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Ein Grab unter Palmen

Nach einer wahren Begebenheit

von Lara Labchir (Autor:in)
228 Seiten

Zusammenfassung

Stellen Sie sich mal vor Ihre beste Freundin würde sich von heute auf morgen in einen illegal eingewanderten Muslim verlieben und das auch noch Hals über Kopf! Schlimmer noch: sie will diesen Typen auch noch heiraten und vielleicht sogar für immer in sein Heimatland abhauen! Würden bei Ihnen da nicht sofort alle Alarmglocken angehen?! „Mir doch egal, schließlich ist es ja mein Leben!“ ist hierzu die trotzige Meinung von Tinas Mama, die gegen jeden noch so gutgemeinten Ratschlag absolut immun ist: Tinas Mama will nämlich ihr Leben noch so intensiv wie irgend möglich auskosten, denn sie leidet an einem inoperablen Gehirntumor und hat nicht mehr viel Zeit. Doch durch das Verhalten ihrer Mama lernt Tina noch etwas sehr Wertvolles für ihr eigenes Leben: Das Leben ist es wert es bis zum bitteren Ende zu genießen! Denn es ist niemals zu spät sich noch ein letztes Mal so richtig zu verlieben, sich in ein völlig neues Abenteuer zu stürzen und sein Leben noch einmal ganz von vorn anzufangen. Tinas totkranke Mutter will unbedingt noch ein letztes Mal heiraten- ausgerechnet ein illegaler Macker aus Marokko soll es sein… Familienkrise! Eine bewegende Familiengeschichte über die Liebesbeziehung einer totkranken Frau zu einem Ausländer, die mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hat.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis


IMPRESSUM

Herausgeberin: Martina Körber, Augsburger Str. 15, 86157 Augsburg

Kontakt: labchir.lara@web.de

Mama in der Spätpubertät

„Keine Ahnung woher das Kind diese Leidenschaft hat. Von uns jedenfalls nicht!“

hat meine Oma immer wieder entschieden dazu gemeint, nachdem sie mir damals gerne einige Geschichten davon erzählt hat, wie meine Mama sich als Kind im Fasching liebend gerne als Funk-Mariechen verkleidet hätte und wild begeistert zu ungarischer oder indianischer Musik herumgehopst sei.

Meine Mama musste ja scheinbar immer schon eine Schwäche für ausländische Männer gehabt haben. (Das war wahrscheinlich auch der Grund warum sie sich damals wohl auch sofort in meinen Vater, ein Inder, verguckt hatte...)

Dass sie uns allerdings eines Tages einen Marokkaner anschleppen wird, der sich tatsächlich noch illegal im Land aufhält und den sie unbedingt heiraten will, damit hätten wir alle sicherlich niemals gerechnet!

Komplett ausgeflippt ist meine Mama nach der Scheidung von meinem Papa (der kurz darauf blöderweise auch noch an einem Unfall verstarb!) und dem Auszug ihres „Nesthäkchens“ (meiner um vier Jährchen jüngeren Schwester Tascha, die mit einer Freundin eine WG gegründet hatte).

Von heut auf morgen war meine Mama also plötzlich mit einem Schlag allein und sie musste sich wohl sehr einsam gefühlt haben.

„Na, das ist eben nun mal so“, versuchte meine Mama es mit Humor zu nehmen, „die Kinder werden eben erwachsen und haben das Recht auf ihr eigenes Leben und sicherlich bin ich nicht die einzige Frau auf der Welt, die jemals geschieden wurde. Das ist doch heutzutage modern ein Single zu sein!“

In dieser Zeit traf sie sich dann immer mal wieder hier und da mit ein paar Männern (meist waren es Südländer die etwas jünger als sie waren), aber es wurde nie etwas Ernsteres daraus.

„Das gibt sich schon wieder, sie ist halt bloß in ein tiefes Loch gefallen und muss jetzt einfach nur ihr Ego streicheln.“ war die Meinung meiner Oma zu ihren wechselnden Liebschaften.

Sicherlich war ihre Krankheit ein weiterer, entscheidender Grund dafür warum es mit Mama überhaupt so weit kommen musste, dass sie sich vollkommen zweifellos auf diesen Mann eingelassen hat. (Er tauchte nämlich gerade dann in ihrem Leben auf, als sie ihn wahrscheinlich am dringendsten gebraucht hatte!)

Eigentlich fing alles ja damit an, dass die Ärzte bei meiner Mama schon seit längerem einen inoperablen Gehirntumor festgestellt hatten und jeder von uns anders mit dieser Gewissheit umging, dass meine Mama wohl nicht mehr allzulange unter uns weilen wird.

Während nämlich meine Mama auf einmal Angst bekam, dass ihr die Zeit davonrennen würde, machten sich meine Schwester und ich sich ständig Sorgen um sie sobald sie mal nicht ans Telefon ran ging oder wir sie nicht zu Hause antrafen. (Einmal hätten wir sogar fast noch die Polizei nach ihr suchen lassen, als sie mal wieder einige Nächte lang verschollen war!) Doch das hielt meine Mama keinesfalls davon ab noch einmal so richtig neu aufzuleben…

„Keiner weiß, wie lange ich überhaupt noch lebe. Ich muss eben mit der Krankheit leben und will mein Leben einfach noch ganz bewusst genießen. Also nervt mich nicht mit eurem ständigen und blöden Angstgemache! Ihr seid schließlich über Achtzehn und ich bin ein freier Mensch!“ ist ihre klare Ansage als ich eines Morgens bei ihr frühstücke. (Ich bin damals genau in der Wohnung gegenüber von Mamas Wohnung eingezogen, so dass wir Nachbarinnen geblieben sind und uns fast täglich gesehen haben.)

„Mama, ich verstehe dich ja. Es ist nur, dass wir uns halt Sorgen um dich machen.“ rede ich mit ruhigen Worten auf sie ein. Doch davon will sie nichts wissen.

„Schau mal wie viel ich abgenommen habe!“ meint sie jetzt stolz und steht auf, um mir ihre makellose Figur zu zeigen. „Ich passe mittlerweile sogar wieder in meine alte Lieblings-Jeans rein, die ich schon vor zwanzig Jahren so gern getragen habe. Toll, nicht?“

Sie dreht sich vor mich hin und her und setzt sich dann wieder lachend auf den Stuhl.

Ich schaue sie nachdenklich an, wie sie da so vor mir sitzt: Mitte Vierzig, blaue Kinderaugen, langes blondes Haar, zierlich und immer irgendwie happy. (Obwohl sie eigentlich vielmehr Gründe hätte alles andere als stets gutgelaunt zu sein…)

Obwohl ich mit meinen knapp vierundzwanzig Jahren ja eigentlich die Jüngere von uns beiden bin, wirkt sie auf mich mal wieder wie ein naives „Blondchen“, ein gebrechlicher Engel, der gerade dazu im Stande ist sich gutgläubig an jeden noch so kleinen Notnagel zu hängen und den man unbedingt vor den egoistischen Interessen böser Männer und gestörter Freaks beschützen muss.

„Erst gestern hat mich wieder so ein Typ doch glatt auf Dreißig geschätzt! Der sah vielleicht super aus, sag ich dir! So richtig schön braungebrannt war der und diese schwarzen Augen erst, der Wahnsinn! Der wollte mich gleich mit in seine Bude nehmen und mit mir einen Kaffee trinken! Aber ich glaube, der war mir dann doch etwas zu jung.“ Sie kichert jetzt und ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ihre Begeisterung nicht teilen kann.

„Sag mal, Mama, du weißt aber schon dass der Kerl dir daheim nicht einfach nur seine Briefmarkensammlung zeigen wollte, oder?“ Etwas beleidigt schaut sie mich nun an.

„Meine Güte Tina, Kind, der fand mich eben attraktiv. Also ich fühle mich da schon geehrt, wenn mir ein junger Mann so ein Angebot macht.“ Ich rolle mit den Augen.

„Also ich würde mich ja alles andere als geehrt fühlen, wenn mich ein Fremder gleich in die Kiste ziehen will!“ (Vielmehr „billig“, aber das sage ich Mama natürlich nicht, ich will sie ja nicht kränken!) Wahrscheinlich hätte Mama noch etwas dazu gesagt, aber zum Glück klingelt in diesem Moment ihr Telefon. Es ist meine Oma, der sie sofort und noch dazu ganz stolz dieselbe Geschichte auftischt. Doch ich schätze, dass meine Oma die freche Anmache von Mamas ach so tollen Typen ähnlich wie ich sieht, denn auf einmal höre ich meine Mama lauthals in den Hörer brüllen: „Mama, ich habe zwei Kinder großgezogen! Glaubst du nicht, dass ich schon selbst weiß was ich so tue?“

Wütend knallt sie den Hörer auf die Gabel und schmollt. Ich seufze.

Ich habe ja schon davon gehört, dass für alle Frauen eines Tages der allezeit gefürchtete und unausweichliche Tag X eintrifft, an dem sie sich plötzlich alt und unattraktiv fühlen… (Er soll meist unmittelbar vor oder auch erst mitten in den Wechseljahren stattfinden und dabei sollen die weiblichen Hormone vollkommen verrücktspielen!)

Scheinbar ist dieser Tag nun bei meiner Mama eingetroffen (eine Art „Spätpubertät“, wenn man plötzlich rasant auf die grausigen Fünfzig zugeht).

An sich soll das ja auch laut Experten völlig normal sein, doch bei meiner Mama gibt es da noch eine entscheidende Ausnahme: durch ihre Krankheit bleibt ihr nicht mehr viel Zeit diese zweite Pubertät des Lebens noch groß auszuleben, eine toxische Mischung also!

Damit bleibt sie eine naive und tickende Zeitbombe.

Bei meiner Mama muss nun eben alles rasch geschehen, einfach schneller als bei anderen Frauen in ihrem Alter. Denn sie möchte nun möglichst intensiv leben und an einem Tag so viel erleben wie es nur geht. So war es auch unvermeidlich, dass sich eines Tages (ganz unverhofft und völlig unverblümt versteht sich) plötzlich ein recht seltsamer Kerl namens Adil bei meiner Mama eingenistet hat:

Ohne jegliche Vorwarnung und absolut nichtsahnend sollte ich ihm auch noch zwischen Tür und Angel begegnen…

Mamas Neuer

Es ist ein Samstagvormittag als ich den Müll gerade rausbringe.

Da die Tonnen genau neben dem Haus stehen wo auch meine Mama wohnt entgeht mir nicht, dass von dort ein Typ herauskommt der, vom Gesicht her, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem US Schauspieler Nicolas Cage hat und den ich hier in der Nachbarschaft noch nie zuvor gesehen habe. Er trägt ebenfalls einen Müllsack bei sich.

Etwas unsicher steht er nun mit seinem Müllbeutel neben mir und wartet geduldig, bis ich meinen Müll in den Tonnen entsorgt habe, während er mich heimlich mustert. (Sicherlich ist er bei jemand zu Besuch oder neu eingezogen.) Freundlich, wie ich bin, nicke ich ihm zu. „Bin schon fertig!“ lächele ich ihm kurz zu, nachdem ich wieder freie Hände habe.

„Okay. Danke.“ antwortet er und wirft nun seine Mülltüte ebenfalls in die Tonne.

Neugierig werfe ich nochmal einen Blick auf ihn. Er muss wohl so um die Ende Dreißig sein und schaut mit seinen schwarzen Locken und den grünen Hundeaugen etwas hilflos aus seiner Wäsche- genauer gesagt, hat er ein makellos weißes Hemd an, ein richtig auffälliger Hingucker in Kombination zu seiner etwas dunkleren Haut. (wahrscheinlich ein Itaker…) Mehr denke ich mir zu diesem Zeitpunkt aber auch nicht und mache mich auf den Weg zum Wochenendeinkauf. Ich bin schon ein paar Schritte gegangen da fällt mir spontan ein, dass ich ja eigentlich auch noch kurz Mama fragen könnte ob sie etwas vom Supermarkt braucht.

Kurzerhand kehre ich um und klingele mal schnell bei ihr. Wie immer ertönt das vertraute Geräusch des Türöffners und ich steige hinauf in den dritten Stock, ohne zu wissen, dass ich gleich eine riesige Überraschung erleben werde...

„Mama, ich wollte dich nur mal eben kurz fragen, ob…Oh!“

An der Tür steht genau dieser Kerl, der noch vor fünf Minuten neben mir an den Tonnen gestanden hat! Er scheint genauso erstaunt darüber zu sein wie ich, dass er mich so schnell wiedersieht. „Äh, hallo, ich wollte eigentlich nur zu meiner Mama.“

„Tina? Komm doch rein!“ höre ich von drinnen die Stimme meiner Mama rufen.

„Hallo.“ grinst er jetzt schüchtern und geht dann einen Schritt zur Seite, um mich herein zu lassen.

Meine Mama sitzt freudestrahlend am Wohnzimmertisch und wirkt, wie immer, furchtbar happy. „Das ist meine ältere Tochter, von der ich dir erzählt habe.“ lächelt sie den Typen, der nun hinter mir steht, aufmunternd zu.

Jetzt lächelt auch er mich an.

„Hab es mir schon gedacht. Hallo, ich bin Adil.“ stellt er sich mir nun vor und gibt mir die Hand. „Hi, ich bin Tina.“ entgegne ich etwas unbeholfen, obwohl es ja eigentlich absolut unnötig gewesen ist mich noch einmal vorzustellen, nachdem ja meine Mama bereits die Katze schon aus dem Sack gelassen hat. Wir setzen uns nun zu Mama an den Tisch.

„Ist er nicht süß? Das ist mein neuer Freund und er ist ja so hilfsbereit!“ schwärmt meine Mama wie ein frischverliebter Teenager und kichert etwas albern. (Hab ich da was verpasst?) „Na ja, so toll bin ich aber auch wieder nicht.“ meint Adil etwas verlegen und schaut beschämt zu Boden. (Vermutlich fühlt er sich überrumpelt und weiß auch nicht so genau wo er jetzt noch hinschauen soll.) Nach und nach erfahre ich, dass er es gewesen ist, der meine Mama neulich angesprochen hat und dass sie beide daraufhin gemeinsam mal in einem Café einen Kaffee getrunken haben, wo es dann angeblich gewaltig gefunkt habe…

„Das war einfach Schicksal!“ betont meine Mama verträumt, „Wir sind uns immer wieder rein zufällig über den Weg gelaufen. Und dann im Bus…“ Mama holt erst einmal Luft, bevor sie weiterredet, „da war er dann auch schon wieder. Wir haben dann Blickkontakt gehalten und irgendwie sind wir dann in Gelächter ausgebrochen. Daraufhin kam er zu mir herüber und fragte mich, ob wir nicht mal zusammen einen Kaffee trinken wollen.“

„Ja, genauso war es.“ bekräftigt Adil nun, ebenfalls amüsiert. „Deine Mutter ist mir sofort aufgefallen, sie hat einfach so viel Ausstrahlung!“

Beide sehen sie sich erneut an und kichern nun wieder albern.

Ich schaue etwas verdutzt drein. (Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von dieser ganzen Geschichte im Moment halten soll.) Erstens einmal kenne ich diesen Kerl ja gar nicht und zweitens kann ich es absolut nicht verstehen was so ein jüngerer Mann (Er ist Ende Dreißig, sie längst über Mitte Vierzig) wohl von einer älteren und totkranken Frau noch erwartet. (Weiß er überhaupt davon, dass meine Mama eine unheilbare Krankheit hat?)

Als ob er meine Gedanken gelesen hätte versichert er mir nun: „Ich weiß dass deine Mama sehr krank ist, sie hat es mir gesagt. Sie hatte auch schon bei mir mehrmals diese Zitteranfälle… Aber das hindert mich nicht daran ihr meine Liebe zu geben, ich denke, dass es Schicksal ist, dass wir uns begegnet sind.“

Dabei schaut er mir ganz tief in die Augen, so ehrlich, dass ich ihm das tatsächlich fast abkaufe. Aber eben nur fast! Denn jetzt beginnt meine Mama wieder zu schwärmen und gibt in ihrer Begeisterung gedankenverloren folgendes von sich:

„Stell dir vor, Adil ist Marokkaner! Toll, nicht?“

In mir gehen auf einmal alle Alarmglocken an! (Ausgerechnet Marokkaner! Das kann ja nichts Gutes bedeuten! Weiß sie denn nicht, dass diese Leute sich nur an ältere, deutsche Frauen ranmachen um sie zu heiraten und die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen?! Und danach lassen sie sie fallen wie eine heiße Kartoffel! Ausländer schlagen bekanntlich sogar ihre deutschen Frauen und behandeln sie sehr schlecht und später heiraten sie dann sowieso nur eine gleichaltrige Frau aus demselben Land!)

„Ja, schön. Marokko, das klingt wirklich interessant.“ antworte ich und versuche meine Stimme begeistert klingen zu lassen. (Hundertprozentig hat er eigene Interessen und mit meiner totkranken Mama, die völlig ausgehungert ist nach etwas Liebe und Geborgenheit, hat er da leichtes Spiel! Aber nicht mit mir, Freundchen!)

Adil zündet sich jetzt eine Zigarette an und tauscht verliebte Blicke mit meiner Mama aus. Auch ich stecke mir jetzt eine Kippe in den Mund und gebe mir Mühe Adil so freundlich anzugrinsen, wie ich es nur kann. (Na warte, Freundchen!)

Ich nehme mir vor diesen Marokkaner die nächste Zeit noch genauer unter die Lupe zu nehmen, sobald sich für mich eine Gelegenheit dazu ergibt…

Spionage

Es vergehen zwar einige Tage bevor meine Mama endlich einmal vorhat mit ihrem neuen Macker die Wohnung zu verlassen (Frischverliebte verlassen ja bekanntlich so gut wie nie das Liebesnest, außer wenn sie mal einkaufen gehen müssen, da der Mensch ja nicht nur von Luft und Liebe leben kann!).

Aber dann ist sie endlich da: meine Gelegenheit!

Eines Abends ruft mich Mama an:

„Stell dir vor, morgen will er mit mir einen Ausflug machen! Wir werden nach München fahren und das Schloss Linderhof besichtigen und ein Picknick machen wir dort auch noch!“

„Ich freue mich ja so für dich! Hab einen schönen Tag morgen!“ wünsche ich ihr (Bleibt beide morgen nur so lang wie möglich fort!).

Am nächsten Tag lauere ich schon sehr früh, wie ein Geier auf Beutejagd, an meinem Fenster bis ich endlich beobachte wie Mama mit ihrem Marokkaner das Haus verlässt. (Na warte, Adil! Jetzt geht es gleich los!) Ich krame aus einer Schublade Mamas Zweitschlüssel hervor und atme nochmals tief durch. (Muss ich ein schlechtes Gewissen haben?)

Eigentlich hat Mama mir ja diesen Schlüssel schon seit längerem anvertraut, mit der Bitte, dass ich ihn nur benutzen soll wenn es mal einen Notfall geben sollte. (Ich muss zugeben, wahrscheinlich hat meine Mama das mit dem Notfall irgendwie anders gemeint, aber für mich ist ihre neue Beziehung ja auch ein absoluter Notfall! Also los!)

Also schlüpfe ich in meine Sneakers und verlasse schnurstracks meine Wohnung.

Nachdem ich Mamas Wohnung aufgesperrt habe schaue ich mich prüfend um.

Nach was ich genau suche, das weiß ich zwar selbst noch nicht so recht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in Kürze schon irgendeine Kellerleiche über diesen Adil entdecken und ans Tageslicht zerren werde… (Es muss sich doch hier irgendwo ein Beweis dafür finden lassen, dass er es nicht wirklich ernst mit meiner Mama meinen kann und dass er nicht gut genug für sie ist!)

Doch außer Adils Zigaretten-Maker, den dazugehörigen Papers und der Dose Tabak auf dem Wohnzimmertisch fällt mir zunächst einmal nichts Verdächtiges auf.

Als ich in das Schlafzimmer gebe fällt mein Blick sofort auf die vielen Klamotten, die Adil wahllos auf Mamas Ehebett platziert hat. (Wunderbar! Der Kerl scheint es ja ganz schön eilig gehabt zu haben irgendwo unterzukommen!)

Ich frage mich warum er denn wohl so überstürzt bei Mama eingezogen ist, schließlich kennen sie sich ja nun wirklich noch nicht so lange! (Eindeutig stimmt hier etwas nicht! Diese Sache stinkt mir gewaltig zum Himmel!)

Ich bemerke eine dicke Geldbörse, die aus einer von Adils vielen Hosen herausschaut.

Ich zögere kurz. (Soll ich oder soll ich nicht? Eigentlich tut man so was doch nicht!)

Ich will gerade wieder gehen, doch dann siegt sie doch, meine Neugier… (Ach was soll’s, der Zweck heiligt schließlich alle Mittel!)

Und es geht ja immerhin um den heiligen Zweck meine naive Mama möglicherweise vor einer großen Dummheit zu bewahren!

Ich greife also nach dem Geldbeutel und öffne ihn. Aber außer einigen Rabatt-Coupons für ein Fastfood-Restaurant und etwas Kleingeld finde ich zunächst mal nichts Auffälliges.

Als ich jedoch das zweite Fach öffne, entdecke ich Adils Ausweis, den ich sogleich genauestens studiere. (Sieh mal einer an, er ist marokkanischer Staatsbürger, geboren in Settat. Aber es gibt weder noch eine deutsche Staatsbürgerschaft, noch irgendeine Aufenthaltsbescheinigung.)

Ich bin mir absolut sicher, dass er meine Mama nur dazu braucht um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen! (Wenn er demnächst auch noch heiraten will, dann weiß ich ja warum!) Doch es gibt da etwas, das mich noch viel stutziger macht als nur sein Ausweis: ein Foto fällt auf einmal aus dem Geldbeutel heraus.

Es ist ein Schwarzweiß-Foto, ein Ultraschallfoto - und es zeigt einen Fötus im Mutterleib.

Ich staune nicht schlecht, als ich auf der Rückseite des Fotos ein Datum entdecke das jemand mit einem Kugelschreiber notiert hat. Das Datum liegt sogar nur wenige Monate zurück.

(Sieh mal einer an, der Typ hat doch tatsächlich irgendeine Tussi geschwängert! Die Sache scheint ja noch viel schlimmer zu sein, als ich bisher angenommen habe!)

Nun bin ich hundertprozentig überzeugt davon, dass Mamas Lover Dreck am Stecken hat!

Der kann ja nichts Gescheites für eine Beziehung sein!

Denn meiner Ansicht nach gibt es nur eine einzige Möglichkeit, warum der Kerl das Foto eines Ultraschalls mit sich herumschleppt: er ist auch der Vater dieses Kindes!

Möglicherweise ist er also ein Heiratsschwindler und hat bereits schon eine Frau, mit der er auch zusammen dieses Kind hat oder er ist ganz einfach nur ein Arschloch der eine Andere geschwängert hat, dann abgehauen ist und bei meiner Mama sofort ein neues Nest gefunden hat! (Ja, so muss es sein! Deshalb hatte er es auch so dringend nötig gleich irgendwo unterzukommen!)

Beides scheint mir auf jeden Fall nicht gut für meine Mama zu sein. Ich denke auch nicht dass sie begeistert sein wird zu erfahren, dass der Kerl erst seit kurzem Vater geworden sein muss.

Mir fällt jetzt auch wieder ein, dass dieser Marokkaner ja davon weiß, dass meine Mama todkrank ist und sie in diesem Lebensstadium nicht nur alles an voreiligen Dummheiten mitmachen würde, sondern er sie auch sicherlich bald loshaben würde. Jedenfalls sobald er das von ihr bekommen haben wird, wonach er auch tatsächlich von Anfang an aus gewesen muss.

Ich bin wütend und lege den Geldbeutel hastig wieder genauso hin, wie er vorher gelegen hat. (Bloß keinen Verdacht schöpfen!)

Überstürzt eile ich aus Mamas Wohnung. (Ich habe genug gesehen!)

Mir ist bewusst, dass ich meine Mama so schnell wie möglich aufklären muss, sobald sie wieder von ihrem Ausflug zurück sein wird.

Sicherlich wird es für meine frischverliebte Mama nicht angenehm werden… (Die Ärmste, eine ganze Welt wird wohl für sie zusammenbrechen!)

Doch, wie heißt es bekanntlich so schön?

Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!

Das denke doch zumindest ich...


Ein peinlicher Schuss in den Ofen

Am nächsten Morgen ruft Mama mich an.

Sie will mir unbedingt von ihrem Ausflug erzählen und so gehe ich, mit gemischten Gefühlen, zu ihr herüber.

„Ich hab Frühstück gemacht, Eier und Kaffee, greif zu!“ meint Mama gönnerhaft.

Ich schweige eine Weile und überlege wie ich ihr die Sache, dass Adil es auf gar keinen Fall ernst mit ihr meinen kann, am Schonendsten beibringen könnte. Währenddessen erzählt sie mir jedes auch noch so kleine Detail ihres gestrigen Ausflugs und muss dabei mal wieder vollkommen übertreiben. „Du tust ja gerade so als hättest du noch nie im Leben andere Männer gehabt!“ (So toll wie Mama tut kann doch gar kein Mann sein!)

„Adil ist etwas ganz besonderes, glaub mir!“ erwidert Mama und träumt vor sich hin.

„Und wo ist dein Adil jetzt?“ hake ich nach. „Oh, er musste noch dringend ein paar Dinge erledigen. Aber er wird nachher schon wieder kommen.“ winkt Mama schnell ab.

Doch ich bleibe hartnäckig. „Was denn genau für Dinge?“ Jetzt grinst Mama etwas naiv.

„Du, das weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau, aber es sind wahrscheinlich sehr wichtige Dinge. Ich denke, dass er mir das schon noch erzählen wird.“

„Aha.“ gebe ich zur Antwort.

Ich frage mich was denn nur so wichtig sein kann, dass Adil so früh die Wohnung verlassen hat und sich die ganze Zeit irgendwo herumtreiben muss, ohne dass Mama auch nur die leiseste Ahnung davon hätte was genau er gerade tut.

(Ob er wohl gerade bei dieser Frau ist, die er geschwängert hat?) Doch Mama scheint das gar nicht zu interessieren, viel zu verfallen ist sie ihrem neuen Macker, alles muss sie durch eine rosarote Brille sehen! „Du, ich möchte dass du es als Erste erfährst.“ beginnt Mama jetzt und klatscht vergnügt in die Hände. Ohne überhaupt meine Reaktion abzuwarten prustet sie es auch schon heraus: „Adil und ich werden…heiraten! Toll, nicht?“

Jetzt bin ich wirklich baff. Nein, mit so einer Nachricht habe ich nun wirklich nicht gerechnet, vor allem nicht gar so schnell… „Wie bitte?“ (Ich muss mich wohl verhört haben!)

Doch Mama redet mal wieder in ihrer Begeisterung einfach weiter.

„Gestern hat er mich gefragt, ach, es war ja so romantisch! Er hat sich doch tatsächlich vor all den Leuten im Schlossgarten hingekniet und um meine Hand angehalten! Ein wahrer Prinz!“ „Aber so schnell? Ihr kennt euch doch noch kaum!“ protestiere ich.

Mama seufzt und schaute mich jetzt verständnislos an. „Bist du jetzt also neidisch, weil ich nun auch endlich einmal so ein Glück im Leben habe? Kind, ich kann doch auch nichts dafür dass deine Beziehungen nie klappen!“ (Das sie auch immer gleich so persönlich werden muss!)

„Das ist es ja gar nicht, Mama.“ besänftige ich sie. Doch meine Mama ist eben impulsiv und nun völlig aufgebracht. „Sag mal, warum gönnt ihr mir alle mein neues Glück einfach nicht? Du, Oma, deine Schwester…Was in aller Welt habt ihr nur gegen einen so wunderbaren Menschen, der in mein Leben gekehrt ist wie ein Engel?! Ich habe einfach nicht mehr viel Zeit, also lasst mich doch bitte endlich einmal so leben wie ich es möchte!“ Ich schlucke. „Mama, ich glaube, dass ich dir unbedingt etwas sagen muss…“ fange ich etwas zögernd an. (Ich glaube, jetzt ist es der richtige Augenblick um Mamas Unglück noch rechtzeitig abzuwehren…)

Überrascht starrt mich meine Mama nun an. „Und was wäre das?“

Also fasse ich mir ein Herz und beichte ihr, dass ich gestern in ihrer Wohnung gewesen bin und Adils Brieftasche durchwühlt habe.

Meine Mama kann es nicht glauben und der Schuss geht für mich nach hinten los.

„Du hast was?“ Völlig fassungslos schaut sie mir nun direkt in die Augen. „Sag mal…hast du einen Knall?!“ schimpft sie mich entsetzt. „Mama, versteh doch, er hat ein Kind! Es wird bald geboren und es ist von einer anderen Frau. Er kann es gar nicht ernst mit dir meinen! Dann auch noch der schnelle Heiratsantrag… Checkst du es denn einfach nicht? Es geht ihm doch nur um die Papiere, Mensch, Mama, wach doch endlich mal auf!“ Ich schreie sie schon fast an vor lauter Verzweiflung. Doch anstatt dass meine Mama endlich hellhörig wird, wie ich es mir eigentlich erwartet habe, wirft sie mich unverzüglich aus ihrer Wohnung heraus.

„Das ist wirklich eine richtige Frechheit, die du dir da erlaubt hast! Du hast mein Vertrauen echt missbraucht und ich will, dass du mir vorerst aus den Augen gehst!“

Mamas Stimme zittert so dermaßen vor Wut, dass ich eben gehe. (Die wird sich schon noch beruhigen, wenigstens weiß sie jetzt Bescheid.)

Abends klingelt dann mein Telefon. Es ist Mama, na endlich!

Sie will, dass ich sofort zu ihr rüberkomme, wir müssten reden. (Juhu, sie hat es endlich kapiert!)

Doch wider meiner Erwartung ist es Adil, der mir die Tür öffnet. (Hä? Was hat der denn noch hier zu suchen? Sollte Mama ihn denn nicht schon längst rausgeschmissen haben?)

Er schaut mich so eindringlich und traurig mit seinen grünen Augen an, ja schon vielmehr vorwurfsvoll, so dass ich auf einmal ein richtig schlechtes Gewissen kriege.

Doch im nächsten Moment schreite ich wieder selbstbewusst durch die Tür, ich habe mir ja nun wirklich nichts vorzuwerfen. (Was soll denn diese Show jetzt, die er hier noch abzieht?! Schließlich ist er es doch der meine Mama betrügt!)

Mama sitzt am Tisch und schweigt, während ich und Adil uns dazusetzen.

Er sitzt mir jetzt genau gegenüber und mustert mich noch einmal enttäuscht (was für eine Dramatik!), bevor er endlich mal anfängt Tacheles zu reden.

„Ich habe erfahren, du hast meine privaten Sachen durchwühlt?“ fragt er etwas dämlich. (Mir reicht es nun wirklich!)

„Ja, hab ich. Und es war gut, so wie es sich ja nun herausstellt!“ entgegne ich bestimmt.

Er seufzt und schaut mich schon wieder mit diesem treudoofen Hundeblick an.

„Ich bin wirklich enttäuscht von dir. Ich wollte dir vertrauen, weil ich weiß, dass du und deine Schwester deiner Mama wirklich sehr wichtig sind. Aber anstatt euch darüber zu freuen, dass ich eure Mama glücklich mache, seid ihr beide stets nur misstrauisch mir gegenüber und gibt mir nicht einmal die geringste Chance, dass auch wir Freunde werden können.“

Nun mischt auch meine Mama sich ins Gespräch ein. „Ja, so ist es auch immer wieder, gerade mit dir! Ich bin es wirklich leid, dass ihr alle meine Beziehung dauernd hinterfragt und uns auseinanderbringen wollt!“

„Na ja, ich kann deine Töchter aber auch irgendwo verstehen. Vielleicht würde ich auch so reagieren wenn auf einmal ein Fremder auftaucht und meine Mutter heiraten will… Kinder machen sich nun mal eben Sorgen um die Eltern.“ höre ich doch tatsächlich die Worte aus Adils Mund und ich schaue ihn verwundert an. (Warum ergreift er auf einmal Partei für mich? Spielen die beiden jetzt „böser Bulle, guter Bulle“ mit mir, oder was?!)

Ich lasse mich davon nicht beeindrucken. „Wessen Kind ist eigentlich auf dem Foto in deinem Geldbeutel? Und vor allem, von wem ist es?“ konfrontiere ich ihn ganz direkt.

Plötzlich bemerke ich, dass Adils Augen sich mit Tränen füllen. Schweigend sieht er mich an und wischt sich schnell mit dem Handrücken übers Gesicht. Er steht auf, um in einen anderen Raum zu gehen. „Musste das jetzt wieder sein?“ zischt mich Mama vorwurfsvoll an.

Etwas hilflos sitze ich nun mit Mama am Tisch und bin froh, als Adil nach ein paar Minuten wieder ins Wohnzimmer zurückkommt.

„Eigentlich geht es dich ja nichts an, aber das ist mein Kind!“ beginnt er das Geheimnis zu lüften. „Oder besser gesagt: es war mein Kind!“ fügt er noch hinzu.

„Oh…“ meine ich und weiß nicht mehr so recht, wie ich mich jetzt am besten verhalten soll. „Das Kind war von meiner Ex-Freundin, noch vor ein paar Monaten war ich mit ihr noch zusammen. Sie war ebenfalls eine Deutsche und alles, was ich mir immer gewünscht habe war eine eigene Familie zu gründen. In einem Land, dem es wirtschaftlich gut geht.

Eine Zukunft zu haben…“

Er schluckt und ich bemerke, wie schwer es ihm fällt über dieses Thema zu reden.

Ich habe auf einmal Mitleid mit ihm. „Was ist denn passiert?“ will ich nun wissen.

Adils Gesicht verfinstert sich. „Sie hat es einfach abgetrieben, ohne mein Wissen! Sie hat mich hintergangen. Sie war noch im Studium und sie sagte, dass sie sich jetzt kein Kind leisten könnte…Manche deutsche Frauen sind einfach so… gefühlskalt!“

„Das tut mir leid.“ sage ich ehrlich. (Oh weh, ich schäme mich auf einmal ehrlich so sehr dafür, dass ich mich ihm gegenüber gerade so verhalten habe. Ich habe da wohl in Dingen herumgeschnüffelt, die sehr persönlich sind und mich ja nun wirklich nichts angehen sollten…)

Mama steht jetzt auf und umarmt ihn.

„Bei mir wird so etwas nicht passieren, wir wollen immer ehrlich zueinander sein.“

Adil versucht jetzt zu lächeln.

„Ist schon okay, ich meine, ich kann deine Tochter ja irgendwo auch verstehen.

Es war ja auch alles völlig überstürzt wie wir uns kennengelernt haben und dass wir auch so schnell heiraten wollen.“ gibt er zu. Dann wendet er sich wieder an mich.

„Aber bitte glaube mir, Tina, ich habe mich wirklich in deine Mama verliebt, von Herzen!

Sie war mein Engel und ich ihrer, an einem Augenblick, wo wir uns beide verzweifelt und allein gefühlt haben.“

Ich nicke verständnisvoll und versuche ebenfalls zu lächeln.

„Ist schon gut, Adil. Mir tut es wirklich sehr leid, dass ich so misstrauisch war.“ (Und das meine ich auch ehrlich!)

Dann scheint er kurz zu überlegen ob er mir auch wirklich vertrauen kann, sieht mich nachdenklich an und sagt dann: „Das darf wirklich kein Mensch erfahren was ich dir jetzt sage, Tina. Verspreche es!“ Ich verspreche es.

„Ich bin illegal hier in Deutschland und ich bin auf der Flucht.“ gesteht er plötzlich und auch Mama schaut mich jetzt ernst an. „Ich vertraue es dir deshalb an, damit du siehst, dass ich wirklich mit offenen Karten spielen will.“ Mama schaut mich besorgt an.

„Keiner darf wissen, dass er bei mir ist, hörst du? Niemand!“ bittet sie mich.

Wieder nicke ich. „Okay.“

„Wenn sie mich finden, dann werde ich abgeschoben und ich und deine Mama werden uns wohl nie wieder sehen!“ erklärt Adil mir.

„Ist das auch der Grund warum du dich oft auch mal woanders herumtreibst?“ verstehe ich nun und Adil nickt. Er grinst jetzt schelmisch.

„Eigentlich hätte ich ja nichts mehr dagegen gehabt zurück nach Marokko zu gehen, nachdem ich festgestellt hatte, dass ich hier in Deutschland ja ohnehin nicht glücklich werden kann. Das wäre doch tatsächlich ein Freiflug für mich gewesen, den ich auch dankbar angenommen hätte. Aber dann bin ich dieser wundervollen Frau hier begegnet…“

Er gibt meiner Mama nun einen leidenschaftlichen Kuss und ich merke wie sehr sie dabei strahlt und wie glücklich sie beide sind. (Ich schäme mich ja so für meine Aktion!)

Insgeheim schwöre ich mir an diesem Abend, dass ich bestimmt nie wieder etwas gegen Mamas Beziehung unternehmen werde.

Eine happy Zeit

Je mehr ich Adil kennenlerne umso öfter stelle ich fest, dass er ein ausgezeichneter Koch ist!

„Ich habe immer wieder in allen Küchen der Gastronomie gejobbt, sogar auf einem Schiff nach Italien!“ behauptet Adil stolz, als er mir erklärt wo er schon überall herumgekommen ist. (Dafür bewundert ihn sicherlich nicht nur meine Mama...)

„Wow, das schmeckt ja ausgezeichnet!“ lobe ich ihn jedes Mal, wenn ich mal wieder bei Mama und ihm zum Essen eingeladen bin.

Von pochierten Eiern zum Frühstück bis hin zu leckeren Hähnchengerichten – Adil hat es drauf! Manchmal wirkt er auch geistesabwesend und man merkt, dass ihm viele Sorgen durch den Kopf gehen, aber das hält ihn keinesfalls davon ab stets einen Witz zu machen oder einen frechen Spruch loszulassen um meine Mama und mich aufzubauen. (Seine Lieblingsfrage ist ständig „Ist das nicht lieb?!“, sobald er meiner Mama etwas Gutes getan hat und sie lacht dann stets und verbessert ihn: „Das heißt aber: Ist das nicht schön?“)

Auch ich habe mit der Zeit endlich einmal wieder einen neuen Freund: Vitalij heißt er und er ist ein jüdischer Russlanddeutscher (Ich bevorzuge mehr die osteuropäischen Männer, im Gegensatz zu Mama.).

Doch leider war ich in punkto Beziehungen ja noch nie so wirklich ein Glückspilz, denn schon wieder hat meine neue Beziehung gleich zwei Haken:

Erstens einmal habe ich von Vitalij erfahren, dass er in einer völlig anderen Stadt studiert und unsere Beziehung so auf eine Fernbeziehung herausläuft (Natürlich hat er mir das erst gebeichtet, nachdem ich mich schon auf ihn eingelassen hatte! Und ich werde in dieser Beziehung wohl mehr mit Briefeschreiben beschäftigt sein als mit Liebe machen!), und zweitens ist Vitalij angehender Arzt und experimentiert leidenschaftlich gern mit Urin (Diese Leidenschaft kann ich ganz und gar nicht teilen!). Vor allem der Morgenurin hat es ihm angetan, den er immer sofort nach dem Aufstehen gurgelt!

„Das solltest du unbedingt auch ein paarmal machen, Tina, es ist gut gegen Bakterien und Viren in der Mundschleimhaut! Man braucht wirklich keine anderen Medikamente, wenn man auf diese Weise vorbeugen kann.“ meint Vitalij stets dazu und klingt so stolz, als habe er damit die Entdeckung des Jahrhunderts gemacht.

Ich lehne dann immer dankend ab und muss mich immer wieder neu dazu überwinden, ihn danach auch noch zu küssen… (Ich gebe zu, der einzige Tipp von Vitalij, den er mir mal gegeben hat und den ich doch tatsächlich schon einmal ausprobiert habe ist, dass ich den Morgenurin auf die Augenringe einklopfe und man so sofort frisch ausschaut…)

Eines Tages, ich nehme gerade mal wieder Abschied von Vitalij der für längere Zeit wieder in der anderen Stadt studieren wird, klingelt meine Mama völlig unerwartet, mit einem Kochtopf in den Händen, an der Tür.

„Guck mal, das hat Adil vorher gekocht: Spaghetti Bolognese auf marokkanische Art, mit frischen Oliven und Gemüse! Er will, dass du auch etwas davon probierst und ihm deine ehrliche Meinung mitteilst, ob es dir auch so gut geschmeckt hat wie mir.“

Mama zwinkert mir aufmunternd zu als sie mir den Topf übergibt und Vitalij sieht.

„Hm, wie das schon duftet! Lecker!“ schwärme ich dankbar.

„Na, ich störe dann mal nicht weiter. Tschüss ihr beiden!“ verabschiedet Mama sich gleich wieder und geht.

„Wie nett ist das denn! Magst du auch noch etwas davon?“ biete ich Vitalij an.

Doch der schüttelt nur angewidert den Kopf. „Nö, von einem Araber esse ich nichts, nein danke!“ Ich schaue ihn fragend an. „Wieso das denn?“ will ich wissen.

„Du weißt doch, dass ich Jude bin und keine Moslems mag! Und ich esse auch nichts von einem Moslem!“ ist seine entschiedene Antwort.

„Hat unser Rabbiner nicht am letzten Schabbat-Gottesdienst gesagt, dass Gott am Anfang den Mensch erschaffen hat und nicht die Moslems, Juden, Christen und so weiter? Dass solche Dinge erst später hinzukamen?“ appelliere ich an sein Gewissen.

Vitalij schweigt. „Was ist los?“ hake ich nach. Er zuckt mit den Achseln. „Na ja, der Rabbiner hat aber auch gesagt, dass wenn wir nichts Gutes über eine Person sagen können, dann sollen wir lieber gar nichts sagen. Und außerdem hat der Rabbiner ja auch noch andere Dinge gesagt, wie dass das Rauchen dem Körper schadet.“ spielt er jetzt auf mich an. (Ich will mich aber nicht darauf einlassen, echt keine Lust!)

„Na, dann halt eben nicht! Dann bleibt mir eben mehr.“ gebe ich etwas schroff zurück.

Vitalij schaut jetzt auf seine Uhr. „Du, ich muss auch schon wieder los, wenn ich den Zug kriegen will!“ Er gibt mir noch einen Kuss und weg ist er.

Enttäuscht schaue ich ihm aus dem Fenster nach. (Auch toll eine neue Beziehung zu haben, wenn ich dann doch wieder allein essen muss!)

Doch ich mach mir nichts draus und gehe eben zu Mama herüber um doch nicht allein essen zu müssen.

So ergibt es sich ganz von selbst, dass ich fast täglich bei Mama und Adil esse und ich ihren Neuen immer noch besser kennenlerne.

Auf diese Weise stellt sich bald heraus, dass Adil und ich sogar noch viel mehrere Gemeinsamkeiten teilen als nur das leckere Essen allein:

beide trinken wir leidenschaftlich gerne Rotwein, spielen gerne strategische Brettspiele und lieben es uns über tiefsinnige Themen zu unterhalten und darüber stundenlang zu diskutieren. (Meine Mama sitzt meistens dabei und hört interessiert zu.)

So kommt es, dass Adil eines Tages einen ausgezeichneten Rotwein anschleppt.

„Diesmal hab ich uns einen guten Italiener zum Essen mitgebracht, einen Bardolino!“ zwinkert Adil mir zu und schenkt mir ein. Ich probiere und bin hin und weg:

das vollmundige Aroma süßer Trauben harmoniert ja perfekt mit dem herben, holzigen Nachgeschmack. „Der geht echt runter wie Öl!“ gebe ich mein Kompliment ab.

Adil freut sich über seine gute Wahl.

„Na ja, ich hoffe doch nicht zu gut und ihr werdet noch betrunken!“ gibt Mama, die neben mir sitzt und nicht mittrinkt, ihren Senf dazu. „Mach dir keine Sorgen, meine Liebe!“ muntert Adil sie augenzwinkernd auf und verschwindet wieder in der Küche, aus der es herrlich nach orientalischen Gewürzen duftet. „Meine Damen, gleich ist das Essen fertig!“ ruft er uns fröhlich aus der Küche zu. „Die Bolognese die du vor einigen Tagen gekocht hast waren oberlecker!“ lobe ich Adil noch nachträglich. „Und haben sie deinem Freund auch geschmeckt?“ will er nun wissen. (Oh weh, soll ich ihm jetzt wirklich die Wahrheit sagen?)

„Mein Freund, er ist Jude wie du weißt, wollte leider nichts von dir essen. Tut mir leid, er ist da einfach etwas eigens.“ gestehe ich ehrlich. „Aber für mich war dein Essen ein wahres Gedicht, ehrlich!“ (Ich habe irgendwann mal gelernt, dass man schlechte Nachrichten am besten immer so verpackt, dass sie mit einem Kompliment enden…)

Adil wirkt nun etwas enttäuscht. „Na ja, schade, aber da kann man eben auch nichts machen.“ meint er dann achselzuckend (Ich merke, dass diese Nachricht ihn innerlich ganz schön getroffen hat.) „Sag mal, was ist denn da eigentlich immer los mit den Moslems und Juden?“ fange ich da ein ziemlich heikles Thema an.

Adil runzelt nachdenklich die Stirn. „Es ist immer wieder das alte Thema wegen Jerusalem, der heiligen Stadt und es geht auch immer noch darum wem das Land gehört…Eigentlich traurig, denn ob im Koran, in der Thora oder in der Bibel, überall steht im Grunde doch das Gleiche drin und das wir alle Brüder und Schwestern sind. Doch jeder denkt er hat die einzige Wahrheit gepachtet und der andere ist eben ein Ungläubiger.“ seufzt Adil.

Er schaut mich ernst an. „Für mich ist jeder Mensch ein Mensch und wir alle haben das gleiche Blut! Sicherlich gibt es Abweichungen im Glauben, aber auch bei uns Moslems spricht Gott nie davon, dass er unnötiges Blutvergießen liebt! Ich denke, dass es auch schon längst nicht mehr um den ehemaligen Grund, den Gebietsanspruch, allein geht, der gerne als Auslöser hergenommen wird. Die Menschen haben sich gegenseitig einfach schon viel zu viel angetan und es ist schwer jemals wieder einen Frieden herzustellen, da jeder immer wieder ein Unrecht mit einem anderen Unrecht vergelten will.“

„Und was ist mit den Terroristen, den extremen Moslems, die sich dauernd in die Luft sprengen?“ will ich nun von ihm wissen.

Er zuckt mit den Schultern. „Das sind eben genauso extreme und hirnlose Fanatiker wie auch diese Christen, die Kreuzzüge gemacht haben oder Juden, die palästinensische Kinder erschießen. Es ist falsch, dass die Leute wegen dieser Terroristen ständig alle Moslems in den Dreck ziehen! Meine Religion ist nämlich eine sehr schöne Religion und ist genauso voller Liebe und Verständnis wie auch euer Christentum. Es ist falsch alle Menschen in gewisse Schubladen zu stecken, nur weil sie an etwas anderes glauben. Gerade das schurrt doch den Hass unter den Menschen, anstatt voneinander zu lernen!“ (Dazu fallen mir auch wieder die Worte von unserem Rabbiner ein der mal Scherzes halber dazu gesagt hat: „Und Gott schuf den Menschen und er sah, dass es gut war! Ich kann nur darauf vertrauen, dass Gott eben mehr weiß als ich…“)

„Ja, das stimmt. Ich glaube, dass die Religion nur dazu missbraucht wird, als eine Art Propaganda, wenn es um politische Interessen geht. Das hat mein Vater auch schon immer gesagt.“ gebe ich zu.

Adil nickt. „Dein Vater muss ein sehr kluger Mann gewesen sein.“

„Er ist leider vor ein paar Jahren gestorben. Das hat auch Mama sehr hart getroffen, obwohl sie schon längst geschieden waren.“ bemerke ich ganz nebenbei als Mama kurz auf dem Klo ist und Adil nickt verständnisvoll. „Jetzt hat sie ja mich, ich werde immer für sie da sein.“

Nach dem Essen spielen wir nacheinander Dame, Mühle und Schach und ich muss zugeben, dass Adil wirklich keine leichte Herausforderung dabei ist.

„Wo hast du denn gelernt so gut zu spielen?“ fragt Mama ihn bewundernd, denn sie ist es auch nicht gewöhnt, dass mich mal jemand bei Mühle schlägt, war ich bisher immer darin die Beste in der Familie. „Das hat mein Vater mir beigebracht, als er noch lebte. Er war weit und breit der beste strategische Spieler in unserer Nachbarschaft!“ erwidert Adil stolz.

„Ich habe ihn wenigstens noch gekannt, mein kleiner Bruder leider nicht mehr.“ fügt er traurig hinzu und senkt dabei seinen Blick.

„Adil heißt übrigens der Gerechte, mein Vater wollte, dass ich so heiße. Sein Wunsch war es, dass ich ein gerechter Mensch werden soll.“ erinnert er sich an seine Kindheit zurück.

„Ach ja, sie fehlen mir ja alle so, vor allem meine Mutter, meine Schwestern und mein kleiner Bruder. Ich kann es kaum noch erwarten sie wieder zu sehen und ihnen deine Mama vorzustellen. Sie werden ebenso begeistert von ihr sein wie ich.“

Mama kichert und nimmt Adils Hand.

„Dass das Heiraten aber so kompliziert wird in Deutschland, das hätte ich echt nicht gedacht.“ seufzt Mama. Bei dem Gedanken dass Mama mit ihrem Gehirntumor nach Marokko fliegen will, dreht sich mir der Magen um. (Hat sie denn nie davon gehört, dass ein Tumor bei dem Luftdruck im Flugzeug platzen kann?!)

Doch ich sage nichts, denn ich will den beiden ihren Traum nicht zerstören.

Außerdem gehe ich davon aus, dass das alles wahrscheinlich sowieso nur Gerede bleiben wird… „Sag mal, warum wollt ihr denn eigentlich unbedingt heiraten? Ich meine, es ist doch auch so schön wie es ist und ihr seid doch auch so zusammen.“ mische ich mich nun doch wieder ein. Da erfahre ich von den beiden, dass Sex ohne Trauschein in Adils Koran und Mamas Bibel eine Sünde ist. „Ich will nicht länger in Sünde leben. Gerade jetzt, wo ich doch weiß, dass ich bald Gott persönlich begegne!“ sagt meine Mama dazu. (Okay, sie ist die letzte Zeit recht gläubig geworden seit sie den Tod ständig vor Augen hat, aber Adil?)

„Wenn ich es nicht ernst mit deiner Mama meinen würde, dann würde ich es so machen wie manche Männer: Schneller Sex und tschüss! Aber deine Mama ist eine überzeugte Christin mit einem gutem Herzen und sie glaubt ebenfalls an Gott, so wie ich auch, ich will sie nicht benutzen, sondern ihr wirklich auch bis zu ihrem Ende ein guter Ehemann sein.“ erklärt Adil mir ernst und gibt meiner Mama einen leidenschaftlichen Kuss.

„Da habt ihr euch ja was vorgenommen.“ stelle ich fest und akzeptiere es eben.

„Hab doch keine Angst, ich nehme dir deine Mama doch nicht weg. Im Gegenteil: ich sehe uns als eine große Familie und du bist für mich so was wie eine kleine Schwester, die ich ebenfalls als Haupt der Familie beschützen will und für die ich da sein will.“ wendet Adil ein. „Das ist nett von dir.“ Ich versuche zu lächeln und finde es schön, so wie er es gesagt hat. „Inschallah!“ ruft Adil jetzt und klopft sich dramatisch auf seine Brust. Mama grinst.

Ich verstehe nicht. „Was heißt das?“

„Das bedeutet, dass Gott mit uns ist. Überall auf der Welt und in jeder Situation, egal wo wir auch gerade stehen und uns befinden. In Gott sind wir alle miteinander verbunden und bleiben es auch. Ob einer von uns im Gefängnis sitzt oder im Ausland ist oder gar im Jenseits: wir bleiben miteinander verbunden, immer. Uns trennen nur Zeit und Raum, aber die sind eine Utopie.“ erklärt Adil mir überzeugend.

„Das ist ja ein sehr schöner Gedanke.“ sage ich und stelle mir vor, dass Mama eines Tages tot sein wird und wir trotzdem immer noch alle verbunden sein werden.

„Inschallah!“ wiederhole ich es jetzt und lächele den beiden zu. Sie erwidern mein Lächeln. Ich werde fast schon ein wenig neidisch auf Mama, weil ich auch gerne so eine tiefe Beziehung führen würde wie die beiden.

„Aber du bist unglücklich wegen deinem Freund, nicht wahr?“ wendet Adil jetzt ein und schaut mich mitfühlend an. Ich schlucke. Wie hat er das nur gemerkt? (Ist das so offensichtlich?)

„Na ja, ich fühle mich halt oft allein.“ gestehe ich ihm. Adil nickt verständnisvoll.

„Ja, ich kann es mir schon denken. Es ist sehr schwer bis man endlich einmal dem richtigen Menschen begegnet. Aber du bist nicht allein, du und ich und deine Mama, wir alle sind eine Familie und für dich da!“ Ich schaue ihn dankbar an.

Er lacht jetzt. „Weißt du was? Das erinnert mich daran, was mein Vater mir mal gesagt hat, als ich selbst mal so niedergeschlagen war: bist du Vogel Strauß und steckst du jetzt Kopf in den Sand? Verstehst du?“

Ich checke mal wieder rein gar nicht was er mir damit sagen möchte und schüttele den Kopf. „Na, der Vogel Strauß eben, du weißt doch, dieser Vogel mit dem langen Hals!“ beginnt Adil noch einmal, „Der steckt immer nur seinen Kopf in den Sand sobald es Probleme gibt, nach dem Motto: Ich sehe nicht was ich nicht sehen will und mich sieht so auch keiner!“

„Aha.“ gebe ich zurück und gucke etwas ratlos.

Adil hört auf zu Lachen und guckt mich jetzt wieder ernst an.

„Sei niemals wie dieser Vogel Strauß, stecke auch niemals den Kopf in den Sand!

Dann wirst du immer mutig genug sein deine Sorgen anzugehen und auch viel Schönes sehen, glaube mir.“

„Ich glaube es wird mal Zeit für Musik!“ Mama ist aufgestanden und schaltet den CD-Player an. „Du hast Recht, man kann nicht immer nur ernst sein! Man muss das Leben auch genießen! Savoir vivre! Man soll wissen wie man das Leben genießen kann!“ ruft Adil.

„Du sprichst auch Französisch?“ wundere ich mich. Er nickt.

„Aber klar doch, in Marokko ist das die zweite Landessprache!“

Aus dem Lautsprecher ertönt ein dramatisches, arabisches Liebeslied: „Valesch, Valesch“, ich höre es zum ersten Mal. Adil und Mama tanzen vergnügt und kommen dann tanzend auf mich zu, damit ich mitmache. Anfangs ist mir das peinlich, doch nach ein paar Schlucken Bardolino lass auch ich mich von ihrer guten Stimmung anstecken.

Dann kommt auch noch Adils Plattenspieler zum Einsatz und wir hören auch Oldies, auch Mamas alte Elvis Presley Platten, die sie von meinem Opa geerbt hat und die lange Zeit im Keller waren. Wir lachen und sind selten so vergnügt gewesen, obwohl jeder von uns innerlich in seinen eigenen Problemen steckt, die er täglich mit sich herumschleppen muss. Aber heute vergessen wir sie ganz einfach!

„Weißt du, die Deutschen haben nur ihre Arbeit im Kopf, ständig. Das war das allererste was ich lernen musste als ich in dieses Land gekommen bin! Ständig und überall, sogar in den Unterhaltungen im Bus, hört man nur die Worte Arbeit und arbeiten.“ sagt Adil als er sich, atemlos vom Tanzen, eine Zigarettenpause gönnt.

Mama und ich verschlucken uns vor Lachen, als er sich eine Lesebrille aufsetzt und übertrieben das Gesicht verzieht um einen typischen Deutschen darzustellen.

„Heute muss ich zur Arbeit, heute habe ich keine Zeit, nein, das geht nicht heute, weil ich arbeiten muss!“ imitiert er in strengem Ton.

„Schatz, hör auf, ich pinkele gleich in die Hose!“ bittet meine Mama ihn, die sich so wie ich auch, nun fast nicht mehr einkriegt. „Oh Gott, wenn du jetzt auch noch Hitler zitierst, dann flüchte ich!“ Adil nimmt die Brille wieder ab und lacht mit uns. „Ich passe, ich glaube ein marokkanischer Hitler steht mir nicht besonders gut. Aber es ist ja wirklich kein Wunder, dass die Deutschen auch immer alle so spießig drein schauen. Wie soll man denn bei solch einem Leben, das nur aus Verpflichtungen, Terminkalendern und Ämtern besteht, noch gut gelaunt sein?! Wo bleibt denn da noch die Familie und der Spaß im Leben?“

Adil nimmt jetzt einen großen Schluck Bardolino und meine Mama schafft es doch endlich einmal aufs Klo.

„In Marokko, “ erzählt Adil mir nun, „da gehen, wenn es dunkel wird, die Lichter erst an. Und die Menschen feiern und verbringen Zeit mit ihren Familien!“

„Du vermisst es sehr, nicht wahr?“ stelle ich einfühlsam fest.

Er nickt leise und wischt sich schnell eine Träne aus dem Auge, bevor Mama es sieht.

„Aber dafür habe ich ja jetzt euch.“ lächelt er nun wieder erneut.

„Inschallah.“ sage ich und er blickt mir dankbar in die Augen.

Als Mama wieder aus der Toilette kommt, hat sich Adil schon ein neues Abendprogramm einfallen lassen: Er telefoniert mit verstellter Stimme ein paar unliebsame Bekannte an um diese zu veräppeln, während meine Mama und ich nebendran hocken und amüsiert mitlauschen. (Darunter ist auch ein Türke, der laut Adil ziemlich egoistisch sein soll und ihn schon mehrmals übers Ohr gehauen hat.) „Der hat es schon verdient, so eine kleine Abreibung!“ ist Adils Meinung sobald Mama mit Gewissensbissen kommt.

Also spiele ich am Telefon eine Dame, die sich unsterblich in diesen Türken verliebt hat, seit sie ihn einmal gesehen hat. (Laut Adil soll er ja eine absolut übertriebene Schwäche für das weibliche Geschlecht haben, alle möglichen Frauen, die er auch nur abkriegen kann. Scheinbar hat der sein Hirn eben in der Hose, mit anderen Worten…)

„Und du wartest also extra auf mich unten an der Straßenecke?“ will der Typ am Telefon wissen.

„Und wie! Endlich, wo ich ja jetzt deine Nummer rausgefunden habe!“ lüge ich und muss mir das Kichern verkneifen, während Adil und Mama sich vor Lachen nicht mehr einkriegen. „Okay, ich bin gleich da. Warte dort mal! Nicht weglaufen, ja?“ ertönt die Stimme aus dem Hörer wieder. Nachdem der Typ aufgelegt hat, kann ich endlich losprusten.

„Der zieht sich jetzt ganz schnell an und rennt tatsächlich dorthin, ich kenne den zu gut!“ freut sich Adil schadenfroh bei dem Gedanken diesem Kerl eins ausgewischt zu haben.

Mama schüttelt lachend den Kopf. „Du unverbesserlicher Scherzkeks!“

Nein, so einen lustigen Abend haben weder meine Mama noch ich seit langem mehr gehabt! Allmählich denke ich dasselbe, was meine Mama schon vor Monaten gesagt hat:

Der Himmel persönlich muss Adil wohl zu Mama geschickt haben.

Ein Aprilscherz mit ungeahnten Folgen

Es gibt viele fiese Dinge im Leben – doch, was ich bisher noch nicht gewusst habe:

auch ein geschmackloser Aprilscherz gehört dazu!

Doch da ich sollte wohl eines besseren belehrt werden…

Eigentlich ist es ja an sich schon fast ein schlechter Aprilscherz, dass ich mich eines Morgens bei Mama ausheule weil ich mal wieder ein Single bin! (Wie soll es auch anders sein in meinem Leben!) Die Betonung liegt aber auf „fast“, denn immerhin haben wir heute ja erst den 31. März…

„Und Vitalij hat einfach Schluss gemacht?“ vergewissert meine Mama sich.

Ich nicke gequält und schlürfe meinen Kaffee.

„Ja, sobald er zurück war.“ (Sag mal, spinne ich eigentlich?! Eigentlich kann ich doch froh sein, dass diese dumme Fernbeziehung endlich vorbei ist und einer von uns genug Mut dazu gehabt hatte es zu tun!)

Sicherlich hätte ich sonst noch weiterhin um die Beziehung gekämpft, weitere wertvolle Jahre verloren und mir niemals selbst eingestanden, dass eine Fernbeziehung im Grunde genommen total nutzlos ist. (Denn mit dem Aufgeben von nutzlosen Beziehungen habe ich ständig so meine Schwierigkeiten: Ich kämpfe meistens bis zum bitteren Ende, bevor ich letztendlich dann doch einsehe, dass nichts mehr zu retten ist!)

„Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich selbst doch eigentlich auch schon lange keinen Bock mehr darauf gehabt mir abends ständig am Telefon Vitis Geschichten anzuhören, was er alles täglich so erlebt hat, während er all diese lustigen und schönen Dinge nicht mit mir erlebt hat sondern mit anderen Leuten, die ich nicht mal kenne. Irgendwie ist uns auch gegen Beziehungsende der Gesprächsstoff ausgegangen und ich habe diese Anrufe vielmehr als Pflichtanrufe angesehen, die mir mit der Zeit sogar lästig geworden sind. Andauernd hatte ich das Gefühl, dass Vitalij abends nur aus Langeweile anruft um sich dann von mir unterhalten zu lassen. Immer wieder Majo Solnyschko (russisch für: „mein Sonnenscheinchen“) hier und Majo Solnyschko da… Dafür bin ich mir doch selber viel zu schade!“ schimpfe ich gekränkt.

„Aha, verstehe.“ antwortet Mama mitfühlend. (Um ehrlich zu sein komme ich mir allmählich schon vor wie der Sohn im Film namens Papa ante Portas! Ich weiß allmählich schon gar nicht mehr genau wie viele meiner neuen Freunde ich meiner Mama schon vorgestellt habe, jedes Mal ein anderer! Aber was kann ich schon dafür, dass ich mich immer wieder in so komplizierte Männer verknalle?! Ob mir die „normalen“ Männer einfach viel zu langweilig sind?)

„Kopf hoch“, tröstet Mama mich, „dann war es auch nicht der Richtige! Ich habe mal gehört, dass man viel Zeit mit den falschen Männern verbringen muss bis man den Richtigen findet.“ „Ja, du hast ja leicht reden, jetzt wo du so glücklich mit deinem Adil bist!“ maule ich genervt. (Mist, das war nun wirklich nicht gerade nett von mir! Bin ich etwa neidisch auf Mamas neues Liebesglück?) „Ach, Tina! Du weißt doch selbst, dass der Typ mir auch nicht einfach so schnell in den Schoss gefallen ist. Denk doch mal dran, was ich mit eurem Vater alles mitgemacht habe oder den letzten Kerlen, die ich gehabt hatte! Diesen Hassan zum Beispiel, der mich einfach sitzen hat lassen und von heut auf morgen nach Finnland abgehauen ist!“ protestiert Mama. „Auch wieder wahr.“ gebe ich zu.

Ich gebe ihr einen Kuss auf die Backe. „Wenn hier einer verdient hat in der Liebe endlich glücklich zu sein, dann bist du es Mama!“ Jetzt seufzt sie.

„Na ja, es ist auch nicht alles so Gold was glänzt…Ständig diese Versteckspielchen, weil er ja illegal in unserem Land ist und dann hat er auch noch dieses gelegentliche Alkoholproblem….“ Ich horche auf. „Echt? Ist mir gar nicht aufgefallen!“

Doch jetzt, wo sie es anspricht fällt mir plötzlich ein, dass Adil eigentlich ständig Wein getrunken hat, wenn ich da gewesen bin.

„Na ja, so schlimm ist es auch wieder nicht. Dein Vater war schlimmer mit dem Saufen und vor allem ist er dann immer gewalttätig geworden. Bei Adil ist das nicht so, er wird eher…philosophisch.“ Mama lacht als sie es so ausdrückt.

„Ich schätze, dass es bei Adil einfach dieser große Druck ist, der auf ihn lastet, die Angst, plötzlich abgeschoben zu werden.“ ist meine Meinung darüber.

„Ja, das kann sein.“ stimmt Mama mir zu. (Wer greift nicht mal gern zu einem sogenannten Beruhigungsdrink wenn die Welt um einen herum völlig zusammenzubrechen droht?!

Solche Dinge passieren eben im Leben. Und auch ich habe mich schon oft mit alkoholischen Getränken etwas abreagiert, wenn der Druck gar zu groß geworden ist…)

„Du, ich fahre nächste Woche mit Adil nach Österreich, nur damit du schon mal Bescheid weißt.“ wechselt Mama nun das Thema.

Ungläubig starre ich Mama an. „Was? Wieso das denn? Wollt ihr Urlaub machen?“

„Na ja, die Eheschließung ist in Deutschland einfach viel zu kompliziert, das verstehst du nicht. Ich glaube, dass versteht niemand der noch nie in meiner Situation gesteckt hat und so etwas mal mitgemacht hat. Wir werden darum in Österreich heiraten.“

„Und das geht einfach so?“ frage ich verwundert.

Mama seufzt nur und sagt nichts dazu, also hake ich auch nicht länger nach. (Das habe ich mir nämlich schon länger abgewöhnt: Mama weitere Informationen zu entlocken, die sie nicht preisgeben will. Da beißt man nämlich auf Granit!)

„Nicht dass du jetzt gleich wieder an die Decke gehst, du weißt ich mag deinen Adil inzwischen ja auch. Nichts desto trotz sollten wir so eine Art Privatcode einplanen für Telefonate, wenn du in Schwierigkeiten steckst…“ schlage ich ihr vor.

Mama runzelt die Stirn.

„Bitte, tu es für mich. Ich kann dann einfach viel besser schlafen.“

„Na schön. Und was für ein Code soll das sein?“

Ich denke kurz nach. „Wie wäre es mit dem Wort Sonnenschein?“

„Von mir aus.“ sagt Mama und zuckt mit den Achseln. „Immer, wenn wir miteinander telefonieren, dann frage ich dich einfach nach dem Wetter und sobald du das Wort Sonnenschein nennst und in deinen Satz miteinbaust dann weiß ich, dass du in Schwierigkeiten steckst und ich werde die Polizei alarmieren. Nennst du es nicht dann weiß ich, dass es dir wirklich auch gut geht.“

Mama rollt mit den Augen. „Von mir aus. Aber ich glaube, dass ich eher darauf achten werde, dass mir das Wort nicht zufällig mal ausrutscht… Dann hätte ich nämlich wirklich den Salat und Schwierigkeiten!“

Sie lacht jetzt und streichelt mir über meine Wange.

„Auch wenn es nervt, aber ich finde es wirklich süß, wie ihr euch alle um mich sorgt! Aber Adil ist schon kein Kidnapper…“

Auf einmal geht die Tür auf: Adil kommt nach Hause.

Er wirkt ziemlich bedrückt, lächelt aber sofort als er mich sieht.

Er gibt meiner Mama einen Kuss zur Begrüßung und wendet sich dann an mich.

„Ja hallo, auch schon so früh unterwegs?“

„Tinas Freund hat mit ihr Schluss gemacht.“ informiert meine Mama ihn.

„Oh, das tut mir leid zu hören. Aber sei doch froh, diese Beziehung war doch sowieso bekloppt!“ „Ja, da hast du schon recht.“ stimme ich ihm zu.

„Du bist eine so tolle Frau, genauso wie deine Mama. Und ich bin mir sicher, dass du auch noch dem Richtigen begegnen wirst. Sieh es doch einmal so: Immerhin bist du jetzt wieder frei für eine neue und viel bessere Liebe!“ Er lacht jetzt und wendet sich an meine Mama. „Sag mal, hast du ihr schon etwas zum Probieren gegeben?“

Mama kichert und winkt ab. „Lieber nicht!“

„Was denn?“ will ich neugierig wissen.

„Möchtest du einen Vanillepudding?“ bietet Adil mir an.

„Gerne.“ sage ich und frage mich insgeheim, was es wohl mit diesem Pudding auf sich haben könnte, dass sie sich so dermaßen amüsieren.

Kurz darauf steht ein kleines Gläschen mit Dessert auf dem Tisch. Ich probiere und verziehe angewidert das Gesicht.

„Oh Gott, das soll doch nicht etwa ein Vanillepudding sein, oder?!“ Beide lachen.

„Du musst mal die Nudelsuppe probieren…“ meint Mama, die schon mit einem anderen Schälchen neben mir steht. Sie gibt mir einen Löffel.

„Die ist wenigstens noch genießbar, aber etwas fade.“ gebe ich meinen Senf dazu.

Sie lassen nun die Katze aus dem Sack.

„Deine Mama und ich waren gestern in diesem türkischen Laden, der gehört meinem Kumpel. Von dem haben wir all die ganzen Fertig-Tüten zum Probieren gekriegt! Schrecklich, nicht?“ grinst Adil. „Und ob! Wenn der so etwas anbietet, dann vertreibt er die Leute noch bevor sie überhaupt einkaufen wollen.“ lache ich und schüttele den Kopf.

Jetzt setzt sich Adil wieder seine Lesebrille auf, nimmt ein paar der Fertigpackungen und beginnt übertrieben laut zu lesen, was auf der Rückseite der Fertigpackungen steht.

Natürlich ist alles auf Türkisch und keiner von uns kapiert um was es sich eigentlich handelt, vermutlich die Zutatenliste.

„Meine Damen, ich habe hier wundervolle neue Produkte, frisch geliefert aus der Türkei!

Sie müssen es unbedingt in ihrer Küche haben, da sind lauter gute Sachen drin wie… “

Adil liest uns nun all die tollen Zutaten auf Türkisch vor und macht seine eigene Werbesendung daraus. Mama und ich krümmen sich vor Lachen. (Es ist kaum noch möglich sich in den Liebeskummer rein zu steigern, wenn man von so einem Spaßvogel unterhalten wird!)

„Hör schon auf, du Komiker! Das ist ja auch kein Wunder, die sind ja schon längst abgelaufen!“ ruft Mama und entreißt ihm übermütig die Packungen.

„Da siehst du mal wie geizig dieser Typ ist! Dann wollen Sie es also nicht kaufen? Denken Sie doch nur an Ihre Gesundheit!“ macht Adil trotzdem weiter.

Da überfällt Mama ihn mit Küssen, so dass er gar nicht mehr zu Wort kommen kann.

Grinsend steht Adil auf und geht in die Küche.

„Nun gut, meine Damen, dann muss es eben etwas Besseres sein!“

Er kommt mit einer Auflaufform Lasagne wieder.

„Die hab ich aber selbstgemacht, die müssen Sie probieren!“ lacht er großzügig. (Ach herrje, ausgerechnet Lasagne, eins meiner Leibgerichte!)

Nur leider habe ich im Moment absolut keinen Appetit mehr nach dem ausgiebigen Frühstück bei Mama und den paar üblen Löffeln eines angeblichen Vanillepuddings.

„Dann probiere doch wenigstens.“ bittet Adil mich etwas enttäuscht.

Um ihn nicht zu betrüben nehme ich eine Gabel und staune nicht schlecht.

„Mann, ist die lecker! Die Beste, die ich je gegessen habe!“ lobe ich ihn.

„Dann pack ich dir eben ein paar Happen ein. Aber vergesse nachher nicht sie mitzunehmen!“ schlägt Adil mir vor.

„Ich und vergessen? Ich vergesse nur Dinge, die mir nicht schmecken!“ gestehe ich ihm und vertraue ihm, bei dieser Gelegenheit, ganz nebenbei an dass ich oftmals Essen, das mir meine Freunde eingepackt haben, schon aus purer Absicht vergessen habe.

„Ich wollte sie ja nicht kränken, also hab ich es dann nachher einfach vergessen mitzunehmen und dann im Nachhinein so getan, als bedauerte ich das ja so.“ lache ich.

„So, so. Gut zu wissen.“ lächelt Adil mich mit erhobenem Zeigefinger an, „Dann sehe ich ja nachher, ob dir meine Lasagne auch wirklich geschmeckt hat.“

„Glaub mir, die vergesse ich bestimmt nicht!“ schwöre ich hoch und heilig, als ich vom Klingeln meines Handys unterbrochen werde.

Es ist Mel, meine beste Freundin.

Sie sagt, dass sie auf dem Weg zu mir ist, da wir uns heute Abend mal wieder seit langem gemeinsam betrinken wollten. (Mel ist nämlich auch seit kurzem wieder Single und als Alleinerziehende, die immer wieder abserviert wird, ist sie mittlerweile schon mehr als genervt von den Männern!)

„Meine Eltern passen heute auf meine Tochter auf, also es klappt heute Abend! Ich freue mich echt schon sehr drauf!“ gibt Mel mir Bescheid.

„Cool, endlich mal wieder ein gemeinsamer Beautyabend mit Cocktails und über unsere Exfreunde herziehen!“ lache ich böse. Mel kichert auch. „Genau! Ich bin echt froh, sie können mir alle gestohlen bleiben, diese Hammel!“ Dann seufzt sie. „Wenn mir nur nicht dauernd der blöde Sex fehlen würde…“ (Kein Wunder, dass sich Mel von mir letztes Weihnachten einen Dildo gewünscht hatte: um den zu kaufen war ich dem dämlichen Grinsen eines schwulen Verkäufers im Sexshop ausgeliefert, der mir natürlich nicht geglaubt hat, dass der Dildo auch wirklich nur das Geschenk für eine Freundin wäre…)

Mel wechselt jetzt das Thema und erkundigt sich nach meiner Mama.

„Ich finde es echt stark, dass deine Mama endlich mal so einen Netten gefunden hat. Gibst du sie mir kurz?“ bittet Mel mich am anderen Ende. Ich gebe also Mama das Handy weiter und natürlich reden die beiden erst einmal fast eine halbe Stunde, während ich und Adil auf einmal Luft sind. (Angefangen hat die dicke Freundschaft zwischen ihr und meiner Mama, als Mama vor ein paar Monaten auf meinem Mädel-Abend aufgetaucht ist und plötzlich der Mittelpunkt des Abends war…)

So bin ich umso froher, als sie endlich auflegen.

„Eine ganz Süße, diese Mel. Ich mag sie echt gerne!“ sagt Mama als sie mir, das mittlerweile ziemlich angewärmte Handy, wiedergibt.

„Was habt ihr denn heute so geplant?“ will sie von mir wissen.

„Ach, ich weiß nicht. Wahrscheinlich eher ein gemütlicher DVD-Abend und ein paar Cocktails.“ meine ich.

„Ja, gute Freunde sind sehr wichtig.“ mischt sich Adil in unser Gespräch (wahrscheinlich um zu zeigen, dass er auch noch da ist), „Sie sind Geschenke des Höchsten! Sie trösten und helfen über so manche Schicksalsschläge im Leben hinweg und geben einem eine neue Richtung. Ohne meinen besten Freund wäre ich wahrscheinlich heute nicht mehr hier.“

„Ja, das kann ich auch sagen. Ohne meine Freundinnen wäre ich wahrscheinlich auch nicht mehr hier.“ wende ich ein.

„Grüß sie von mir!“ ruft Mama mir aus dem Fenster nach, nachdem ich mich eilig verabschiedet habe und mich sofort auf den Weg in meine Wohnung mache.

Kaum habe ich meine Wohnungstür aufgesperrt, klingelt mein Handy erneut.

„Hallo, hast du nicht was vergessen?“ höre ich Adils Stimme aus dem Hörer.

„Verflixt! Die Lasagne!“ kommt es mir plötzlich.

„Ja, ja, jetzt weiß ich ja Bescheid…“ scherzt Adil.

„Ich hab im Stress jetzt gar nicht mehr dran gedacht… Die ist aber wirklich saulecker!“ versichere ich ihm noch einmal ehrlich.

„Na ja, ich werde sie für dich aufheben. Holst sie halt morgen ab.“ meint er, aber er klingt Gott sei Dank nicht gekränkt.

„Und? Was hab ich verpasst?“ will Mel aufgeregt wissen, als sie nach knapp zwanzig Minuten an meiner Tür steht.

„Vitalij war kaum aus dem Zug ausgestiegen, da hat er mir gleich gesagt, dass er nachgedacht hat und mit mir reden muss.“ setze ich sie gleich darüber in Kenntnis.

„Oh, Mann! Und früher ist ihm das nicht eingefallen, dass er eigentlich gar keine Fernbeziehung will? So ein Depp! Ja, so sind die Männer eben!“ Mel tippt sich verächtlich an die Stirn.

„Und bei dir?“ will ich von ihr wissen.

„Ja nichts! Der Arsch kommt wohl nicht mehr, er hat doch jetzt schließlich diese Neue, unsere Tochter scheint ihm ja egal zu sein!“ gibt Mel kurz zur Antwort.

Kurzerhand packt Mel ihren Krempel bei mir aus. „Hast du den Wodka besorgt?“

Ich nicke. „Fein. Ich habe Zitronen dabei und Limonade… Heut lassen wir uns mal so richtig gehen!“ sagt sie bestimmt.

„Ach, du hast auch DVDs besorgt?“ stelle ich fest, als mein Blick auf ein paar DVDs in ihrer übergroßen Handtasche fällt. „Eine Frau sieht rot.“ lese ich. Mel beginnt zu lachen.

„Ja. Ich dachte, der passt wohl zu uns! Aber ich hab da auch noch ein paar andere Filme dabei, vor allem Schnulzen, in denen sich die Männer am Ende als Arschlöcher entpuppen und die Frauen dann ihren eigenen Weg gehen!“

Ich pruste los, ich kann einfach nicht anders. Mel scheint mal wieder auf 180 zu sein wegen ihrem dämlichen Ex. „Komm, mixen wir uns schon mal Einen, bevor wir noch was kochen und dann ab auf die Couch!“ schlägt sie mir vor.

Ich kann nicht mehr genau sagen wie viele Filme wir uns schon angeschaut und viele Cocktails wir bereits getrunken haben, sicherlich nicht wenig, als wir kurz nach Mitternacht immer noch zusammen sitzen und über Gott und die Welt und vor allem die bösen Männer diskutieren. Mel ist mal wieder den Tränen nahe, wie immer, wenn sie zu viel intus hat und ich beginne über den Sinn des Lebens nachzusinnen, wie immer, wenn ich zu viel intus habe. Wir schauen nun keine Filme mehr sondern legen alte Schlager auf und denken an die vermeintlich gute, alte Zeit, an welcher die Dinge noch nicht so kompliziert gewesen sind. (Ob es so eine Zeit überhaupt jemals gegeben hat, an der die Dinge nicht so kompliziert waren? Naja, im Suff glorifiziert man eben alles…)

Irgendwann dann im Laufe der restlichen Nacht, wir beide sind wirklich schon ziemlich hacke, fällt uns beiden dann plötzlich ein, dass ja heute der erste April ist!

„Du, wir müssen unbedingt jemanden auf den Arm nehmen, noch heute!“ schlägt Mel vor.

Ich kann nicht mehr genau sagen wessen Idee es gewesen ist, aber die Wahl fällt eindeutig auf Mama und Adil. „Ja, die beiden schicken wir jetzt in den April! Das wird lustig!“ klatsche ich begeistert in die Hände. Gesagt, getan! Wir einigen uns darauf, dass wir einen Liebesbrief an Mama schreiben werden, von einem Unbekannten, der sie heimlich ja so vergöttert…

Ich setze also einen Liebesbrief auf, während Mel mir diktiert und wir beide immer wieder dabei kichern müssen, wenn wir uns die dummen Gesichter der beiden dabei vorstellen. „Schreib rein: Seit ich mit dir das erste Mal einen Kaffee getrunken gegangen bin, bin ich dir unendlich tief verfallen!“ schlägt Mel mir vor.

„Ich bin ja so fertig, dass ich mich vor einen Zug werfen will, wenn du meine Liebe nicht augenblicklich erwiderst und diesen Marokkaner verlässt.“ lese ich den Brief am Ende laut vor.

„Ja! Das ist gut!“ kichert Mel. Beide halten wir uns für absolut genial.

„Auf so einen Aprilscherz erst mal kommen! Das lobe ich mir!“

Damit wir nicht unnötige Zeit verlieren laufen wir noch in den frühen Morgenstunden herüber um den erfundenen Liebesbrief, den wir an meine Mama adressiert haben, auch sofort heute noch in ihren Briefkasten zu werfen…

Als wir wieder zurück in meiner Wohnung sind, freuen wir uns so richtig über unsere geniale Idee. „Die werden gucken!“

„Ja, die haben wir bestimmt so richtig in den April geschickt!“ stimme ich Mel zu.

„Und morgen früh, klären wir die Sache dann auf und sagen April-April!“ freut sich Mel. (Wir haben es sicherlich nicht böse gemeint, doch ahnen wir zurzeit noch nicht mal im Leisesten, was wir damit noch bei den beiden anrichten werden!)

„War heut echt mal wieder ein toller Abend! Gute Nacht!“ wünscht mir Mel, nachdem sie es sich auf der anderen Seite meines Ehebetts gemütlich gemacht hat und ich mich auch endlich ins Bett lege.

In kürzester Zeit sind wir im Tiefschlaf und überhören am nächsten Morgen unseren Wecker, den wir uns eigentlich noch gestern Abend gestellt haben…

„Oh, Gott! Wie spät ist es?“ will Mel erschrocken von mir wissen, als wir am nächsten Tag völlig verkatert aufwachen.

„Oh Gott, schrei doch nicht so!“ jammere ich und halte meinen Kopf fest.

Ich mixe uns beiden erst einmal ein Wasser mit Aspirin, als Mels Blick zur Wohnzimmeruhr wandert. „Scheiße, schon ein Uhr! Gott, wir waren gestern aber lange wach… Ich muss doch meine Tochter abholen!“ kommt es Mel in den Sinn.

Aber nicht nur das: uns fällt auf einmal ein, dass wir ja gestern noch einen Liebesbrief bei meiner Mama eingeworfen haben!

„Ja, so ein Mist! Wir müssen die Sache unbedingt vorher noch rechtzeitig aufklären.“ meine ich.

Sofort ziehen wir uns an und machen uns auf den Weg zu meiner Mama.

Erschrocken schauen wir beide uns an, als sie uns weinend öffnet.

„Was ist den passiert?“ fragt Mel und umarmt meine Mama, während ich langsam die Lage peile. Meine Kopfschmerzen explodieren fast. (Allmählich frage ich mich wann das Aspirin wohl endlich einmal zu wirken beginnen wird!)

In Mamas Wohnzimmer stehen drei gepackte Reisetaschen und nirgends sehe ich mehr Adils Klamotten oder gar seine Papers und den Zigaretten-Maker.

Ich ahne Schreckliches!

Doch bevor Mel oder ich überhaupt was dazu sagen können, geht schon wieder Mamas Haustür auf und Adil kommt mit finsterem Gesicht herein.

Er nimmt nicht einmal Rücksicht darauf, dass ich und Mel auch hier sind, während er Mama wortlos seinen Hausschlüssel übergibt und entschlossen seine Reisetaschen packt.

Mel ist die Erste, die ihre Worte wiederfindet. „Ist es…wegen dem Brief?“

Erstaunt schauen Mama und Adil sie an.

„Woher wisst ihr davon?“ will Mama von uns wissen. Adil winkt ab.

„Das ist doch völlig egal, woher sie es wissen! Fakt ist, dass du mich betrügst und mir nicht die Wahrheit erzählt hast! Dass es da noch einen gibt! Und ich Depp habe dir vertraut!“ „Aber, das ist doch gar nicht wahr! Ehrlich. Ich liebe doch nur dich! Ich weiß auch nicht, wer mir diesen Brief geschrieben haben kann, so glaub mir doch bitte!“ wimmert Mama.

„Und mit wem gehst du noch so alles Kaffeetrinken, wenn nicht mit mir?“ schimpft Adil. Eigentlich wäre es jetzt ja der richtige Zeitpunkt gewesen „April-April“ zu sagen, aber da diese Situation alles andere als witzig ist, finden weder Mel noch ist es angebracht.

Mel wirft mir einen nickenden Blick zu und ich verstehe.

„Wir…wir haben das ja gar nicht gewollt…Es sollte eigentlich ein Spaß sein…“ stottere ich unbeholfen und schuldbewusst. Mel hilft mir nun dabei die Sache nun aufzuklären.

Man kann sich nicht vorstellen wie sauer Adil und meine Mama auf uns sind, nachdem sich Mamas Affäre als Aprilstreich entpuppt hat. Aber immerhin fallen sich die beiden schluchzend in die Arme und lachen dann doch noch erleichtert über Adils Eifersucht.

„Einen schönen Deppen habt ihr aus mir gemacht, echt!“ regt Adil sich über uns auf.

Er lässt seine Reisetaschen fallen und beginnt nun wieder seine Sachen auszupacken.

„Na ja, etwas Positives hat die Sache ja doch gehabt, “ wirft Mel frech grinsend in den Raum, „immerhin könnt ihr beide euch ja nun sicher sein, dass die Liebe auch echt ist! Sonst wär Adil ja nicht so dermaßen eifersüchtig gewesen…“

„Ich glaube es ist besser wenn wir uns jetzt vom Acker machen und die beiden allein lassen.“ flüstere ich. Mel nickt und folgt mir.

„Warte!“ ruft Adil mir entschieden nach. Ich drehe mich fragend um.

„Deine Lasagne.“ sagt er streng. (Immerhin schmunzelt er aber schon wieder.)

Seit diesem Tag habe ich etwas sehr Wichtiges gelernt:

Ich werde im Leben sicherlich nie wieder Scherze über die Liebe machen!

Mama meldet sich nicht

Eine Woche ist es nun her, dass meine Mama mit Adil nach Österreich aufgebrochen ist.

Seitdem habe ich auch nichts mehr von den beiden gehört, aber es beunruhigt mich nicht. Schließlich hat Mama ja mehrmals andeuten lassen, dass sie auf keinen Fall gestört werden will und ich nur anrufen soll, wenn Zuhause etwas Schlimmes passieren sollte.

Ich habe mir darum also auch nichts dabei gedacht als ich am Ende der Woche noch immer nichts von Mama gehört habe und ganz spontan ein paar Freundinnen eingeladen, um bei mir zu Hause einen unbeschwerten Mädels-Abend abzuhalten. Absolut nichtsahnend jedoch, dass wir sehr bald schon zwei Überraschungsgäste empfangen werden…

Es ist also Abend und ich schaue mir gerade mit meinen Freundinnen einen Film über einen alten Mann an, der sein Patenkind sucht. (Sicherlich hat Mel diesen Film mitgebracht, sie ist ja so sentimental…) Nebenbei haben wir Masken aus purer Bierhefe, mit etwas Wasser verdünnt, und sogar ein paar Gurkenscheiben auf unseren, vom Alltag gestressten Gesichtern aufgetragen, da klingelt es plötzlich an der Tür.

„Erwartest du noch jemand? Wir können den Film ja nochmal neu starten…“ wollen meine Mädels wissen. „Eigentlich nicht…“ Ahnungslos öffne ich die Tür und starre in zwei völlig verstört wirkende Gesichter, die fast atemlos nach Luft schnappen. (Es sind tatsächlich Claudia und Sonia: die beiden Freundinnen von Mama.)

Erstaunt starre ich die beiden an. (Mit denen habe ich ja nun wirklich nicht gerechnet, vor allem seitdem Mama ständig nur mit ihrem Adil herumhängt, habe ich sie ja schon länger nicht mehr bei Mama gesehen. Was könnten die nur wollen?)

„Dürfen wir hereinkommen? Es geht um Leben und Tod!“ drängt mich die Eine, die Claudia heißt. (Sie scheint bei den Dreien ständig den Ton anzugeben. Das habe ich jedenfalls von Mama gehört.) Die Andere, Sonia, nickt nur eifrig dazu und folgt Claudia dann schnell in meine Wohnung.

„Also, sag mal, dass du hier so ruhig mit deinen Freundinnen herumsitzen kannst, während deine Mama in Lebensgefahr steckt!“ wirft Claudia mir vor, die als Erste wieder ihre Worte findet. „Lebensgefahr?“ Ich checke erst mal gar nichts.

„Jeden Tag rufen wir nun schon deine Mama an und sie geht einfach nicht ans Handy! Das kennen wir von ihr doch gar nicht. Sicherlich sitzt sie jetzt irgendwo in Österreich herum und ist in Schwierigkeiten!“ redet Claudia weiter. Dramatisch bewegt sie dabei ihre fleischigen Arme (Sie ist ziemlich rundlich, ganz im Gegensatz zu der eher viel zu mageren Sonia).

„Ach was, sie wollte doch sowieso nicht gestört werden. Ich denke, dass sie schon ihre Gründe haben, wartet doch einfach einmal ab bis sie wieder zurück ist.“ versuche ich die beiden zu beruhigen. „Du hast ja die Ruhe weg, aber echt!“ Claudia schüttelt vorwurfsvoll den Kopf.

Ich will mich aber von ihrer Panik nicht anstecken lassen. (Ich bin ja von Mama bereits darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass ihre beiden Freundinnen ganz gerne mal übertreiben, auch bei total harmlosen Sachen.)

Doch jetzt folgt aber eine Horrorstory von Sonia, der Anderen:

Mama hätte ja schon öfter die letzte Zeit angedeutet, dass ihr Adil sehr oft trinkt. „Alkoholiker neigen sowieso zu Wutausbrüchen!“

„Ja, genau“, bekräftigt Claudia ihre Freundin, „und dazu auch noch ein Moslem, die behandeln ja sowieso alle Frauen schlecht! Schließlich wissen wir alle ja noch rein gar nichts über ihn! Ich selbst habe erst letzte Woche davon gelesen, dass wieder so eine dumme deutsche Frau einen Moslem geheiratet hat und von ihm um die Ecke gebracht worden ist, nachdem er endlich seine Papiere hatte!“

Meine Freundinnen schauen die beiden nun mit großen Augen an und ich stelle fest, dass Mamas Freundinnen nun allmählich auch schon meine Mädels völlig kirre machen und damit auch die gute Stimmung, die wir zuvor noch gehabt haben, sich schlagartig ändert!

„Ein paar Zweifel bleiben immer, aber wir müssen daran denken was Mama will, es ist doch schließlich ihr Leben. Außerdem ist sie wieder richtig aufgeblüht durch Adil, das dürfen wir auf keinen Fall vergessen. Natürlich trinkt er ab und zu, aber immerhin wird er davon nicht aggressiv, so wie mein Vater es stets war, sondern vielmehr…ja, nachdenklich und vor allem sehr emotional und herzlich.“ versuche ich den beiden gut zuzureden.

Für mich ist eindeutig klar, dass Mama hinter ihrem Adil steht und ich stehe eben voll und ganz hinter Mama. Doch die beiden Freundinnen wollen sich nicht so einfach abwimmeln lassen.

„Na klar, du liebst ja selbst Partys und trinkst ja auch gerne öfters über den Durst! Es ist klar, dass jemand, der selber gerne trinkt einen anderen Alkoholiker in Schutz nimmt!“ schimpft mich Claudia. (Hat mich Mamas Freundin gerade indirekt doch tatsächlich als Alkoholikerin bezeichnet?!)

Ich seufze.

„Was genau wollt ihr denn jetzt machen?“ will ich nun von den beiden wissen um endlich auf einen Punkt zu kommen.

„Nicht wir, du sollst was machen! Wir erreichen deine Mama ja nicht, bei uns geht sie nicht hin, warum auch immer. Aber wir sind uns ziemlich sicher, dass wenn du sie anrufst, dass sie dann hingehen wird. Und wenn nicht, dann wissen wir ja dass sie in Gefahr steckt und wir werden sofort die Polizei einschalten und nach ihr suchen lassen!“ Ich zögere. (Ich will doch nicht schon wieder bei Mama und Adil in ein Fettnäpfchen treten nach der Aktion mit dem Geldbeutel und diesem misslungenen Aprilscherz!)

Andernfalls kriege ich die beiden aber auch so nicht einfach los und wenn die tatsächlich noch die Polizei alarmieren, dann wird Adil höchstwahrscheinlich abgeschoben!

Doch auch Mel, die inzwischen wohl auch schon von der Panik der beiden angesteckt worden ist, beginnt nun ebenfalls auf mich einzureden.

„Bitte, versuch es doch wenigstens. Immerhin wissen wir wirklich nicht genau was für ein Kerl der Typ ist!“

Ich erkläre ihnen, dass ich Adil schon einmal Unrecht getan habe und ich den beiden einfach vertrauen will. „Vertrauen ist gut, Tina. Aber Kontrolle ist besser!“ meint Mel entschieden und Mamas beide Freundinnen nicken zustimmend. Auch die anderen Mädels sind auf einmal Mels Meinung. „Na schön, “ gebe ich mich geschlagen, „aber dann muss ich von Mamas Apparat aus telefonieren, da ich zurzeit mal wieder kein Guthaben auf dem Handy habe. Und außerdem geht sie dann sicher hin, wenn sie ihre eigene Festnetznummer sieht.“

Gesagt, getan!

Also laufe ich in Mamas Wohnung und wähle ihre Handynummer an.

Und ob Mama sich meldet! „Ja? Um Gottes Willen, ist etwas passiert?“ (Dazu sage ich jetzt nichts, sondern beziehe mich gleich auf unseren abgemachten Geheimcode.)

„Na ja, ich wollte mal wieder von dir hören. Deine beiden Freundinnen sind übrigens auch gerade bei mir zu Besuch... Wir wollten eigentlich nur wissen, wie es dir so geht in Österreich, was du so treibst und wie das Wetter bei euch so ist: ob es bei euch Sonnenschein gibt?“ Am anderen Ende völlige Stille. (Doch es ist nur die Ruhe vor einem gewaltigen Sturm…)

Mit absolut genervter Stimme werde ich von Mama zusammengemäht.

„Soll das jetzt ein weiterer dummer Scherz sein, oder was?! Erstens einmal: mir geht es gut, okay? Und zweitens ist das Wetter hier ausgezeichnet, besser als in Deutschland, wenn du das meinst, was ich meine! Es ist absolut schön hier!“

„Also, kein Sonnenschein?“ bleibe ich hartnäckig.

„Nein!“ schreit Mama nun schon fast in den Hörer, so dass ich ihn etwas weiter vom Ohr weghalten muss.

„Okay, Mama, “ packe ich nun aus, „wegen mir hätte ich nicht angerufen. Ich weiß ja, dass du endlich einmal deine Ruhe haben willst, warum auch immer. Aber deine Freundinnen sind bei mir aufgekreuzt, sie wollten sonst die Polizei einschalten, wenn du dich jetzt nicht gemeldet hättest!“ Mama seufzt.

„Oh Gott! Immer wieder dieses Misstrauen, echt, das nervt! Gerade deshalb bleibe ich auch noch länger. Mir geht es wirklich gut hier und wenn ich zurück bin, dann zeige ich dir auch tolle Fotos, du wirst sehen. Aber auf keinen Fall die Polizei einschalten, bitte, das wäre das Ende meiner Beziehung, wenn die den Adil abschieben!“

„Okay, Mama. Ich verspreche es dir.“ besänftige ich meine aufgebrachte Mama.

Etwas mulmig ist mir aber doch zumute. Ich frage mich ob es wirklich nur Adils Abschiebung ist, wovor die beiden so Angst haben oder ob Mama mittlerweile gar kriminelle Dinge dreht und deshalb nicht gestört werden will…

Ich entschließe mich aber damit zufrieden zu geben dass, je weniger ich von Mamas aktuellen Machenschaften weiß, umso besser.

Sie verabschiedet sich immerhin ganz lieb von mir und sagt, dass sie sich immerhin freut mal wieder meine Stimme gehört zu haben. (Natürlich muss ich aber versprechen nicht mehr so schnell anzurufen.)

Auch Adil kommt danach noch kurz an den Hörer und versichert mir sehr glaubwürdig, dass er immer auf meine Mama aufpassen wird und alles okay ist bei ihnen.

Mit dieser Info komme ich also wieder zurück zu den anderen und beruhige sie alle.

„Aber wirklich, deine Mama könnte uns schon mehr einbeziehen in ihre Geheimnisse! Dann würden wir uns auch weniger Sorgen um sie machen!“ Claudias Stimme klingt gekränkt.

Und Sonia antwortet boshaft, dass sich meine Mama schon wieder bei ihren Freundinnen melden würde, sobald sie mit Adil auf die Schnauze gefallen sein wird!

„Dann werden wir ihr wieder einfallen! Nämlich wenn irgendwas Schlimmes passiert oder wenn er dann ihre Frührente in Österreich einkassiert…“

„Ja, dann sind wir wieder recht, zum Ausjammern wird sie sich dann wieder an ihre Freundinnen erinnern!“ schimpft Claudia verächtlich.

Als die beiden endlich wieder abziehen bin ich wirklich froh, denn nun steht unserem geretteten Mädels-Abend nichts mehr im Wege!

„Eins würde ich schon mal gerne wissen, “ meint Mel und grinst, „was um Himmels willen treibt sie da so alles, deine Mama, nur die letzte Zeit?“ Ich zucke mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Sie ist halt verliebt!“

„Kann ich verstehen.“ erwidert Mel da und vertraut mir auch gleichzeitig an, dass sie seit kurzem selbst wieder verknallt ist. (Der Glückliche heißt Vladimir und ist ein Bekannter von mir und Vitalij, ebenfalls einige Jahre jünger als Mel … Meine Mama muss wohl bei ihr abgefärbt haben, denn früher hätte sich Mel niemals auf einen viel jüngeren Typen eingelassen.)

„Wir liebäugeln zur Zeit halt noch, aber vielleicht wird es ja was mit uns!“ gesteht Mel hoffnungsvoll. „Schade, dass du nicht mehr mit deinem Vitalij zusammen bist, dann hätten wir sagen können, dass wir mit den Klitschko-Brüdern gehen!“ Sie kichert jetzt und auch meine anderen Mädels scheinen sich darüber zu amüsieren. Ich seufze. „Na ja, bloß nicht mehr Vitalij! Keine Lust mehr auf eine Fernbeziehung, echt.“

Wir widmen uns nun endlich mal wieder unserem Film.

„Jetzt will ich doch schon mal gerne wissen, ob dieser Idiot sein Patenkind endlich noch findet oder nicht!“ meint eine der Mädels.

„Jedenfalls nicht wenn er sich weiterhin so bekloppt anstellt!“ stelle ich fest und muss dabei unentwegt an Mama denken…

Mama macht auf feine Dame

Etwa eine Woche nach meinem Mädels-Abend, ich stehe gerade mit einer Tasse Kaffee an meinem Fenster, beobachte ich wie ein Großraum-Taxi mit rasanter Geschwindigkeit in unserem Hof einbiegt und dort, mit einem kräftigen Ruckeln, zum Stehen kommt. (Wie kann man sich nur so wichtigmachen!)

„Bin ja mal gespannt was für ein Wichtigtuer gleich aus dem Wagen aussteigen wird!“ murmele ich vor mich hin und nehme dabei einen kräftigen Schluck aus meiner Tasse.

Kurz darauf steigt eine noble Dame, ganz in Weiß und Seide gekleidet, mit einem riesigen Sommerhut auf dem Kopf, der ebenfalls Weiß ist, aus dem Taxi steigt. (Sag mal, spinne ich? Das ist doch meine Mama!)

Ich muss allerdings feststellen, dass es sich bei dieser elegant gekleideten Dame um keine Geringere als tatsächlich um meine Mama handelt!

Nachdem der Taxifahrer ihre vielen Taschen vor die Haustür geschleppt hat, kann ich bis hier erkennen, dass Mama einen großzügigen Schein aus ihr Portemonnaie herauszieht und der Taxifahrer sich gar nicht genug darüber bei Mama bedanken kann und ihr alle Taschen direkt bis vor die Haustür schleppt! (Hat Mama etwa im Lotto gewonnen? Oder spinnt sie jetzt gar total und geht leichtsinnig mit ihrem Geld um?!)

Jetzt schaut meine Mama nach oben in meine Richtung und bemerkt mich auf einmal. Freudestrahlend winkt sie mich zu sich herunter. Sofort stelle ich meine Kaffeetasse ab und eile aus meiner Wohnung.

„Ja, Mama, sag mal…“ weiter komme ich nicht, denn sofort, als sie mich kommen sieht, ruft sie mir von Weitem schon laut zu, „Guck mal, ich bin jetzt verheiratet! Das ist der Wahnsinn, nicht?“ Triumphierend zeigt sie mir ihren goldenen Ehering am Finger und grinst so breit wie ein Honigkuchenpferd.

„Donnerwetter, gratuliere!“ ist alles, was mir im Moment dazu einfällt.

Ich mustere Mama und bin erstaunt, wie gesund und frisch sie auf einmal auf mich wirkt: sie hat ganz rote Bäckchen und ein Fremder der sie jetzt so sehen würde, würde wohl niemals vermuten, dass meine Mama Krebs hätte…

Details

Seiten
ISBN (ePUB)
9783752135183
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Februar)
Schlagworte
Frauenromane Trauerbewältigung Ausländer Reisen Tod Romane für Frauen junge Frauen Flüchtlingsromane

Autor

  • Lara Labchir (Autor:in)

Hinter ihrem Pseudonym Lara Labchir steht keine Geringere als Tina selbst, diejenige die in diesem Roman als die Ältere von beiden Töchtern die Liebesgeschichte ihrer Mama zu einem Ausländer erzählt und mit diesem Buch eine liebevolle Hommage an ihre leider viel zu früh verstorben Mutter geschaffen hat. Privat macht sich die charmante Augsburger Autorin, die Jahrgang 81 und als Kind eines indischen Vaters groß geworden ist, immer wieder aktiv für den Weltfrieden stark.
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Titel: Ein Grab unter Palmen