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Humor und Hausverstand erwünscht

von Brigitte Teufl-Heimhilcher (Autor:in)
305 Seiten
Reihe: Thessa, Band 1

Zusammenfassung

Die alleinerziehende Thessa ist froh, einen neuen Job gefunden zu haben, auch wenn sie ihren Chef Michael einen eitlen Laffen nennt. Da ist ihr Exmann Wolfgang, der als Förster im fernen Vorarlberg lebt und mit dem sie immer noch eine 'Urlaubs-Ehe' führt, aus einem ganz anderen Holz. Doch als sie zu Weihnachten ins Forsthaus kommt, muss Thessa erkennen, dass Wolfgang eine Affäre mit seiner Praktikantin hat. Für Thessa ein Grund mehr, sich in ihre Arbeit zu stürzen. Sie meistert den turbulenten Alltag und stellt langsam fest, dass Michael auch sehr nette Seiten hat. Langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, aus der Liebe werden könnte. Doch Sohn Nicky will davon nichts wissen und Michaels Geschäftspartnerin Judith hat auch andere Pläne …

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


 

 

Brigitte Teufl-Heimhilcher

 

 

 

 

Humor und Hausverstand erwünscht

 

 

 

 

 

 

Roman

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

Die Autorin

Anstelle eines Prologs

1. Zeit der Veränderung

2. Sommertage

3. Beate

4. Onkel Hans

5. Der Donauhof

6. Thessa

7. Eiszeit

8. Damenabend

9. Der Deal

10. Frühling

11. Michael

12. Osterzeit

13. Böse Überraschungen

14. Konsequenzen

15. Hochzeit

16. Missverständnisse

17. Männer

18. Endlich Ferien

19. Der Ausreißer

20. Urlaub

21. Der Hilferuf

22. Erinnerungen an Kathi

23. Tamara

24. Im Forsthaus

25. Judith

26. Das Turnier

27. Gute Freunde

28. Intrigen

29. Überraschungen

30. Wellness

31. Vorweihnachtliche Gedanken

32. Leise rieselt der Schnee

Danke

Familien Reihe 02

Von Hochzeiten

Sonst noch erschienen

 

 

 

 

 

 

II. Auflage Copyright: ©2023 Brigitte Teufl-Heimhilcher, 1220 Wien

Humor und Hausverstand erwünscht Brigitte Teufl-Heimhilcher

https://www.teufl-heimhilcher.at

Konvertierung: Autorenservice-Farohi https://www.farohi.com

Covergestaltung: Xenia Gesthüsen

 

I. Auflage © 2013 Brigitte Teufl-Heimhilcher

Publishing Rights © 2013 Brigitte Teufl-Heimhilcher

Buchsatz & Covergestaltung: mach-mir-ein-ebook.de

Herstellung & Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Klappentext

 

Thessa ist froh, einen neuen Job gefunden zu haben, auch wenn sie ihren Chef Michael ziemlich arrogant findet. Da ist Ex-Mann Wolfgang, der als Förster im fernen Vorarlberg lebt aus einem ganz anderen Holz. Die beiden verstehen sich auch noch immer richtig gut, immerhin haben sie einen gemeinsamen Sohn. Ausgerechnet beim Weihnachtsbesuch muss Thessa erkennen, dass Wolfgang eine Affäre mit seiner Praktikantin hat.

Für Thessa ein Grund mehr, sich in ihre Arbeit zu stürzen. Sie meistert den turbulenten Alltag und stellt langsam fest, dass Michael auch sehr nette Seiten hat. Langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, aus der Liebe werden könnte. Doch Sohn Nicky will davon nichts wissen und Michaels Geschäftspartnerin Judith hat ebenfalls andere Pläne …

 

 

 

 

 

 

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Die Autorin

 

Brigitte Teufl-Heimhilcher lebt in Wien, ist verheiratet und bezeichnet sich selbst als realistische Frohnatur.

In ihren heiteren Gesellschaftsromanen setzt sie sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Fragen auseinander. Sie verwebt dabei Fiktion und Wirklichkeit zu amüsanten Geschichten über das Leben - wie es ist, und wie es sein könnte.

 

 

Anstelle eines Prologs

 

Inserat im Kurier vom 15. Mai 2013

 

Wiener Immobilienverwaltung sucht BetriebswirtIn zur Unterstützung der Geschäftsleitung. Einsatz- und Kommunikationsbereitschaft vorausgesetzt, Humor und Hausverstand erwünscht. Bewerbungsschreiben richten Sie bitte unter „HV-MH-1“ an den Verlag.

 

Bewerbungsschreiben vom 16. Mai 2013

 

Betrifft: Bewerbung

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Bezugnehmend auf Ihr Inserat im gestrigen Kurier bewerbe ich mich hiermit um die ausgeschriebene Stelle.

Details entnehmen Sie bitte dem beiliegenden Lebenslauf.

Ich gelte als durchaus kommunikativ und versichere Sie schon jetzt meines vollen Einsatzes. Über Humor und Hausverstand mögen Sie später selbst urteilen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Thessa Bachmann

 

 

Antwortschreiben der Gebäudeverwaltung:

 

Betrifft: Ihre Bewerbung

 

Sehr geehrte Frau Magister,

 

Bezugnehmend auf Ihre Bewerbung und unser diesbezügliches Gespräch, für dessen angenehmen Verlauf ich mich hiermit bedanke, darf ich Ihnen mitteilen, dass ich mich entschlossen habe, Sie mit der ausgeschriebenen Position zu betrauen.

Wie zwischen uns vereinbart beginnt Ihr Dienstverhältnis am 10. Juli d. Jahres und wird unbefristet abgeschlossen.

Ich freue mich auf angenehme Zusammenarbeit und verbleibe

 

mit besten Grüßen

Dr. Michael Hausner

 

 

1. Zeit der Veränderung

 

Der Montagmorgen war grau und regnerisch, doch Thessa eilte singend ins Bad, verwöhnte die verspannten Muskeln erst mit heißem Wasser, ehe sie die Dusche mit einem kalten Guss beendete. Dann gönnte sie sich ein gemütliches Frühstück, mit duftendem Kaffee, frisch gepresstem Orangensaft, knusprigem Brot, Butter, Käse, ein Ei und Honig.

So ein einsames Frühstück hat doch auch Vorteile, dachte sie, und aß mit gutem Appetit, während ihre Gedanken zu ihrem Sohn wanderten. Sicher schlief er noch. Obwohl, man konnte nie wissen. In den Ferien war Nicky stets deutlich aktiver, vor allem wenn er sich bei seinem Vater im Forsthaus aufhielt. Sicher würde er jeden Moment genießen – und vor Ende August nicht freiwillig nach Wien zurückkommen.

Sie war ja froh, dass die beiden sich so gut verstanden, dennoch seufzte sie. Sie hatte mit Nicky immer nur den Alltag, Wolfgang die Ferien.

Nachdem sie ihr Frühstück beendet hatte, stellte sie sich vor den Kleiderkasten und überlegte, was sie an ihrem ersten Arbeitstag anziehen sollte. Ihr zukünftiger Chef war ihr beim Vorstellungsgespräch sehr elegant erschienen, auch seine Sekretärin war ziemlich durchgestylt, also würde ein Kostüm wohl angemessen sein. So ein Blaues für alle Fälle musste doch da noch irgendwo sein.

Sch...wanenbraten! Der Rock kniff und die Jacke ließ sich auch nur noch mit Mühe schließen. Jetzt blieb nur noch das Jägerleinene, das sie zu Ostern im Allgäu gekauft hatte. Wolfgang hatte es gut gefallen, aber was verstand Wolfgang schon von Mode?

Egal. Wegen ihres eleganten Looks würde Hausner sie wohl nicht eingestellt haben. Wenn sie Glück hatte, konnte sie in ein, zwei Tagen zu ihrem gewohnten Look zurückkehren.

So wenig, wie sie sich für Kleidung interessierte, so wenig interessierte sie sich normalerweise für ihre Frisur und ihr Make-up. Nicht, dass sie eines gehabt hätte – ihre Wimpern waren von Natur aus dicht und dunkel, die Augenbrauen ebenso, ein wenig Lippenstift am Morgen – das musste für den Tag reichen. Und Frisur – mein Gott. Das dichte brünette Haar wurde regelmäßig gewaschen und zu einem Pferdeschwanz gekämmt.

Meist war sie mit sich zufrieden, doch heute blickte sie schon zum zweiten Mal in den Spiegel, während sie auf Doktor Hausner wartete. Nervös zupfte sie an ihrer Trachtenbluse herum. Komisches Teil. Vielleicht hätte sie …

„Frau Magister Bachmann …“

Michael Hausner kam ihr entgegen und reichte ihr die Hand.

„Kaffee?“

„Gern.“

Er drückte den Knopf der Sprechanlage: „Frau Schaffer, zwei Tassen Kaffee bitte, danke.“

Dann fragte er nach ihrem Befinden und erkundigte sich noch einmal nach ihrer bisherigen Tätigkeit.

 

***

 

Natürlich stand das alles in seinen Unterlagen, aber Michael Hausner war kein Morgenmensch und während Thessa noch einmal ausführlich berichtete, hatte er ein wenig Muße, sie zu betrachten. Er hatte gar nicht in Erinnerung, dass sie gar so bieder aussah. Dabei hat sie ein hübsches Gesicht, aber diese Trachtenbluse – einfach nur furchtbar.

Ihre Konkurrentin war schlank und chic gewesen, genau sein Typ. Dennoch hatte er sich für Thessa Bachmann entschieden, weil er das Gefühl hatte, dass sie belastbar war und mit beiden Beinen im Leben stand.

Plötzlich trat Stille ein. Offenbar war sie mit ihrem Bericht zu Ende gekommen. Um die Gesprächspause zu überbrücken, sagte er: „Sie haben doch Betriebswirtschaft studiert. Waren Sie da nicht etwas unterfordert?“

„Es war ja auch nur ein Teilzeitjob, Nach dem Unfalltod meiner Eltern war ich froh, dass ich den ergattert habe, und bei Herrn Goldmann konnte ich mir meine Zeit frei einteilen.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist mein Sohn elf und ich lebe von meinem Mann getrennt. Ich kann, will und muss wieder ganztags arbeiten.“

„Und Ihr Gatte unterstützt Sie – soweit es Ihren Sohn betrifft?“

„Sie meinen finanziell?“

„Das geht mich nichts an, ich meine für den Fall, dass …“

„Mein Mann lebt als Förster im Bregenzer Wald.“

Es sah in seine Unterlagen: „Dann sind Sie faktisch Alleinerzieherin. Das haben Sie bei unserem letzten Gespräch gar nicht erwähnt.“

„Seien Sie unbesorgt. Ich werde meinen Pflichten trotzdem nachkommen, auch wenn ich Alleinerzieherin bin.“

Deswegen muss sie mich ja nicht gleich ankeifen, dachte er, sagte jedoch: „Das höre ich gerne, wenngleich ich es nicht ganz so gemeint habe.“

„Sicher nicht?“

Er sah erstaunt auf, dann antwortete er mit einem Lächeln: „Sicher nicht.“

„Das wäre auch ziemlich unlogisch. Es ist für Alleinerzieher nicht einfach, einen adäquaten Job zu finden. Also wäre es ziemlich ungeschickt, den aufs Spiel zu setzen.“

Da war was dran.

Während er weiter in seinen Unterlagen blätterte, sagte er: „Apropos ungeschickt. Ihr Büro ist noch nicht fertig. Ich schlage daher vor, dass Sie in der ersten Woche die Objekte besichtigen, die Sie hinkünftig verwalten werden. Haben Sie ein Notebook.“

„Sicher.“

„Dann schicke ich Ihnen die Liste aufs Notebook und darf Sie ersuchen, sich in dieser Woche ganz der Objektbesichtigung zu widmen. Wir sehen uns dann nächsten Montag.“

 

***

 

Natürlich hat es Vorteile, die Objekte zu kennen, dachte Thessa, während sie zu ihrem Wagen ging. Dennoch hatte sie sich ihren Arbeitsbeginn etwas anders vorgestellt. Außerdem war ihr Hausner heute noch arroganter vorgekommen.

Anyway. Sie musste ihn ja nicht heiraten und die Wahrheit war, dass sie sich ihren neuen Posten nicht hatte aussuchen können. Hausners Zusage war die einzige gewesen, die sie nach einer Reihe von Absagen erhalten hatte. Sie würde einen guten Job machen, alles andere konnte ihr egal sein.

Montag und Dienstag verliefen ereignislos. Gelegentlich wurde sie in den Häusern angesprochen. Sie notierte die Wünsche und Beschwerden und versprach, die Sache weiterzuleiten. Es waren große Zinshäuser dabei, aber auch einige kleinere Cottageobjekte, sodass sie nicht weiter verwundert war, als sie am Mittwoch ein Haus mit nur drei Wohnungen betrat. Sowohl im Erdgeschoss als auch im ersten Stock und im ausgebauten Dachgeschoss gab es je eine Wohnung, im Keller mussten noch Garagenplätze sein, da wollte sie auch gleich einen Blick hineinwerfen.

Als sie die Schleuse zur Garage öffnete, begegnete sie einer Dame, nicht mehr ganz jung, aber sehr elegant.

„Suchen Sie jemand?“

„Nein, danke. Ich komme von der Hausverwaltung.“

„Ach ja? Ich habe Sie aber noch nie gesehen.“

„Kein Wunder, ich bin erst seit Kurzem dort beschäftigt.“

„Dann darf ich Sie in meine Wohnung bitten, ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

„Gerne“, erwiderte Thessa und folgte ihr in den ersten Stock.

Die Dame sperrte die Wohnungstür auf, ließ sie eintreten, schloss und verriegelte dann die Türe und sagte plötzlich viel weniger freundlich: „Jetzt raus mit der Sprache. Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Bachmann, Magister Bachmann, ich will das Haus kennenlernen und dabei gleich nach dem Rechten sehen.“

„Ach, das Haus wollen Sie kennenlernen? Das wird sogar stimmen.“

„Was wollen Sie damit andeuten?“

„Ich will damit andeuten, dass Sie hier vermutlich etwas ausspionieren.“

Thessa spürte Ärger in sich hochsteigen.

„Das ist eine Unterstellung! Nehmen Sie das sofort zurück und machen Sie, verdammt noch mal, die Tür auf!“

„Einen anderen Ton, wenn ich bitten darf! Ob ich Ihnen etwas unterstelle, wird sich erst noch herausstellen.“

Thessas Wangen glühten. Sie kramte nach ihrem Handy, das sich, wie immer, wenn sie es dringend brauchte, nicht finden ließ. „Ich werde jetzt die Polizei anrufen“, kündigte sie an, während sie immer noch in ihrer großen Tasche kramte.

„Nicht notwendig“, lenkte die Dame ein „Ich werde in der Hausverwaltung nachfragen.“

Sie wählte eine Kurznummer. Obwohl Thessa wusste, dass sie nichts Unrechtes getan hatte, fühlte sie sich unbehaglich.

„Hausner. Kann ich meinen Sohn sprechen?“

Thessa fiel ein Stein vom Herzen. Sicher würde Doktor Hausner gleich alles klarstellen. Gespannt verfolgte sie das Telefonat.

„Nicht da? Wissen Sie etwas von einer neuen Mitarbeiterin im Außendienst? … Auch nicht. Interessant … Ja, ich versuch’s auf dem Handy.“

Nach dem zweiten Versuch erreichte sie endlich ihren Sohn, der immerhin zu bestätigen schien, Thessa eingestellt zu haben. Ihre Kerkermeisterin setzte ein noch hochmütigeres Gesicht auf. „Und warum schickst du sie in unser Haus?“

Thessa konnte nicht hören, was Hausner antwortete, aber es schien seine Mutter nicht sonderlich zu befriedigen, denn sie antwortete säuerlich: „Darüber sprechen wir noch.“

Dann wandte sie sich an Thessa: „Ein Irrtum, entschuldigen Sie. Sie können jetzt gehen“, und öffnete die Wohnungstür.

Thessa zischte grußlos hinaus. Eine Frechheit. Die Arroganz lag wohl in der Familie.

 

***

 

Der darauffolgende Montag versprach ein heißer Tag zu werden, dennoch trug Michael Hausner auch an diesem Tag Anzug, einen sehr hellen, der gut zu seiner gebräunten Haut passte. Immerhin hatte er das Sakko abgelegt, doch zum kurzärmeligen Hemd in hellgrün trug er Krawatte, dabei hatte es schon jetzt um neun Uhr achtundzwanzig Grad.

Thessa war froh, dass sie sich am Samstag noch zwei neue Sommerhosen und einige Shirts gekauft hatte.

„Frau Magister Bachmann“, begrüßte er sie. „Ich fürchtete schon, Sie hätten es sich anders überlegt.“

Sie sah verwirrt auf die Uhr: „Bin ich zu spät?“

„Nein, nein, aber nach den Ereignissen der Vorwoche wäre es doch möglich gewesen.“

Es klang herablassend. Gab er ihr die Schuld an dem Zusammenstoß mit seiner Mutter?

„Wenn Sie auf das Zusammentreffen mit Ihrer Mutter anspielen, kann ich nur sagen, das Haus stand auf meiner Liste. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es sich um Ihr privates Wohnhaus handelt.“

„Es ist das Haus meiner Eltern, ich habe nur eine Wohnung im Dachgeschoss. Aber ich werfe Ihnen Ihren Besuch gar nicht vor.“

„Sondern?“

Ich werfe Ihnen gar nichts vor. Meine Mutter fand Sie allerdings nicht besonders höflich.“

„Im Hinblick auf den Ton Ihrer Mutter fand ich mich sogar ausgesprochen höflich.“

Er sah sie erstaunt an, dann nickte er lächelnd: „Ich kenne meine Mutter.“

Dieses Lächeln fand Thessa beinahe sympathisch, also lenkte sie ein: „Nachträglich kann ich die Reaktion Ihrer Mutter sogar verstehen. Ich hatte nicht einmal eine Visitenkarte.“

Sein Lächeln vertiefte sich: „Ich weiß, ich weiß. Aber wir haben nicht darauf vergessen.“

Damit übergab er ihr ein kleines Päckchen Visitenkarten.

Mag. Theresa Bachmann, Real-Estate-Managerin.

Nobel.

Dann führte Hausner sie in ihr neues Büro und machte sie mit den übrigen Mitarbeitern bekannt. Zwei Damen in der Buchhaltung, einen Facility-Manager, Ayse, den Bürolehrling und Frau Schaffer, die Sekretärin.

Nach der Begrüßungsrunde kehrten sie an seinen Schreibtisch zurück und Hausner übergab ihr die Akte jener Häuser, die sie in der Vorwoche besucht hatte.

Offenbar erwartete er, dass sie einfach dort weitermachte, wo er aufgehörte hatte. Puh. Sie hatte zwar eine gewisse Einarbeitungszeit erwartet, aber das würde sie keinesfalls zugeben.

„Wenn Sie Unterstützung brauchen können Sie jederzeit über Ayse verfügen. Ayse ist Türkin, aber in Wien geboren und beginnt im September das dritte Lehrjahr. Sie ist ziemlich clever, allerdings auch frech wie Oskar. Sehen Sie sich also vor. Ich habe kein Problem mit ihr, aber die Damen der Buchhaltung beschweren sich in einer Tour über ihren Ton und mit Peter, unserem Facility Manager, hat sie eine Art Dauerkrise.“

„Und weswegen?“

„Ich weiß es eigentlich nicht. Ist auch egal, denn ab sofort wird sie hauptsächlich für Sie arbeiten und Ihnen unterstellt sein.“

Eine Menge Verantwortung, die ihr da übertragen wurde. Thessa freute sich darauf und stürzte sich in die Arbeit.

 

 

2. Sommertage

 

Nicky genoss seine Ferientage im Bregenzer Wald. Seine Mutter war ganz okay, aber bei Papa war’s einfach lässiger.

Niemals verlangte der, dass Nicky zu einer bestimmten Zeit zu Bett gehen solle, oder diesen seltsamen Spinatstrudel aß, auf den Mama in der letzten Zeit ganz versessen war. Zu Bett ging man, wenn man müde war und gegessen wurde, was gerade da war. Die Palette reichte von Dosenravioli über Knoblauchwurst bis zu Tiefkühlpizza. Auch hatte sein Vater niemals Panik, wenn Nicky vom Fünf-Meter-Brett springen wollte, und beim Radfahren musste man nicht auf ihn warten, sondern im Gegenteil ganz ordentlich in die Pedale treten, um mithalten zu können.

Bei seinen Inspektionsfahrten in den Wald nahm Papa ihn öfters mit, aber wenn er im Büro zu tun hatte, setzte Nicky sich aufs Rad und flitze damit in die nächste Ortschaft. Dort hatte er schon jede Menge Freunde.

Zweimal in der Woche kam eine Frau aus dem Ort, um für etwas Sauberkeit zu sorgen. Anfangs hatte sie noch versucht ihn mit allerlei unnötigem Quatsch zu nerven, aber in der Zwischenzeit räumte sie das Zeug einfach weg, das er großzügig im ganzen Haus verstreute – schließlich hatte er Ferien.

Er hatte zwar so eine Ahnung, dass Papa das nicht gutgeheißen hätte – wenn es ihm aufgefallen wäre. Gott sei Dank interessierte der sich nicht für solche Sachen. Ihm war es wichtiger, dass der Wald gut gepflegt wurde. Der Wald, sagte Papa, das sei seine große Leidenschaft.

Apropos Leidenschaft. Seit heuer gab es eine junge Forstgehilfin. Nicky fand sie eigentlich gar nicht so jung, aber Papa nannte sie immer unseren Frischling.

„Na, wie geht’s unserem Frischling heute?“ sagt er beispielsweise, oder „Möchte unser Frischling zum Abendessen bleiben?“

Das mochte der Frischling ziemlich oft, wenn man es genau betrachtete. Nicky war es recht, dann konnte er anschließend ungestört fernsehen.

Außerdem übernahm der Frischling freiwillig Küchendienst, was auch nicht zu verachten war. Sie kochte zwar nicht so prima wie Mama, aber dafür gab’s öfter mal Pizza.

Nur neulich, die Sache mit den Fischstäbchen, da hatte sogar Papa einen tüchtigen Schluck Bier gebraucht, um das hinunterzuspülen.

„Was ist das denn?“, hatte Nicky gefragt und prompt war ihm Papa unter dem Tisch auf die Zehen gestiegen.

„Lachs“, hatte der Frischling geantwortet.

„Lachs?“ hatte dann auch Papa verblüfft gefragt.

„Ja, diese Lachsstäbchen.“

„Meinst du Fischstäbchen?“, fragte Nicky. „Also ich weiß nicht, bei meiner Mama schmecken die ganz anders.“

„Bei meiner auch“, hatte der Frischling zugegeben. „Vielleicht hätte ich sie nicht einfach auf den Grill legen sollen?“

„Ich glaube, meine Mama macht die in einer Fritteuse“, informierte Nicky.

Der Frischling nickte. „Ich glaube, meine auch.“

Übrigens hieß der Frischling Beate und Nicky fand sie ganz okay. Trotzdem war es sicher besser, Mama vorerst nichts von diesem Neuzugang zu erzählen.

 

***

 

Michael Hausner hatte sich auf den Abend, den er mit seiner Freundin Ines in einem ziemlich angesagten Restaurant verbrachte, gefreut. Doch jetzt stieg Ärger in ihm hoch.

„Also ich weiß nicht“, flötete Ines. „Filetsteak mit Brezenauflauf und Spargelragout, das ist aber ziemlich deftig.“

„Sei unbesorgt, das einzige, das hier deftig ist, sind die Preise.“

„Vielleicht sollte ich doch besser den Seeteufel mit Hummer nehmen.“

„Ganz wie du möchtest. Lass uns anstoßen. Auf dich, deine Schönheit und dein neues Engagement.“

Sie lächelte ihm geschmeichelt zu und nippte an ihrem Champagner, dann trat der Kellner an ihren Tisch und sie bestellte zur Vorspeise Kalbsfilet mit Flusskrebsen und als Hauptgang den Seeteufel. Doch gleich darauf änderte sie die Bestellung wieder ab. Vielleicht zu den Flusskrebsen kein Kalbsfilet, sondern nur ein bisschen Salat und zum Seeteufel lieber keine Rösti, nur ein wenig Gemüse. Welches Gemüse? Ja, das konnte sie leider auch nicht sagen. Oder doch, ein paar Ingwerkaröttchen. Oder passten Ingwerkaröttchen doch nicht so gut? Besser ein wenig Spinat. Und dann doch ein ganz kleines Rösti – zur Feier des Tages.

Michael versuchte nicht hinzuhören. Natürlich musste sie auf ihre Figur achten. Aber sie war doch gertenschlank und als Tänzerin machte sie ohnehin jede Menge Bewegung. Schade, dass Ines weder kochen noch gutes Essen genießen konnte.

Michael hingegen genoss jeden Bissen, erst die rosa gebratene Gänseleber und dann den perfekt gegarten Kalbsrücken und die köstliche Morchelsauce.

Er prostete ihr zu. Ines sandte ein verführerisches Lächeln über den Tisch, dann nahm sie einen Schluck Wein, einen ganz kleinen.

 

***

 

Hitze und Einsamkeit machten Thessa am Wochenende zu schaffen. In der Zwischenzeit waren die meisten ihrer Bekannten auf Urlaub - allzu groß war ihr Freundeskreis ohnehin nicht. Samstagabend hatte sie sich mit ihrer Freundin Nadine getroffen und gehofft, dass sie auch den Sonntag gemeinsam verbringen würden. Aber ausgerechnet Nadine, die Künstlerin, die alles Bürgerliche ablehnte, musste zu einer Familienfeier.

Nun hätte Thessa auch allein baden gehen, oder Onkel Hans in Kritzendorf besuchen können, doch sie konnte sich einfach zu nichts aufraffen. An solchen Tagen fragte sie sich, ob es richtig gewesen war, sich von Wolfgang zu trennen.

Sie hatten nicht schlecht miteinander gelebt und ihr gemeinsamer Sohn war ihnen doch recht gut gelungen. Wäre es denn so schlimm gewesen, mit ihm nach Vorarlberg zu gehen und im Forsthaus zu leben?

Hätte sie ihn wirklich geliebt, hätte sie es zumindest versucht. Aber sie hatten einander eben nicht geliebt. Sie waren befreundet gewesen, hatten einander geachtet, mehr war da nicht. Damals nicht und heute auch nicht. Also war es wohl gut so, wie es war – und richtig.

Wolfgang war der Freund ihrer besten Freundin Kathi gewesen. Als die ihn Knall auf Fall verlassen und mit einem Anderen nach Berlin gegangen war, blieben Thessa und Wolfgang verwundert zurück. Sie hatten einander öfter getroffen, geredet, erst über Kathi, später auch über sich.

Mit der Zeit hatten sie sich aneinander gewöhnt. Thessa hatte nur ihr Studium gehabt und ein paar Freunde. Wolfgang, ein gebürtiger Tiroler, hatte Fortwirtschaft studiert und war nur Kathi zuliebe in Wien geblieben. Aber der Bedarf an Förstern war in der Stadt naturgemäß gering und Kathi hatte nicht im Traum daran gedacht, mit ihm aufs Land zu ziehen. Also hatte er ihr zuliebe eine Stelle in der städtischen Forstverwaltung angenommen. Es war nicht gerade sein Traumjob gewesen.

Nach Kathis Abgang hatte er davon gesprochen, sich um eine Stelle als Förster zu bewerben, doch dann war alles ganz anders gekommen. Nach einem feucht-fröhlichen Abend waren sie im Bett gelandet. Sie gewöhnten sich auch in dieser Beziehung aneinander. Thessa hatte natürlich sofort die Pille genommen – aber offenbar zu spät. Wenige Wochen später stellte sie fest, dass sie schwanger war.

Sie hatte es ihm erzählt, als Freund, an Heirat hatte sie nicht gedacht. Damals hatten ihre Eltern noch gelebt, die hätten sie jedenfalls unterstützt. Aber Wolfgang machte ihr einen Antrag, vermutlich aus Pflichtgefühl, und sie hat angenommen, weil sie sich geschmeichelt gefühlt hatte, dachte sie heute. Groß und stattlich, wie er war, mit seinem dunklen Lockenkopf und den lachenden Augen, hatte er ihr schon gefallen. Mehr noch als diese äußeren Attribute schätze sie seine Zuverlässigkeit.

Liebe? Was war schon Liebe? Einmal hatte es einen Mann gegeben, in den sie bis über beide Ohren verliebt gewesen war, aber der hatte sie nicht einmal beachtet. Vertrauen, Verständnis, Freundschaft, das alles zählte doch viel mehr. Das alles hatte sie Wolfgang ja entgegengebracht.

Nun, sie hatten das Beste daraus gemacht.

Wenige Monate nach der Geburt hatte sie ihr Studium wieder aufgenommen und als Nicky zwei Jahre alt war, ihren Magister gemacht. Sie fand einen guten Job in einer Hausverwaltung, ihre Mutter kümmerte sich tagsüber um Nicky, und Wolfgang arbeitete immer noch in der städtischen Fortverwaltung.

Doch dann waren ihre Eltern während einer Urlaubsreise tödlich verunglückt.

Thessa hatte keine andere Möglichkeit gesehen, als ihre Stellung aufzugeben und nur noch halbtags zu arbeiten. Wolfgang hatte damit kein Problem. Seine kleine Familie könne er auch allein ganz gut versorgen, war alles, was er dazu sagte. Dann bewarb er sich – klammheimlich – um einen Posten als Förster.

Der Zeitpunkt schien ihm günstig. Thessas Eltern waren nicht mehr am Leben, die Stellung, die ihr etwas bedeutet hatte, hatte sie aufgegeben. Endlich konnte er seinen Traumberuf ausüben.

Es hatte eine Weile gedauert, bis ihm der Posten im Bregenzer Wald angeboten wurde. Für ihn war es ein neuer Anfang gewesen.

Thessa aber wollte ihr gewohntes Umfeld nicht verlassen und vor allem wollte sie einen geeigneten Job. Halbtags zu arbeiten war doch nur eine Übergangslösung. Nur Hausfrau zu sein war in ihrer Lebensplanung nie vorgekommen.

Was hätte sie mitten im Bregenzer Wald auch tun sollen? Die nächste Schule war sieben Kilometer entfernt, der Supermarkt drei, die Bank ebenfalls. Jobmöglichkeiten für Betriebswirte gab es praktisch keine.

Eins kam zum anderen und hatte letztendlich zur Trennung geführt.

Die große Liebe war es nie gewesen, vielleicht war das große Drama deswegen ausgeblieben. Scheidung war bislang kein Thema. Wolfgang lebte im Bregenzer Wald – Thessa in Wien.

Nicky ging in Wien zur Schule und verbrachte die Ferien bei seinem Vater. Alles ganz easy. Ein paar Urlaubstage im Sommer, Weihnachten und Ostern verbrachten sie gemeinsam im Forsthaus. Dann lebten sie einige Tage wieder zusammen wie früher. In jeder Hinsicht. Das tat allen gut, denn auf Dauer war der getrennte Alltag eben doch nicht so einfach. Sie hatten das Beste daraus gemacht, aber manchmal schien das Beste eben nicht gut genug zu sein.

 

***

 

Am Montagmorgen war Thessas Melancholie verflogen und sie stürzte sich in ihre Arbeit. Als Hausner gegen Mittag in ihr Büro kam telefonierte sie gerade mit einem etwas uneinsichtigen Bewohner.

„Wie ich höre, haben sie sich schon gut eingearbeitet“, meinte Hausner lächelnd, nachdem sie das Telefonat beendet hatte.

„Man bemüht sich, aber bisher hatte ich nur mit Mietern zu tun. An die Wohnungseigentümer muss ich mich erst noch gewöhnen.“

„Dazu kann ich beitragen. Ich möchte Sie am Donnerstagabend zu einer Hausversammlung mitnehmen. Haben Sie Zeit?“

„Jede Menge.“

„Gut. Die Versammlung ist für achtzehn Uhr angesetzt und findet bei einem der Hauvertrauensmänner statt.“

„In seiner Wohnung? Vornehm, unsere Hausversammlungen finden immer in der Waschküche statt.“

„Nicht besonders gemütlich. Aber das hier wird auch kein Spaziergang. Die Hausgemeinschaft besteht aus nur wenigen Miteigentümern, aber die haben’s in sich. Speziell unser Gastgeber, Herr Wollner, und Oberst Fink ergeben eine explosive Mischung.“

„Und was kann ich dabei tun?“

„Zuhören und Protokoll führen.“

„Das sollte ich doch zuwege bringen.“

„Davon bin ich überzeugt.“

Ein Lächeln, dann war er weg.

Thessa versuchte sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren, stellte aber fest, dass ihr das im Moment nicht so ganz gut gelang. Wahrscheinlich war sie froh, dass Hausner sie endlich bemerkt hatte. Bisher hatten sie kaum mehr gesprochen als Guten Morgen … alles okay? … Mahlzeit … Guten Abend. Das war’s.

Sie hätte gerne einige Dinge mit ihm diskutiert, nur um sie mit jemand besprechen zu können, aber sie wollte nicht den Eindruck erwecken, den gestellten Aufgaben nicht gewachsen zu sein.

Schon läutete erneut das Telefon. Ein neues Gespräch, ein neues Problem, das gelöst werden musste.

 

***

 

Als Michael Hausner Thessa am Donnerstag in ihrem Büro abholte war der Himmel grau und ein drohendes Gewitter lastete auf der Stadt. Auch tagsüber war es unangenehm schwül gewesen. Thessa litt unter solchem Wetter, wenn sie auch versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

Hausner hingegen schien davon gänzlich unbeeindruckt, trug auch heute einen leichten Sommeranzug, die Jacke salopp über den Schultern. Verdammt, sieht der gut aus – fuhr es ihr durch den Kopf und kam sich in ihrer bequemen Sommerhose und der karierten Bluse ziemlich underdressed vor. Irrte sie sich, oder hatte er sie heute Morgen ein wenig abschätzend angesehen? Wahrscheinlich bildete sie sich das nur ein. Jetzt sagte er nur: „Na dann, auf ins Vergnügen.“

Herr Wollner, ein Journalist mittleren Alters mit säuerlichem Gesichtsausdruck, bewohnte den gesamten Hoftrakt. Er führte sie in einen länglichen Raum im Erdgeschoss, in dem ein langgestreckter Tisch mit zwölf Sesseln stand, der vermutlich sowohl als Besprechungszimmer, als auch als Esstisch diente, da er einerseits an das Büro, anderseits an einen großen Wohnraum grenzte. Die Wände waren weiß gestrichen, die Stühle aus schwarzem Leder, der Tisch aus dunklem Holz. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es sich anfühlte hier zu frühstücken oder einen Abend mit Freunden zu verbringen. Fröstelnd nahm sie neben ihrem Chef Platz.

Wenig später hatten sich acht Personen eingefunden unter ihnen ein älterer Herr, der sich als Oberst Fink vorstellte. Fink hatte eine laute Stimme und seine Gesichtsfarbe ließ auf Bluthochdruck schließen. Der Gastgeber reichte Kaffee und Wasser.

Michael berichtete, was in den letzten Monaten geschehen war und dass er einige Kostenvoranschläge zur Sanierung der Westfassade eingeholt habe. Die Diskussion begann sachlich, wurde jedoch mit jeder Wortmeldung hitziger. Während einige der Anwesenden die Sanierungsbedürftigkeit der Fassade überhaupt in Abrede stellten, vertraten andere die Meinung, dass eine Sanierung unumgänglich sei.

Draußen entlud sich ein heftiges Gewitter und drinnen wurde es zunehmend heißer, als es um die Frage der Finanzierung ging. Als Wollner, mit mehr Häme als Nonchalance, die Meinung vertrat, die paar Tausend Euro könne wohl jeder selbst finanzieren, meinte der Oberst, die Hausgemeinschaft hätte hiefür ein langfristiges Darlehen aufzunehmen. Als Wollner konterte, er denke nicht daran, anderer Leute Zinsen zu zahlen, begann der Oberst ohrenbetäubend zu schreien, woraufhin ihn der Gastgeber seiner Wohnung verwies. Da der Oberst nicht daran dachte das Feld zu räumen, wurde die Polizei gerufen, die sich allerdings nicht als zuständig erachtete. Gegenseitige Beschuldigungen und Beschimpfungen flogen über den eleganten Tisch.

Thessa hatte erst versucht, das Wesentliche zu protokollieren, doch Hausner, der der hitzigen Debatte scheinbar emotionslos folgte, hatte ihr gedeutet es bleiben zu lassen.

Als sie endlich wieder auf der Straße standen, sagte Thessa: „Ich hab’ noch nie jemand so schreien gehört.“

„Ich auch nicht. Dabei habe ich mit dieser Hausgemeinschaft schon einiges erlebt. Darf ich sie auf den Schreck zu einem Glas Wein einladen?“

„Gern.“

Sie mussten nur ein paar Schritte gehen, schon standen sie vor einem Heurigen. Durch das Gewitter hatte es ordentlich abgekühlt, an draußen sitzen war nicht mehr zu denken, aber sie fanden im Inneren des Lokals einen netten Tisch und ließen sich duftenden Kümmelbraten mit Kraut schmecken.

Sie plauderten erst über die Hausversammlung, dann über ihre Arbeit und schließlich erzählte Thessa von Nicky, Wolfgang und dem Forsthaus.

Als er sie später zu ihrem Wagen brachte, sagte er: „Ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt.“

„Ganz hervorragend. Der Kümmelbraten war köstlich und das Kraut hatte genau den richtigen Biss. Ich mag es nicht, wenn es zu weich ist.“

Hausner nickte zustimmend.

 

 

 

 

3. Beate

 

In der Zwischenzeit war der August ins Land gezogen. In den letzten Jahren hatte Thessa immer noch einige Ferientage im Forsthaus verbracht, bevor sie mit Nicky wieder nach Wien gefahren war. Da es in Wien höllisch heiß war freute sie sich schon auf ein paar Tage im Forsthaus, das um diese Jahreszeit am schönsten war. Doch dann überraschte Wolfgang mit der Ankündigung, er brächte Nicky nächste Woche nach Wien.

„Wieso das denn?“

„Du beklagst dich doch immer, dass nur du die weite Strecke fahren musst. Also habe ich mich bemüht eine Vertretung zu finden und komme nach Wien.“

„Und ich habe mir extra ein paar Tage Urlaub genommen – wo ich doch noch gar keinen Anspruch hätte.“

„Ist doch gut. Ich fahre ohnehin nicht bis Wien, um auf der Stelle kehrt zu machen und habe Nicky versprochen, dass wir drei noch einiges anstellen werden. Unter anderem seinen Geburtstag vorverlegen und in den Prater gehen.“

Also blieb Thessa in Wien und erwartete die Ankunft ihrer Männer.

Gut sahen sie aus. Braun gebrannt, alle beide. Nicky konnte gar nicht aufhören zu erzählen, was er alles erlebt und angestellt hatte. Wolfgang lächelte nur zu dessen Heldentaten, während Thessa gelegentlich das kalte Grauen ergriff.

Doch Wolfgang vertrat die Ansicht, Kinder müssten ihre Erfahrungen selbst machen und sollten das Wort Abenteuer nicht nur aus Romanen kennen. Ja, eh, aber mussten sie deswegen gleich raften und nachts im Wald schlafen? Aber bitte, sie waren ja da, gesund und wohlbehalten. Was sollte sie jetzt noch meckern.

Mit gutem Appetit aßen sie alles auf, was Thessa vorbereitet hatte – und das war eine ganze Menge gewesen. Dann verzog sich der Junior zu seinem Computer, während Wolfgang und sie noch lange auf der Terrasse saßen, plauderten, eine Flasche Wein tranken.

Es war ein ruhiges Einvernehmen zwischen ihnen, wann immer sie sich trafen, und sie empfand das als sehr wohltuend.

Sie besuchten den Prater, badeten im Gänsehäufel und fuhren mit den Rädern in die Lobau. Wolfgang telefonierte täglich mit seinem Vertreter, also eigentlich war es eine Vertreterin, wie sie jetzt erfuhr.

Nach drei Tagen und einem neuerlichen Telefonat kündigte Wolfgang überraschend an, dass er am nächsten Tag zurückfahren müsse. Es gäbe Probleme mit einigen Bauern und seine Vertreterin sei dem doch nicht gewachsen. Thessa war ebenso enttäuscht wie Nicky. Sie hatte sich die ganze Woche frei genommen, und es war doch sehr nett, so zu dritt. Aber Wolfgang blieb dabei. So leid es ihm auch täte, er müsse zurück.

„Tja, wenn es denn sein muss“, sagte Thessa und machte ihm am nächsten Morgen etwas Reiseproviant zurecht, denn sie wusste, dass er Autobahn-Raststätten nicht ausstehen konnte. Sie verabschiedeten sich im besten Einvernehmen. Man würde wie immer telefonieren und einander spätestens zu Weihnachten wiedersehen.

Nicky war den ganzen Tag über ziemlich niedergeschlagen. Thessa wusste, dass er Abschiede hasste, vor allem die von seinem Vater. Nicht nur, dass er ihn jetzt wieder lange Zeit nicht sehen würde, hieß Abschied nehmen von Papa immer auch, dass die Ferien zu Ende gingen.

„Wenigstens hast du jetzt noch ein paar Tage Zeit, um dich auf die Schule vorzubereiten“, meinte Thessa.

Nicky sah das naturgemäß anders. Wenn es etwas gab, das geeignet war Mutter und Sohn blitzartig zu entzweien, dann war es das Thema Schule. Thessa war eine ebenso ehrgeizige, wie talentierte Schülerin gewesen. Nicky mangelte es vor allem an Ehrgeiz – in den Sprachen vermutlich auch ein wenig an Talent. Jedenfalls lenkte der Streit um die Gestaltung der letzten Ferientage die beiden zumindest ein wenig ab. Doch irgendwie fühlte Thessa sich nun einsam.

 

***

 

Als Wolfgang ins Forsthaus kam war er keineswegs einsam. Ja, er wurde erwartet – allerdings nicht nur von den aufgebrachten Bauern. Er besänftigte zuerst einen erzürnten Anrainer, dem Beate, zwar fachlich richtig, aber etwas undiplomatisch begegnet war, und widmete sich dann – in aller Ruhe – dem eigentlichen Grund seiner etwas überstürzten Heimreise.

„Ich bin so froh, dass du da bist!“, flüsterte Beate ihm ins Ohr und rieb dabei ihre Wange an seiner Schulter.

Er hielt sich nicht für übertrieben eitel, fühlte sich aber doch ziemlich geschmeichelt. „Und du hattest wirklich Angst in der Nacht?“, fragte er ebenso skeptisch wie zärtlich, während er sie in den Arm nahm.

„Und wie! Vor allem, wenn ich mir vorstellte, bei wem du warst.“

„Egoistische Schlange“, meinte er gelassen, aber da er dazu lächelte, kuschelte sie sich nur wohlig in seinen Arm und ließ sich von ihm ins Haus führen.

Der Abend verlief dann nicht ganz so harmonisch, wie er begonnen hatte, denn Beate verhielt sich privat nicht anders als beruflich. Ehrlichkeit ging für sie vor Diplomatie.

„Und wo hast du gewohnt?“, fragte sie beim Abendessen.

„Wo soll ich denn gewohnt haben? Zuhause.“

„Ich dachte dein Zuhause sei hier.“

„Ist es ja auch.“

„Entschuldige, aber das ist mir zu hoch.“

Wolfgang stand auf, um sich eine Flasche Bier zu holen und sagte gelassen: „Da kann man halt nichts machen.“

Er hatte gemeint, das unliebsame Thema sei damit vom Tisch, doch da hatte er sich geschnitten.

„Du machst es dir wirklich leicht. Erzählst mir, dass du von deiner Frau getrennt lebst und dann …“

„Thessa lebt 700 km entfernt. Ist das etwa nicht getrennt?“

„Das ist zwar weit weg, aber sobald ihr zusammen seid, macht ihr doch dort weiter, wo ihr aufgehört habt. Das ist … das ist einfach unfasslich.“

„Wir sind doch verheiratet“, lachte er. „Sozusagen staatlich befugt.“

„Und ich?“

„Was hat das denn mit dir zu tun?“

„Was das mit mir zu tun hat? Die Frage allein ist schon eine Frechheit. Wie kommst du dazu, mich so zu beleidigen?“

„Ich – dich beleidigen? Ich habe Nicky – und Thessa – deinetwegen um Tage früher verlassen, nur weil du mich am Telefon angefleht hast. Die beiden waren wirklich sehr enttäuscht. Und jetzt machst du mir zur Belohnung eine Szene? Da wär’ ich doch besser in Wien geblieben, Thessa macht nie solches Theater.“

Gereizt wie die Königin von Saba sprang sie auf, griff im Vorbeirauschen nach einem Apfel und knallte die Tür hinter sich zu.

Er wusste auch, dass die Situation pikant war. Doch was Beate da von ihm verlangte, dazu war er eben noch nicht bereit. Bei weitem noch nicht bereit. Beate und er – was für ein Unsinn! Er war doch viel zu alt für sie. Gewiss, sie war eine nette Abwechslung und er mochte sie. Sehr sogar.

Aber musste er das Thessa gleich auf die Nase binden? Sicher würde es sie verletzen – das hatte sie nicht verdient.

Und jetzt? Während er noch überlegte, hörte er, wie der Motor von Beates Wagens aufheulte.

 

 

 

4. Onkel Hans

 

Die neue Arbeit machte Thessa zunehmend Spaß, ließ ihr aber kaum Zeit für so manches, was ihr in den letzten Jahren lieb geworden war, wie das nachmittägliche Kaffeetrinken mit ihrer Nachbarin, Frau Henning, oder der gelegentliche Besuch bei Onkel Hans, dem Bruder ihrer Mutter. Thessa und er hatten einander nach dem tragischen Unfalltod Trost gespendet und nach Wolfgangs Abgang war Onkel Hans der wichtigste Mann in ihrem Leben geworden. Er und Martha Henning hatten sie immer unterstützt, wenn es darum ging Nicky auf ein paar Stunden zu übernehmen, oder ihr die Decke auf den Kopf zu fallen drohte.

Nun, Frau Henning war zurzeit ohnehin bei ihrer Schwester im Salzkammergut und Onkel Hans hatte seit einigen Monaten eine neue Flamme. In seinem Alter. Aber Hans war immer ein Filou gewesen und als Cellist viel unterwegs, was er immer weidlich ausgenutzt hatte, bis Grete ihm eines Tages die Koffer vor die Tür gestellt hatte. Einfach so.

Natürlich hatte er erst einen Mordswirbel veranstaltet – aber nach einer gut durchschlafenen Nacht in einem nahen Hotel erkannte er durchaus die Vorteile, nahm sich eine kleine Wohnung in der Nähe und wartete erst einmal ab. Er wusste, dass seine Grete zwar ein rasches Temperament hatte, ihn aber auch sehr liebte. Es dauerte nicht lange, und sie stand vor seiner Wohnungstüre, dann noch eine kleine Weile und sie wusch und bügelte wieder für ihn. Nur, dass er jetzt nicht mehr bei ihr wohnte, was manchen Vorteil barg. Er lud sie oft ein, ins Konzert und anschließend zum Essen – irgendwie schienen beide jetzt zufriedener als zuvor.

Zurzeit gab es drei Frauen in seinem Leben. Thessa, seine Grete und die Neue, die Thessa noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Eine Dame soll sie sein, voller Grazie und sehr kulturbegeistert. Sogar ihre Nase sei elegant, hatte Onkel Hans geschwärmt.

Nun ja, mit der Kulturbeflissenheit haperte es bei Thessa, mit der Grazie vermutlich auch. Hans lud auch sie immer wieder ins Konzert und zum Essen ein, doch ihr war das Essen immer lieber als das Konzert. Nicht nur, dass ihr Musikgeschmack über die leichte Muse nie hinausgekommen war, hasste sie es, stundenlang ruhig sitzen zu müssen. Außerdem erwartete Onkel Hans immer, dass sie sich zu solchen Anlässen besonders herausputzte, wie er überhaupt gelegentlich Anstoß an ihrer Kleidung nahm.

„Mädel, wie du wieder aussiehst!“ sagte er dann. Dabei war sie doch niemals schlampig angezogen. Eine Hose, eine Bluse, ein Gilet drüber, was war daran auszusetzen? Vermutlich hatte er nur vor seinen Kollegen mit ihr angeben wollen und nie erwähnt, dass sie seine Nichte war.

 

***

 

Die Schule hatte begonnen, der Alltag hatte sie wieder.

Jetzt, wo Nicky wieder daheim war, sehnte sich Thessa manchmal nach den Tagen, an denen sie morgens allein gewesen war und der Tag entspannt und gemütlich begonnen hatte.

Dieser Morgen hingegen hatte ganz besonders schlecht begonnen. Erst wollte Nicky nicht aufstehen – wahrscheinlich hatte er gestern Abend wieder stundenlang gelesen, nachdem sie beim Fernsehen eingeschlafen war – dann hatte sie ewig keinen Parkplatz gefunden und nun hatte sie auch noch Zores mit der Buchhalterin. Die war aber auch eine seltsame Mischung aus dumm und präpotent, dabei aber irgendwie ganz sympathisch, objektiv betrachtet. Aber Thessa war heute nicht in Stimmung für Objektivität. Jetzt musste sie auch noch zum Chef.

„Guten Morgen!“ sagte Hausner, als sie das Zimmer betrat, jedoch ohne den Kopf zu heben.

„Wäre schön gewesen.“

Das entlockte ihm immerhin ein Lächeln und bewirkte, dass er sie ansah und ihr zunickte.

„Hatten sie keinen guten Morgen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nur, dass mein Sohn herumzickte, verweigert unsere Buchhalterin schlichtweg jede der von mir vorgeschlagenen – und von ihnen sanktionierten – Verbesserungen.“

„Schade.“

„Schade? Sie wollen doch nicht andeuten, dass Sie das durchgehen lassen!“

„Sie können sie gerne auch kündigen, vorausgesetzt Sie finden vorher geeigneten Ersatz.“

„Ich? Dazu bin ich doch gar nicht befugt.“

„Soll ich Ihnen Prokura erteilen?“

„Damit ich die Mietenbuchhalterin kündige?“

„Nicht ausschließlich. Auch damit sie mich während meines Urlaubes vertreten – und für ihr ausgezeichnetes Konzept für den Donauhof, das war wirklich gut ausgearbeitet. Ich habe es nur noch ein klein wenig aufgepeppt.“

„Womit das Thema Buchhaltung vom Tisch wäre?“

Hausner lächelte.

„Einigen wir uns auf aufgeschoben.“

„Aufgeschoben bis wann?“

„Bis nach meinem Urlaub.“

„Und wann ist der?“

„Sie lassen einem aber auch nicht den kleinsten Spielraum“, lächelte er, dann wandte er sich seinem Kalender zu.

„Nächste Woche haben wir das Vorstellungsgespräch im Donauhof, eine gute Woche später fahre ich weg, dann zwei Wochen, eine Woche zum Ein- und Aufarbeiten, einigen wir uns also für das Thema Buchhaltung auf Mitte Oktober.“

„Vorgemerkt.“

„Sicher doch“, murmelte er kaum hörbar. Sie hatte es dennoch gehört und lächelte, zum ersten Mal an diesem Tag.

„Zurück zum Donauhof. Ich hätte gerne, dass sie zu diesem Vorstellungsgespräch mitkommen. Schließlich ist es ihr Konzept.“

„Ein wenig aufgepeppt“, fügte sie etwas mokant hinzu.

„Ein wenig aufgepeppt“ bestätigte er.

„Wann?“

„Nächsten Mittwoch, achtzehn Uhr.“

„Okay. Sonst noch etwas?“

„Ja, bitte.“

Sie wartete. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schaute sie an, runzelte die Stirn und sagte schließlich: „Eine Bitte hätte ich allerdings.“

„Die wäre?“

Er lehnte sich wieder nach vor, die Ellbogen nun auf den Tisch gestützt und legte die Hände aneinander, als wolle er beten. Dann sah er sie an: „Es ist Ihnen vielleicht schon aufgefallen, dass wir unseren Kunden die Referenz einer angemessenen Kleidung erweisen. Vielleicht könnten Sie – zu diesem Termin – der Tradition des Hauses folgen.“

„Wollen Sie mir mit dieser gestelzten Rede sagen, dass Ihnen meine Klamotten nicht gefallen?“

„Sehen Sie, unser Outfit ist Bestandteil unserer Kommunikation. Ich meine daher, dass auch die Kleidung einen gewissen Anteil an Erfolg oder Misserfolg hat.“

„Ich verstehe.“

Sie stand auf und verließ das Zimmer.

Was für ein eingebildeter, eitler Idiot!

War sie ihm nicht schön genug, für den gemeinsamen Termin? Dann sollte er doch allein gehen! Trottel.

Sollte sie ihm das sagen?

Lieber nicht. Sie wollte schon dabei sein. Schließlich war es ihr Konzept. Und sie fühlte sich auch geschmeichelt, dass er sie mitnahm. Einerseits.

Aber andererseits – eine Frechheit.

Was konnte sie tun? Nichts konnte sie tun. Abends beäugte sie ihren Kleiderkasten und musste feststellen, dass der nicht viel hergab. Also musste sie sich etwas kaufen.

Sollte sie Gerda zum Einkaufen mitnehmen? Oder Nadine? Aber Gerda hatte einen ähnlichen Geschmack wie sie selbst, das war wenig hilfreich, und Nadine, die Bildhauerin, mit ihren roten Haaren und ihren weitwallenden Gewändern? Zu ausgeflippt, entschied Thessa. Besser, sie nahm Onkel Hans mit.

Onkel Hans hatte einen untrüglichen Geschmack – hatte ihre Mutter schon gesagt – und die hatte immer toll ausgesehen. Groß und schlank war sie gewesen und immer tiptop angezogen.

Thessa kam leider mehr nach ihrem Vater. Der war vollschlank, dafür gemütlich.

Auch für Thessa kam Bequemlichkeit vor Schönheit. Aber was hieß schon Schönheit? Schönheit war eine Frage des Geschmackes und des Zeitgeistes – im Übrigen stand sie über solchen Dingen. Sie war vielleicht nicht schön, dafür aber auch nicht blöd! Wie auch immer. Onkel Hans musste her.

„Heller.“

„Servus, Onkel Hans. Hast du am Samstagvormittag Zeit?“

„Für dich immer. Und was stellen wir an, schöne Nichte?“

„Ich bin nicht schön. Jedenfalls nicht schön genug. Deswegen sollst du mit mir einkaufen gehen.“

„Muss ich das jetzt verstehen?“

„Ist doch ganz einfach. Es geht um eine geschäftliche Besprechung, zu der mein Chef mich nur mitnimmt, wenn ich auf Business getrimmt bin.“

„Das kann ich schon irgendwie verstehen.“

„Dachte ich mir schon, deswegen wirst du mich auch wunderbar beraten“, entgegnete sie zynisch.

 

***

 

Eigentlich ist einkaufen gar nicht so schlecht, dachte Thessa, als sie mit Onkel Hans, müde aber zufrieden, im Gasthaus Platz nahm.

Nicky hatte die Einladung dankend abgelehnt. Er möchte das Geld lieber mit seinem Freund bei Mac Donald verfressen hatte er ausrichten lassen. Mit elf stand einem diese Geschmacksverirrung zu – hatte Thessa gesagt. Onkel Hans hatte dazu geschwiegen, vermutlich war er anderer Meinung.

Thessa fühlte sich jedenfalls sehr wohl. Das Essen schmeckte ihr vorzüglich und die Einkäufe machten ihr nun doch irgendwie Freude. Was hatte sie sich immer gewehrt, wenn ihre Mutter mit ihr einkaufen gehen wollte. Heute tat es ihr ein wenig leid. Wie viele angenehme Stunden hätten sie miteinander verbringen können. Bestimmt hätte Mutter sie ebenso gut beraten, wie Onkel Hans das heute getan hat.

Thessa hatte einen schwarzen Rock erstanden, dazu einen schwarzen Blazer mit Blütenrispen in verschiednen Orangetönen, ein Shirt in einem kräftigen orange, eines in schwarz und – zum Drüberstreuen – noch eine schwarze Hose und eine Strickjacke in der Farbe der hellen Blüten.

Hans hielt ihr sein Glas entgegen: „Auf den gelungenen Einkauf!“

„Du hast doch gar nichts eingekauft.“

„Ich freue mich aber mit dir.“

„Gib’s nur zu, dir gefallen meine Klamotten auch nicht.“

„Die da schon“, entgegnete Hans lächelnd und deutete auf die Einkaufstaschen.

Die da meine ich aber nicht.“

„Gut, wenn du es unbedingt hören willst. Du weißt, ich mag dich, ich schätze deinen Verstand, deinen Humor und deine Ehrlichkeit, mit der du manchmal allerdings ein wenig übertreibst. Aber ich kann einfach nicht verstehen, warum du nicht ein wenig mehr auf dich achtest.“

„Aber ich achte doch auf mich. Ich lebe gesund, treibe gelegentlich Sport und schau nach links und rechts, wenn ich eine Straße überquere“.

„Du weißt schon, was ich meine. Du bist doch hübsch. Das dunkle Haar, die helle, makellose Haut, genau wie deine Mutter.“

„Mutter war gertenschlank.“

„Na gut, du bist eher … vollschlank. Deine Mutter …“

„… hat immer toll ausgesehen“, vollendete Thessa seinen Satz. „Ich weiß.“

Er lächelte. „Noch Kaffee?“

 

 

5. Der Donauhof

 

Als Thessa und Michael Hausner am Mittwochabend den voll besetzten Saal betraten murmelte sie: „Gott, sind das Viele!“.

„Was haben Sie denn gedacht?“, meinte Hausner lächelnd. „Im Donauhof leben knapp fünfhundert Personen, das hier ist vermutlich weniger als die Hälfte.

Der Hausvertrauensmann kam Ihnen entgegen und sie folgten ihm auf eine Tribüne, auf der bereits vier andere Personen Platz genommen hatten. Kollegen, wie Thessa erfuhr, die sich ebenfalls um den Verwaltungsauftrag beworben hatten.

Der Hausvertrauensmann, ein kleiner Mann mit hektischen Bewegungen und durchdringender Stimme, begrüßte die Anwesenden und erklärte den Ablauf des Abends. Die Bewerber sollten der Reihe nach ihr Verwaltungskonzept vorstellen. Insbesondere sei man an den Kosten interessiert. Danach sollte, nach entsprechender Diskussion, die Abstimmung erfolgen. Im Anschluss wäre daran gedacht, mit dem Sieger gleich an die Arbeit zu gehen und die erste Hausversammlung abzuhalten.

„Ein Monsterprogramm“, murmelte Hausner.

Eine Dame mittleren Alters, die in Begleitung ihres Sohnes gekommen war, eröffnete den Vorstellungsreigen.

Die von ihr angebotenen Dienstleistungen entsprachen dem zu erwartenden, die Kosten den gesetzlichen Bestimmungen. Nichts weggelassen, nichts hinzugefügt. Eine ordentliche Präsentation – ohne Höhepunkte. Der Junior hatte nur eine Statistenrolle eingenommen.

Es folgte der Vertreter einer namhaften Firma aus dem Bankenbereich. Sein Vortrag war geschult, sein Auftreten untadelig. Er sagte im Wesentlichen nichts anderes als seine Vorrednerin, aber er sagte es mit anderen Worten. Wieviel die Anwesenden davon verstanden haben, blieb ein wohl gehütetes Geheimnis.

Dann waren sie an der Reihe. Hausner verwies auf die lange Tradition des Betriebes, stellte aber auch klar, dass die Zukunft ein vollkommen neues Bild des Verwalters erfordere.

Nicht der Administrator, sondern der Manager der Immobilie sei gefragt. Dieser Idee folge auch das Konzept seiner Firma, das nun seine Mitarbeiterin vortragen werde, die, sollten sie das Rennen machen, die Verwaltung gemeinsam mit ihm übernehmen werde. Damit übergab er Thessa das Mikrophon.

Das war zwar so ausgemacht, doch da die Vorredner ihre Begleiter nicht zu Wort kommen ließen, war sie doch überrascht. Ihre Hand zitterte, als sie das Mikro von ihm entgegennahm und die flüchtige Berührung tat ihr gut. Anfangs klang ihre Stimme auch in ihren eigenen Ohren gepresst, doch je länger sie redete, desto sicherer fühlte sie sich.

Danach wurden sie gebeten, im Vorraum zu warten.

Es wäre nett gewesen, wenn man Ihnen eine Erfrischung, oder zumindest eine Sitzgelegenheit angeboten hätte, aber nichts dergleichen geschah. Im Saal hörte man die durchdringende Stimme des Hausvertrauensmannes, gelegentlich von leiseren Stimmen unterbrochen.

Vor dem Saal quälte sich die Konversation dahin. Man sprach über eine geplante Novellierung des Mietrechtsgesetzes, über Kollegen und zuletzt über das Wetter.

Die Zeit tröpfelte dahin. Thessa wünschte, sie hätte wenigstens ihre bequemen Mokassins angezogen und nicht die neuen schwarzen Pumps, die Onkel Hans ihr nach dem Mittagessen noch aufgeschwatzt hatte. Schön waren sie ja.

Die Dame mittleren Alters hatte eben vorgeschlagen die Versammlung gemeinsam zu verlassen, weil diese Behandlung eine Frechheit sei, als sie in den Saal gebeten wurden.

Ingenieur Eder, der Hausvertrauensmann, überbrachte das Ergebnis auf eine sehr eigenwillige Art. Er dozierte erst ausführlich drüber, warum man sich nicht für Kandidatin eins entschieden hatte. Dabei sparte er nicht mit Kritik, bis die Verwalterin aufstand, ihm mitteilte, dass sie über den Ausgang der Abstimmung nicht unfroh sei und davonrauschte – der Junior folgte eilends.

Kandidat zwei, der Immobilienbanker – durch das Schicksal seiner Kollegin klug geworden – kam dem Hausvertrauensmann zuvor und ersuchte diesen, ihm ohne Umschweife mitzuteilen, ob die Wahl auf seine Firma gefallen sei. Eder verneinte, die Kollegen verabschiedeten sich und gingen.

Das hätten wir also gewonnen, dachte Thessa ohne Euphorie. Nun, es konnte ja nicht die ganze Hausgemeinschaft so sein, machte sie sich Mut.

Der klein gewachsene Ingenieur erläuterte nun, warum die Wahl auf die Firma Hausner gefallen sei, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass er nun ein entsprechendes Engagement erwarte und darauf bestehen müsse, dass das Vollmachtsverhältnis vom Start weg jederzeit kündbar sei. Außerdem erwarte die Hausgemeinschaft einen Preisnachlass von zehn Prozent.

Hausner erhob sich, sendete sein unwiderstehlichstes Lächeln durch den Saal und ergriff das Mikro. „Meine Damen und Herren, ich bedanke mich sehr herzlich für ihr Vertrauen. Sie haben sich die Wahl nicht leicht gemacht und lange darüber diskutiert. Erlauben sie auch uns darüber nachzudenken, ob wir diesen Auftrag in der nun geforderten Form annehmen können. Hausverwaltung ist eine Sache des Vertrauens, gegenseitigen Vertrauens. Wir wünschen noch einen angenehmen Abend und werden in den nächsten Tagen auf sie zukommen.“

Unter erstauntem Gemurmel verließen sie den Saal.

„So nicht! Nein, so nicht!“, sagte Hausner laut in die kühle Nachtluft. Sie sah ihn verwundert an.

„Jetzt haben wir uns ein Abendessen verdient“, fuhr er fort und dirigierte sie zu seinem Auto.

Als sie wenig später im Tartufo saßen und mit einem Glas Prosecco auf die sonderbare Veranstaltung anstießen sagte er: „Ich danke Ihnen!“

„Wofür? Die Schlacht ist noch nicht gewonnen.“

„Wir hätten sie aber jederzeit gewinnen können. Nein, ich wollte Ihnen danken, dass Sie sich heute so hübsch gemacht haben.“

Nichts konnte Thessa mehr verunsichern als Komplimente. Sie spürte, wie sie rot wurde: „Nicht ganz freiwillig, außerdem ist hübsch das falsche Wort.“

„Hübsch ist genau das richtige Wort“, antwortete er hartnäckig. „Glauben Sie mir, ich kenn’ mich da aus.“

„Daran habe ich nicht gezweifelt“, konterte sie, denn sie hatte sich in der Zwischenzeit in der Firma ein wenig umgehört – seine Frauengeschichten waren legendär.

Dann versuchte sie das Gespräch wieder in geschäftlichere Bahnen zu lenken. „Und was machen wir jetzt?“

„Was schlagen Sie vor?“

„Es ist, trotz allem, ein toller Auftrag. Über vierzehntausend Quadratmeter Nutzfläche, dazu dreihundertzwanzig Garagenplätze.“

„Und wie hat Ihnen der Hausvertrauensmann gefallen?“

„Nicht so gut, aber – wir müssen ihn ja nicht heiraten.“

„Aber mit ihm arbeiten. Und die Art, wie er mit den Kollegen umgesprungen ist, war unerhört. Im Übrigen hat er auch uns nicht so richtig herzlich willkommen geheißen. Sind wir unter diesen Umständen wirklich bereit beim Honorar Zugeständnisse zu machen? Das wird kein Spaziergang.“

Sie kicherte „Vielleicht sollten wir unser Honorar nach oben korrigieren, sozusagen als Zuschlag für besondere Erschwernisse.“

„Gar keine schlechte Idee. Wir teilen der Wohnungseigentumsgemeinschaft mit, dass wir uns unter den gegebenen Umständen nur dann in der Lage sehen den Auftrag anzunehmen, wenn dies zu den von uns vorgeschlagenen Konditionen geschieht. Darüber hinaus behalten wir uns vor … ja, was könnten wir uns eigentlich vorbehalten?“

„… das Honorar dann anzuheben, wenn der Verwaltungsaufwand ein übliches Maß überschreitet.“

In diesem Moment brachte der Ober ihre Vorspeisen und in wortloser Übereinstimmung wandten sie sich dem Essen zu: Gratiniertes Carpaccio von Steinpilz und Kürbis mit Flusskrebsen. Köstlich!

 

***

 

Schon am nächsten Morgen verfasste Thessa ein Schreiben an die Hausgemeinschaft des Donauhofes und brachte es selbst zu Hausner. Er las es und lehnte sich lächelnd zurück. „Schön, aber zu früh.“

„Wieso?“

„Wir schreiben es genau so, aber erst nächste Woche. Keiner soll glauben, dass wir besonders scharf auf diesen Auftrag sind. Außerdem dürfen sie Bumsti zu mir sagen, wenn sich der Herr Ingenieur nicht schon vorher meldet.“

„Abgemacht!“ entgegnete Thessa knapp.

Hausner sollte Recht behalten.

Freitagvormittag erschien Ingenieur Eder in der Hausverwaltung und verlangt unwirsch den Chef zu sprechen. Ayse teilte ihm mit, der sei außer Haus. Daraufhin wurde der Herr Ingenieur offenbar ungemütlich, denn Ayse kam ziemlich aufgewühlt zu Thessa, die ihn auch unverzüglich empfing, was ihn vorerst etwas zu beruhigen schien. Dennoch war er unverkennbar verstimmt darüber, dass die Herrschaften wie er sich ausdrückte, sich noch nicht entschieden hatten. Schließlich, so meinte er, wäre es doch eine Ehre ein Prestigeobjekt wie das ihre verwalten zu dürfen.

Thessa stimmte ihm zu, meinte aber, dass sie erst heute Nachmittag Gelegenheit haben würde, mit Herrn Doktor Hausner die Angelegenheit zu erörtern. Erst schien es, als würde Ingenieur Eder sich damit zufriedengeben, doch plötzlich schrie er: „Was bilden Sie sich eigentlich ein? Was glauben Sie denn wer Sie sind? Sie glauben wohl, mit mir können sie sich alles erlauben. Ich habe mich dafür verbürgt, dass wir Ende dieser Woche ihre Zusage haben, und Sie wollen mich hängen lassen? Aber so funktioniert das nicht, nicht mit mir!“ Eder schnappte nach Luft und war hochrot im Gesicht, Noch während Thessa überlegte, ob sie sich um Eder sorgen sollte, oder doch lieber um sich selbst, ging die Tür auf und Peter, der Facility-Manager, stand vor ihnen, groß und breitbeinig. In seiner dunklen Hose und dem weißen Hemd, auf dem drei Knöpfe offenstanden und seine behaarte Brust sehen ließen, erschien er Thessa wie eine Figur aus Der Pate. Offensichtlich fühlte er sich auch so. Er sah auf den deutlich kleineren Ingenieur herab und bellte: „Was bilden sie sich ein, hier so herumzuschreien?“

Mehr hatte Eder nicht gebraucht. Wenn möglich, schrie er jetzt noch lauter: „Sie elender Verräter!“ und griff sich einen Locher von Thessas Schreibtisch, den er nach Peter warf. Doch der war schneller, so traf der Locher nur noch die rasch zugezogene Tür.

Thessa war wieder allein mit dem wütenden Mann, der offensichtlich nicht mehr Herr seiner Sinne war.

Von Peter keine Spur.

Eder tobte weiter. Eine Frechheit wäre das. Immer mit ihm! Immer glaubten alle, sie können mit ihm machen, was sie wollten, aber so lief das nicht, nicht mehr, jetzt nicht mehr. Hereingelegt hatte sie ihn, und jetzt sei Hausner ins Ausland geflohen … Und so weiter, immer weiter.

Während Thessa fieberhaft überlegte, was sie mit dem rasenden Mann tun sollte, öffnete sich neuerlich die Bürotür und zwei uniformierte Polizisten erschienen. Ohne viel zu fragen, nahmen sie Eder einfach mit.

Thessa fiel ein Stein vom Herzen, als sie Eingangstür hinter den dreien ins Schloss fiel. Sie sprang auf und eilte in Peters Zimmer: „Danke, Sie haben mich gerettet! Die Polizei zu rufen war die Königsidee.“

„Möglich“, murmelte Peter, „Ayse hat sie gerufen.“

 

***

 

Ayse war der Star der Woche – und sie genoss es ausgiebig. Michael, der kurz nach dem Abgang der Polizisten ins Büro kam, erhielt einen ausführlichen Bericht aller Beteiligten, verteilte Kognak um die aufgewühlten Nerven zu beruhigen und brachte am Montag Morgen Blumen für Thessa und Schokolade für Ayse.

Noch während Thessa und Hausner überlegten, wie sie weiter vorgehen sollten, kam eine Mail des Hausauschusses Donauhof. Darin teilte man Ihnen mit, dass Herr Ingenieur Eder aus gesundheitlichen Gründen, bedauerlicherweise, zurücktreten musste und sich derzeit auf einem längeren Kuraufenthalt befände. Der Hausausschuss habe in seiner letzten Sitzung Frau Hoffer zur Vorsitzenden gewählt. Darüber hinaus sei man, für den Fall, dass die Hausverwaltung Hausner den Auftrag annähme, selbstverständlich mit jenen Bedingungen einverstanden, die Grundlage des Angebotes gewesen waren.

„Na bitte“ sagte Michael nicht ohne Stolz, ich hab’s doch gewusst.“ Dann verließ er wortlos ihr Büro.

Sie sah ihm überrascht nach. Doch schon kehrte er mit einer Flasche Frizzante und zwei Gläsern zurück.

„Auf Ihre Prokura. Außerdem finde ich, nach diesem gemeinsamen Erfolg sollten wir per Du sein.“

 

 

 

6. Thessa

 

Michael war schon zweimal versucht gewesen, Thessa das Du-Wort anzubieten, jedes Mal hatte er sein lassen. Einmal, als sie nach der Hausversammlung beim Heurigen waren, und dann nach der Vorstellungsrunde im Tartufo. Beide Male hatte er es nicht getan. Er hätte nicht sagen können warum. Vielleicht, weil sie seine Angestellte war und er – anders als viele seiner Kollegen – mit seinen Angestellten nur in Ausnahmefällen per Du war. Dann wieder dachte er, dass es ihm, als Mann, gar nicht zustünde ihr das Du anzubieten. Ob er diesen Dingen eventuell zu viel Bedeutung zumaß? Ines und ihre Freunde waren alle per Du und in ihrem Kreis hielt er es ebenso. Aber in der Kanzlei? Anderseits hatte er an den beiden Abenden mit Thessa eine Seelenverwandtschaft empfunden, die ihn nicht einmal mit Ines verband, geschweige denn mit deren Freunden.

Thessa hatte so eine ungekünstelte Art, konnte zuhören und stellte interessierte Fragen.

Wenn Ines eine Frage stellte, hatte er stets das Gefühl, sie tat es, um ihm eine Freude zu machen. Aber ehrlich – wie oft fragte er sie nach ihrem Beruf, nur um ihre Laune zu heben? In Wirklichkeit interessierte es ihn einen Rettich, ob das dritte Blumenmädchen von links aus dem Takt gekommen war. Ines interessierte es eben genauso wenig, ob er vor der Schlichtungsstelle Recht bekommen hatte. Klar, dass Thessa und er beruflich die gleichen Interessen teilten – mussten sie ja wohl – er sollte das nicht überbewerten.

 

***

 

Einmal im Jahr, zumeist im November, verbrachte Thessa ein Wellness-Wochenende mit ihren Freundinnen Gerda und Nadine. Nicky blieb dann entweder bei Onkel Hans oder bei Martha.

Sie fuhren Freitagmittag in ein Wellness-Hotel und ließen sich achtundvierzig Stunden lang verwöhnen. Eine Massage hier, eine Packung da, Sauna, Dampfbad, das volle Programm eben. Abends dann gut essen und bis Mitternacht in der Bar sitzen und quatschen.

Als Thessa zum ersten Abendessen in ihrem neuen Business-Outfit erschien, sahen ihre Freundinnen sie verwundert an.

„Was ist das denn?“ fragte Nadine. Selbst in ein farbenfrohes Gewand gehüllt, das aus unzähligen Tüchern zu bestehen schien, betrachtete sie Thessas Kleider mit Argwohn. „Bist du jetzt unter die Börsenmakler gegangen?“

„Nein, unter die Immobilientreuhänder.“

„Das ist ja fast genau so schlimm“, entgegnete Nadine.

„Kann ich nicht finden.“

„Du kennst ja meine Einstellung. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Daher sollte sich niemand daran bereichern dürfen!“

„Essen ist auch ein Grundbedürfnis, und daran bereichern sich weit mehr. Im Übrigen nennt man diese gegenseitigen Bereicherungen Wirtschaft.“

Gerda lachte und prostete den beiden zu: „Wenn ihr zwei euch wieder duelliert, weiß ich, dass ich wirklich und wahrhaftig hier bin.“

Dann wandte sie sich an Thessa: „Du musst Nadine verstehen. Wenn die Leute zuviel Geld fürs Essen und Wohnen ausgeben, haben sie hinterher keine Kohle mehr, um ihre sauteuren Kunstwerke zu kaufen.“

Nadine mochte eine Sozialromantikerin sein, wenn es darum ging ihre Werke zu Spitzenpreisen zu vermarkten, war sie eine hervorragende Geschäftsfrau.

„Ich weiß“, zwinkerte Thessa ihr zu „und wenn ich mir eines Tages eines ihrer Werke kaufen kann, dann weiß ich, dass ich es geschafft habe.“

Gerda setzte noch eins drauf. „Wenn ich eines Tages wirklich Geld übrig habe sollte, dann fällt mir bestimmt etwas Besseres ein, als mir so eine dämliche Skulptur zu kaufen, die sie aus Scherben zusammenklebt.“

„Banausen. Alle beide!“, empörte sich Nadine und bestellte noch eine Flasche Prosecco.

 

 

 

7. Eiszeit

 

Jänner. Kalt, grau, ungemütlich.

Thessa war nie besonders wetterfühlig gewesen, doch in den letzten Tagen fühlte sie sich lustlos und abgeschlagen. Sie bereitete sich eine Tasse Tee zu, setzte sich in ihren kuscheligen Fernsehsessel und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Dieses Jahr hat genau so blöd begonnen, wie das letzte aufgehört hatte.

Nach der stressigen Vorweihnachtszeit war sie froh gewesen, als sie am dreiundzwanzigsten Dezember endlich in den Bregenzer Wald abdampfen konnten. Wolfgang hatte zwar angeboten, auch diesmal nach Wien zu kommen, aber Nicky wollte Schifahren und die Hausverwaltung hatte bis zum Drei-Königs-Fest ohnehin geschlossen.

Die Fahrt war anstrengend gewesen, doch schon der erste Abend begann gemütlich. Wolfgang empfing sie mit selbst gemachtem Punsch und einem Topf Gulaschsuppe, die zum Glück seine Haushälterin vorbereitet hatte.

Während sie die dampfende Suppe löffelten, erwähnte er ganz nebenbei, dass Fräulein Behrens am Heiligen Abend mit ihnen feiern würde. Er erzählte eine ebenso verworrene wie verwirrende Geschichte, warum sie nicht zu ihren Eltern fahren konnte – oder wollte. So genau konnte Thessa das nicht entnehmen.

„Wer ist denn Fräulein Behrens?“, hatte Nicky gefragt.

„Na, unser Frischling.“

„Ach so, Beate. Die ist okay“.

Thessa hatte es bereits bei dieser Ankündigung den Appetit verschlagen.

Wie immer und ganz selbstverständlich hatte sie auch diesmal das Gästezimmer bezogen, da Wolfgang unerträglich schnarchte. Ebenso selbstverständlich hatte Wolfgang sie bisher im Gästezimmer besucht.

„Thessalein, ich komm’ gleich“, hatte er ihr immer zugeflüstert. Doch diesmal sagte er nur: „Thessalein, ich muss noch einmal ins Büro. Vielleicht komm’ ich später noch auf einen Sprung vorbei.“

Er war nicht gekommen und sie hatte sich ihren Reim darauf gemacht.

 

***

 

Am nächsten Tag hatte Thessa sich alle Mühe gegeben, alles noch besser zu machen. Wolfgang sollte deutlich spüren, wie das ist, wenn seine Frau im Haus war.

Bisher gab es am Heiligen Abend Räucherlachs, Oberskren, Shrimps, ein paar hart gekochte Eier und Weißbrot. Einfach, aber gut und eben etwas anderes als sonst.

Diesmal wurde der Lachs zu Rosen getrimmt, die Eier gefüllt und die Männer wurden ausgeschickt, um noch Gelatine und Salat zu besorgen, denn sie bestand auf einer Garnitur aus gehackter Gelatine und Salat.

„Das haben wir doch noch nie gehabt“, hatten Wolfgang und Nicky im Chor gemault, das Gewünschte aber dann doch gebracht.

Dann hatten die beiden einen schönen Baum aus dem Wald geholt, der in friedlicher Eintracht geschmückt worden war. Mit roten Kugeln und ein wenig Holzschmuck, Strohsternen, etwas Schokolade, ein paar Windbäckereien – Wolfgang liebte Beständigkeit in solchen Dingen, das gäbe ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, sagte er immer.

Doch wie immer war es nicht gewesen, denn knapp nach siebzehn Uhr erschien Beate. Die junge Forstgehilfin, von Wolfgang und Nicky als unkomplizierter Kumpeltyp beschrieben, trug hochhackige schwarze Stiefel, einen schwarzen Rock, der in weit schwingenden Bahnen bis an die Mitte der Wade reichte, eine weiße Trachtenbluse und ein knappes Bolero mit bunten Pailletten. Nach Kumpel sah das nicht aus, dachte Thessa und steckte rasch noch die auffallenden Ohrgehänge an, die Nadine ihr zu Weihnachten geschenkt hatte.

Dann kam die Bescherung.

Nachträglich hatte Wolfgang beteuert, er hätte einfach Niemanden benachteiligen wollen, nur deshalb habe er für Thessa und Beate zwei haargenau gleiche Uhren gekauft.

Was für eine glänzende Idee!

Wenigstens hatte sich Nicky über die neuen Ski und die zwei Computerspiele gefreut, die er gleich im Anschluss an die Bescherung ausprobieren wollte. Wolfgang war ihm gefolgt.

Zurückgeblieben waren zwei Menschen, die einander bis vor einer Stunde noch nicht gekannt hatten, und die einander auch nicht kennen lernen wollten. Einen Moment lang hatte gespannte Ruhe geherrscht, dann hat Thessa gefragt: „Soll ich Ihnen vielleicht meine neue Uhr zeigen?“

Beate hatte sie verblüfft angesehen, doch dann begann sie zu lachen. Erst war es nur ein unterdrücktes Kichern, dann wurde ihr Lachen immer lauter, heftiger, bis sie sich vor Lachen bog – Thessa stimmte ein.

 

***

 

Damit war der Weihnachtsabend gerettet gewesen, doch am nächsten Morgen war das gegenseitige Misstrauen wieder da. Nach dem Frühstück fuhr Beate – endlich – zu ihren Eltern.

Das klärende Gespräch mit Wolfgang ergab sich erst am Abend, nachdem Nicky, vom Schifahren todmüde, zu Bett gegangen war.

Wolfgang hatte eine gute Flasche Rotwein aus dem Keller geholt und sich – zur Feier des Tages – eine dicke Zigarre angesteckt. Eine Weile lauschten sie der Musik. Die Möwe Jonathan, Lost.

„Lost“, hatte sie leise gesagt. „Wir haben uns jetzt wohl auch endgültig verloren.“

Wolfgang hatte geschwiegen.

„Ist das jetzt das endgültige Aus?“, hatte sie nachgehakt.

„Thessa, du hast mich vor über vier Jahren verlassen. Was hast du denn erwartet?“

„Ich dich? Oder du mich?“

Nach einer Zeit des Schweigens fragte: „Wie soll es jetzt weitergehen?“

Da hatte er sein Glas zur Seite gestellt, ihre Hände genommen und sie angesehen. „Ich weiß es doch auch nicht. Ich weiß nur, dass ich so nicht weiterleben will. Hast du geglaubt, ich bleibe die nächsten vierzig Jahre allein, als Mönch im Wald? Ich bin Förster, ja, aber kein Einsiedler. Thessa, kommst du zu mir zurück?“

„Zurück? Du meinst hierher?“

Er hatte genickt.

„Und meine Arbeit? Ach Wolfgang, das hatten wir doch schon.“

„Aber du musst doch nicht arbeiten!“

„Verdammt noch mal, ich will aber arbeiten!“

„Ja, du hast recht, das hatten wir schon. Du hast übrigens damit angefangen. Schließlich hat sich ja nichts geändert.“

„Doch, das hat es. Jetzt gibt es Beate. Willst du sie heiraten?“

„Beate heiraten? Sie ist sechsundzwanzig. Ich bin doch viel zu alt für sie!“

Später hatte er gefragt: „Und – wie ist das mit dir?“

„Ich habe nur Nicky, meine Arbeit und …“ dich, hatte sie sagen wollen, aber das stimmt jetzt nicht mehr.

Das Feuer im Kamin war langsam heruntergebrannt. Er war durch den Raum getigert, dann blieb er vor ihr stehen. „Thessa, wir bleiben doch Freunde.“

Klar. Freunde waren sie schließlich immer gewesen.

 

***

 

Zwei Tage später war Beate zurückgekommen. Thessa wäre am liebsten nach Wien gefahren, aber Nicky wollte Schi fahren, also waren sie geblieben. Bis Silvester war strahlendes Winterwetter gewesen. Sie war ein paar Mal Langlaufen gegangen. Einmal war Wolfgang mit ihr gekommen, aber der ging lieber mit Nicky Schifahren. Dann hatte Beate angeboten, Thessa zu begleiten – und sie hatte angenommen.

Alles war besser, als allein zu sein und Beate war eine angenehme Begleitung gewesen.

Sie bevorzugte – genau wie Thessa – die leichtesten Loipen, freute sich auf die Einkehr beim Enzianwirt, aß mit gutem Appetit Grammelknödel, trank gern ein Glas Wein und freute sich über den Sonnenschein.

Sie hatten das Trennende ausgesparte und sich auf das Gemeinsame konzentriert. Alles ganz einfach, ganz natürlich erschienen, solange sie im Forsthaus waren. Sie hatten sogar vereinbart, in den Semesterferien wieder zu kommen.

Erst als sie in Wien waren, hatte der Katzenjammer Thessa gepackt. Sie fühlte sich kraftlos und ausgebrannt und wunderte sich, wie der Alltag dennoch funktionierte.

 

***

 

Eine Woche vor Beginn der Semesterferien fühlte sich Thessa noch schlapper, war müde, hatte Kopfschmerzen und alle Muskeln taten ihr weh. Sobald der Wochenendeinkauf erledigt war, machte sie sich eine Tasse Glühwein und ging zu Bett.

Am nächsten Tag hatte sie auch noch Halsschmerzen. Zum Glück war Sonntag, da konnte sie im Bett bleiben.

Montagmorgen hatte sie 39 Grad Fieber, von Arbeiten konnte keine Rede sein. Am Mittwochabend sagte sie zu Nicky: „Ich fürchte, das wird diesmal leider nichts mit den Semesterferien bei Papa.“

„Das kannst du nicht machen!“

„Ja siehst du denn nicht, dass ich krank bin?“

Nicky stürmte davon. Kurz darauf rief Wolfgang an: „Ich habe gehört, es geht dir nicht gut.“

„Kann man so sagen“, krächzte sie.

„Dann musst du dich natürlich auskurieren. Schade.“

„Heuchler.“

„Thessa! Nein, ehrlich. Wir haben uns gefreut auf euch beide.“

„Quatsch. Na egal, jetzt könnt ihr eure Einsamkeit ja weiter genießen.“

„Darüber wollte ich gerade mit dir sprechen. Nicky ist doch nun alt genug, um allein mit der Bahn zu fahren.“

„Kommt nicht in Frage.“

„Denkst du, er springt aus dem fahrenden Zug?“

„Natürlich nicht, unser Sohn ist ja kein Trottel.“

„Eben. Er wünscht es sich so. Lass ihn doch fahren, dann kannst du dich in aller Ruhe erholen. Nicky kann ja vor seiner Abfahrt noch einkaufen gehen und …“

„Ja, ja, schon gut. Frau Henning wird mir ab und zu ein warmes Süppchen kochen.“

„Abgemacht?“

„Von mir aus“, seufzte sie und war schon wieder so erschöpft, dass sie froh war, das Telefonat beenden zu können.

 

 

 

 

8. Damenabend

 

Am Samstagmorgen war das Fieber weg, doch sobald Thessa das Bett verließ, stand ihr der Schweiß auf der Stirn. Das sei nach einer Grippe ganz normal, hatte der Arzt gesagt. Lästig war es trotzdem. Zum Glück hatte Martha Henning sich bereit erklärt, Nicky zur Bahn zu bringen.

Als sie zurückkam fragte sie: „Fühlen Sie sich gut genug, um am späten Nachmittag mit mir Krautfleisch zu essen?“

„Ich weiß nicht, eigentlich wollte ich noch im Bett bleiben.“

„Das sollen Sie auch, aber Sie müssen endlich etwas Vernünftiges essen. Ich koche uns einen Topf Krautfleisch, das mögen Sie doch so gern, wir essen es hier bei ihnen. Nachher können Sie sich aufs Sofa legen und mir alles erzählen.“

„Was denn erzählen?“

„Alles was Sie bedrückt, meine Liebe. Oder glauben Sie im Ernst mir ist nicht aufgefallen, dass Sie seit Ihrem Weihnachtsurlaub ein wenig neben sich stehen?“

„Tu ich das?“

Ihre Nachbarin nickte. „Deshalb finde ich es auch sehr klug von ihrem Körper, Sie zu dieser Ruhepause zu zwingen.“

„Sie meinen, ich simuliere?“

„Keineswegs. Ich meine ihr Körper hat Ihnen die Ruhepause verschafft, die Sie ihm nicht gegönnt haben. Kluges Kerlchen.“ Damit klopfte sie Thessa auf die Schulter und ging.

 

Als Frau Henning gegen fünf Uhr nachmittags wieder kam, hatte sich Thessa in ihren neuen Hausanzug gehüllt – ein Weihnachtsgeschenk von Onkel Hans – und ein wenig zurecht gemacht. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dem Gespräch nun eher gewachsen zu sein.

Genau genommen gab es auch nicht viel zu erzählen. Ihr Ex hat eine Freundin, stand ihm doch zu.

Das sagte sie dann auch Martha Henning, als sie sich über das Krautfleisch und die flaumigen Semmelknödel hermachten.

„Das ist ja alles schön und gut“, sagte Frau Henning und schenkte sich ein Glas Bier ein.

„Wahrscheinlich kann man ihm keinen Vorwurf machen, wenn er nach mehr als vier Jahren eine Freundin findet. Aber warum bedrückt es Sie so? Und warum seid ihr bis heute nicht geschieden?“

Thessa betrachtete hingebungsvoll das Krautfleisch. „Ach, ich weiß auch nicht. Bisher war alles gut wie es war und jetzt ist alles so … so schwierig“, beendete sie ihren Satz ohne rechte Überzeugung ob schwierig das richtige Wort war. Traurig wäre wohl der Sache nähergekommen. Aber das hätte sie sich nicht einmal selbst eingestanden.

„Nur mit leeren Händen kann man nach Neuem greifen“ sinnierte

Martha Henning, dann nahm sie ihr Glas und hielt es Thessa entgegen. „Und jetzt schlage ich vor, dass wir endlich einmal DU sagen.“

Thessa hob das ihre und dankte. Beide nahmen einen Schluck Bier.

„Solchermaßen verbrüdert, pardon verschwestert muss es ja wohl heißen, schlage ich dir weiters vor, dass du jetzt endlich einen Schlussstrich unter deine Ehe ziehst. Lass dich doch scheiden.“

„Wozu? Solange keiner von uns heiraten will. Wir bleiben doch Freunde.“

„Freunde könnt ihr auch sein, wenn ihr geschieden seid.“

Es war noch ein langer Abend geworden. Thessa hatte es sich dazu auf der Couch bequem gemacht.

Erst erzählte Martha von sich, dann begann Thessa zu reden. Von ihrer Jugend, von Fritz, ihrer ersten Liebe, der sie kaum bemerkt zu haben schien, von ihrer Freundin Kathi und dann eben von Wolfgang.

„Ich schätze ihn wirklich sehr, ich mag ihn, er hat immer zu mir gehalten. Aber irgendwie haben wir einfach nicht zueinander gepasst“, beendete sie schließlich ihre Erzählung.

„Dann wünsch’ ihm doch Glück. Wünsch ihm, dass diese Beate besser zu ihm passt. Du bist ja – verzeih’ wenn ich das sage – wie der Hund auf einen Knochen.“

„Thessa kicherte. „Und wie ist das so, mit dem Hund und dem Knochen?“

„Der Hund findet den Knochen völlig uninteressant, solange sich kein anderer dafür interessiert.“

Martha hatte ja recht.

„Und such’ dir endlich einen Mann, der zu dir passt.“

Thessa musste lachen als sie erwiderte: „Das stellst du dir vielleicht ein bisserl zu einfach vor.“

„Zugegeben. Aber, weißt du, ich denke mir schon lange, man muss etwas tun, wenn man nicht allein leben will. Oder denkst du ich bin zu alt dafür?“

„Na ja. Also nein, das heißt, ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, du schienst immer so zufrieden.“

„Schätzchen, ich bin dreiundsechzig und mein Mann ist jetzt acht Jahre tot. Erst wollte ich ja nicht weiterleben. Aber jetzt find’ ich’s doch wieder ganz schön auf dieser Welt und habe vor, noch so gute zwanzig Jahre hier zu bleiben. Ich muss dazu keinen Partner haben, aber schöner wär’s schon.“

Schöner wär’s allerdings, dachte Thessa und sagte lachend:

„Ich wusste gar nicht, dass man sich das so einteilen kann.“

„Man sollte zumindest dazu tun, was man kann. Ich habe voriges Jahr, als ich bei meiner Schwester Urlaub gemacht habe, einen sehr netten Herrn kennen gelernt. Mittelschulprofessor, auch schon pensioniert, noch ganz rüstig und sehr kulturinteressiert. Aber er war erst kurz zuvor Witwer geworden. Gestern hat mir meine Schwester geschrieben, dass er für heuer wieder ein Zimmer reserviert hat. Drei Wochen im Juli. Also, ich werde da sein. Apropos, was ist eigentlich mit deinem Chef?“

„Michael? Der ist in festen Händen – und ich wildere nicht in fremden Revieren.“

„Aber du magst ihn?“

„Anfangs hielt ich ihn für ziemlich überheblich, aber jetzt finde ich ihn ganz sympathisch und manchmal erinnert er mich ein wenig an Fritz. Der war auch so – so überlegen. Wir arbeiten wirklich gut zusammen.“

Sie gab Martha eine ziemlich detailreiche Beschreibung ihrer Arbeit und während sie erzählte, hatte sie den Eindruck, ihre Energie kehrte langsam zurück.

In dieser Nacht träumte Thessa von ihrer Hochzeit. Alle waren da und ihr Vater führte sie zum Altar. Doch als sie sich diesem langsam näherten, erwartete sie dort nicht nur ein Bräutigam, sondern gleich zwei. Wolfgang und Michael lächelten ihr entgegen. Jeder auf seine Art, jeder mit seinem gewinnendsten Lächeln. Sie wollte davonlaufen, doch ihr Vater hielt sie fest und sagte nur: „Jetzt musst du dich entscheiden.“

So schritten sie unaufhaltsam dem Altar entgegen. Erst als er ihr seinem Arm entzog und beide ihr eine Hand entgegenstreckten machte sie auf dem Absatz kehrt, raffte ihr Brautkleid hoch und lief, so rasch sie konnte, dem Ausgang entgegen. Sie hörte, dass jemand ihr folgte, hatte aber keine Zeit sich umzublicken. Als sie das Gefühl hatte, sie war eingeholt worden erwachte sie – schweißgebadet und mit klopfendem Herzen.

Trotz fortschreitender Genesung wurde es Mittwoch, bis Thessa wieder ins Büro fahren konnte.

 

***

 

Als Michael am Mittwochabend in Thessas Büro kam war er über ihr Aussehen ernstlich erschrocken.

Nicht nur, dass der Lippenstift längst verblasst war und der beige Pullover ihre Blässe möglicherweise noch verstärkte, hatte sie dunkle Ringe unter den Augen und sah wirklich erschöpft aus. Eigentlich war er gekommen, um einige wichtige Dinge mit ihr zu besprechen, aber als er sie so sah sagte er: „Für den ersten Tag ist es wohl genug. Du solltest nach Hause fahren.“

„Sollte ich, vermutlich, aber es ist so viel liegen geblieben in diesen eineinhalb Wochen.“

„Genau. Deshalb kommt es auf einen Tag auch nicht mehr an. Außerdem bleibe ich dieses Wochenende in Wien, sodass ich auch einiges aufarbeiten kann.“

Sie schaltete den Computer aus und suchte nach ihrer Handtasche.

„Samstag kann ich auch noch etwas tun, aber Samstagabend kommt Nicky zurück, da muss ich …“

„Ich habe nicht gesagt du sollst an diesem Wochenende arbeiten, sondern ich werde es tun. Sieh du erst mal zu, dass du wieder ganz fit wirst.“

Obwohl alle Geräte nun abgeschaltet waren, blieb Thessa an ihrem Schreibtisch sitzen.

„Na hopp auf, worauf wartest du noch?“

„Um ehrlich zu sein, ich kann nicht aufstehen, ich bin so schwindelig. Holst du mir bitte ein Glas Wasser?“

Jetzt war er wirklich alarmiert.

„Kann ich dich allein lassen?“

Sie nickte. Im Nu war er mit einem Glas Wasser und einer Flasche Sekt wieder zurück. Der sei gut für den Kreislauf, erklärte er ihr. Sie trank erst das Wasser und nippte dann an ihrem Sektglas.

„Wird sicher gleich besser“, versuchte er sie aufzumuntern.

Dabei war er hinter sie getreten und hatte seine Hände auf ihre Schultern gelegt. Einen Moment lang spürte er, wie sich ihr Kopf gegen seinen Körper lehnte und warmes Gefühl durchströmte ihn.

Gleich darauf stand sie auf: „Geht schon wieder. Ich fahr’ jetzt besser heim.“

„Du tust nichts dergleichen. Ich bringe dich heim.“ Und als Thessa Protest einlegen wollte sagte er schlicht: „Anordnung vom Chef“, und schob sie zur Tür hinaus.

Sie fügte sich dieser Anordnung und erhob auch keinen Einwand als er ihr den Schlüssel aus der Hand nahm, die Wohnungstür aufschloss und ihr befahl es sich auf der Couch bequem zu machen.

„Aber ich könnte uns wenigstens Tee kochen“, sagte sie nach einem Moment der Ruhe.

„Ich auch“, antwortete er und begab sich in ihre Küche. Als er mit dem Tablett zurück kam fragte er: „Wovon lebst du eigentlich? Dein Kühlschrank ist so was von leer.“

„Ich wollte nach dem Büro einen Großeinkauf starten. Aber es ist noch einiges im Tiefkühlfach und außerdem gibt es noch ein paar andere Vorräte.“ Sie wollte aufstehen und in die Küche gehen.

„Kommt nicht in Frage“, verhinderte er diesen Versuch.

„Wenn du mir versprichst, hier sitzenzubleiben, werde ich sehen, was ich machen kann. Was hättest du gerne?“

Thessa schien sich in die ungewohnte Rolle zu fügen. Die kleine Kreislaufschwäche war zwar vorbei, aber sie sah immer noch erbärmlich aus.

„Ich nehme alles, was ich kriegen kann. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich zum Frühstück das letzte Mal gegessen. Vielleicht war ich ja auch nur deshalb …“. Sie versuchte aufzustehen.

„Ja, ja. Bemüh’ dich nicht. Du bleibst, wo du bist.“ Damit verschwand er wieder in der Küche.

 

***

 

Es stellte sich heraus, dass Michael nicht nur gerne gut aß, sondern auch in der Küche recht brauchbar war.

Aus getrockneten Tomaten, Knoblauch und einer Dose Thunfisch sowie Chiliöl und Oregano zauberte er ein hervorragendes Sugo. Teigwaren waren in vielfachen Variationen vorrätig. Er hatte sich für Penne entscheiden, die recht gut zu der deftigen Sauce passten.

Nebenbei hatte er die beiden leicht verschrumpelten Äpfel mit etwas Schokolade und einigen Aschantikernen gefüllt und in Weißwein gedünstet.

Alles in allem, fast ein Menü. Zum Essen durfte sie immerhin aufstehen und nach dem Essen, zu dem sie den restlichen Weißwein tranken, stellten sie das Geschirr in die Küche, er befahl ihr, sich eilends zu Bett zu begeben, küsste sie auf die Stirn und verschwand.

Thessa fühlte sich schon wieder ganz schwindelig.

 

 

 

9. Der Deal

 

Draußen war es dämmrig, doch die Luft war schon mild und Michael hatte das Fenster immer noch geöffnet. Er saß an seinem Schreibtisch und überlegte.

Seit Tagen beschäftigte ihn ein neues Projekt und er hatte bisher mit Niemanden darüber gesprochen. Sollte er Thessa einweihen?

Mit wem sonst konnte er darüber reden? Sein Großvater, der das Unternehmen vor ihm geführt hatte, war verstorben war, seine Mutter hatte zwar einige Jahre im Betrieb gearbeitet, sich aber nie wirklich dafür interessiert. Mit seinem Vater konnte man sich prima über Gehirnströme und Nervenwurzeln unterhalten, leider war das im vorliegenden Fall wenig hilfreich. Mit Ines darüber zu reden war ebenfalls sinnlos.

Sein Freund Peter war Pilot, Horst Meteorologe und Fritz Chemiker. Sie hatten von Betriebswirtschaft ebenso wenig Ahnung wie von Immobiliendienstleistungen.

Mit Kollegen konnte er auch nicht darüber reden, denn die Angelegenheit war topsecret und möglicherweise war der ein oder andere selbst an der Übernahme interessiert. Es passierte schließlich nicht jeden Tag, dass eine so angesehene, große Kanzlei zum Verkauf stand. Gerade deswegen musste er handeln – und zwar jetzt.

Er hatte alle Für und Wider gründlich erwogen und ein Konzept erstellt. Genau darüber wollte er mit jemand reden. Mit jemand, der seinen Betrieb kannte und sowohl über betriebswirtschaftliches Wissen wie über ausreichend Hausverstand verfügte. Mit jemanden wie Thessa.

Er stand auf und ging in ihr Büro. Sie war mit der Überprüfung einer Betriebskosten-Abrechnung beschäftigt und vermutlich froh dabei unterbrochen zu werden.

Er ließ sich auf ihrem Besuchersessel nieder: „Wie geht’s dir heute?“

„Dank der Nachfrage. Du wirkst so geheimnisvoll, was steht denn an?“

„Der Kauf einer Verwaltung steht an.“

„Wie groß?“

„Fünfhundert Objekte, etwa sechshunderttausend Quadratmeter Nutzfläche.“

„Pfau“, entfuhr es Thessa, „Was soll’s denn kosten?“

„Ein dreifaches Jahreshonorar.“

Sie tippte ein paar Zahlen in ihren Tischrechner.

„Das ist allerdings auch eine ganze Menge. Aus der Portokasse können wir das nicht zahlen.“

Schon waren sie mitten im Thema.

 

An diesem Abend kam Thessa erst gegen acht Uhr nach Hause. Martha hatte sich um Nickys Abendessen und – ganz nebenbei – auch um seine Hausaufgaben gekümmert. Das lag ihr ohnehin mehr als Thessa, die zwar eine gute Mathematikerin war, Grammatik aber im Grunde genauso lähmend fand wie ihr Sohn.

Als sie die Wohnungstür aufsperrte, schlug ihr ein angenehmer Geruch entgegen. Martha hatte Erdäpfelgulasch gemacht.

Während des Essens ließ Thessa sich von Nicky berichten, was es Neues gab. Doch kaum hatte er sich in sein Zimmer verzogen fragte Martha: „Du warst am Telefon so geheimnisvoll.“

Enthusiastisch berichtete Thessa von dem geplanten Zukauf. „Ach, darüber habt ihr euch die ganze Zeit unterhalten? Und ich dachte schon …“

„Martha!“

„Ich hab’ ja gar nichts gesagt.“

„Ich kenne dich“, lachte Thessa. „Aber hier geht es um etwas viel Wichtigeres. Mensch Martha, das ist eine super Chance!“

„Für wen?“

„Na, für uns beide! Für Michael ist es ein Quantensprung. Von der mittleren Verwaltung zum Großbetrieb. Und für mich sowieso. Wenn Michael das durchzieht, und ich bin vom Start weg mit dabei, dann habe ich in dem neu entstandenen Großbetrieb alle Chancen.“

„So meinst du das. Tja dann, werde ich jetzt wohl besser gehen, es ist schon spät.“

„Ich danke dir, aber eine Bitte noch. Wenn der Deal zustande kommt, dann heißt das für mich in der nächsten Zeit eine Menge Arbeit. Kann ich da – gelegentlich – auf dich zählen?“

„Ich bin froh, wenn ich etwas für euch tun kann“, lächelte Martha. An der Tür drehte sie sich noch einmal um: „Ist das wirklich so wichtig für dich?“

„Ja, das ist es.“

 

***

 

Martha hatte schon in den nächsten Tagen Gelegenheit ihr Versprechen einzulösen. Vormittags erledigten Thessa und Michael das Tagesgeschäft, doch sobald das Wichtigste getan war, vertieften sich in ihr neues Projekt.

Freitagnachmittag fand ein weiteres Gespräch mit den Verkäufern statt. Sie hatten also alle Hände voll zu tun.

Als sie am Donnerstagabend Schluss machten fragte er: „Die Besprechung ist zwar Morgen Nachmittag, aber vielleicht könntest du trotzdem mitkommen?“

„Kein Problem, Freitagnachmittag ist Nicky beim Fußballtraining. Ich muss ihn nur um neunzehn Uhr abholen.“

„Bis dahin sind wir längst fertig. Also kommst du mit?“

„Sehr gerne. Und …“, sie machte eine wirkungsvolle Pause und zog die Augenbrauen arrogant in die Höhe: „ich werde mich auch in Schale werfen!“

Bei aller Freundschaft, aber das musste gesagt werden.

Michael grinste nur.

Müde aber beschwingt fuhr sie nach Hause. Jetzt war sie doch sehr froh, dass sie sich für Wien und ihren Beruf entschieden hatte. In den vergangenen Wochen hatte sie mehrfach gezweifelt, ob ihre Reaktion am Christabend richtig gewesen war und sich gefragt, was sie schon groß verloren hätte, wäre sie zu Wolfgang gezogen. Nicky wäre selig gewesen und irgendeine Arbeit hätte sie schon bekommen, irgendwann einmal.

Sie wollte aber nicht irgendeinen Job, sie wollte einen, der ihr Spaß machte, diesen hier. Sie suchte die Herausforderung, brauchte die Bestätigung. Warum konnte Wolfgang das nicht verstehen? Aber wahrscheinlich verstand er es ja, es ging ihm doch ebenso. Ehe, Familie, waren sehr wichtig, aber eben nicht alles. Nicht für ihn und nicht für sie.

Und Nicky? Hatte der nicht ein Recht auf seine Eltern? Vielleicht litt er unter der Situation, mehr als sie wussten.

Doch als sie nach Hause kam und hörte, wie Nicky quietschvergnügt mit seiner neuesten Flamme telefonierte, und das schon seit einer halben Stunde, wie Martha ihr zuflüsterte, verwarf sie diesen Gedanken.

Dennoch nahm sie sich vor, sich mehr um ihn zu kümmern. Als Martha gegangen war, klopfte sie noch einmal an seine Zimmertür. Er lag mit einem Buch auf dem Teppich.

„Ist dir nicht kalt? Warum liest du nicht im Bett?“

„Mama, du nervst! Was willst du denn noch?“

„Ich will, dass du jetzt zu Bett gehst, morgen ist Schule. Abmarsch!“

Deswegen war sie eigentlich nicht gekommen.

 

***

 

Die Besprechung mit den Verkäufern dauerte länger, als sie gedacht hatten und als sie die altehrwürdige Kanzlei in der City verließen, war es bereits zwanzig Minuten vor sieben.

„Jetzt muss ich mich aber sputen“, sagte Thessa. „In zwanzig Minuten muss ich in Simmering sein.“

„Das schaffen wir“, antwortete Michael gut gelaunt.

„Komm steig ein. Wenn du erst deinen Wagen holst, geht sich das nie aus – und wenn du fährst, schon gleich zweimal nicht.“

Sie hasste derartige Meldungen, war aber froh, dass er sie fuhr und verkniff sich eine markige Antwort.

Trotzdem war es schon fast Viertel Acht als sein schwarzes Mercedes Coupe mit quietschenden Reifen direkt vor dem Gebäude hielt. Nickys Freunde waren offensichtlich bereits abgeholt worden.

Da Nicky auf Thessas roten Wagen wartete, schenkte er dem anhaltenden Wagen vorerst keine Beachtung. Erst als sie die Beifahrertür öffnete, kam er näher.

„Komm, steig ein“, rief sie ihm unnötigerweise zu.

„Was hast du denn gedacht? Das ich hinterher laufe?“

Sie warf ihm einen warnenden Blick zu.

„Michael, darf ich dir meinen Sohn vorstellen. Nicky, das ist …“

„Dein Chef, schon kapiert.“ Dann sagte er „Hi“, in Michaels Richtung und kletterte auf den Rücksitz.

„Hi“, antworte Michael und gab kräftig Gas.

Eine halbe Stunde später saßen sie in der Pizzeria, gleich ums Eck von Thessas Wohnung. Das Gespräch quälte sich dahin, Gott sei Dank kamen eben ihre Pizzen.

Es war Michaels Idee gewesen noch etwas essen zu gehen, Thessa schloss daraus, dass Ines wieder auswärts tanzte. Nicky war nur mäßig begeistert gewesen, aber als sie ihm – wahrheitsgemäß – auseinandersetzte, dass der heimische Kühlschrank leer sei, ließ er sich herbei, dem Vorhaben zuzustimmen. Im Übrigen schien er der Meinung zu sein, dass er damit der Höflichkeit Genüge getan habe.

Wohlwollende hätten sein Benehmen vielleicht als cool bezeichnet, sie fand es schlicht unmöglich und hätte ihn gerne ein wenig geschüttelt.

Kaum hatte er seine Pizza verschlungen fragte er: „Kann ich jetzt gehen?“

„Wohin?“

„Nach Hause?“

„Allein?“, fragte sie und fand ihre Frage selbst doof.

„Mama, es sind doch nur ein paar Meter.“

„Nicht mal hundert“, ergänzte Michael, dem der Gedanke, durchaus zu gefallen schien.

„Na gut“, gab sie nach.

„Soll ich dich …“ begleiten, wollte sie sagen und war schon halb aufgestanden.

„Mama!“

Sie setzte sich wieder. „Ich komm’ auch bald.“

„Hat keine Eile.“

Damit war er weg.

Eine paar Sekunden war Stille am Tisch, dann sagte Michael:

„Na, geh schon nachschauen, ob er gut um die Ecke gekommen ist, sonst hast du ja doch keine Ruhe.“

Kurz darauf sagte sie erleichtert: „So, jetzt krieg ich noch ein Viertel Frascati“, dann waren sie wieder mit ihrer Causa prima beschäftigt.

Es war schon fast elf, als sie auf die Uhr sah: „Jetzt muss ich aber heim! So lange war Nicky noch nie allein.“

Michael winkte dem Oberkellner. „So klein ist er ja auch nicht mehr und im Zeitalter des Handys bist du doch jederzeit erreichbar.“

„Nicht einmal das“, gestand Thessa. „Das habe ich vor Beginn der Besprechung stumm geschaltet.“

„Na dann, nichts wie heim.“

Als sie wenige Minuten später die Wohnung betrat bestand ihre erste Tätigkeit darin, den Fernseher leiser zu schalten.

„Bist du wahnsinnig oder taub? Hat sich noch niemand beschwert?“

Nicky zuckte gleichgültig die Schulter.

„Ich hab’ nix g’hört“

„Das glaube ich allerdings aufs Wort. Außerdem ist es Zeit schlafen zu gehen.“

„Morgen ist doch Samstag.“

„Trotzdem.“

„Bei Papa muss ich nie so früh ins Bett.“

„Bei Papa schläfst du um zehn wie ein Stein. Ab ins Bad.“

 

 

10. Frühling

 

Am Samstagmorgen war herrlicher Sonnenschein, die Wettervorhersage für Sonntag war ebenfalls gut. Das erste richtige Frühlings-Wochenende.

Thessa bereitete ein ausgiebiges Frühstück im Esszimmer, dort schien die Morgensonne so schön herein. Da Nicky noch schlief, nahm sie sich die Zeitung und verbrachte eine angenehme halbe Stunde. Zeitung lesen war ein Luxus, den sie sich in letzter Zeit nur selten gönnte.

Als Nicky endlich erschien, machte sie Pläne für das Wochenende.

„Also vormittags müssen wir einkaufen gehen, aber am Nachmittag könnten wir etwas unternehmen. Was schwebt dir vor?“

„Radfahren“, entschied Nicky.

„Gut, dann gehen wir Rad fahren.“

Er sah sie entgeistert an. „Doch nicht mit dir!“

„Sondern?“

„Mit Kitty und Alex.“

„Tja dann“, Sie schluckte. „Aber vorher hilfst du mir noch beim Einkaufen.“

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783752100327
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
Alleinerzieherinnen Patchwork Familienroman Frauenunterhaltung Unterhaltungsroman Humor Gesellschaftsroman

Autor

  • Brigitte Teufl-Heimhilcher (Autor:in)

Brigitte Teufl-Heimhilcher lebt in Wien, ist verheiratete und bezeichnet sich selbst als realistische Frohnatur. In ihren heiteren Gesellschaftsromanen setzt sie sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Fragen auseinander. Sie verwebt dabei Fiktion und Wirklichkeit zu amüsanten Geschichten über das Leben - wie es ist, und wie es sein könnte.
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Titel: Humor und Hausverstand erwünscht