen nach New York zurückgeht.

Nein, es liegt nicht an Willards Familie, die sind alle wunderbar herzlich und bodenständig, sogar vergleichsweise leidenschaftslos. Deswegen konnte ich meine Gedanken einige Male nicht im Zaum halten.

Ich verteile die Löffel, reiche meinem Freund das Dessert und setze mich neben ihn. Er unterbricht dafür nicht einmal das Gespräch. Dementsprechend konzentriere ich mich auf die Leckerei, schiebe den Löffel bis in die unterste Schicht und blende die Worte der Anwesenden aus. Die Stimmen verschwimmen im Hintergrund, während ich mir den Nachtisch auf der Zunge zergehen lasse. Der Likör im Kompott überlagert alles und ich muss mich zusammenreißen, um nicht das Gesicht zu verziehen. Es ist nicht so, dass ich keinen Alkohol mag, aber das hier ist aufdringlich, Creme und Cookies gehen total unter. Ich werde es trotzdem essen und loben.

Und schon wandern meine Gedanken wieder zu Dienstagabend, dem Wiedersehen mit Ethan. Himmel, er hat sich so verändert! Er ist schroff und abweisend, so kenne ich ihn gar nicht von früher. Als Teenager war er ein Nerd mit Brille, schüchtern und zurückhaltend, aber auch verdammt schlau und ein richtig guter Freund.

Das genaue Gegenteil von Julian.

Kurz kneife ich die Augen zusammen und verscheuche sein Bild. Sich mit ihm einzulassen war der größte Fehler meines Lebens und ich büße noch immer dafür.

Mein bester Freund, denn das war Ethan damals, hat sich vor allen Dingen äußerlich verändert. Früher war er schlaksig, heute ist er muskulös und trainiert, das Hemd hat gespannt über seinen breiten Schultern. Und wie eng die Stoffhose an seinem Hintern anlag ... ich musste einfach hinschauen. Seine grünen Augen kommen ohne die Brille erst richtig zur Geltung und selbst sein hellbraunes Haar wirkt männlicher. Er ist der reinste Womanizer und kann sich gewiss vor Frauen kaum retten, trotz seiner offenen Arroganz.

Was mir nicht gefällt, ist das, was ich empfunden habe. Als ich ihn unbedacht umarmt habe.

Wie kann das alles noch da sein, obwohl viel Zeit vergangen und Schreckliches passiert ist? Nein, falsch. Es ist nicht einfach nur immer noch da, es ist mächtiger als vor neun Jahren. Und genauso unangebracht. Es schreckt mich nicht einmal ab, dass er ein Arschloch ist. Ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken. Und an damals.

Nach Julians Tod ... hat sich alles verändert, erst recht zwischen uns. Kein Wunder, mein bester Freund war schließlich dabei. Ich habe Ethan nicht mehr gesehen, er hat sich abgekapselt, von allem und jedem. Wir hatten bloß ein paar Wochen bis zum Abschluss der Highschool, mussten mit alledem fertigwerden und für die Prüfungen lernen. Insgeheim habe ich gehofft, dass es im Sommer besser werden und wir uns wiedersehen würden. Wir hätten uns gegenseitig Trost spenden können.

Aber dann war er verschwunden und niemand hat gewusst, wohin. Auch seine Eltern ließen nichts darüber verlauten, nicht einmal mir gegenüber. Und mir war nichts weiter übrig geblieben, als allein zu trauern. Um Julian und das Ende unserer Dreierfreundschaft.

Oder hat das schon früher angefangen?

Ich kann es nicht glauben! Dieser Gedanke hat mich schon damals gequält und ich war der Meinung, das hätte ich hinter mir gelassen. Genauso wie das Bedürfnis, mit Ethan zu reden. Aber das kehrt zurück. Verdammt, das ist gar nicht gut!

Ich kratze den Rest aus, stelle den Löffel hinein und das leere Glas auf den Couchtisch.

»Nun, Lillian ...« Nancys eine Spur zu hohe Stimme reißt mich zurück in die Realität, sodass ich blinzele und aufsehe.

»Ja?«

»Wann ist es denn bei euch soweit?« Sie schaut lächelnd von mir zu ihrem Bruder.

»Du meinst eine Hochzeit? Ach, ich weiß nicht. Wir haben doch noch jede Menge Zeit.« Ich zwinge mich zu einem Lächeln und lehne mich wieder an.

»Wie lange seid ihr jetzt zusammen?«

»Sechzehn Monate«, erwidert Willard und nimmt meine Hand.

»Also, Mitch hat mir schon nach sechs Monaten einen Antrag gemacht«, wirft sie ein und stellt ebenfalls ihr leeres Glas auf den Couchtisch.

»Glückwunsch!« Ich meine das ernst, ich finde es fantastisch, wenn ein Paar so früh merkt, dass es zusammengehört.

»Wenn es nach mir geht, können wir nächsten Sommer heiraten.«

Erstaunt starre ich Willard an. Er will doch wohl nicht jetzt ... »Ach ja?«

Er zuckt die Schultern und lächelt mich liebevoll an, seine graublauen Augen leuchten. »Ich weiß nichts, was dagegenspricht.«

»Na, dann lass dir mal etwas für den Antrag einfallen!« Mit der freien Hand tätschele ich sein Bein und habe die Lacher auf meiner Seite.

»Sie hat recht, mein Junge«, springt mir Sandy bei. »Der Heiratsantrag ist eines der wichtigsten Ereignisse im Leben einer Frau. Das darfst du nicht vermasseln.«

Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten und ich atme innerlich auf, dass ich noch einmal davongekommen bin.

Nancy nimmt das als Anlass, alles von sich und Mitch zu erzählen, vom Antrag bis zu den Flitterwochen, und sie steigen alle mit ein. Ich bemühe mich ernsthaft, dem Gespräch zu folgen und an den richtigen Stellen zu reagieren, aber leicht ist es nicht. Es fühlt sich mit der Zeit sogar so an, als ob sich ein Gewicht auf meine Brust legt und mir das Atmen erschwert.

Irgendwann beugt sich Willard zu mir und flüstert: »Keine Angst, das wird etwas ganz Besonderes.«

Ich schaue ihn lächelnd an, drücke seine Hand und gebe ihm ein flüchtiges Küsschen auf den Mund. Streiche ihm das akkurat geschnittene, aschblonde Haar zurück.

»Das weiß ich, mein Schatz. Gibt es noch etwas Wein?«

»Sicher.« Er lässt meine Hand los, rutscht bis zur Kante vor und schenkt mir Rotwein nach.

Keine zwei Stunden später ist der Abend zu Ende, in Willards Familie schlägt niemand über die Stränge. Mein Freund verabschiedet mich mit einem fast keuschen Gutenachtkuss vor dem Gästezimmer, dann gehe ich hinein und schließe die Tür hinter mir. Für einen Augenblick lehne ich mich dagegen, starre ins fast dunkle Zimmer und knipse über den Schalter neben der Tür letztendlich die Nachttischlampe an.

Ich stoße mich ab und knöpfe mir auf dem Weg ins Bad die Bluse auf, spule meine Abendroutine ab. Eine Viertelstunde später setze ich mich im Pyjama auf die Bettkante, creme mir die Hände ein.

Es ist fast überstanden.

Mit gerunzelter Stirn schlüpfe ich unter die Decke und schalte das Licht aus. Woher kommt dieser Gedanke? Am Anfang der Woche habe ich mich doch auf dieses Wochenende gefreut.

Ja, aber das war, bevor Ethan aufgetaucht ist. Und mit ihm die Vergangenheit.

Auf der Fahrt hierher habe ich Willard von dem Wiedersehen erzählt, nur oberflächlich. Ich habe gehofft, er würde nachhaken, sodass ich mit ihm über meinen Schulfreund hätte sprechen können, aber er ist direkt zum nächsten Gesprächspunkt übergangen, der Weihnachtsfeier seiner Firma kommende Woche.

Ich drehe mich auf die Seite, ziehe das Oberbett bis zur Nase hoch und stopfe mir das Kissen unter dem Kopf zurecht. Es ist lange her, dass ich an meine Highschoolzeit denken musste, deshalb überfluten mich die Bilder regelrecht. Als es mir zu viel wird, schließe ich die Augen und konzentriere mich auf eine der positiven Erinnerungen.

Julian, Ethan und ich sind zum Strand in Ventura gefahren. Ausnahmsweise ist Julian nicht mit seinem Brett draußen gewesen und wir beide haben Ethan beackert, mit uns ins Wasser zu gehen. Es hat lange gedauert, doch dann hat es kein Halten mehr gegeben. Wir haben selten so viel zusammen gelacht und Blödsinn gemacht, vollkommen unbeschwert.

Melancholie und Sehnsucht drohen, mich zu überwältigen. Das war auf jeden Fall einer unserer besten Tage.

Nein, ich will jetzt nicht an früher denken. Will nicht wieder in diesen dunklen Strudel geraten, der mit meiner falschen Entscheidung begonnen hat. Oh, verdammt, diese Dunkelheit ist so verführerisch, so ...

Ich kneife die Augen fest zusammen, meine Finger krallen sich ins Kissen und ich kämpfe dagegen an. Mit letzter Kraft greife ich auf eine der in der Psychotherapie erlernten Methoden zurück, um mich von den schädlichen Grübeleien zu befreien.

Es dauert und erschöpft mich mental, aber es gelingt mir.

Ich entspanne mich und gleite hinüber in den Schlaf. Doch mein letzter Gedanke gilt Ethan, ich sehe sein markantes Gesicht vor mir. Und in mir breitet sich ein altbekanntes warmes Gefühl aus.

 

 

Kapitel 5

 

Der Dämon trägt Julians Gesicht.

Das ist meine Erkenntnis des Thanksgiving-Wochenendes.

Warum ist mir das eigentlich nicht eher aufgefallen? Letzten Endes begleitet er mich bereits neun Jahre, mal mehr, mal weniger intensiv. Am Anfang habe ich einiges getrunken, um ihn zurückzudrängen. Bis ich erkannt habe, dass Sex besser funktioniert, wenn er extra penetrant ist. Stufe drei dagegen ...

Ich blinzele, diese Gedanken kommen verdammt übel beim Autofahren. Ich bin nicht mal sicher, dass ich schon wieder komplett nüchtern bin, und habe keine Lust, in eine Polizeikontrolle zu geraten.

Fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit lenke ich meinen Chevrolet Camaro in Brooklyn in die Straße, in der Sebastian seit ein paar Monaten lebt. Er sitzt längst auf der vorletzten Stufe der Treppe vor dem umgebauten Townhouse, in dem seine Großeltern die Wohnung in der ersten Etage besitzen. Ein fachmännisch restauriertes Schätzchen aus der Zeit um 1900.

Ich halte in zweiter Reihe und Seb packt seine Sporttasche, kommt herüber und steigt ein. Nachdem er sich angeschnallt hat, lassen wir unsere Fäuste aneinanderstoßen.

»Hey, Kumpel! Alles klar?« Ich grinse ihn an und mustere ihn. Er sieht dünner aus als bei unserem letzten Treffen vor zwei Wochen. Mal wieder.

»Alles cool.« Sein Lächeln fällt ziemlich schief und gequält aus. »Was machen wir heute?«

Ich lege den Gang ein und fahre weiter, zurück Richtung Manhattan. »Ich dachte, wir spielen heute ein bisschen Indoor Beach Volleyball.«

»Allein?« Ich kann praktisch hören, dass er das Gesicht verzieht, und muss lachen.

»Nein, da finden sich immer Leute, gegen die man spielen kann. Die Bude ist echt angesagt.«

»Hm.«

Aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass er die Arme vor der Brust verschränkt.

»Komm schon, das wird cool, glaub mir!«

»Wenn du das sagst.«

Er klingt nicht begeistert, also schaue ich ihn an der nächsten Ampel an, wie er aus dem Seitenfenster starrt, und spreche ihn sanfter an. »Wie geht es dir?«

»Wie soll es mir schon gehen?« Er zieht die knochigen Schultern höher.

»Wie läuft es in der Schule?«

»Gut.«

»Und mit Belinda und George?«

»Auch.«

»Wirklich?«

Seb fährt zu mir herum, das Gesicht blass für einen Jungen, dessen Vater dunkle Haut hat. Er beißt die Zähne zusammen und funkelt mich aus braunen Augen an.

»Was glaubst du wohl?«, faucht er.

Die Ampel springt auf Grün, ich fahre weiter. Als Blue Guardian habe ich seine Großeltern logischerweise gleich zu Anfang kennengelernt und weiß um die Schwierigkeit der Situation. Es sind die Eltern seiner ermordeten Mutter. Weiße.

»Habt ihr euch wieder gestritten?«

»Ja.«

»Warum?«

»Der Nazi sperrt mich zu Hause ein.«

»Du sollst deinen Großvater nicht so nennen.«

»Aber er ist einer und das weißt du!«

Ja, tue ich. Aber ich darf es nicht zeigen. »Worum geht es diesmal?«

»Er will verhindern, dass ich auf die schiefe Bahn gerate«, höhnt er.

»Inwiefern? Hat er einen Grund dazu?«

»Den braucht er nicht. Er meint, es liege ja in meinen Genen.«

Ich atme tief durch und verdrehe innerlich die Augen.

»Wahrscheinlich glaubt er, dass ich mir auf der Straße eine Knarre besorge und rumballere.«

Fuck, dieser alte Sack ist echt keine große Hilfe.

Ich schweige einen Moment, um die Wut nicht durchklingen zu lassen. »Na, dann ist es ja gut, dass wir heue mal so richtig Dampf ablassen können, oder?«

Sebastian grollt nur.

Der Parkplatz vor der Halle, in der nicht nur Beach Volleyball gespielt werden kann, ist voller Autos und Motorräder, auch der überdachte Fahrradabstellplatz ist zur Hälfte besetzt. Kein Wunder bei dem grauen Himmel und dem Nieselregen. Wie gut, dass ich einen Court reserviert habe. Nach zwei Runden fährt vor meiner Nase jemand weg, ich parke schwungvoll ein.

Mit geschulterten Sporttaschen nehmen wir den Weg zur Halle in Angriff. Seb und ich teilen die Vorliebe für einen ungezwungenen Freizeitlook, Turnschuhe, Jogginghose, Hoodie. Außerdem trennen uns gerade mal zehn Jahre und er ist nur wenige Zentimeter kleiner als ich, abgesehen von der Hautfarbe könnten wir Geschwister sein. Und ist es nicht das, was Blue Guardian beabsichtigt? Dass traumatisierte Kinder und Teenager einen großen Bruder oder eine ältere Schwester zur Seite bekommen, die ähnliche Erfahrungen durchmachen mussten?

Tja, und in diesem Fall tut das Programm auch mir gut. In seiner Gesellschaft vergesse ich meine persönlichen Katastrophen, bin ein kleines bisschen ich selbst und konzentriere mich voll und ganz auf ihn.

Ich ziehe die Tür auf und lasse Sebastian vorgehen, folge ihm zur Anmeldung. Dahinter laufen wir entlang der Lounge Richtung Umkleidekabinen. Mehr als die Hälfte der Liegestühle und Lümmelplätze ist mit jungen Leuten belegt, aber ich kann sehen, dass Seb sie keines Blickes würdigt. Andersherum verhält es sich gegensätzlich, es gibt auf jeden Fall Interesse seitens ein paar Mädchen. Ich muss grinsen, wir sollten nach dem Duschen auf jeden Fall etwas zusammen trinken.

»Was macht ihr eigentlich gerade im Sportunterricht?«, will ich beim Umziehen wissen.

»Basketball.«

»Und? Ist das was für dich? Die Größe hast du ja schon.«

»Weiß ich noch nicht.«

»Nichts, was dir wirklich Spaß macht?«

Er stöhnt. »Mann, du nervst!«

»Jepp, du mich auch«, erwidere ich mit ironischem Unterton und packe meine Sachen in einen Spind. »Zu Tode!«

Als wir uns kennengelernt haben, hat er meine Ironie oft persönlich genommen, und das Thema Tod hat ihn gleich verschreckt. Doch inzwischen weiß er, woran er bei mir ist, und auch heute erwische ich ihn beim Schmunzeln.

Wir gehen in den abgetrennten Bereich neben den Courts und wärmen uns zehn Minuten auf. Dann sehe ich die Schaulustigen auf den Bänken herausfordernd an.

»Na, wer von euch hat Lust auf ein Match?«

Es melden sich zwei junge Typen, etwa achtzehn oder neunzehn. Es wird ein harter Kampf, aber am Ende können wir sie knapp schlagen.

Ich strecke meinem Partner die Hand zum High Five entgegen und er schlägt grinsend ein. Wir gehen zu unseren Handtüchern und Flaschen, gönnen uns eine Pause.

An deren Ende zwei äußerst hübsche Beinpaare vor uns auftauchen.

Ich schaue auf und ziehe den rechten Mundwinkel zu einem Grinsen hoch, das seine Wirkung auf Frauen schon unzählige Male bewiesen hat. »Hallo, Ladies!«

Die beiden bilden ein ähnliches Paar wie mein Schützling und ich, die jüngere Blondine ist etwa in Sebastians Alter, die andere nur wenige Jahre älter. Und genau meine Kragenweite. Ihre weiblichen Kurven wirken äußerst stramm und werden von den knappen Klamotten, Bustier und Pants, kaum bedeckt. Mir läuft praktisch das Wasser im Mund zusammen, weil ich mir sie nackt unter der Dusche vorstelle, heiß und glitschig.

Ich lecke mir über die Lippen und bin froh, eine weite Sporthose zu tragen. Nicht, dass man mir die wachsende Beule ansieht!

»Hey, ich bin Danny, das ist meine Schwester Pam. Wie sieht’s aus?« Die Ältere hält den Ball hoch. »Lust auf ein Spiel gegen Profis?«

Ich wechsele einen Blick mit Seb und nicke, wir stehen auf. »Sicher, warum nicht?«

»Na, dann macht euch mal bereit, zu verlieren«, ruft die Jüngere, Pam. Sie drehen sich um und marschieren zu unserem Court, ich grinse.

Auf dem Weg beuge ich mich verschwörerisch zu Sebastian, behalte Dannys Kehrseite aber im Auge. »Was hältst du von denen?«

»Ganz nett.« Er zuckt mit den Schultern.

»Ganz nett? Mehr nicht?« Ich schnalze mit der Zunge und klopfe ihm auf die Schulter. »Ich sag dir, danach bekommen wir ihre Telefonnummern.« Wir gehen auf die freie Seite.

Auch dieses Match wird anstrengend, aber nicht nur, weil die Damen ausgezeichnet spielen. Ich muss leider zugegeben, dass mich Dannys Kurven öfter mal ablenken. Wäre heute ein anderer Tag, würde ich sie direkt vernaschen, aber die Sonntage gehören nur mir allein. Oder eben alle zwei Wochen Sebastian. Na, dann lade ich sie halt fürs Wochenende ins Nemesis ein.

Diesmal verlieren wir, doch wir nehmen es sportlich. Ich lade die beiden nach dem Duschen auf einen Drink ein. Seb und ich sind als Erste in der Lounge und setzen uns mit Cola in eine der kleinen Gruppen aus Palettenmöbeln.

Ich mustere den Teenie beim Trinken über das Glas hinweg und bin beruhigt, er wirkt entspannt.

»Irre ich mich oder hat Pam dich ab und zu mal angeflirtet?«, ziehe ich ihn auf und stelle mein Glas ab.

Er verdreht die Augen. »Die wollte mich doch nur ablenken.«

»Von wegen!« Ich stoße ihn mit dem Ellbogen an. »Die steht total auf dich.«

»Und wenn schon«, murmelt er und zuckt die Schultern. Er lehnt sich zurück und trinkt, schaut sich um.

Aus den ersten Gesprächen habe ich mitgenommen, dass er noch keine Freundin hatte. Auch wenn er schon mal verliebt war, unglücklich. Ja, ich kenne das und weiß, wie schwer es ist, da wieder rauszukommen und nach vorne zu schauen. Aber ich vermute fast, dass seine Abwehrhaltung etwas mit dem Drama um seine Eltern zu tun hat.

»Hey, ihr zwei!« Danny und Pam lassen sich auf der Sitzbank gegenüber nieder.

»Da seid ihr ja.« Ich ziehe den Mundwinkel hoch. »Was wollt ihr trinken?«

»Sprite«, antwortet Pam und sieht mit einem Lächeln zu Sebastian.

»Ich nehme einen Eistee.«

»Alles klar, kommt sofort.« Ich stehe auf und gehe zur Bar, gebe meine Bestellung auf. Während ich darauf warte, beobachte ich die Drei. Danny checkt kurz ihr Handy, Pam versucht, Sebastian in ein Gespräch zu ziehen.

Als ich mit den Getränken zurückkehre und den Ladies hinstelle, bedankt Danny sich mit einem frechen Grinsen und laszivem Unterton.

Na, geht doch!

»Seid ihr öfter hier?«, hake ich nach und setze mich wieder.

»Ja, außerhalb der Saison. Um in Form zu bleiben«, meint Pam.

»Dann seid ihr also wirklich Profis?« Ich schaue Danny an.

»Meinst du, wir erzählen euch irgendwelchen Mist?«

»Hätte ja Taktik sein können.«

Sie lacht auf und wirft sich das Haar über die Schulter zurück. »So etwas brauchen wir nicht.«

»So so«, erwidere ich in anzüglichem Ton.

»Aber ihr seid das erste Mal hier, oder?« Pam wendet sich direkt an Sebastian.

»Jepp.« Er beugt sich vor und stellt seine Cola auf den niedrigen Tisch.

»Du spielst gut. Vielleicht hast du ja Lust, wieder herzukommen?«

»Kann schon sein.«

Und so geht es hin und her. Danny und ich flirten, Pam beißt sich an Seb die Zähne aus. Entweder merkt sie es nicht oder sie ist extrem hartnäckig. Ich bekomme sogar mit, dass sie ihm beim Abschied einen Zettel zusteckt, und muss grinsen. Dannys Nummer befindet sich längst in meiner Hosentasche und ich verabschiede mich mit einem Wangenkuss bei ihr. Einem Treffen im Nemesis - und mehr - steht nichts im Weg.

Mein Schützling und ich verlassen die Halle als Erste, ich muss ihn pünktlich zu Hause abliefern. Als ich meine Tasche in den Kofferraum stelle und er einsteigt, sehe ich, dass er einen zerknüllten Zettel auf den Asphalt fallen lässt. Mit einem Seufzen werfe ich die Heckklappe zu und schiebe mich hinter das Lenkrad.

»War das Pams Telefonnummer?«

»Ja.«

»Warum? Sie ist doch ganz süß.«

»Ich will das nicht«, knurrt Sebastian und schnallt sich an.

»Warum nicht?« Da er schweigt, lege ich ihm die Hand auf den Arm und hake nach. »Hey! Wo liegt das Problem? Was genau willst du nicht?«

Zunächst beißt er die Zähne zusammen und ich gebe schon fast die Hoffnung auf, da antwortet er doch noch.

»Ich habe Schiss«, gibt er leise zu.

»Wovor?«

Er sieht mich mit verstörtem Blick an. »Genauso eifersüchtig zu werden wie mein Dad. Und auch so auszuticken.«

Mir wird heiß, ich nehme die Hand von seinem Arm und atme tief durch. »Das ist nichts Genetisches, das man vererbt bekommt, Seb. Das ist eine Frage der Erziehung, des Umfelds, und ich glaube, deine Mutter hat alles richtig gemacht, du bist ein toller Kerl.«

Sebastian starrt zur Frontscheibe hinaus und schweigt.

»Hast du das mal mit deinem Therapeuten besprochen?«

Er zögert einen Augenblick. »Nein.«

»Dann solltest du das tun. Er kann dir bestimmt ganz genau erklären, woher Eifersucht und Gewaltbereitschaft kommen, wie sie zusammenhängen.«

Er presst die Lippen zusammen und nickt.

»Und wenn du möchtest, quatschen wir beim nächsten Treffen darüber. Ist das okay für dich?«

Wieder nickt er nur. Verdammt, ich werde das Gefühl nicht los, gerade etwas Wichtiges zu vermasseln.

»Du kannst mich auch jederzeit anrufen, das weißt du!«, erinnere ich ihn. »Ich bin immer für dich da.«

»Ja, okay.«

Diesmal nicke ich nur, stoße die Luft aus und starte den Motor. Schweigend lenke ich den Wagen vom Parkplatz und in Richtung seines Zuhauses.

»Was willst du in zwei Wochen unternehmen?«

»Keine Ahnung.«

»Dann hast du bis zum Wochenende eine Aufgabe. Wir machen etwas, auf das du so richtig Bock hast. Aber ich will nichts Halbherziges, du musst mich überzeugen, warum wir das unbedingt tun müssen. Und wenn es Bungeejumping ist.«

Ein lautes Schnauben, dann fängt er an zu kichern. »Du machst alles, was ich sage?«

»Klar, Mann!« Ich grinse.

»Das will ich sehen!«

 

 

Kapitel 6

 

»Guten Morgen, Miss Prissy!«

Ich sehe von der Kaffeemaschine auf und in das Gesicht von Abby, meiner einzigen Freundin in der Firma. »Ich bin nicht spießig«, grummele ich.

Sie hebt eine Augenbraue, sodass die über dem Brillenrand in ihrem krausen braunen Haar verschwindet. Dann nimmt sie meine Hände, dreht mich zu sich herum und schaut darauf hinab. Ich folge ihrem Blick und stelle mal wieder fest, wie blass ich bin, insbesondere im Gegensatz zu ihrer schokoladenbraunen Haut.

»Kein Ring. Bist du deswegen so gereizt?«

»Ich bin auch nicht gereizt«, entgegne ich und merke selbst, dass ich mir damit widerspreche. Ich entziehe ihr die Hände und nehme meine Tasse unter dem Kaffeeauslauf hervor, laufe zu meinem Schreibtisch.

Wie erwartet folgt sie mir, zieht sich einen der Besucherstühle aus der Sitzecke und nimmt direkt neben meinem Bürostuhl Platz. »Ist etwas dazwischengekommen? Mögen seine Eltern dich nicht?«, hakt sie mit gesenkter Stimme nach und beugt sich zu mir, die Beine übereinandergeschlagen. »Wenn er dir jetzt keinen Antrag gemacht hat, wird er es bestimmt an Weihnachten tun, bei deinen Eltern.«

»Du weißt doch, dass mir das gar nicht so wichtig ist! Außerdem ... darum geht es nicht.« Ich trinke von meinem Kaffee, stelle den Becher beiseite und drehe mich in ihre Richtung. »Es ist nur ...« Ich kaue auf meiner Unterlippe und überlege, wie viel ich der Grafikerin erzählen will. Und mir wird klar, dass ich gar keine andere Wahl habe, als ihr mein Herz auszuschütten. Es gibt sonst niemanden in meinem Leben, mit dem ich über alles reden kann.

»Du weißt doch, dass ich am Dienstag in dem Club war, in dem unsere Silvesterfeier stattfinden soll.«

»Mh-hm.« Abby nickt mir aufmunternd zu.

»Die Mitarbeiterin, die alles organisiert, mit der ich verabredet war ... sie war krank. Also hatte ich das Vergnügen mit dem Chef höchstpersönlich.«

Sie grinst. »Cooler Typ?«

Ich verziehe das Gesicht. »Mein Jugendfreund. Also, bester Freund, damals«, schiebe ich nach, als sie die Augen aufreißt.

»Ist ja ein Ding! Und? Habt ihr euer Wiedersehen gefeiert?« Sie wackelt mit den Augenbrauen.

»Abby!« Ich gebe ihr einen Klaps aufs Knie.

»Was denn? Darf ich nicht fragen? So, wie du dich verhältst ...«

»Nein, wir haben kein Wiedersehen gefeiert. Ich hatte sogar eher den Eindruck, dass er diesen Zufall gar nicht toll fand. Er war total abweisend. So kenne ich ihn gar nicht.«

»Wie lange habt ihr euch nicht gesehen?«

»Neun Jahre.«

Ich fasse ihr unsere Jugendgeschichte kurz zusammen und als ich fertig bin, lehnt sie sich mit verschränkten Armen zurück. »Und du sagst, er hat sich total verändert?«

»Auf jeden Fall! Er war damals einer der Freaks in unserer Stufe. Groß und schlaksig, Brille, Computer-Nerd und ein Genie in Mathe und Wirtschaft. Schüchtern, zurückhaltend. Aber total lieb und hilfsbereit, immer für mich da.«

»Und jetzt?«

»Der reinste Womanizer.«

»Gibt es ein Bild von ihm auf der Homepage?«

»Keine Ahnung«, gebe ich zu.

»Das haben wir gleich.« Sie nimmt meine Funktastatur auf den Schoß, öffnet einen Browser und hat wenige Sekunden später die Startseite auf dem Bildschirm. Sie arbeitet sich durch die Seiten, findet aber kein Foto. Also kehrt sie zu Google zurück. »Wie heißt dein Freund?«

»Ethan Pearce, P-E-A-R-C-E.«

Mit einem Nicken gibt sie seinen Namen plus »Nemesis« als Suchbegriff ein. Und siehe da, es erscheint ein Beitrag auf der Homepage von »What’s Up New York«, der Talkshow am Freitagabend. Der Artikel ist zwei Jahre alt und es geht um die Eröffnung seines Clubs, ganz oben prangt sein Porträtfoto. Mein Herz beginnt heftig zu klopfen, sein Grinsen schießt mir direkt zwischen die Beine. Gott, er sieht so verdammt sexy aus, dass ich aufseufzen möchte. Und mich gleichzeitig in den Hintern treten will. Habe ich jetzt vollkommen den Verstand verloren? Ich bin so gut wie verlobt!

»Das ist er?« Abby klingt beeindruckt.

»Ja.« Himmel, warum klinge ich so atemlos?

»Und er hat nicht schon immer so ausgehen?«

»Nein.«

»Okay«, meint sie gedehnt, stellt die Tastatur auf meinen Schreibtisch und lehnt sich wieder zurück. »Also, den würde ich nicht von der Bettkante schubsen.«

Ich verspüre einen leichten Stich und sauge scharf die Luft ein, funkele sie an. Abby ist der nüchterne Typ, sie sieht Sex als Triebbefriedigung und lebt ihre Wünsche und Bedürfnisse ungeniert aus. Bis sie den Richtigen findet, wie sie selbst gerne sagt.

Und diese Abby grinst mich nun wissend an. »Wusste ich es doch!«

»Was?«, fauche ich.

»Du empfindest etwas für ihn.«

»Nein!«

»Doch!«

»Das ist lange her.«

Oh, nein! Scheiße, warum habe ich das gesagt?

»Moment!« Sie fasst nach meinem Arm. »Hast du nicht vorhin gesagt, dass du mit Julian zusammen warst?«

»Ja.«

»Trotzdem du etwas für Ethan empfunden hast?«

Ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her, doch Abby lässt mich nicht entkommen.

»Ich weiß nicht, was das damals war! Ich war jung und wild, und er ... nicht. Julian hat viel besser zu mir gepasst. Habe ich zumindest gedacht.«

Sie hebt nur eine Braue, folglich fahre ich notgedrungen fort. Diese Details habe ich bisher niemandem erzählt, sie immer nur in meinem Innersten gehütet. »Irgendwie war da von Anfang an etwas, so ein Knistern, bei jeder Berührung. Und es wurde mit jedem Treffen stärker. Ich habe immer gehofft, dass er das auch spürt. Mir irgendwie zu verstehen gibt, dass er mich mehr als nur freundschaftlich mag, schließlich haben wir echt oft zusammen gelernt, nur wir beide. Aber es ist nichts passiert, kein Wort seinerseits, kein Annäherungsversuch. Und irgendwann, nach ein oder zwei Jahren ... ich weiß nicht, irgendwie ist dann Julian in meinen Fokus gerückt. Und er hat Interesse gezeigt. Erstmal haben wir nur geflirtet, aber daraus wurde schnell mehr, also habe ich mich auf ihn eingelassen. Nachdem wir es Ethan gesagt haben, hat er sich immer weiter zurückgezogen, uns sogar gemieden. Tja, und dann hat Julian sich umgebracht.«

Ich zucke mit den Schultern und greife nach meinem Kaffee, um Abby nicht ansehen zu müssen. Weil ich ihr geflissentlich verschweige, was am Tag vorher passiert ist.

»Ich nehme an, das alles ist durch die Begegnung wieder hochgekocht.« Ihr Ton ist so sanft wie sie mir über den Arm streicht.

»Ja.«

»Und wie fühlt sich das jetzt für dich an? Sind die ganzen Gefühle noch immer da?«

Ich nicke und nippe an meinem Kaffee. »Sogar noch heftiger.«

»Gerade noch rechtzeitig, würde ich sagen.«

»Wie bitte?« Ich starre sie an.

»Na, das gibt dir doch die Chance, eine Zukunft mit Willard zu überdenken.«

»Da gibt es nichts zu überdenken.« Meine Antwort fällt heftiger aus als gewollt.

»Wenn du das sagst.« Abby grinst.

»Hast du nicht zugehört? Er ist ein Arschloch geworden.«

»Doch, das habe ich vernommen. Trotzdem solltest du dich mit ihm treffen, noch einmal über die Sache mit Julians Tod reden. Damit du für dich damit abschließen kannst. Ich glaube, das brauchst du.«

Ich seufze. »Kann schon sein.«

»Ruf ihn an, trefft euch morgen in der Mittagspause auf einen Kaffee. Das ist unverbindlich und ungezwungen.«

»Meinst du?« Ich schaue sie skeptisch an.

»Auf jeden Fall. Danach fühlst du dich bestimmt besser.« Sie tätschelt meine Hand, steht auf und bringt den Stuhl zurück. »Und dann erzählst du mir jedes einzelne Detail.«

Mit einem breiten Grinsen und schwingenden Hüften stöckelt sie in den abgeteilten Bereich des Großraumbüros, in dem die vier Grafikdesigner sitzen.

Ich sehe ihr nach und atme tief durch. Sie hat recht, ich kann mich nicht selbst so in der Luft hängen lassen. Ich muss mit Ethan reden und schauen, wo wir stehen.

Deshalb rufe ich am Nachmittag Barbara Walsh an, seine Assistentin. Es ist die einzige Durchwahl, die ich habe. Ich frage nach, wann mein Chef mit den Angeboten rechnen kann.

»Spätestens morgen«, antwortet sie prompt.

»Das freut mich. Wissen Sie, Damian möchte möglichst wenig mit der Organisation zu tun haben, er will nur die Zahlen von mir. Und zwar so früh wie möglich.«

»Kann ich verstehen. Wie gesagt, ich schicke Ihnen morgen alles zu.«

»Gut, gut. Oh, bevor ich es vergesse. Können Sie mich mit Ethan verbinden? Ich habe ihn letzte Woche gar nicht nach seiner Durchwahl gefragt und hätte noch ein, zwei Dinge direkt mit ihm zu klären.«

»Selbstverständlich!« Auf einmal klingt Barbara amüsiert. »Nur einen kleinen Augenblick.« Sie legt mich in die Warteschleife.

Es dauert eine halbe Minute, bis er sich meldet. Ich starre solange auf den Sekundenzeiger meiner Armbanduhr.

»Lillian, hallo!«

Ich habe es erwartet, er ist genervt. Und ich bin verletzt, mein Magen verkrampft sich.

»Hallo, Ethan. Ähm, ich störe nur ungern, aber ich habe eine Bitte.«

»Und die wäre?«

»Könnten wir uns morgen in der Mittagspause treffen? Auf einen Kaffee?«

Zwei Sekunden lang ist es still. »Wozu?«

»Ich möchte mit dir reden, privat.« Ich schließe die Augen und überkreuze die Finger meiner rechten Hand.

»Ich wüsste nicht, was -«

»Bitte, Ethan! Wir waren doch mal beste Freunde und hatten so lange keinen Kontakt mehr. Diesen kleinen Wunsch kannst du mir doch sicher erfüllen, oder?«

Wieder dauert es einen Moment, bevor er reagiert, und ich lausche konzentriert auf seinen Atem.

»Warum ist dir das so wichtig?«

Ich kann mich täuschen, aber er klingt ein wenig zugänglicher.

»Das würde ich dir gerne persönlich erklären. Also, morgen um eins?«

Er seufzt. »Okay, von mir aus. Wo?«

Mein Herz beginnt wie wild zu klopfen und ich nenne ihm die Adresse vom Deli um die Ecke.

»Alles klar, wir sehen uns morgen.«

»Gut, bis morgen. Ach, und Ethan?«

»Ja?«

»Danke!« Ich lege so viel Gefühl wie möglich in dieses eine Wort, dann nehme ich den Hörer vom Ohr und beende das Gespräch.

 

 

Kapitel 7

 

Das Herzklopfen verschwindet nicht. Es wird sogar schubweise heftiger, immer wenn ich daran denke, dass wir uns wiedersehen.

Inzwischen bin ich ein nervliches Wrack. Zum Frühstück habe ich vor Aufregung nichts runter bekommen und mich stattdessen den ganzen Vormittag über von Kaffee ernährt. Nun marschiere ich die Straße hinunter, die Finger um den Träger meiner Handtasche gekrallt, und erkenne das Schild des Delis bereits von weitem. Ich bin früh dran, doch das ist mir egal.

Beim Betreten schaue ich mich um, kann Ethan aber nirgends entdecken. Also gehe ich zur Theke, bestelle mir einen Fruchtsmoothie und einen kleinen Salat, suche mir einen Tisch am Fenster. Beides kommt noch vor meinem Schulfreund.

Ich sauge zweimal am Trinkhalm, nehme die Gabel und stochere in der appetitlich angerichteten Schale herum. Pikse Tomate und Blattsalat auf und schiebe sie mir in den Mund. Kauen, schlucken, nächste Portion. Bis mir seine tiefe Stimme einen heißen Schauer über den Rücken jagt.

»Sieht aus, als ob es dir nicht schmeckt.« Ethan lässt sich auf dem Stuhl mir gegenüber nieder.

Ich schlucke verkrampft und sehe ihn an. »Nein, ist lecker, ich habe nur keinen großen Appetit.«

Er mustert mich eingehend. »Hast du irgendwelche Probleme? Eine Essstörung? Du bist zu dünn.«

So genau hat er mich betrachtet?

»Nein, ähm ... ist nur etwas stressig zur Zeit. Ich schlafe nicht gut.«

»Willkommen in meiner Welt«, murmelt er so leise, dass ich mir nicht sicher bin, ihn richtig verstanden zu haben.

Die Kellnerin taucht neben unserem Tisch auf. »Ihr Chai Latte, Sir!«

»Vielen Dank!« Ethan schenkt ihr dieses gewisse Lächeln und lehnt sich zurück, damit die junge Frau ihm das große Glas hinstellen kann.

»Oh, gern geschehen!«

Ich verfolge fasziniert, wie sie Ethan anflirtet und schließlich zum Tresen zurückgeht. Dann wende ich mich meinem Gegenüber zu. Heute trägt er Jeans sowie Hoodie und sieht auch darin verboten sexy aus.

Im nächsten Augenblick überkommen mich Gewissensbisse, ich bin doch mit Willard zusammen. Außerdem habe ich mir geschworen, Männer nicht mehr so wahrzunehmen, das macht nur unglücklich und alles kaputt.

Er schaut auf und mir direkt in die Augen. Sofort schießt mir Hitze ins Gesicht und er hebt die Brauen.

»Du trinkst also noch immer keinen Kaffee?«, eröffne ich das Gespräch.

»Nein.«

»Dafür haben sich viele andere Dinge geändert.«

»Jepp.«

»Erzähl mir bitte, wie es dir ergangen ist!«

Ethan atmet tief durch, nimmt einen Schluck von seinem Chai Latte und lehnt sich zurück. »Ich habe das getan, was die meisten von uns tun. Studieren, arbeiten, sich ein Leben aufbauen.«

»Hast du eine Frau oder Freundin? Kinder?«

Er legt den Kopf schief. »Nichts davon.«

Merkwürdigerweise bin ich erleichtert. Nein, das ist vollkommen unpassend, also stelle ich schnell die nächste Frage. »Bist du nach der Highschool direkt nach New York gekommen?«

»Nein, ich habe in Chicago studiert.«

»Chicago! Davon hast du damals gar nichts erzählt.«

»Du warst ... anderweitig beschäftigt.« Er beißt die Zähne zusammen, ich nehme seinen Ärger wahr und meine Schuldgefühle werden stärker, sie haben jetzt zwei Gründe.

»Wie kam es dazu?«

Er zuckt lässig mit den Schultern. »Ich habe ein Stipendium erhalten, wegen meiner Leistungen in Wirtschaftswissenschaften.«

Ich muss lächeln. »Du warst mit Abstand der Beste in unserem Abschlussjahr.«

»Ich weiß.«

Wie überheblich er klingt!

Ich runzele die Stirn. »Und weiter? Wie bist du auf die Idee mit dem Club gekommen?«

Ethan beugt sich vor und legt die Unterarme auf den Tisch. »Ich habe gelernt, was einen Club erfolgreich macht. Was die Leute wollen, wie man sie manipulieren kann. Und wie ich bekomme, was ich will.« Sein Mundwinkel wandert ein Stück nach oben.

»Klingt ziemlich selbstgefällig.«

»Ja? Nun, ich kann mir auch etwas darauf einbilden, was ich erreicht habe. Ich habe von Anfang an schlau investiert und werde demnächst expandieren. Ach ja, und ich genieße mein Leben. Auf jeder. Erdenklichen. Ebene.«

Ich verziehe den Mund. »Diese Prahlerei hätte zu Julian gepasst, aber nicht zu dir.«

Ethan erstarrt regelrecht. »Was weißt du schon!«

Ich öffne den Mund, um mich zu wehren. Allerdings funkt er sofort dazwischen und seine Stimme trieft vor Arroganz und Spott.

»Dann erzähl doch mal was von dir, Lill! Wie läuft denn dein Leben so, hm? Hast du das erreicht, was du dir gewünscht hast?«

Mir wird heiß und kalt. »Ich habe nicht mehr die gleichen Wünsche wie damals.«

»Ach nein? Du wolltest doch in die Welt der Literatur, bei einem Verlag arbeiten.«

»Nach Julians Tod ... war ich nicht in der Lage, mich auf das Studium zu konzentrieren. Ich habe dann eine Fachschule für Sekretariat und Assistenz besucht. Der Job bei Manhattan Marketing ist meine zweite Stelle, seit dem Abschluss.«

»Und was machst du sonst so?«

»Nichts weiter«, gebe ich zu.

»Und dein Freund?«

»Willard? Oh, wie gesagt, wir sind sehr glücklich und werden wohl nächstes Jahr heiraten. Er ist Finanzbuchhalter.«

»Klingt nicht gerade nach Spaß«, höhnt Ethan und leert sein Glas zur Hälfte.

»Den habe ich vor neun Jahren begraben«, kommt es ungewollt über meine Lippen. Um ihn nicht ansehen zu müssen, rühre ich mit dem Trinkhalm in meinem Smoothie und sauge ein paarmal daran.

»Dann kannst du ebenso gut allein bleiben«, erwidert er zu meiner Überraschung.

Ich schaue auf und direkt in seine grünen Augen, fühle Melancholie und Reue in mir hochsteigen. »Du hast mich damals auch allein gelassen.«

Gott, ich klinge total weinerlich, kann aber nichts dagegen tun. Es ist das, was ich seit neun Jahre denke. Deswegen schockt mich seine Antwort umso mehr.

»Nein!« Seine Stimme ist kalt und hart, und ich meine, etwas Dunkles in seinen Augen aufwallen zu sehen. »Das war allein deine Entscheidung. Schon vorher.«

Ich gefriere innerlich zu Eis. »Warum sagst du das?«

»Was ist? Verträgst du die Wahrheit nicht? Du hast dich für Julian entschieden, gegen unsere Freundschaft.«

»Das ist nicht wahr!«

»Oh doch! Du hast alles verraten, was dir damals wichtig war. Nur, um mit ihm zu vögeln.«

Ich zucke zusammen und presse die Lippen aufeinander. Will nicht, dass er so mit mir spricht und kann es doch nicht verhindern.

»Und sieh dich jetzt an! Du lebst nur vor dich hin, hast einen Stock im Arsch und einen langweiligen Freund.« Er lacht und schüttelt den Kopf.

»Du bist ein solches Arschloch«, flüstere ich und meine Stimme zittert. »Diesen Mist höre ich mir nicht weiter an.« Ich krame in meiner Handtasche nach der Geldbörse, ziehe zwanzig Dollar hervor und schiebe den Schein ein Stück unter mein Smoothieglas.

Ethans Hand schießt über den Tisch und umklammert mein Handgelenk. Ich starre ihn an und kämpfe gegen das sehnsuchtsvolle Kribbeln an, das die Berührung in mir auslöst.

»Du hast damals auf den Falschen gesetzt, Lillian. Du allein bist schuld an dieser Situation.«

»Du ... du ... Scheusal!« Ich reiße mich los und springe auf, während er so laut lacht, dass sich die anderen Gäste nach ihm umdrehen.

»Scheiße, bist du verklemmt

Sein Lachen wird lauter, gemeiner. Und es verfolgt mich nicht nur bis vor die Tür.

 

 

Kapitel 8

 

Mein Lachen verebbt, während ich ihr nachsehe, wie sie den Gehsteig entlang hastet. Dann seufze ich laut und trinke meinen Chai Latte aus. Nicht zu fassen, wie sehr Lillian sich verändert hat. Eine richtige Spießerin ist aus ihr geworden.

Was hat sie gesagt? Sie hat den Spaß vor neun Jahren begraben? Etwa zusammen mit Julian? Ich schnaube verächtlich, schaue aus dem Fenster und spiele mit den Kiefermuskeln.

Sie ist doch nicht diejenige, die dabei war. Nicht sie hat ihn sterben sehen!

Warum also ist sie nicht mehr der wilde Sonnenschein von damals?

Ein Teil von mir amüsiert sich köstlich darüber, wie sie heute lebt. Und dass ich sie mit meinen Worten treffen konnte. Ja, ich gebe zu, ich wollte ihr wehtun. Ich habe die Situation ausgenutzt und ihr einen Teil der Worte ins Gesicht geschleudert, die seit neun Jahren in mir brodeln. Ich weiß nicht, ob sie Julian für sich zum Heiligen erklärt hat oder so, aber ich möchte ihr vor die Füße spucken, was er von ihr hielt und was für ein Arschloch er war.

Das bin jetzt ich.

Meistens macht es mir nichts aus, im Gegenteil, damit habe ich es weit gebracht.

Mich irritiert nur, dass es mir fast ein wenig leidtut, Lillian so behandelt zu haben. Woher kommt das? Seit wann mache ich mir Gedanken über die Gefühle oder die Verfassung von Menschen, die außerhalb meines Bekanntenkreises oder der Angestellten stehen?

Sie war deine beste Freundin, erste unglückliche Liebe und Motiv unzähliger feuchter Teenagerträume!

Ich schließe die Augen und beiße die Zähne zusammen. Manchmal hasse ich diese Stimme. Der alte Ethan spricht nicht oft, aber wenn, dann nervt er gewaltig. Für gewöhnlich reagiere ich darauf immer gleich, ich kontere mit einer Gegenfrage, um mich wieder auf Spur zu bringen.

Was hätte Julian getan?

Ich schnaube. Der hätte sich erst gar nicht auf dieses Treffen eingelassen.

Dumm nur, dass sie die verantwortliche Person unseres Kunden ist. Ich kann mir nicht leisten, dass mein Club unter privaten Befindlichkeiten leidet.

Tja, vielleicht habe ich ja Glück und Lillian meidet mich ab sofort.

Trotzdem könnte ich etwas zur Ablenkung gebrauchen.

Mit einem Schmunzeln fällt mir Danny ein, folglich zücke ich das Handy und schreibe ihr eine Nachricht. Womöglich schaffe ich es ja, mich für Freitag mit ihr im Nemesis zu verabreden.

 

 

Kapitel 9

 

»Ich bin nicht langweilig. Ich bin. Nicht. LANGWEILIG!«, murmele ich vor mich hin, während ich die Unterlagen für morgen sortiere.

»Doch, bist du.«

Ich zucke so sehr zusammen, dass mir die Papiere aus den Fingern rutschen und sich auf meinem Arbeitsplatz verteilen. »Was?«

Abby steht nur drei Schritte vor meinem Schreibtisch, die Arme unter der Brust verschränkt, und schaut mich ernst an. »Du bist langweilig. Oder warst es zumindest bis Dienstagmittag. Seit eurem Treffen geht irgendetwas in dir vor.«

Ich schnaube verärgert. »Ich bin also langweilig, ja? Woran machst du das fest? Nur, weil ich nicht wie andere in meinem Alter von Party zu Party hüpfe? Weil ich nicht ständig wechselnde Männerbekanntschaften habe?«

Sie tritt neben meinen Schreibtisch, stützt sich mit den Händen darauf ab und fixiert mich. »Was glaubst du, warum ich dich Miss Prissy nenne, hm? Du bist spießig bis in die Haarspitzen, total zugeknöpft und prüde. Du arbeitest zu viel und amüsierst dich nicht. Und dein Fast-Verlobter ist noch viel schlimmer! Ich habe mich von Anfang an gefragt, was du an dem findest. Kann er dich im Bett überhaupt befriedigen?«

Wieder zucke ich zusammen, Hitze schießt mir ins Gesicht. »Es ist okay, das reicht mir.«

Abby reißt Mund und Augen auf, stockt und lacht dann schallend los. »Heilige Scheiße! Dein Ernst?«

»Was dagegen?«, fauche ich.

»Das ist ein glattes nein, ist dir das bewusst?«

Ich reagiere nicht darauf und fange an, die Unterlagen zusammen zu schieben.

Kopfschüttelnd zieht sie sich einen der Besucherstühle heran und setzt sich dicht neben mich. »Du hast mir noch immer nicht erzählt, was bei eurem Treffen passiert ist.«

»Nichts Besonderes. Wie gesagt, Ethan ist ein Arschloch.«

»Und wie äußert sich das?«

»Er meinte, ich hätte mich total verändert. Hätte jetzt einen Stock im Arsch.«

Sie grinst. »Der Junge gefällt mir, er nimmt kein Blatt vor den Mund.«

»Aber das ist nicht wahr!«, erwidere ich mit bebender Stimme. »Ja, ich habe mich verändert. Aber nur, weil Sex und Feiern für mich nicht an erster Stelle stehen, bin ich nicht langweilig.«

»Stimmt es denn, was er sagt? Bist du anders als damals?«

»Ja, aber -«

»Keine Wertung«, fährt sie dazwischen und kneift die Augen zusammen. »Lass mich mal eins und eins zusammenzählen. Du sagst, Ethan ist vom Nerd zum Womanizer mutiert.«

Ich nicke, Unbehagen steigt in mir auf. Was kommt jetzt?

»Und er sagt, du hast dich genauso extrem verändert, bist jetzt langweilig.«

Ich nicke erneut und das ungute Gefühl wird stärker.

»Schlussfolgere ich richtig, dass du als Teenager ziemlich lebhaft warst?«

»Ja, so ungefähr.«

»Und eure jeweilige Veränderung ist auf Julians Tod zurück zu führen?«

»Ich habe keine Ahnung, warum er sich dermaßen verändert hat, ich habe ihn schon ein paar Wochen vor Julians Selbstmord nicht mehr gesehen.«

Abby beugt sich vor und fordert mit gesenkter Stimme: »Dann sag mir, warum du dich verändert hast.«

Automatisch richte ich mich auf, straffe die Schultern. Ich will die Worte zurückhalten, doch sie haben schon so lange in mir gegärt, dass sie sich jetzt einen Weg nach draußen bahnen. »Wenn man zu wild ist, führt das nur zu negativen Konsequenzen. Julian war der beste Beweis dafür.«

Autor

  • Katie McLane (Autor:in)

Gestatten? Katie McLane. Musik im Blut, Pfeffer im Hintern, Emotionen im Herzen, prickelnde Geschichten im Kopf. Ich bin lebe mit Mann, Maus und Hund im Herzen NRWs und schreibe Romance für alle Sinne. Meine Romane drehen sich um dominante Männer und starke Frauen. Sind leidenschaftlich, sinnlich und erotisch. Voll prickelnder Lust, überwältigendem Verlangen und absoluter Hingabe. Und sie treffen mit all ihren Emotionen mittens ins Herz - bis zum Happy End.
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Titel: Never Really Me